nnz-tv Eichsfelder Nachrichten Kyffhäuser Nachrichten Mansfeld-Südharz-Zeitung Unstrut-Hainich Zeitung
Mo, 11:49 Uhr
07.07.2014

Helden der Arbeit

Heute begann der Arbeitseinsatz auf Burg Lohra für eine Gruppe Auszubildender aus Baden-Württemberg. Unter ungewohnten Umständen ging es aber nicht allein darum, handwerkliches Geschick zu beweisen...

Es ist kurz vor 9 Uhr früh, leichter Nieselregen geht über dem alten Gutshof der Burg Lohra nieder. In der Scheune steht eine Gruppe junger Männer in Arbeitsmontur und bespricht den Angriffsplan. Ein Betonboden soll eingezogen werden. Nivellieren, Materialbedarf berechnen, eine Schalung bauen - Aufgaben, welche die angehenden Straßenbauer im zweiten Ausbildungsjahr nicht vor größere Herausforderungen stellen sollte.

Wäre da nicht die Sache mit den Werkzeugen. Alle Auszubildenden kommen aus großen Baufirmen in Baden-Württemberg, die über beste Gerätschaften und einen modernen Fuhrpark verfügen. Auf der Burg Lohra hingegen ist modernes Werkzeug nicht vorhanden. In die Scheune hineinfahren geht nicht, das Material muss also wohl oder übel mit der Schubkarre herangeschafft werden.

Noch an zwei anderen Stellen soll in den kommenden drei Tagen "geschafft" werden. Im Wohnbereich soll eine Treppe erneuert, ein Schacht ausgehoben und Rohre verlegt werden. Hier sehen sich die Auszubildenden ähnlichen Herausforderungen gegenüber - arbeiten unter minimal Bedingungen. Sie werden selber Lösungen suchen müssen, sich mit dem behelfen, was vor Ort vorhanden ist und improvisieren.


Doch die Arbeit ist nicht das einzige, was die Schüler aus der Grafenburgschule im schwäbischen Schorndorf seit 2011 jedes Jahr wieder nach Thüringen bringt. "Was hier an Gruppendynamik passiert, lässt sich mit Worten kaum beschreiben", sagt Hermann Idarous, gelernter Architekt und Lehrer an der Grafenbergschule. Er hatte 1996 einen Teil seines Zivildienstes auf der Burg abgeleistet und konnte die Kontakte von damals nutzen, um die Exkursionen zu starten.

Es sind junge Männer die, etwas euphemistisch umschrieben, noch voller Tatendrang stecken. Oder mit den Worten Hermann Idarous: "Es ist keine "Waldorfklasse",die hier angerückt ist. Die Schüler brächten oftmals nicht die besten Vorraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsstart mit sich. Gründe dafür gibt es viele - Gewalterfahrungen, familiäre Schwierigkeiten, das soziale Umfeld. "Hier lernt man sich ganz anders kennen. Abseits vom Schulalltag und den Noten können auch mal lange Gespräche geführt werden und man erfährt viel über die Hintergründe der Schüler", erzählte Idarous begeistert.

Bevor es mit der Arbeit losgeht, erkunden der Lehrer und seine Schüler erst einmal das Gemäuer. Überall wird hereingeschaut, der alte Herrensaal genauso inspiziert wie die Keller. Nach der Arbeit können sich die Auszubildenden frei auf dem Gelände bewegen, verschlossene Türen gibt es nur wenige. Eine Gruppe plant schon, den Abend gemütlich in der alten Kapelle zu verbringen. An die Schulordnung müssen sie sich halten, Alkohol ist erlaubt, wenn auch nur in Maßen. "Andere Kollegen haben gesagt wir seien verrückt das wir sowas machen", erzählte Idarous, "aber wir haben noch nie Probleme gehabt."


Die Grafenburger Azubis sind nicht die einzigen, die in diesen Tagen auf der Burg arbeiten. Auch eine internationale Gruppe angehender Ingenieure ist in den alten Mauern aktiv und sammelt praktische Erfahrung. Ihnen geht es aber auch darum, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Sie werden mit den Straßenbauern zusammenarbeiten, sodass auch die Deutschen kaum umhin kommen werden, auf die eigenen Englischkenntnisse zurückzugreifen.

Das ist so gewollt. Ziel soll der Exkursion soll es nämlich auch sein, den Straßenbauern die Möglichkeiten weiterer Bildungswege aufzuzeigen. Nach drei Tagen Arbeitseinsatz will man deswegen auch zum eher touristischen Teil der Exkursion übergehen. Ein Besuch der Erfurter Fachochschule steht dann auf dem Plan genauso wie Besichtigungen der Wartburg und der KZ Gedenkstätte Buchenwald.

Das der Ausflug überhaupt stattfinden kann, verdankt man zahlreichen Firmenspenden und der Unterstützung des Vereins "OpenHouses", welcher die Burg verwaltet und den Schwaben Unterkunft und Verpflegung bietet. OpenHouses arbeitet mit dem Ziel, alte Baudenkmäler für alle offen und frei begehbar zu halten. Die gegenseitige Unterstützung macht Sinn: die Schüler sammeln Erfahrung und an der Burg kann trotz klammer Vereinskasse gearbeitet werden.

Im kommenden Jahr will man wiederkommen und denkt auch an ein weiteres Projekt. Dann aber daheim, in Baden-Württemberg. Für Burg, Schüler und Studenten kann das nur von Vorteil sein.
Angelo Glashagel



Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
Arbeitseinsatz auf Burg Lohra (Foto: Angelo Glashagel)
→ Druckversion
← zum Nachrichtenüberblick

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.
→ Kommentar hinzufügen



Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.

 
Wir verwenden Cookies um die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren und geben hierzu Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an Partner weiter. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Impressum und der Datenschutzerklärung.