eic kyf msh nnz uhz tv nt
Di, 08:00 Uhr
20.05.2014

Medizinische Versorgung auf dem Land

Die Zukunft der medizinischen Versorgung auf dem Land war gestern Thema in Ilfeld. Mit der Thüringer Ministerin für Soziales, Heike Taubert, wurde darüber diskutiert, wie man Ärztemangel, Pflegenotstand und fehlenden Fachkräften in Zukunft begegnen kann und will...

Derzeit stehen in Thüringen 4.107 Ärzte und Psychotheraupeuten einer Bevölkerung von 2,16 Millionen gegenüber. Die Zahl der Ärzte und medizinischen Versorgungszentren stieg laut Kassenärztlichem Vereinigung dabei seit 2008. Zugleich gilt das deutsche Gesundheistssystem im Internationalen Vergleich nach wie vor als eines der besten und verfügt über eine überdurchschnittlich hohe Personaldichte.

Anzeige symplr (1)
Dennoch bereitet gerade die Versorgung des ländlichen Raums den Verantwortlichen zunehmende Kopfschmerzen. Anders als in den meisten urbanen Zentren gestaltet sich die Neuansiedlung von Ärzten in der Peripherie schwierig. Die Bevölkerung wird älter, die jüngere Generation wandert in die Städte ab. Was für die allgemeine Bevölkerung gilt, lässt auch die Ärzteschaft nicht außen vor: ein Gutteil der Thüringer Ärzte ist 55 Jahre und älter.

Für kleine Kommunen die einen hohen Seniorenanteil haben und ihre Aufgaben der Daseinsvorsorge dementsprechend planen, sei es schwierig diese auch adäquat umzusetzen, erläuterte der Bürgermeister der Gemeinde Harztor, Stephan Klante eingangs. Eine geringere Bevölkerungsdichte schlage sich in geringeren Zuweisungen nieder wobei die Versorgungsaufgaben, Klante brachte als Beispiel den Verkehrsbereich, aber im Grunde die selben seien, wie bei Gegenden mit höheren Einwohnerzahlen.

Ministerin Taubert in Ilfeld (Foto: Angelo Glashagel) Ministerin Taubert in Ilfeld (Foto: Angelo Glashagel)

Das Geld sei überall knapp, entgegnete Thüringens Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit, Heike Taubert (SPD), betonte das man versuche die Benachteiigung von schwächeren Regionen mit dem neuen Kommunalausgleich abzufedern und das gewisse Stellschrauben existierten. "Die Bäume werden dennoch nicht in den Himmel wachsen", so die Ministerin. Um die Niederlassung von Ärzten im ländlichen Raum zu begünstigen gäbe es mehrere Wege, wie etwa die Etablierung einer Stiftung die Ärzte, welche neue Praxen auf dem Land oder in anderen Gebieten mit Unterversorgung gründen oder alte übernehmen wollen, finanziell unterstützt. Auch Fachärzte, wie Augenspezialisten oder Urologen, seien schwer anzusiedeln.Letztlich sei hier aber die Kassenärztliche Vereinigung und nicht die Landesregierung zuständig. Was aber nicht bedeutet, das man sich in Erfurt nicht mit dem Problem auseinandersetzt.

Mit Taubert diskutierte auch die Geschäftsführerin der Neanderklinik, Martina Röder, in deren Räumlichkeiten die von der SPD-nahen Friedrich-Ebert Stiftung organisierte Veranstaltung stattfand und Michael Görk, der Geschäftsführer der Nordhäuser Diakonie. Beide sitzen gewissermaßen zwischen den Stühlen im Spannungsfeld zwischen der Qualität der Pflege, den Bedürfnissen des stark beanspruchten Personals und der Wirtschaftlichkeit. Die Gehälter im Pflegebereich seien klein, die Arbeit schwer und die Personaldecke dünn. Gut ausgebildete Fachkräfte auf dem heimischen Arbeitsmarkt seien nur noch mit Mühe zu finden. Um diesem Notstand zu begegnen, richten sowohl die Diakonie als auch die Neanderklinik ihren Blick Richtung Osten nach Rumänien und die Ukraine, wo es gut ausgebildete Fachkräfte gäbe. Entsprechende Kooperationen sollen demnächst Früchte tragen.

Günter Schiborr-Wulff, Vertreter der Betriebskrankenkassen (BKK), sparte an diesem Abend nicht mit Kritik, unter anderem am Umgang mit der Pflegeversicherung und sprach sich deutlich für eine Erhöhung der Vergütungen für Pflegekräfte aus, die über die derzeitigen Pläne einer Erhöhung um 4% hinausgeht. Eine Pauschalerhöhung, wie sie private Anbieter fordern, lehnte er allerdings ab. "Wen wir sicher sein können, das dass Geld auch bei den Pflegenden ankommt und nicht anderweitig verwendet wird, dann werden wir auch zahlen, aber Pauschalzahlungen wird es nicht geben", so Schiborr-Wulff.

Darüber das die Pflege attraktiver und besser bezahlt werden muss herrschte Einigkeit, nicht zuletzt auch weil man mit den angrenzenden Bundesländern wie Bayern, Hessen und Niedersachsen im Wettbewerb um Fachkräfte steht.

von links: Michael Görk, Heike Taubert, Martina Röder, Günter Schibbor Wulff (Foto: Angelo Glashagel) von links: Michael Görk, Heike Taubert, Martina Röder, Günter Schibbor Wulff (Foto: Angelo Glashagel)
von links: Michael Görk, Heike Taubert, Martina Röder, Günter Schibbor Wulff

Die freie Journalistin Blanka Weber führte durch die Diskussion und gab immer wieder fundierte, neue Anstöße die vom Podium und Zuhörern aufgenommen wurden. Im Publikum setzte sich René Kübler, SPD Mitglied und Geschäftsführer des sozial ausgerichteten Horizont Vereins, dafür ein, nicht immer allein auf die Politik zu schauen, sondern auch kreative Lösungsansätze und Diskussionsprozesse vor Ort zu befördern.

Der zweite Beigeordnete des Landkreises, Stefan Nüßle (CDU), mahnte an, den Landkreisen planerische Zuständigkeiten zurückzugeben, die mit der Einführung der Pflegeversicherung verloren gegangen sind. Dafür müsste allerdings das entsprechende Sozialgesetzbuch geändert werden und das geht nur auf Bundesebene, entgegnete Frau Taubert.

Auch das durch diverse Skandale angekratzte Ansehen der Pflegebranche und die Qualität der Pflege waren Thema. Der BKK Vertreter Schibbor-Wulff hatte auch hier Kritik anzubringen und sprach von "einer Inflation der guten Noten" und einer "Verwässerung der Prüfkriterien". Wirtschaftlichkeit und Qualität schlössen sich aber nicht aus, betonte er und Martina Röder sprach von einem "Spagat" der "schaffbar" sei. Auch Ministerin Taubert unterstrich das es überwiegend gute Einrichtungen im Freistaat gäbe.

engagiertes Publikum in der Neanderklinik (Foto: Angelo Glashagel) engagiertes Publikum in der Neanderklinik (Foto: Angelo Glashagel)

Was bleibt also von diesem an Themen nicht gerade armen Abend? Der demografische Wandel wird sich nicht aus den Verwaltungen heraus umkehren lassen. Wir, wie auch unsere Politik, leben mit dem Phänomen seit langem. Um seinen Folgen zu begegnen gibt es im Gesundheitsbereich wie anderswo, zahlreiche Stellschrauben, welche die tief in die Materie eintauchende Diskussion in Ilfeld auch aufzeigte.

Die Menge dieser Einflussmöglichkeiten (Löhne, Renten, Kassenbeiträge, Förderprogramme, Infrastruktur, etc.) machen einfache Antworten auf die Frage: Wie weiter in Pflege und Gesundheit? aber schwierig. Bessere Bezahlung und mehr Attraktivität für die Pflegebranche, neue Ausbildungsmodelle, eine breitere Aufgabenverteilung in der medizinischen Versorgung und durchdachte Anreize für junge Ärzte sich auf dem Land nieder zu lassen, sind Wege die gegangen werden können. Ministerin Taubert sprach von "vielen kleinen Bausteinen" die es gilt zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen um den Entwicklungen gewachsen zu sein. Vor allem aber müsse man, wie am gestrigen Abend, im Gespräch bleiben.
Angelo Glashagel
Autor: red

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)