Do, 07:34 Uhr
26.03.2009
Hilfe leisten, Freude spenden
Heute jährt sich der Todestag von Caroline von Humboldt zum 180. Mal. Dieser Frau ist eine Betrachtung von Heidelore Kneffel in Ihrer nnz gewidmet, in deren Mittelpunkt ein Brief aus Auleben steht...
Daß doch ja keiner richten wolle über den anderen. Jede Hilfe leisten, jede Freude spenden, mit der man von Herzen zu Herzen dringt, jede Träne ehren, jedes Gemüt, soweit man es erkennt, zu begreifen suchen, streng gegen sich, nachsichtig gegen andere.
Das Humboldtsche Schloss in Auleben
Diese Lebenserkenntnis der Caroline von Humboldt, geborene von Dacheröden, in der sie auch ihre Kinder erzog, kam mir in den Sinn, als ich in ihrem Briefwechsel von einem Ereignis erfuhr, dass sie mit ihrer Familie tief traf. Lesen wir einen Brief, den sie am 13. 10. 1814 aus Auleben an ihren Mann schrieb, der sich zu der Zeit im diplomatischen Dienst für Preußen in Wien aufhielt. Frau von Humboldt, die nach dem Tod ihres Bruders und Vaters die Erbin der Dacherödschen Güter war, wohnte mit vier ihrer Kinder vom 12. 10. bis zum 22. 10. im Renaissanceschloss des Dorfes in der Goldenen Aue.
Auleben, 13. Oktober 1814
Mein teures, liebes Herz!
Ich bin den 11. früh um 8 Uhr von Rudolstadt nach Erfurt gefahren. Die Fürstin (Caroline Luise von Schwarzburg-Rudolstadt) ließ mich fahren, alles war sehr gut, nur die Wege konnte sie nicht besser machen, und in jeder Jahreszeit bleiben diese fürchterlich. In Erfurt kam ich bei guter Zeit an, besuchte einige alte Bekannte ... Den 12. fuhr ich von Erfurt früh um 5 Uhr ab und kam wohlbehalten hier an, wo ich seit 19 Jahren nicht war. Heute komme ich erst am Abend dazu, Dir zu schreiben. Die Visiten, die Pächter, die Justiz- und Amtsleute reißen sich um mich. Duncker (der Verwalter der Güter) überschwemmte mich mit einer Flut gesammelter Akten und Papiere, er ist durchaus wie der selige Papa. Aber rührend gefreut hat er sich an dem Anblick der Kinder.
Der Vorfall mit Therese hat mich so angegriffen, daß ich es Dir nicht genug sagen kann. Die Betrachtung, wie man vielleicht oft an einem gräßlichen Schicksal vorübergeht, ohne es zu ahnden, auf die man kommen muß, wenn einem dergleichen geschieht, hat mich tief erschüttert. Den 7. kam die arme Therese ins Irrenhaus. Mein Abschied von ihr war fürchterlich. Ich glaubte, das Herz bräche ihr, solche auch physische Erschütterungen hatte die Arme ...
Die Landschaft bei Auleben, die Caroline von Humboldt stark prägte
Ich habe Dir von Rudolstadt, geliebtes Herz, nicht wieder geschrieben, Gott weiß, ich konnte es nicht. Die Fürstin, Caroline (von Wolzogen), die Schillern, die Lengefeld (Mutter der beiden), alle wollten mich haben und haben mich mit Liebe überhäuft, aber am Abend war ich mehr wie matt.
Die Erschütterung, der verhaltene Schreck über Thereses Gemütszustand hat schmerzlich auf meine Brust gewirkt. Ich fühlte gleich eine entsetzliche Spannung, seitdem ich hier bin, hat es sich mehr in eine stille Wehmut beim Wiedererblicken so vieler Gegenstände aus meinen Kinderjahren und unseres früheren Lebens aufgelöst, und ich muß oft weinen. Des Nachts muß ich aber beständig an das arme Geschöpf denken, wie sie sich wohl ruhelos abquält.
Ich bin mit inniger Liebe Deine Caroline.
Frau von Humboldt erinnert sich also in diesem Brief an ihre zahlreichen Aufenthalte in der Kindheit und Jugend auf dem Gut ihrer Familie in Auleben. Besonders erwähnt sie ihr dortiges mehrmonatiges Leben als Jungvermählte mit ihrem Töchterchen Caroline vom August 1792 bis zum März 1793, wo es im Schloss auch ein eifriges Griechischtreiben gab, was beide ein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Sogar das Lesebuch dafür, so erwähnt sie in einem anderen Brief an ihren Mann, war mit seiner Stofffülle in ihren Gedanken geblieben, die manchmal Verzweiflungstränen in die Augen getrieben hatte.
Besonders hochleben ließen sie Griechenland damals in Auleben um die Weihnachtstage, als sie Besuch hatten von dem klassischen Philologen Friedrich August Wolf, gebürtig aus Hainrode, Professor an der Universität in Halle, ein hoher Geist und begnadeter Redner.
Die Erklärung, was es mit dem Vorfall mit Therese Valois, dem Kindermädchen der Humboldts, auf sich hat, muss noch ein wenig warten, denn in gebotener Kürze will ich Carolines damalige Lebenssituation deutlich machen.
Europa befand sich im Umbruch, wurde durch Napoleon und seine Kriege in Atem gehalten, Carolines Mann Wilhelm war seit 1802 im preußischen Staatsdienst mit unterschiedlichen Aufgaben betreut worden, man war oft getrennt und nur durch Briefwechsel verbunden.
Caroline und die Kinder lebten nach einem achtjährigen Italienaufenthalt seit 1810 mit oder ohne Humboldt in Wien, aber der dort vorherrschende flüchtige gesellige Verkehr mit aufwendigem Lebensstil behagten ihr nicht, zumal der Wiener Kongress ab September 1814, der die neuen Staatsgrenzen in Europa definieren und festlegen sollte, das noch steigern würde – der Kongreß tanzt! Ihr ging es auch gesundheitlich nicht gut und die Sorge um ihren 17jährigen Sohn Theodor, der im Freiheitskrieg gegen Napoleon bei der kämpfenden Truppe war, belastete sie. Die Luft in Wien also peinigte und reizte ihre Nerven, denn beiden Humboldts war klar geworden, dass es unter Metternichs Führung bei den Verhandlungen nicht um das einige deutsche Vaterland gehen würde.
Der war erleichtert, als Frau von Humboldt Wien verließ, denn seit 1813 hatte er eine Möglichkeit gesucht, sie aus Wien zu schaffen, weil sie aus ihrer patriotische Gesinnung kein Geheimnis machte, und in den diplomatischen Kreisen kursierte: Humboldt wird bei seinem großen Verstande von seiner Frau regiert. In dieser angespannten Situation verabredete sie mit ihrem Mann, dass sie, die ein Seelenbedürfnis nach einer anderen Natur verspürte, sich mit den Kindern auf eine ausgedehnte Reise begeben würde.
Im Mai 1814 setzte sich die Gesellschaft in Bewegung, die aus der Mutter, den drei Töchtern Caroline, Adelheid und Gabriele, dem jüngsten Sohn Hermann, dem Hofmeister, der französischen Kinderfrau Therese und einem Diener bestand. Über Salzburg, Innsbruck, Bregenz und Zürich erreichte man Bern, wo Humboldt im Juli für kurze Zeit zur Familie kam und auch der Sohn Theodor, der Urlaub von seinem Regiment erhalten hatte.
Wieder allein, besuchte man Anna Louise Germaine de Stadel auf ihrem Schloss in Coppet am Genfer See, das seit 1806 als kosmopolitisches Zentrum der liberalen Intelligenz galt, so dass man dort immer gut über den Zeitgeist unterrichtete Personen antraf. Denn diese Französin, Jahrgang 1766 wie Caroline, war eine Institution im damaligen Europa, war Schriftstellerin, politisch gegen Napoleon engagiert, führte einen Salon an den verschiedene Orten ihres Lebens. Zahlreiche Maler porträtierten sie, besonders bekannt ist das des französischen Künstlers Francois Gerard, auf dem sie ihren legendären Turban trägt und einen obligatorischen Zweig in der Hand hält. Die Humboldts kannten die umtriebige Frau aus Paris, wo sie von 1797 bis 1801 gelebt hatten.
Napoleon hatte Madame de Staël 1803 aus der französischen Hauptstadt verbannt, daraufhin reiste sie auch mehrere Monate durch Deutschland zu den Geistesgrößen der Zeit. Um sich gut verständigen zu können, lernte sie deutsch. Natürlich war sie in Weimar, und zwar von Ende 1803 bis Ende Februar 1804. Dort wollte sie selbstverständlich die Dichter Goethe und Schiller treffen, aber die beiden Herren verhielten sich anfangs zu der couragierten redefreudigen Dame reserviert, erkannten dann aber, dass man im Umgang mit ihr durchaus Gewinn hatte. Sie hielt fest: Ich habe meine Meinung über Deutschland sehr geändert, seit ich in Weimar bin.
Als sie dann nach Italien reiste, verkehrte sie wiederum mit den Humboldts. Caroline erwähnte in einem Brief vom Mai 1805, dass eine sehr zeitkostpielige Dame bei ihnen gewesen sei, Frau von Staël, eine sehr geistreiche ... und innigst gute Frau.
Die Schriftstellerin fasste ihre Eindrücke aus Deutschland, vertieft durch zahlreiche Gespräche auch mit den Humboldts in Rom, in dem Buch Über Deutschland zusammen, das 1810 in Frankreich erschien und von der napoleonischen Zensur sofort verboten wurde, u. a., weil so manches in Deutschland als vorbildlich dargestellt wurde. Es zeigt auf, dass Deutschland das Land der Dichter und Denker sei.
Als Caroline sie nun 1814 im Schloss Coppet besuchte, war Napoleon Bonaparte nach Elba verbannt. Auf dem kurzen Wege vom Wirtshaus in Coppet, wo die Reisegesellschaft abgestiegen war, bis zum Schloss wurde sie sofort von der Staël in Empfang genommen. Sie nahm mich untern Arm und wollte alles gleich auf einmal wissen. Sie hat mir, bis wir den Salon erreichten, Fragen getan und Interessen berührt, über die man wochenlang reden könnte. Die Französin war in der Zwischenzeit in Russland, Schweden und London gewesen, wo ihr Buch über Deutschland noch einmal gedruckt wurde, und hatte um Allianzen gegen Napoleon geworben. Es gab also zwischen diesen beiden weltkundigen Frauen viel zu bereden.
Beinahe vier Wochen war Caroline in Coppet, in Genf, Vevey und im Tal von Chamonix unterwegs. Sie genoss die enge Verbundenheit mit der Natur, die ihr seit den Kindertagen in Auleben lebenswichtig geworden war. In einem Brief schrieb sie, dass sie über den Col de Balme ins Chamonixtal gelangte. ...sah diese gewaltige Gegenden bei wolkenlosem Himmel, den himmelanstrebenden Montblanc mit seinen granitenen Türmen und die Eismassen, die von ihm ins Tal hereinstürzen wie übereinandergeworfene Felsen. Alles, was man je von Feenmärchen gehört und geträumt hat, wird einem verwirklicht.
Jetzt ist es an der Zeit, die Geschichte um Therese zu erzählen, die die reisende Familie, wie es der Aulebenbrief offenbart, so erschütterte. Caroline hatte ihren Jüngsten, Hermann, der erst fünf Jahre war, während der abwechslungsreichen aber anstrengenden Naturerkundungswochen bei der Kinderfrau in Bern zurückgelassen, die den Jungen seit Rom, wo er geboren wurde, betreute. Zehn Jahre kannte man sich schon, denn die junge Frau aus Straßburg hatte Caroline von ihrem Parisaufenthalt 1804 mit nach Italien genommen, wo sie an die Stelle der Emilie Werkhaupt trat, einer Gärtnerstochter aus Auleben, die die Humboldts seit 1793 bei sich hatten und die bis 1804 bei ihnen gewesen war.
Therese hatte Caroline aus Bern an jedem Posttag geschrieben und erklärt, dass alles gut verlaufe. Jedoch, als sie am 7. September zurückkamen, fanden sie das Kindermädchen krank, es machte einen moralisch gedrückten Eindruck. Aber die konsultierten Ärzte zerstreuten die Sorgen und so fuhr man am 18. 9. weiter. Therese erholte sich äußerlich, klagte aber über innere Unruhe und Angst. Hermann hatte Caroline nachts jetzt immer bei sich, um das Kindermädchen zu schonen. Allein, die litt weiter unter großer Schlaflosigkeit. Über die Stationen Freiburg, Straßburg, wo das Münster begeisterte, und Heidelberg, wo man Goethe traf, der wie Caroline die damals berühmte altmeisterliche Kunstsammlung der Gebrüder Boisserées besichtigte, kam man am 5. Oktober auf dem Schloss in Rudolstadt an.
Es wurde auffällig, dass Therese nicht in einem Zimmer mit Hermann schlafen wollte. Jedoch blieb Caroline an diesen fünf Tagen immer bis gegen Mitternacht auf, denn im eingangs zitierten Brief erwähnt sie, wie groß das Interesse der im Schloss Anwesenden an ihr war, die sich zwölf Jahre nicht in Deutschland aufgehalten hatte. Deshalb erschien es ihr besser, dass der Jüngste wieder bei Therese schliefe, damit er nicht unbeaufsichtigt sei. Diese bittet aber am 6. in der Nacht unter Tränen, das Kind von ihr zu entfernen. Ah, Madame, ... ich habe eine fixe Idee, die mich umbringt ... Mein Gott, Madame, ich liebe dieses Kind, aber ich kann es nicht mehr sehen, ohne innere Leiden zu verspüren. Für die Liebe Gottes, helfen sie mir, denn ich kann dem Verlangen, es zu töten, nicht widerstehen. Laßt ihn mir nicht mehr bekleiden, denn sobald ich seinen kleinen Bauch sehe, scheint es mir, als müsse ich ihn mit einem Messer erstechen ... Seit sechs Wochen verbringe ich meine Nächte auf den Knien, ich bitte Gott darum, mir andere Gedanken zu geben, aber, er hat kein Mitleid mit mir, er stieß mich zurück.
Die auf französisch gesprochenen Worte der verzweifelten Therese schrieb Caroline an den mit der Familie Humboldt verbundenen klassischen Philologen und Archäologen Friedrich Gottlieb Welcker, der in Rom einige Zeit der Hauslehrer der Kinder gewesen war. Sie fährt dann fort: Denken Sie sich meine Lage: allein war ich mit ihr in einem fremden Hause, tief in der Nacht. Ich trug vorerst den Hermann schlafend in mein Bett und blieb dann bis zum Morgen bei der armen verwirrten Person, die in einer schrecklichen Seelenangst um ihr Bekenntnis und um ihre dumpfe Ahnung eines Verbrechens war.
Therese bat, sie in ein Hospital zu bringen, wohin sie auch kam. Caroline besuchte sie bis zu ihrer Abreise am 11. 10. täglich, bezahlte den Aufenthalt und hörte in der nächsten Zeit, dass es ihr besser gehe. Später erfuhr sie, dass Therese ganz irre geworden sei. Ihre Stelle wurde nicht wieder besetzt.
Die Reisenden fuhren, nachdem die Angelegenheiten auf den Gütern für dieses Mal geregelt waren, nach Berlin weiter und warteten dort ab, wie es mit Wilhelm von Humboldts diplomatischem Dienst weitergehen würde. Man bezog die Stadtwohnung an der Ekke Friedrichs Straße und der Linden No 26, eine Treppe hoch.
Heidelore Kneffel
Autor: nnzDaß doch ja keiner richten wolle über den anderen. Jede Hilfe leisten, jede Freude spenden, mit der man von Herzen zu Herzen dringt, jede Träne ehren, jedes Gemüt, soweit man es erkennt, zu begreifen suchen, streng gegen sich, nachsichtig gegen andere.
Das Humboldtsche Schloss in Auleben
Diese Lebenserkenntnis der Caroline von Humboldt, geborene von Dacheröden, in der sie auch ihre Kinder erzog, kam mir in den Sinn, als ich in ihrem Briefwechsel von einem Ereignis erfuhr, dass sie mit ihrer Familie tief traf. Lesen wir einen Brief, den sie am 13. 10. 1814 aus Auleben an ihren Mann schrieb, der sich zu der Zeit im diplomatischen Dienst für Preußen in Wien aufhielt. Frau von Humboldt, die nach dem Tod ihres Bruders und Vaters die Erbin der Dacherödschen Güter war, wohnte mit vier ihrer Kinder vom 12. 10. bis zum 22. 10. im Renaissanceschloss des Dorfes in der Goldenen Aue.
Auleben, 13. Oktober 1814
Mein teures, liebes Herz!
Ich bin den 11. früh um 8 Uhr von Rudolstadt nach Erfurt gefahren. Die Fürstin (Caroline Luise von Schwarzburg-Rudolstadt) ließ mich fahren, alles war sehr gut, nur die Wege konnte sie nicht besser machen, und in jeder Jahreszeit bleiben diese fürchterlich. In Erfurt kam ich bei guter Zeit an, besuchte einige alte Bekannte ... Den 12. fuhr ich von Erfurt früh um 5 Uhr ab und kam wohlbehalten hier an, wo ich seit 19 Jahren nicht war. Heute komme ich erst am Abend dazu, Dir zu schreiben. Die Visiten, die Pächter, die Justiz- und Amtsleute reißen sich um mich. Duncker (der Verwalter der Güter) überschwemmte mich mit einer Flut gesammelter Akten und Papiere, er ist durchaus wie der selige Papa. Aber rührend gefreut hat er sich an dem Anblick der Kinder.
Der Vorfall mit Therese hat mich so angegriffen, daß ich es Dir nicht genug sagen kann. Die Betrachtung, wie man vielleicht oft an einem gräßlichen Schicksal vorübergeht, ohne es zu ahnden, auf die man kommen muß, wenn einem dergleichen geschieht, hat mich tief erschüttert. Den 7. kam die arme Therese ins Irrenhaus. Mein Abschied von ihr war fürchterlich. Ich glaubte, das Herz bräche ihr, solche auch physische Erschütterungen hatte die Arme ...
Die Landschaft bei Auleben, die Caroline von Humboldt stark prägte
Ich habe Dir von Rudolstadt, geliebtes Herz, nicht wieder geschrieben, Gott weiß, ich konnte es nicht. Die Fürstin, Caroline (von Wolzogen), die Schillern, die Lengefeld (Mutter der beiden), alle wollten mich haben und haben mich mit Liebe überhäuft, aber am Abend war ich mehr wie matt.
Die Erschütterung, der verhaltene Schreck über Thereses Gemütszustand hat schmerzlich auf meine Brust gewirkt. Ich fühlte gleich eine entsetzliche Spannung, seitdem ich hier bin, hat es sich mehr in eine stille Wehmut beim Wiedererblicken so vieler Gegenstände aus meinen Kinderjahren und unseres früheren Lebens aufgelöst, und ich muß oft weinen. Des Nachts muß ich aber beständig an das arme Geschöpf denken, wie sie sich wohl ruhelos abquält.
Ich bin mit inniger Liebe Deine Caroline.
Frau von Humboldt erinnert sich also in diesem Brief an ihre zahlreichen Aufenthalte in der Kindheit und Jugend auf dem Gut ihrer Familie in Auleben. Besonders erwähnt sie ihr dortiges mehrmonatiges Leben als Jungvermählte mit ihrem Töchterchen Caroline vom August 1792 bis zum März 1793, wo es im Schloss auch ein eifriges Griechischtreiben gab, was beide ein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Sogar das Lesebuch dafür, so erwähnt sie in einem anderen Brief an ihren Mann, war mit seiner Stofffülle in ihren Gedanken geblieben, die manchmal Verzweiflungstränen in die Augen getrieben hatte.
Besonders hochleben ließen sie Griechenland damals in Auleben um die Weihnachtstage, als sie Besuch hatten von dem klassischen Philologen Friedrich August Wolf, gebürtig aus Hainrode, Professor an der Universität in Halle, ein hoher Geist und begnadeter Redner.
Die Erklärung, was es mit dem Vorfall mit Therese Valois, dem Kindermädchen der Humboldts, auf sich hat, muss noch ein wenig warten, denn in gebotener Kürze will ich Carolines damalige Lebenssituation deutlich machen.
Europa befand sich im Umbruch, wurde durch Napoleon und seine Kriege in Atem gehalten, Carolines Mann Wilhelm war seit 1802 im preußischen Staatsdienst mit unterschiedlichen Aufgaben betreut worden, man war oft getrennt und nur durch Briefwechsel verbunden.
Caroline und die Kinder lebten nach einem achtjährigen Italienaufenthalt seit 1810 mit oder ohne Humboldt in Wien, aber der dort vorherrschende flüchtige gesellige Verkehr mit aufwendigem Lebensstil behagten ihr nicht, zumal der Wiener Kongress ab September 1814, der die neuen Staatsgrenzen in Europa definieren und festlegen sollte, das noch steigern würde – der Kongreß tanzt! Ihr ging es auch gesundheitlich nicht gut und die Sorge um ihren 17jährigen Sohn Theodor, der im Freiheitskrieg gegen Napoleon bei der kämpfenden Truppe war, belastete sie. Die Luft in Wien also peinigte und reizte ihre Nerven, denn beiden Humboldts war klar geworden, dass es unter Metternichs Führung bei den Verhandlungen nicht um das einige deutsche Vaterland gehen würde.
Der war erleichtert, als Frau von Humboldt Wien verließ, denn seit 1813 hatte er eine Möglichkeit gesucht, sie aus Wien zu schaffen, weil sie aus ihrer patriotische Gesinnung kein Geheimnis machte, und in den diplomatischen Kreisen kursierte: Humboldt wird bei seinem großen Verstande von seiner Frau regiert. In dieser angespannten Situation verabredete sie mit ihrem Mann, dass sie, die ein Seelenbedürfnis nach einer anderen Natur verspürte, sich mit den Kindern auf eine ausgedehnte Reise begeben würde.
Im Mai 1814 setzte sich die Gesellschaft in Bewegung, die aus der Mutter, den drei Töchtern Caroline, Adelheid und Gabriele, dem jüngsten Sohn Hermann, dem Hofmeister, der französischen Kinderfrau Therese und einem Diener bestand. Über Salzburg, Innsbruck, Bregenz und Zürich erreichte man Bern, wo Humboldt im Juli für kurze Zeit zur Familie kam und auch der Sohn Theodor, der Urlaub von seinem Regiment erhalten hatte.
Wieder allein, besuchte man Anna Louise Germaine de Stadel auf ihrem Schloss in Coppet am Genfer See, das seit 1806 als kosmopolitisches Zentrum der liberalen Intelligenz galt, so dass man dort immer gut über den Zeitgeist unterrichtete Personen antraf. Denn diese Französin, Jahrgang 1766 wie Caroline, war eine Institution im damaligen Europa, war Schriftstellerin, politisch gegen Napoleon engagiert, führte einen Salon an den verschiedene Orten ihres Lebens. Zahlreiche Maler porträtierten sie, besonders bekannt ist das des französischen Künstlers Francois Gerard, auf dem sie ihren legendären Turban trägt und einen obligatorischen Zweig in der Hand hält. Die Humboldts kannten die umtriebige Frau aus Paris, wo sie von 1797 bis 1801 gelebt hatten.
Napoleon hatte Madame de Staël 1803 aus der französischen Hauptstadt verbannt, daraufhin reiste sie auch mehrere Monate durch Deutschland zu den Geistesgrößen der Zeit. Um sich gut verständigen zu können, lernte sie deutsch. Natürlich war sie in Weimar, und zwar von Ende 1803 bis Ende Februar 1804. Dort wollte sie selbstverständlich die Dichter Goethe und Schiller treffen, aber die beiden Herren verhielten sich anfangs zu der couragierten redefreudigen Dame reserviert, erkannten dann aber, dass man im Umgang mit ihr durchaus Gewinn hatte. Sie hielt fest: Ich habe meine Meinung über Deutschland sehr geändert, seit ich in Weimar bin.
Als sie dann nach Italien reiste, verkehrte sie wiederum mit den Humboldts. Caroline erwähnte in einem Brief vom Mai 1805, dass eine sehr zeitkostpielige Dame bei ihnen gewesen sei, Frau von Staël, eine sehr geistreiche ... und innigst gute Frau.
Die Schriftstellerin fasste ihre Eindrücke aus Deutschland, vertieft durch zahlreiche Gespräche auch mit den Humboldts in Rom, in dem Buch Über Deutschland zusammen, das 1810 in Frankreich erschien und von der napoleonischen Zensur sofort verboten wurde, u. a., weil so manches in Deutschland als vorbildlich dargestellt wurde. Es zeigt auf, dass Deutschland das Land der Dichter und Denker sei.
Als Caroline sie nun 1814 im Schloss Coppet besuchte, war Napoleon Bonaparte nach Elba verbannt. Auf dem kurzen Wege vom Wirtshaus in Coppet, wo die Reisegesellschaft abgestiegen war, bis zum Schloss wurde sie sofort von der Staël in Empfang genommen. Sie nahm mich untern Arm und wollte alles gleich auf einmal wissen. Sie hat mir, bis wir den Salon erreichten, Fragen getan und Interessen berührt, über die man wochenlang reden könnte. Die Französin war in der Zwischenzeit in Russland, Schweden und London gewesen, wo ihr Buch über Deutschland noch einmal gedruckt wurde, und hatte um Allianzen gegen Napoleon geworben. Es gab also zwischen diesen beiden weltkundigen Frauen viel zu bereden.
Beinahe vier Wochen war Caroline in Coppet, in Genf, Vevey und im Tal von Chamonix unterwegs. Sie genoss die enge Verbundenheit mit der Natur, die ihr seit den Kindertagen in Auleben lebenswichtig geworden war. In einem Brief schrieb sie, dass sie über den Col de Balme ins Chamonixtal gelangte. ...sah diese gewaltige Gegenden bei wolkenlosem Himmel, den himmelanstrebenden Montblanc mit seinen granitenen Türmen und die Eismassen, die von ihm ins Tal hereinstürzen wie übereinandergeworfene Felsen. Alles, was man je von Feenmärchen gehört und geträumt hat, wird einem verwirklicht.
Jetzt ist es an der Zeit, die Geschichte um Therese zu erzählen, die die reisende Familie, wie es der Aulebenbrief offenbart, so erschütterte. Caroline hatte ihren Jüngsten, Hermann, der erst fünf Jahre war, während der abwechslungsreichen aber anstrengenden Naturerkundungswochen bei der Kinderfrau in Bern zurückgelassen, die den Jungen seit Rom, wo er geboren wurde, betreute. Zehn Jahre kannte man sich schon, denn die junge Frau aus Straßburg hatte Caroline von ihrem Parisaufenthalt 1804 mit nach Italien genommen, wo sie an die Stelle der Emilie Werkhaupt trat, einer Gärtnerstochter aus Auleben, die die Humboldts seit 1793 bei sich hatten und die bis 1804 bei ihnen gewesen war.
Therese hatte Caroline aus Bern an jedem Posttag geschrieben und erklärt, dass alles gut verlaufe. Jedoch, als sie am 7. September zurückkamen, fanden sie das Kindermädchen krank, es machte einen moralisch gedrückten Eindruck. Aber die konsultierten Ärzte zerstreuten die Sorgen und so fuhr man am 18. 9. weiter. Therese erholte sich äußerlich, klagte aber über innere Unruhe und Angst. Hermann hatte Caroline nachts jetzt immer bei sich, um das Kindermädchen zu schonen. Allein, die litt weiter unter großer Schlaflosigkeit. Über die Stationen Freiburg, Straßburg, wo das Münster begeisterte, und Heidelberg, wo man Goethe traf, der wie Caroline die damals berühmte altmeisterliche Kunstsammlung der Gebrüder Boisserées besichtigte, kam man am 5. Oktober auf dem Schloss in Rudolstadt an.
Es wurde auffällig, dass Therese nicht in einem Zimmer mit Hermann schlafen wollte. Jedoch blieb Caroline an diesen fünf Tagen immer bis gegen Mitternacht auf, denn im eingangs zitierten Brief erwähnt sie, wie groß das Interesse der im Schloss Anwesenden an ihr war, die sich zwölf Jahre nicht in Deutschland aufgehalten hatte. Deshalb erschien es ihr besser, dass der Jüngste wieder bei Therese schliefe, damit er nicht unbeaufsichtigt sei. Diese bittet aber am 6. in der Nacht unter Tränen, das Kind von ihr zu entfernen. Ah, Madame, ... ich habe eine fixe Idee, die mich umbringt ... Mein Gott, Madame, ich liebe dieses Kind, aber ich kann es nicht mehr sehen, ohne innere Leiden zu verspüren. Für die Liebe Gottes, helfen sie mir, denn ich kann dem Verlangen, es zu töten, nicht widerstehen. Laßt ihn mir nicht mehr bekleiden, denn sobald ich seinen kleinen Bauch sehe, scheint es mir, als müsse ich ihn mit einem Messer erstechen ... Seit sechs Wochen verbringe ich meine Nächte auf den Knien, ich bitte Gott darum, mir andere Gedanken zu geben, aber, er hat kein Mitleid mit mir, er stieß mich zurück.
Die auf französisch gesprochenen Worte der verzweifelten Therese schrieb Caroline an den mit der Familie Humboldt verbundenen klassischen Philologen und Archäologen Friedrich Gottlieb Welcker, der in Rom einige Zeit der Hauslehrer der Kinder gewesen war. Sie fährt dann fort: Denken Sie sich meine Lage: allein war ich mit ihr in einem fremden Hause, tief in der Nacht. Ich trug vorerst den Hermann schlafend in mein Bett und blieb dann bis zum Morgen bei der armen verwirrten Person, die in einer schrecklichen Seelenangst um ihr Bekenntnis und um ihre dumpfe Ahnung eines Verbrechens war.
Therese bat, sie in ein Hospital zu bringen, wohin sie auch kam. Caroline besuchte sie bis zu ihrer Abreise am 11. 10. täglich, bezahlte den Aufenthalt und hörte in der nächsten Zeit, dass es ihr besser gehe. Später erfuhr sie, dass Therese ganz irre geworden sei. Ihre Stelle wurde nicht wieder besetzt.
Die Reisenden fuhren, nachdem die Angelegenheiten auf den Gütern für dieses Mal geregelt waren, nach Berlin weiter und warteten dort ab, wie es mit Wilhelm von Humboldts diplomatischem Dienst weitergehen würde. Man bezog die Stadtwohnung an der Ekke Friedrichs Straße und der Linden No 26, eine Treppe hoch.
Heidelore Kneffel


