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Mi, 15:45 Uhr
18.10.2006

nnz-Forum: Jetzt rede ich

Nordhausen (nnz). Die Unterschichten-Debatten ist, wie die nnz am Montag befürchtete, voll entbrannt. Statt Politikern meldet sich im nnz-Forum ein „Unterschichtler“ zu Wort.


Als im Juli/August 2004 zum ersten Mal Bürger aus der Nordhäuser Region lautstark ihren Unmut gegenüber der geplanten Hartz IV-Gesetzgebung zum Ausdruck brachten, waren auch Plakate zu sehen, auf denen zu lesen stand: „"Hartz IV ist Armut per Gesetz". Nun hat die SPD nahe Friedrich Ebert Stiftung in einer Analyse festgemacht, das es in diesem Land ein sogenanntes abgehängtes Prekariat gebe. Allein auf dem Territorium der ehemaligen DDR, dem Beitrittgebiet zum Grundgesetz der BRD, konnte die Stiftung 20 % der dort Lebenden als solche ausfindig machen.

Satte Zulagen für das obere Drittel, mühsames Halten des Lebensniveaus im zweiten und Ausschluß des dritten Drittels von jeder Perspektive gesellschaftlicher Teilhabe, sei es Arbeit, sei es Politik, ist der Inhalt des bundesdeutschen Umverteilungsprogramms seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten. Mehr gibt der Kapitalismus nach dem Ende des Nachkriegsbooms nicht her. Die Erhöhung der Arbeitslosigkeit und insbesondere die der sogenannten Langzeitarbeitslosigkeit ums Doppelte und Dreifache seither, hat sich für die Oberschicht gelohnt.

Menschen als abgehängtes Prekariat zu bezeichnen ist der verzweifelte Versuch der Politikerkaste von den eigentlichen sozialen Ursachen und Tatsachen abzulenken. Da erscheint es mir schon besser, dass ich eben zu den Unterschichtlern gehöre. Welch' eine siebzehnjährige Entwicklung habe ich da vollzogen: Vom Mitglied einer herrschenden Klasse zur Unterschicht!

Ich bin also bei den 20 % angekommen, die aufgrund ihrer meistens nicht selbst verschuldeten Lebenssituation, nicht teilhaben können am gesellschaftlichen Reichtum dieses Landes, weil ihnen das fehlt, was das Mass der Dinge in dieser Ordnung ist: Geld.

Was mich mehr beschäftigt ist nicht fehlendes Geld, sondern die Tatsache, dass mit dieser Werteeinheit alles das an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden ist, was das eigentliche Zusammenleben von Menschen ausmachen sollte: Solidarität, Achtung und Mitmenschlichkeit egal welcher Hautfarbe, Bildung, Konfession.

Die gesellschaftliche Entwicklung befindet sich meines Erachtens in einer Abwärtsspirale, da der Unterschichten- Nachwuchs aufgrund der Bildungs- und Kulturpolitik wieder zur Unterschicht gehören wird, so dass vermutlich in ca. 15 bis 20 Jahren in diesem Land 50% Unterschichtler wohnen werden.

Eines sollten sich die Oberschichtler allerdings aber dick hinter die Ohren schreiben:

1. Ihre Existenz verdanken sie der Unterschicht,
2. Der Weg von der Oberschicht zur Unterschicht ist in dieser Ordnung kürzer als umgekehrt und geht rasant schnell,
3. Es kommt der Tag, an welchem das Fundament Unterschicht nicht mehr die laststarke Oberschicht tragen kann.

Deshalb scheint mir ein Sprichwort aus Zeiten der DDR für die heutige Situation in der BRD viel treffender: "45 standen wir vor dem Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter".
Jürgen Nagel, Nordhausen
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
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