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Sa, 17:00 Uhr
06.07.2019
Was das Denkmal eigentlich bedeutet

Die verschollene Geschichte des Nordhäuser Neptun

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Dumm nur wenn sich die Aussage des Bildes im Strom der Zeit verliert. Den Nordhäusern ist es so mit ihrem Neptun ergangen. Eine junge Kunsthistorikern hat Geschichte und Bedeutung des Denkmals jetzt aufgearbeitet. Mit dabei: ein lang untergegangenes Volk, der erste römische Kaiser, ein berüchtigter Renaissance-Fürst, rebelllische Nordhäuser, ein intellektueller Brennmeister und ein aufstrebender Künstler...


Ach was waren das doch für Zeiten, als Nordhausen noch frei war, nur dem Kaiser Untertan. Der Korn floss in Strömen aus der Stadt und füllte die Taschen der hohen Brennherren, bis sie zu bersten drohten. Die Preise innerhalb weniger Jahre verdoppelt und der Absatz mit dazu! Ach was waren das für Zeiten...

Zeiten, die lang vergangen sind. Heute herrscht Preußen. Preußen kam, Preußen sah und Preußen siegte. Armut und Tod haben sie gebracht, die verhassten Preußen. Aus der alten, stolzen, freien Reichsstadt ist eine kleine Grenzstadt geworden, nicht mehr als ein Wurmfortsatz des großen Königreichs. Doch Größe und Wohlstand sind nicht vergessen. Es brodelt in der Stadt...

Leicht haben sie es den Besatzern nicht gemacht, die renitenten Nordhäuser. Über zehn Jahre lang widersetzte man sich mit Stock und Stein, mit List und Tücke und mit dem intellektuellem Geist des selbstbewussten Bürgertums. Kaum jemand kennt dieses Kapitel der Stadtgeschichte heute, dabei steht eines ihrer deutlichsten Zeichen in der Promenade: der Nordhäuser Neptun. Die frisch gebackene Kunsthistorikerin Jessica Müller hat sich in ihrer Master-Arbeit eingehend mit der Symbolik der Figur, ihrer Entstehungsgeschichte und dem historischen Kontext befasst und für die Fachwelt erstaunliches zu Tage gefördert.

"Als Christian Carl August Böttcher den neuen Neptun am 2. Juni 1828 aufstellen lässt und seiner Vaterstadt widmet, wird nicht einfach eine Statue errichtet, sondern ein ziemlich komplexes Symbol von Widerstand, Stolz und Tradition.", sagt Kunsthistorikerin Müller. Der Neptun auf dem Kornmarkt ist er nicht der erste seiner Art, nicht in Nordhausen und nicht in Europa. Hinter der Statue verbirgt sich die Gedankenwelt mehrerer Epochen, ein Einblick in das Selbstverständnis einer Stadt und ihrer Bürger und ein Tor zu einem der konfliktreichsten Kapitel der Stadtgeschichte.


"Im Grunde muss man bei Griechen und Etruskern anfangen, wenn man die Figur des Neptun verstehen will", sagt Müller, "man kann aber auch etwas später ansetzen, beim "göttlichen Augustus", dem ersten römischen Kaiser. Der lies sich von seinem Freund Agrippa einen Neptun-Tempel bauen, der den Meeresgott, mit Bezug auf Vergil, als Friedensbringer darstellt. Diese Verbindung von Herrschaft und Gottesstatue bleibt bis ins vierte Jahrhundert nach Christus erhalten, bevor sie von einer neuen Ikonographie, einer christlichen Bildsprache abgelöst wird."

Von den Geschehnissen im Nordhausen des 19. Jahrhunderts ist man da immer noch weit entfernt. Um die Verbindung herzustellen, muss man ins Italien des 16. Jahrhunderts springen, zu den stolzen Städten, dem Geburtsorten der europäischen Renaissance. Hier wird der Neptun als Herrschersymbol wieder entdeckt. Erst in Messina, ganz traditionell als Ehrerbietung an den Kaiser, später in Florenz, das unter den Medici niemanden huldigt, außer den Medici und der eigenen Größe.

Beides, das ikonographische Erbe des römischen Imperiums und das europäische Erbe der italienischen Renaissance, formen vor knapp 300 Jahren einen großen Teil des kulturellen Selbstverständnisses der Stadt Nordhausen. Man ist dem Kaiser treu, aber auch selbstbewusst und stolz genug, sich nicht alles gefallen zu lassen. Der Stolz kommt nicht von ungefähr, als Reichsstadt hat man schon immer gewisse Freiheiten gehabt, auch wenn die nie soweit reichten, wie andernorts. Auch Nordhausen gönnt sich einen Neptun der, wie Meerpferd und Leda mit dem Schwan, als Teil einer siebenteiligen Serie als barocke Wasserkunst aufgestellt wird. Für den Neptun kann es nur einen Ort geben: den Königshof! Aber die Statue fällt etwas kleiner aus als der neue Roland am Rathaus. Man will ja nicht das die hohen Herren am kaiserlichen Hof das falsche Bild bekommen.


Als Carl Böttcher seinen Neptun wenige Jahrzehnte später aufstellen lässt, hat sich die Welt rund um Nordhausen radikal geändert. Und das ändert auch die Botschaft der neuen, größeren Statue. Wie die damals zu verstehen war, wie sich die Botschaft zusammensetzt, wie die Preußen auf die Provokation reagierten, was es mit dem Nordhäuser Wasserkult auf sich hat und was im "großen Zollstreit" geschah, all das und sicher noch einiges mehr klärt Jessica Müller am kommenden Mittwoch um 18 Uhr in der Stadtbibliothek Nordhausen.
Angelo Glashagel
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