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Sa, 15:30 Uhr
22.06.2019
100 Jahre Volkshochschule

Eine Idee feiert Geburtstag

16,8 Millionen Unterrichtsstunden werden Deutschlandweit jedes Jahr absolviert. Aber nicht von denen die müssen, sondern von denen die wollen. An den 905 Volkshochschulen kommen jedes Jahr neun Millionen Menschen zusammen, die sich auf die einer oder andere Art weiterbilden wollen. Die Idee feiert in diesem Jahr 100. Geburstag und in Nordhausen war man von der ersten Stunde an dabei...

100 Jahre Kreisvolkshochschule Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel) 100 Jahre Kreisvolkshochschule Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)

Der Krieg ist vorbei, eine Generation gefallen und die Kronen der Mächtigen Europas liegen in der Gosse. Eine neue Zeit bricht an, die neues Denken mit sich bringt, die neues Wissen und Verständnis braucht. In den ersten Nachwehen des ersten Weltkrieges schwappt 1919 eine Idee aus Skandinavien nach Mitteleuropa und findet im Herzen des Landes erste Nachahmer.

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Bei Jena wird die erste "Volkshochschule" auf deutschem Boden gegründet. Unabhängig von Parteipolitik und Ideologie soll sie sein, freie Lehre praktizieren können und für jedermann, egal ob Mann oder Frau, zugänglich sein, sollte nicht allein Kenntnisse vermitteln, sondern umfassend und individuell bilden, sollte regional, autark und selbstverwaltend sein.

"Das alles war eine direkte Folge des Krieges", sagt Gerhard Tölle, der heutige Direktor der VHS. "Da sollte es nicht nur um Ausbildung gehen, sondern um den demokratischen Grundgedanken des mündigen Bürgers, der durch die Allgemeinbildung dazu befähigt wird, sich in einer demokratischen Gesellschaft zu bewegen."

Noch im selben Jahr schließt man sich auch in Nordhausen der neuen Bildungsbewegung an und gründet eine eigene Volkshochschule, die noch im Dezember dem "Verband der Volkshochschule Thüringen" beitritt. Und das obwohl man eigentlich auf preußischem Gebiet liegt. Das Programm kann sich sehen lassen, 76 Vortragsreihen und Kurse in fünf Themengruppen listet der "Erste Arbeitsplan" auf. Der Superintendent der evangelischen Kirche gibt 12 Doppelstunden zu "Christentum und Buddhismus", der Handelslehrer Oelze vermittelt kaufmännisches Recht und Dr. Silberborth erläutert "Dynamik und Morphologie der Erdoberfläche", und, und, und.

Die Räumlichkeiten stellt der Magistrat der Stadt, die Kursgebühren zahlen die Teilnehmer selbst. Heute ist das etwas anders, die VHS arbeitet nach Drittelfinanzierung - ein Drittel übernehmen die Teilnehmer, ein Drittel der Landkreis und ein Drittel der Freistaat, erläutert Herr Tölle, aber auch das sei hier historisch gewachsen und werde nicht überall so praktiziert.

Den Nationalsozialisten war das demokratische Grundansinnen der Volkshochschulen ein Dorn im Auge. Noch im Jahr 1933 werden die Institutionen und als "Deutsche Heimatschulen" gleichgeschaltet. Die Thüringer Volkshochschulen trifft der Hammer sogar noch ein wenig früher, hier sitzen die Nazis bereits seit den Landtagswahlen 1930 an den Schalthebeln der Macht. "Der Untergang kommt sang- und klanglos, die Einrichtung sei nicht mehr zeitgemäß und werde geschlossen, steht damals in der Zeitung zu lesen, das waren kaum mehr als zwei Zeilen. Man hat das nicht überall so einfach hingenommen und mancher hat für den Widerstand mit dem Leben bezahlt", erzählt Direktor Tölle, die Zeit des Dritten Reiches sei ein schlimmer Einschnitt für die Volkshochschulen gewesen, umso erstaunlicher sei der rasante Wiederaufstieg nach dem zweiten Weltkrieg gewesen.

Vor allem im britischen Sektor sei es zügig vorangegangen aber auch die Sowjets hätten den Aufbau der Erwachsenenbildung nach dem Vorbild von 1919 nicht wirklich behindert. Das erste Programmheft der Nachkriegszeit erscheint 1946, ein Jahr später zählt man bereits 335 Männer und 153 Frauen, die an den Kursen der VHS teilnehmen.

Gute 30 Jahre später unterrichten 141 Lehrkräfte insgesamt 3.697 Teilnehmer, die Schule hat ihren Platz in der Gesellschaft wieder gefunden, bewegt sich dabei aber am Rande der staatstragenden Bildung. "Die DDR war eine Nischengesellschaft in der sich jeder seinen Raum und seine kleinen Freiheiten selbst gesucht hat", erklärt Tölle, "in einem gewissen Sinne war die Volkshochschule so ein Freiraum, etwas Abseits vom "Mainstream" und nicht im Vollfokus staatlicher Aufmerksamkeit. Die Menschen konnten hier über ihre Fortbildung selbst entscheiden und für Berufsgruppen wie das Handwerk, die vom Staat eher nicht hofiert wurden, wurden die VHS zum Zentrum der Weiterbildung bis die Meisterschulungen ausschließlich hier absolviert wurden."

Wie immer versucht man mit der Zeit zu gehen, in den 80ern halten die ersten "Kleincomputer" Einzug. Während man im Westen auf dem C-64 die ersten Gehversuche macht, übt man sich in Nordhausen an der Bedienung des "KC-85".

Von der alten Technik ist genausoviel geblieben, wie von der Deutsch-deutschen Grenze. 1989/90 beginnt für die Bildungseinrichtung wieder eine neue Ära, man bezieht die Räumlichkeiten des ehemaligen RFT-Kindergartens, in denen man bis heute residiert und jährlich rund 550 Veranstaltungen anbietet, die von 6.000 Teilnehmer besucht werden.

Hier will man am kommenden Mittwoch ordentlich Geburtstag feiern. Ab 14 Uhr lädt die VHS zum Tag der offenen Tür in die Grimmelallee mit bunten Veranstaltungsprogramm, Ausstellungen zu Keramik, Malerei, Textilgestaltung und Fotografie, Unterhaltungsangeboten, der Ausgabe der diesjährigen Reifezeugnisse sowie einem ausführlichen Festvortrag aus der Feder von Historiker Hans-Jürgen Grönke ein - ein Querschnitt durch die vielen Angebote, welche die VHS bis heute vorhält.

Für die Zukunft hat man einen Wunsch, der Realität werden könnte. Die alten Räume in der Grimmelallee reichen eigentlich nicht mehr aus um die Arbeit der Schule adäquat durchführen zu können. Man bräuchte mehr Platz und den könnte man in der Rudolf-Breitscheid-Straße finden, hofft Gerhard Tölle. "Das wäre der ideale Standort: viel Platz, gute Erreichbarkeit im Herzen der Stadt und eine Sporthalle in direkter Nachbarschaft". Hier residiert bis auf weiteres das Humboldt-Gymnasium. Wenn das Gymnasium sein neues Gebäude bezieht, könnte die Volkshochschule nachrücken und das nächste Kapitel ihrer Geschichte aufschlagen.
Angelo Glashagel
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