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Mi, 07:15 Uhr
12.06.2019
Neues aus dem Geschichts- und Altertumsverein

Die „Revolution der Besonnenen“?

Studierende der Hochschule Nordhausen und das Stadtarchiv hatten sich zusammengetan, um neben der Gründung der Weimarer Republik auch Ereignisse der Novemberrevolution für Nordhausen zu erforschen. Die Ergebnisse wurden im Februar und März in einer Ausstellung in der Nordhäuser Flohburg präsentiert...


Vor den Geschichtsfreunden hielt am Dienstagabend Dr. Marie-Luis Zahradnik nun ergänzend einen Vortrag. Unter dem Titel „Nordhausen und die Novemberrevolution 1918/1919“ vermittelte die Referentin einen detailreichen Einblick um die Vorgänge in der Rolandstadt zu dieser Zeit.

Dabei griff sie auch auf die Ergebnisse der studentischen Forschungsarbeiten zurück. Im Mittelpunkt standen darin unter anderem Fragen zur Rolle der Arbeiter- und Soldatenräte und ob die historische Chance für die Einführung der Demokratie in Deutschland genutzt oder eher vertan wurde.

Einige Studenten beschäftigen sich mit den Auswirkungen auf die Menschen in Deutschland und speziell in Nordhausen nach Ende des Ersten Weltkrieges. Sie fanden heraus, warum die Revolution anders als beispielsweise in Berlin oder Kiel in Nordhausen unblutig verlief und verhältnismäßig rasch in geordnete Bahnen gelenkt wurde.

So verwunderte es nicht, dass die Referentin mit Blick auf die Situation in Nordhausen von einer „Revolution der Besonnenen“ sprach und diese Charakterisierung aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen mit einem Fragezeichen versah.

Am 11. November 1918 folgten zwar etwa 10.000 Nordhäuser Bürger einem Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrates zu einer Versammlung vor der Gastwirtschaft „Drei Linden“ in der Nordhäuser Grimmelallee. Die historische Chance für ein demokratisches Deutschland, die sich aus der anfänglichen Kraft des Arbeiter- und Soldatenrates ergab, wurde allerdings durch die Verantwortlichen des Rates vertan. Das zeigte sich auch darin, dass die Verantwortungsträger der einstigen kaiserlich-preußisch geprägten Verwaltung und die dort tätigen Beamten und Angestellten nicht sofort oder gar nicht ausgewechselt wurden.

Marie-Luis Zahradnik hob zudem hervor, dass vorrangig nämlich die Aufgabe stand, die Stadt Nordhausen wieder regierbar zu machen. Und so ging die Verwaltungsarbeit zwar unter neuen Richtlinien und unter Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrates, aber mit den alten Kräften weiter oder wurde wieder aufgenommen. Reibungspunkte zwischen dem revolutionären Rat und der alten Verwaltung gab es so gut wie keine.

Dies war auch ein Grund dafür, dass während des Übergangs von der Revolution zur ersten deutschen parlamentarisch geprägten Republik die städtische Verwaltung Nordhausens sich als Garant für Sicherheit und geregelte Versorgung der Bevölkerung erwies.

Zudem brachten die Forschungen der Studenten zutage, dass Verhandlungen zwischen dem Exekutiv-Komitee als Ausführungsorgan des Arbeiter- und Soldatenrates und Unternehmen der in Nordhausen stark vertretenen Tabakindustrie stattfanden. Im Fokus der Gespräche standen dabei Vereinbarungen über die Weiterzahlung eines Durchschnittslohnes für die Arbeiter und Angestellten, da die Betriebe mangels Energie und Rohstoffen über längere Zeit nicht produzieren konnten.

Der Arbeiter- und Soldatenrat, der vorrangig die Interessen des Nordhäuser Proletariats vertrat, war jedoch nicht alleiniges Machtorgan zu dieser Zeit. Er hatte einen Pendant den Bürgerrat. Das in der Rolandstadt stark etablierte Bürgertum wollte ebenfalls Anteil an den Umwälzungen haben und die revolutionären Kräfte beim Neuaufbau unterstützen. Allerdings setzten sich die Mitglieder dieses Gremiums vehement für die Wahrung der bürgerlichen Rechte ein. Zugleich sahen sie als ihr wichtigstes Ziel die Verhinderung einer proletarischen Diktatur an.

Überhaupt wurde einer revolutionären Stimmung in der Stadt nur wenig Raum geboten. Von einem revolutionär agierenden linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) konnte keine Rede sein. Das lag u.a. an dem spürbaren sozialen und caritativen Engagement ortsansässiger Wohltätigkeitsvereine und vieler Fabrikbesitzer, die für die notleidende Bevölkerung entsprechend Sorge trugen.

So verwundert es nicht, dass einzelne radikale Aktionen letztendlich nicht das Gesamtbild der revolutionären Zeit in Nordhausen bestimmten.

Schon jetzt lädt der Geschichts- und Altertumsverein zu einem weiteren Vortrag am 9. Juli in den Tabakspeicher ein. Andreas Scholz aus Wipperdorf ist zu Gast und wartet mit Schiedunger Geschichte auf. Unter anderem geht es um die Umwandlung des Schiedunger Teichs zu einem Garten und um den Domänenprozess von 1812 bis 1820. Beginn ist wie immer um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Hans-Georg Backhaus
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Die „Revolution der Besonnenen“? (Foto: Hans-Georg Backhaus)
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