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Di, 07:26 Uhr
11.06.2019
Thüringische Botanische Gesellschaft im Landkreis Nordhausen

Exkursion in den Alten Stolberg

Botanische Exkursionen in den Alten Stolberg haben eine lange Tradition. Praktisch alle Größen der Nordhäuser Pflanzenfreunde und viele auswärtige Berufs- und Freizeitbotaniker schwärmten schon vor mehr als 100 Jahren vom Reichtum des ausgedehnten Gips-Stocks zwischen Steigerthal und Uftrungen: Luis Oßwald, Friedrich Wilhelm Wallroth, Traugott Kützing, Arthur Petry, Adolf Vocke, Carl Angelrodt, Hermann Meusel, Kurt Wein und viele andere mehr...

Zu den wenigen Orchideenarten, die zur Exkursion gezeigt werden konnten, gehörte ein Exemplar der Grünlichen Waldhyazinthe (Platanthera chlorantha).

Sie labten sich förmlich an der einzigartigen Artenvielfalt, die neben seinem geologischen Untergrund, der Karstmorphologie, der jahrhundertealten schonenden Bewirtschaftung und dessen Lage zwischen dem kontinental geprägten Kyffhäuser und dem niederschlagsreicheren Harz geschuldet ist.

Am vergangenen Sonnabend wurde diese alte Tradition fortgesetzt. In Steigerthal trafen sich 12 Mitglieder der altehrwürdigen Thüringischen Botanischen Gesellschaft, um sich über das gegenwärtige Arteninventar wenigstens in groben Zügen zu informieren.

Selbst aus Leipzig war ein Pflanzenfreund angereist, denn im Gebiet seiner Heimatstadt sei an Arten, wie sie im Raum Nordhausen auf kalkhaltigem Boden teilweise noch vorkommen, nicht zu denken.

Um die Freude über den gesehenen Artenreichtum wenigstens etwas zu dämpfen, führte ich eine lange Liste des 2010 verstorbenen Nordhäuser Botanikers und Autors Klaus-Jörg Barthel mit, auf der er 1993 mehrere Dutzend Pflanzenarten aufgeführt hatte, die Oßwald und Wallroth noch sahen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätigen Floristen jedoch meist nicht mehr.

Der Alte Stolberg war einst ein sehr vielgestaltiges Gebiet mit unterschiedlich lichten Bauernwäldern, Gebüschen und ausgedehnten Trockenrasen an den Südwesträndern aber auch mit viel weniger Nadelhölzern als heute. Im Verein mit der damals normalen Schafhutung und dem noch ausgeglicheneren Klima konnte sich eine noch viel größere Artenvielfalt als heute erhalten.

Ja, das Klima. Auch auf der aktuellen Exkursion der TBG spielte das Thema eine Rolle: Fast machte sich Entsetzen breit, als ich den Pflanzenkennern Hangstellen präsentierte, aus denen nach dem trockensten Sommer seit 1881 trotz der in den letzten Wochen niedergegangenen Regenfälle kaum ein Halm sprießt, eben weil die Pflanzen darauf nicht nur trocken, sondern abgestorben sind.

Selbst trockenheitsliebende Spezialisten, wie der deutschlandweit stark gefährdete Abbiss-Pippau konnten der letztjährigen Dürre stellenweise nicht mehr standhalten. Ich konnte den Exkursionsteilnehmern als weitere Auswirkung kaum Orchideen zeigen, dafür aber absterbende Kiefern, einige trockene Rot-Buchen aber natürlich auch noch einige bisher noch sehr widerstandsfähige Vertreter unserer heimischen Baumarten. Insgesamt erscheint der Einfluss des Dürrejahres weithin negativ für die heimische Artenvielfalt zu sein.

Dennoch: Wo Schatten ist, ist meist auch Licht: Einigen Rote-Liste-Arten stehen trotz der Dürre da, wie eh und je, manche sogar zahlreicher als vor 2018, wie zum Beispiel der stark gefährdete Färber-Meier Asperula tinctoria. Dessen Massenvorkommen wurde von mehreren Teilnehmern mit ungläubigem Staunen bedacht.

Für besonderes Aufsehen sorgte auch ein Bestand des stark gefährdeten Abbiss-Pippaus, einer Art, die im benachbarten Biosphärenreservat verschollen ist, aber im Alten Stolberg an einer Stelle zu hunderten vorkommt, wie viele andere noch vorhandene Arten aber auch mit als Folge der ehrenamtlichen Landschaftspflege des BUND-Kreisverbandes, sowie der die seltene Art noch leicht beschattenden Bäume. Von denen übrigens niemand genau weiß, wie viele Hitzesommer sie noch überleben werden.

Von den vielen Problemen, die mit der Arterhaltung im altehrwürdigen Alten Stolberg noch verbunden sind, teils ungeeigneter Landschaftspflege, fehlendes Gehör bei den Verantwortlichen, aber auch natürlich der fortschreitende Gipsabbau, konnte leider nur am Rande berichtet werden.

Allgemein war jedoch unter einigen mit der Problematik vertrauten Exkursionsteilnehmern die Forderung zu hören, dass sich die Landschaftspflege im Landkreis Nordhausen noch mehr am botanischen Artenschutz ausrichten sollte. In einem Hotspot der Artenvielfalt, zu dem der Südharzer Zechsteinrand erklärt wurde und für den viel Geld fließt, seien auch nur stellenweise Schäden durch Ignoranz oder Fehlentscheidungen nicht akzeptabel.

Die Zeit war einfach zu knapp, und das Interesse an der einzelnen Pflanze oft viel zu groß, um alles Gewünschte zu besprechen. Das Geplante komplett anzuschauen, war dank des großen Zuspruchs nicht ganz zu schaffen.

Dass nicht nur wir Exkursionsteilnehmer von der Thüringischen Botanischen Gesellschaft mit einer gewissen Demut und Sorge vor den Arten im Alten Stolberg standen, mag abschließend ein Zitat von Luis Oßwald aus dem Jahre 1912 verdeutlichen: In seiner Arbeit „Das Windehäuser Holz und der Alte Stolberg“ schrieb er: „Ein Gebiet mit so interessanter Reliktenflora bedarf von allen Seiten des Schutzes. Mancher waldlose Hang, welcher in den Augen des Laien oder nach dem Nützlichkeitsprinzip keinen Wert hat, kann durch Aufforstung oder durch Anlage eines Steinbruches so verändert werden, dass den späteren Generationen die ursprüngliche, wertvolle Pflanzendecke verloren geht. Es wird deshalb mit den betreffenden Behörden zu verhandeln sein.“
Bodo Schwarzberg
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