Fr, 13:08 Uhr
29.06.2018
Offener Brief am Ministerpräsident Ramelow
Bürger fühlen sich hintergangen
Als Ortsteil Hamma der Landgemeinde Heringen/Helme fühlen sich die Einwohner von den Handlungen der Verwaltung der Landgemeinde hintergangen. Im Stillen und Heimlichen soll die Veräußerung der Liegenschaften, die Hamma bei der Fusion zur Landgemeinde voll saniert einbrachte, vorangetrieben werden...
Damit sind wir Bürger nicht einverstanden. Ein Einwohner schrieb einen offenen Brief an den Thüringer Ministerpräsidenten, den wir innerhalb unserer doku-Reihe veröffentlichen
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
in Ihrem Interview vom 9. Juli in einer Tageszeitung sagten Sie: Wir müssen lernen soziale Räume neu zu definieren und zu füllen. Gemeinde- oder Vereinshäuser erfüllen hier eine wichtige Aufgabe. Das gleiche gilt für Kirchenräume, die zunehmend als gesellschaftliche Begegnungsstätten fungieren. Ihre Aussage motiviert mich dazu, Ihnen mitzuteilen wie das in der Landgemeinde Stadt Heringen praktisch umgesetzt wird.
Ich wohne mit meiner Familie seit 1993 in Hamma, einem kleinen Ort von knapp 300 Einwohnern, im Landkreis Nordhausen. Wir mussten die Schließung des Konsums und die Schließung der Gaststätte über uns ergehen lassen.
Zum Glück wurde eine andere Gaststätte eröffnet, welche aus Altersgründen der Besitzerin, leider in absehbarer Zeit wieder schließen wird. Unser Dorfgemeinschaftshaus (ehemaliges Schulgebäude) wurde 2005 mit 95% Fördergeldern der EU saniert.
Es entstand ein Multifunktionsraum mit vielen unterschiedlichen Nutzungen, z.B. für Veranstaltungen des Gemeinderates, des Heimatvereins, der Feuerwehr, der AWO Frauen und ähnliches. Bürgerversammlungen sowie sämtliche Wahlen wurden dort durchgeführt und eine komplett eingerichtete Küche konnte von allen genutzt werden. Zu besonderen Anlässen der Kirche konnte die Gemeinde die Sanitäranlagen in diesem Gebäude zur Verfügung stellen.
Ebenso war und ist es möglich als Bürger diese Räumlichkeiten für einen Kostenbeitrag von 50,-€
pro Tag zu mieten. Im Gebäude befindet sich außerdem die einzige Sozialwohnung (vermietet) des Ortes.
Wir hatten einen Kindergarten in wunderschöner Umgebung am Ortsrand. Dieser musste am 30.09.2007 aus Kostengründen, auf Druck unserer Verwaltungsgemeinschaft Goldene Aue, geschlossen werden. Aus der Not eine Tugend machend eröffnete unsere alte Bibliothek (welche seit Jahren eingelagert
war) in einem Raum des Kindergartens. Aus dem ehemaligen Kindergarten wurde das Vereinshaus
mit Festplatz - durch die Bürger sehr gut angenommen.
Der Heimatverein lagerte seine Festzelte und Bierzeltgarnituren ein. Das jährliche Heimatfest wurde
nunmehr mit Begeisterung auf dem ehemaligem Kindergartengelände gefeiert.
Zu Martini endete der von der Kirche gestartete traditionelle Umzug nun im Vereinshaus. Beim gemütlichen Beisammensein, mit Essen und Trinken, fanden interessante Gespräche statt und die Bürger der kleinen Gemeinde Hamma rückten wieder ein Stück zusammen. Außerdem war es auch hier möglich die Räumlichkeiten für ein Entgelt von 50,-€ pro Tag für
Feierlichkeiten zu mieten. Dieser eher symbolische Kostenbeitrag garantierte jedem Bürger den Zugang, auch Jugendlichen ist es für diesen Preis möglich das Dorfgemeinschaftshaus oder das Vereinshaus für Veranstaltungen zu nutzen, zum Beispiel für Silvesterfeiern, Klassenfeiern usw.
Im Jahr 2011 gründete sich die Landgemeinde Stadt Heringen und Hamma wurde nach langem Ringen zu einem von fünf Ortsteilen. Trotz vieler Bedenken lief es für den Ort Hamma recht gut. Zu Gunsten der Nutzung des Schlosses in Heringen durch die Landgemeinde, wurde die Bibliothek im Ortsteil Hamma geschlossen.
Nun wird der freigewordene Raum vom Ortschaftsbürgermeister genutzt. So wurde es für die Mitglieder der Freiwillige Feuerwehr möglich das alte Bürgermeisteramt, mit viel Eigenleistung, als Stützpunkt umzubauen.
Mehr oder weniger durch Zufall erfuhr unser Ortschaftsbürgermeister, dass aus Kostengründen
unser Dorfgemeinschaftshaus und das Vereinshaus mit Festplatz verkauft bzw. verpachtet werden sollen. Nun fragen wir uns, was wird aus dem gesellschaftlichen Leben in unserm Dorf? Kommen wir nur noch zum Schlafen nach Hause? Keine Stätte der Begegnung mehr!
Wir könnten uns natürlich, wie unsere Heranwachsenden, an der Bushaltestelle treffen oder auf dem neu geschaffenen Radweg, ca.1, 5 km entfernt!
Der Heimatverein verliert einen Veranstaltungsort und die Unterstellmöglichkeiten für sein gesamtes Equipment. Heimatfest vielleicht auch an der Bushaltestelle?
In den fünf Ortsteilen befinden sich verschiedene kulturelle nicht betriebsnotwendige Liegenschaften, z.B. ein Schloss im OT Heringen - auch mit sehr viel Geld restauriert, ein Schloss im OT Auleben- welches demnächst saniert werden muss, ein Freibad im OT Uthleben. Das sind alles Objekte, die viel Geld kosten und sicher nie einen betriebswirtschaftlichen Ertrag erzielen werden. Wir wollen dieses aber nicht in Abrede stellen, im Gegenteil, dass ist richtig so.
Wir leben in einer Gemeinde und nicht in einem kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb! Es gibt Dinge in einer Gesellschaft, die sich nicht aufrechnen /rentieren aber auf die man nicht verzichten kann (Bäder, Theater, Musen und Kultureinrichtungen).
Auch die Hammaer Bürger zahlen Steuern, welche man für diese Dinge nutzen kann und sollte! Für unseren kleinen Ort ist es sehr wichtig diese beiden Objekte (Dorfgemeinschaftshaus und Vereinshaus mit Festplatz) weiterhin ohne große, unrealistische Kostenvorstellungen nutzen zu können, auch wenn die Landgemeinde damit ein Minusgeschäft machen sollte. Sonst könnte die nächste Wahl auch an der Bushaltestelle stattfinden.
Ich hoffe, meine Schilderungen lassen Sie verstehen wie geschockt, entsetzt und enttäuscht die Bewohner von Hamma über diese Nachricht waren. Deswegen rief unser Ortschaftsbürgermeister am 13.06.2018 eine Bürgerversammlung ein, bei der 60 Bürger erschienen, um über mögliche Handlungsoptionen zu beraten. Wir führten eine emotionale Debatte, weil dieses Thema und die möglichen Konsequenzen die Lebensqualität für jeden Bürger in Hamma eingrenzen.
Ich hoffe, Sie können unsere Angst verstehen. Ich wende mich an Sie, stellvertretend für die Ortschaft Hamma. Wir möchten Sie hiermit darauf aufmerksam machen, was in den Dörfern in unserem Thüringen geschieht.
Hochachtungsvoll
Familie Dieter Schult
Autor: nnzDamit sind wir Bürger nicht einverstanden. Ein Einwohner schrieb einen offenen Brief an den Thüringer Ministerpräsidenten, den wir innerhalb unserer doku-Reihe veröffentlichen
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
in Ihrem Interview vom 9. Juli in einer Tageszeitung sagten Sie: Wir müssen lernen soziale Räume neu zu definieren und zu füllen. Gemeinde- oder Vereinshäuser erfüllen hier eine wichtige Aufgabe. Das gleiche gilt für Kirchenräume, die zunehmend als gesellschaftliche Begegnungsstätten fungieren. Ihre Aussage motiviert mich dazu, Ihnen mitzuteilen wie das in der Landgemeinde Stadt Heringen praktisch umgesetzt wird.
Ich wohne mit meiner Familie seit 1993 in Hamma, einem kleinen Ort von knapp 300 Einwohnern, im Landkreis Nordhausen. Wir mussten die Schließung des Konsums und die Schließung der Gaststätte über uns ergehen lassen.
Zum Glück wurde eine andere Gaststätte eröffnet, welche aus Altersgründen der Besitzerin, leider in absehbarer Zeit wieder schließen wird. Unser Dorfgemeinschaftshaus (ehemaliges Schulgebäude) wurde 2005 mit 95% Fördergeldern der EU saniert.
Es entstand ein Multifunktionsraum mit vielen unterschiedlichen Nutzungen, z.B. für Veranstaltungen des Gemeinderates, des Heimatvereins, der Feuerwehr, der AWO Frauen und ähnliches. Bürgerversammlungen sowie sämtliche Wahlen wurden dort durchgeführt und eine komplett eingerichtete Küche konnte von allen genutzt werden. Zu besonderen Anlässen der Kirche konnte die Gemeinde die Sanitäranlagen in diesem Gebäude zur Verfügung stellen.
Ebenso war und ist es möglich als Bürger diese Räumlichkeiten für einen Kostenbeitrag von 50,-€
pro Tag zu mieten. Im Gebäude befindet sich außerdem die einzige Sozialwohnung (vermietet) des Ortes.
Wir hatten einen Kindergarten in wunderschöner Umgebung am Ortsrand. Dieser musste am 30.09.2007 aus Kostengründen, auf Druck unserer Verwaltungsgemeinschaft Goldene Aue, geschlossen werden. Aus der Not eine Tugend machend eröffnete unsere alte Bibliothek (welche seit Jahren eingelagert
war) in einem Raum des Kindergartens. Aus dem ehemaligen Kindergarten wurde das Vereinshaus
mit Festplatz - durch die Bürger sehr gut angenommen.
Der Heimatverein lagerte seine Festzelte und Bierzeltgarnituren ein. Das jährliche Heimatfest wurde
nunmehr mit Begeisterung auf dem ehemaligem Kindergartengelände gefeiert.
Zu Martini endete der von der Kirche gestartete traditionelle Umzug nun im Vereinshaus. Beim gemütlichen Beisammensein, mit Essen und Trinken, fanden interessante Gespräche statt und die Bürger der kleinen Gemeinde Hamma rückten wieder ein Stück zusammen. Außerdem war es auch hier möglich die Räumlichkeiten für ein Entgelt von 50,-€ pro Tag für
Feierlichkeiten zu mieten. Dieser eher symbolische Kostenbeitrag garantierte jedem Bürger den Zugang, auch Jugendlichen ist es für diesen Preis möglich das Dorfgemeinschaftshaus oder das Vereinshaus für Veranstaltungen zu nutzen, zum Beispiel für Silvesterfeiern, Klassenfeiern usw.
Im Jahr 2011 gründete sich die Landgemeinde Stadt Heringen und Hamma wurde nach langem Ringen zu einem von fünf Ortsteilen. Trotz vieler Bedenken lief es für den Ort Hamma recht gut. Zu Gunsten der Nutzung des Schlosses in Heringen durch die Landgemeinde, wurde die Bibliothek im Ortsteil Hamma geschlossen.
Nun wird der freigewordene Raum vom Ortschaftsbürgermeister genutzt. So wurde es für die Mitglieder der Freiwillige Feuerwehr möglich das alte Bürgermeisteramt, mit viel Eigenleistung, als Stützpunkt umzubauen.
Mehr oder weniger durch Zufall erfuhr unser Ortschaftsbürgermeister, dass aus Kostengründen
unser Dorfgemeinschaftshaus und das Vereinshaus mit Festplatz verkauft bzw. verpachtet werden sollen. Nun fragen wir uns, was wird aus dem gesellschaftlichen Leben in unserm Dorf? Kommen wir nur noch zum Schlafen nach Hause? Keine Stätte der Begegnung mehr!
Wir könnten uns natürlich, wie unsere Heranwachsenden, an der Bushaltestelle treffen oder auf dem neu geschaffenen Radweg, ca.1, 5 km entfernt!
Der Heimatverein verliert einen Veranstaltungsort und die Unterstellmöglichkeiten für sein gesamtes Equipment. Heimatfest vielleicht auch an der Bushaltestelle?
In den fünf Ortsteilen befinden sich verschiedene kulturelle nicht betriebsnotwendige Liegenschaften, z.B. ein Schloss im OT Heringen - auch mit sehr viel Geld restauriert, ein Schloss im OT Auleben- welches demnächst saniert werden muss, ein Freibad im OT Uthleben. Das sind alles Objekte, die viel Geld kosten und sicher nie einen betriebswirtschaftlichen Ertrag erzielen werden. Wir wollen dieses aber nicht in Abrede stellen, im Gegenteil, dass ist richtig so.
Wir leben in einer Gemeinde und nicht in einem kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb! Es gibt Dinge in einer Gesellschaft, die sich nicht aufrechnen /rentieren aber auf die man nicht verzichten kann (Bäder, Theater, Musen und Kultureinrichtungen).
Auch die Hammaer Bürger zahlen Steuern, welche man für diese Dinge nutzen kann und sollte! Für unseren kleinen Ort ist es sehr wichtig diese beiden Objekte (Dorfgemeinschaftshaus und Vereinshaus mit Festplatz) weiterhin ohne große, unrealistische Kostenvorstellungen nutzen zu können, auch wenn die Landgemeinde damit ein Minusgeschäft machen sollte. Sonst könnte die nächste Wahl auch an der Bushaltestelle stattfinden.
Ich hoffe, meine Schilderungen lassen Sie verstehen wie geschockt, entsetzt und enttäuscht die Bewohner von Hamma über diese Nachricht waren. Deswegen rief unser Ortschaftsbürgermeister am 13.06.2018 eine Bürgerversammlung ein, bei der 60 Bürger erschienen, um über mögliche Handlungsoptionen zu beraten. Wir führten eine emotionale Debatte, weil dieses Thema und die möglichen Konsequenzen die Lebensqualität für jeden Bürger in Hamma eingrenzen.
Ich hoffe, Sie können unsere Angst verstehen. Ich wende mich an Sie, stellvertretend für die Ortschaft Hamma. Wir möchten Sie hiermit darauf aufmerksam machen, was in den Dörfern in unserem Thüringen geschieht.
Hochachtungsvoll
Familie Dieter Schult

