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Do, 06:58 Uhr
12.05.2016
Amtlicher Naturschutz machtlos

Wieder Orchideen geräubert

Wildwachsende heimische Orchideen sind beliebt. Vielen Menschen, die ansonsten kaum Pflanzen kennen, sind neben Gänseblümchen und (der allerdings sehr komplizierten Artengruppe) Löwenzahn auch das „Knabenkraut“ und der Frauenschuh geläufig. Die Faszination, die von dieser artenreichsten Pflanzenfamilie überhaupt ausgeht, macht natürlich auch vor botanisch interessierten Orchideenfreunden nicht halt...

Dreizähnige Knabenkraut (Orchis tridentata) (Foto: Bodo Schwarzberg) Dreizähnige Knabenkraut (Orchis tridentata) (Foto: Bodo Schwarzberg)
Das Dreizähnige Knabenkraut (Orchis tridentata) – ein seltener Vertreter warmer, kalkbeeinlusster und nährstoffarmer Halbtrockenrasen.

Es gibt unter anderem eine Deutsche Orchideengesellschaft und den Arbeitskreis Heimische Orchideen.

Den allgemeinen Rückgang, ja das Verschwinden von Orchideenarten bzw. unzähliger Wuchsorte, konnten aber auch die vielen Orchideenfreunde nur bedingt und sehr lokal verhindern. Und im Gegenteil: Im Internet werden Informationen über Wuchsorte offen ausgetauscht, Orchideenfreunde veranstalten geführte Exkursionen und halten öffentliche Vorträge.

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Dies mag gut sein, oder schlecht: In jedem Fall wird nicht nur die Sensibilität der Bevölkerung für den Naturschutz erhöht, sondern es werden unfreiwillig auch Jene mit Informationen versorgt, die Böses im Schilde führen, die also die nach verschiedenen nationalen und internationalen Regelungen geschützten Pflanzen ausgraben, abschneiden bzw. als Sammelobjekt für ihr „Briefmarkenalbum“, sprich Herbar, räubern.

Seit den 90er Jahren kartiere ich die Pflanzenwelt in Nordthüringen und betreue auch Wuchsorte seltener Arten in Sachsen-Anhalt. Allein oder mit Mitstreitern vom BUND-Kreisverband Nordhausen wurden und werden zahlreiche Pflegeeinsätze auch zugunsten der Orchideen durchgeführt, um die negativen anthropogenen Einflüsse an den oft nur wenigen verbliebenen Wuchsorten in Grenzen zu halten bzw. diese, mangels staatlicher Erhaltungsprogramme, überhaupt zu sichern.

Umso schmerzlicher ist es dann, tatenlos zusehen zu müssen, wenn besonders große „Raritäten“ auf seit Jahren betreuten Flächen ausgegraben oder abgepflückt werden.

Besonders haben es diese eigennützigen „Naturfreunde“ auf mitunter ausgesprochen seltene Hybriden, also auf Bastarde zweier oder mehrerer Orchideenarten, oder auf weißblühende Formen der Naturarten bis hin zu Albinos abgesehen.

2014 musste ich den Verlust eines Exemplares einer besonders seltenen Hybride im Landkreis Nordhausen feststellen. Es sollten eigentlich Gewebeproben für eine genetische Identifizierung entnommen werden, was nun logischerweise nicht mehr möglich war. In diesem Fall war die Pflanze „nur“ abgepflückt worden, ein Jahr später hatten wir wieder ein Exemplar. Wer weiß, wie lange?
Erst heute stellte ich erneut das Verschwinden eines seltenen Hybriden in einem anderen Bestand mehrerer Orchideenarten im Landkreis fest.

Pflanzenraub weltweit – der Markt tötet

Wer sich die Rote Liste der IUCN, der Weltnaturschutzorganisation, anschaut, und den Gattungsnamen „Paphiopedilum“ (asiatischer Frauenschuh) eingibt, reibt sich verwundert die Augen: Fast alle asiatischen Frauenschuhe sind weltweit stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Manche Arten wurden erst vor wenigen Jahren entdeckt. Aber selbst die Orchideenzüchtung scheint sie nicht vor dem Schicksal der Wilderei zu retten. Diese ist neben der wirtschaftsbedingten Zerstörung ihrer Lebensräume der Hauptgrund für das drohende Aussterben. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Orchideenknollen containerweise nach Europa und Amerika verschifft.

Wird eine neue Orchideenart entdeckt, bringen ihre wildwachsenden Exemplare zunächst tausende Dollar pro Stück auf dem Schwarzmarkt ein. Wird der Wuchsort bekannt, was dank Internet heute praktisch immer geschieht, steht der Plünderung durch geldgeile Sammler und Händler kaum noch etwas im Wege.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass auch zahlreiche frühere Wuchsorte unseres heimischen Frauenschuhs, Cypripedium calceolus, in den vergangenen Jahrzehnten von Gartenfreunden erfolgreich geplündert worden. Dabei sind solche Gartenkulturen ohne fachliches Wissen zum Scheitern verurteilt.

Uns holte das Problem vor allem nach dem Mauerfall ein: Kurz nach der Wende verschwanden beispielsweise Dutzende Knollen der Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) aus der Erde eines Thüringer Naturschutzgebietes. Später wurden die Täter in den alten Bundesländern samt „Beute“ gefasst.

Der offenbar zunehmende Druck auf die wenigen verbliebenen Vorkommen geht einher mit einer oft genug fehlenden oder nicht orchideengerechten öffentlich finanzierten Landschaftspflege, worin auch der Landkreis Nordhausen keine Ausnahme bildet und mit den Einflüssen aus Klimawandel und zunehmender Intensivierung von Land- und Forstwirtschaft, Bergbau. Es wird immer enger, für zahlreiche Orchideenvorkommen. Naturschutzgebiete und FFH-Gebiete schützen die Arten nur stellenweise, auch das viele gedruckte Papier in den Amtsstuben und Ministerien hilft nur wenig bzw. nur bei ausgewählten Vorkommen.

Amtlicher Naturschutz machtlos

Abschließend noch einmal zur Wilderei: Wir benötigen dringend ein kundiges, hauptberufliches Ranchersystem, das unter anderem besonders wertvolle Orchideenvorkommen notfalls rund um die Uhr bewacht. In Thüringen gab es zunächst hoffnungsvolle Äußerungen für einen verbesserten Artenschutz seitens der grünen Umweltministerin. Ich bin gespannt, was wir nach dem Dilemma mit CDU-Minister Reinholz zu sehen bekommen. 1,5 Jahre sind ja schon wieder um.

In der DDR gab es wenigstens zahlreiche ehrenamtliche Naturschutzhelfer, die sogar einige wenige Befugnisse hatten. Vielleicht können wir ja erst einmal dort wieder hinkommen.
Bodo Schwarzberg
Autor: red

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