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Sa, 14:38 Uhr
04.04.2015

nnz-Dokumentation: 70. Jahrestag der Zerstörung (2)

Nachdem wir heute bereits die Rede des Nordhäuser Oberbürgermeisters Dr. Klaus Zeh anlässlich des 70. Jahrestages der Bombardierung der Stadt dokumentierten, folgt hier nun die Rede seines Amtsvorgängers und Zeitzeugen Dr. Manfred Schröter...

Wir haben uns heute hier versammelt, um des schlimmsten und grausamsten Geschehens in der über 1000jährigen Geschichte Nordhausens zu gedenken, das sich gestern und heute vor genau siebzig Jahren ereignet hat: der Zerstörung unserer Stadt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges um die Osterzeit des Jahres 1945.

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Im Verlauf und als Ergebnis dieser Katastrophe sind etwa 8800 Menschenleben ausgelöscht worden. Es wäre hier nicht der rechte Ort und Anlass, über die absolute Korrektheit dieser Zahl zu diskutieren, sie ist nach bestem Wissen und Vermögen einvernehmlich von Sachverständigen und hiesigen Verantwortlichen damals wie später so unglaublich hoch geschätzt worden.

Diese Toten waren Bürger unserer Stadt, aber auch viele Menschen wie Soldaten, Häftlinge, Kriegsgefangene, Evakuierte, Flüchtlinge waren unter ihnen, die sich damals keinesfalls freiwillig hier aufhielten. Das gewaltige Bombardement und der anschließende große Stadtbrand vernichteten den größten Teil der Nordhäuser Innenstadt, viele der bekanntesten baulichen Zeugnisse ihrer Geschichte. Es nahm ihr das uns damaligen Bürgern so vertraute Antlitz.

Die Nordhäuser gedenken alljährlich immer wieder ihrer dabei umgekommenen Mitbürger, der in der Boelcke-Kaserne von den Bomben erschlagenen kranken Häftlingen des KZ Dora und auch der rein materiellen bzw. ideellen Verluste der Katastrophe vom Frühjahr 1945. Als Zeitzeuge habe ich an solchem Gedenken gelegentlich mitgewirkt. Demnächst werden immer weniger der heute noch lebenden Zeitzeugen aus Altersgründen in der Lage sein, über das damals Unfassliche mit der Emotion des eigenen Erlebens zu berichten deshalb spreche ich heute auf Bitten des Herrn OB noch einmal zu Ihnen über das damals Miterlittene.

Ich kann mich selbst noch recht gut an viele der untergegangenen ehrwürdigen, zum Teil prachtvollen Bauwerke erinnern: von unseren sieben Stadtkirchen wurden vier total zerstört (St. Nicolai, St. Petri, St. Jacobi, Frauenberger Kirche) und zwei schwer beschädigt (Dom und St. Blasii); sechs Schulen wurden niedergelegt, auch das Stadtkrankenhaus und fast all jene Gebäude, die damals als Reservelazarette genutzt wurden, sowie drei uralte Apotheken wurden weggebombt. Solche Postkarten-Motive spendende Häuser wie das Rosenthalsche Haus am Steinweg, das Riesenhaus am Lutherplatz, das Martinskloster am Klosterhof lagen in Trümmer.

Mancher romantische Winkel der Altstadt am Mühlgraben und an den Türmen der Stadtmauer existierte nicht mehr. Die Hauptgeschäftsstraßen (Töpfer-, Kranich-, Rauten-, Neustadt-, Neue Straße, Kornmarkt, Lutherplatz, Vor dem Vogel, Engelsburg) wurden nur noch von Trümmerbergen flankiert. Die früher mit meist kleineren Fachwerkhäusern dicht bebauten Wohnquartiere zwischen dem Zorgeufer und dem Kollwitzhaus am Hagen bzw. zwischen dem heutigen August-Bebel-Platz und der Alten Post am Königshof hatten sich in großflächige Trümmerwüsten verwandelt, unter deren Schutthaufen Hunderte von in vielen Fällen niemals geborgenen erschlagenen, erstickten oder verbrannten Bombenopfer ruhten.

Viele suchen auch heute noch Antworten auf die berechtigte Frage: warum musste gerade Nordhausen noch fast am Ende eines langen, schrecklichen Krieges dieses traurige Schicksal erleiden? Im Interesse der historischen Wahrheit und deren ehrlicher Vermittlung an die nachgeborenen Generationen müssen wir, in eigenen familiären Gesprächen mit Jugendlichen wie auch im Geschichtsunterricht an unseren Schulen diese unsere Erkenntnis vermitteln:
Das damalige „Deutsche Reich“ trägt den größten Teil der Schuld und damit die Verantwortung für den furchtbarsten aller Kriege in Europa. Aus nationalistischer Überheblichkeit und Selbstüberschätzung, verbunden mit Rassenwahn, Machtgier und Gewaltbereitschaft haben die damals herrschenden Nationalsozialisten Deutschland in diesen Krieg geführt. Sie haben von dessen Beginn an einen neuartigen, brutalen Luftkrieg gegen Städte in den Ländern ihrer Kriegsgegner geführt (Guernica, Warschau, Rotterdam, Coventry, London). Wer Wind sät, wird Sturm ernten!

Nun hat Nordhausen diesen Krieg, besonders den Luftkrieg, als Stadt ja nicht etwa allein geführt. Unsere Stadt hatte vor 1936 nicht einmal eine militärische Tradition, im Gegensatz zu mancher anderen Thüringer Stadt (Erfurt, Gera, Gotha, Mühlhausen). Die unter dem Naziregime angelegten Luftwaffenstützpunkte (Fliegerhorst und Boelcke-Kaserne) waren keine Einsatzbasen, sondern eher Ausbildungsstätten, und im Frühjahr 1945 waren sie bereits von den Truppen geräumt. Vergleichen wir die Thüringer Städte miteinander hinsichtlich der erlittenen Kriegszerstörungen, dann haben zwar fast alle größeren Orte Schäden durch Bombenangriffe erlitten, aber Nordhausen mit großem Abstand die schwersten.

Welche Erklärung gibt es dafür? Zunächst ist festzustellen, dass jede deutsche Stadt, in der Flugzeuge oder ähnliches Luftkriegsgerät hergestellt worden ist, von den westalliierten Bomberflotten massiv angegriffen wurde. (Beispiele: Rostock-Heinkel, Bremen-Fockewulf; Augsburg-Messerschmidt; Kassel-Fieseler; Dessau und Halberstadt-Junkers; Nordhausen- V1/V2; Potsdam-Arado). Die Region Nordhausen hatten die Alliierten sicherlich als die Quelle der sogen. „V-Waffen“erkannt. Die unterirdischen Produktionsanlagen aber waren aus der Luft nicht angreifbar, und in dem von der alliierten Luftaufklärung deutlich erkennbaren Lager vor dem Kohnstein vermuteten wohl die britischen Strategen zu Recht viele Häftlinge, die man nicht töten wollte. So entschlossen sich die Verantwortlichen zur Bombardierung der nahegelegenen Stadt. Mit Erfolg, denn nach dem 3.4.1945 ist keine V- Rakete mehr abgefeuert oder abtransportiert worden.
Anderslautende spekulative Vermutungen über mögliche Ursachen für die späte, aber brutale Zerstörung Nordhausens durch die British Royal Airforce können wir als nachweisbar unzutreffend abheften:
  • Es seinen hohe deutsche militärische Kommandostellen von Berlin nach Nordhausen verlegt worden: das traf nicht zu, es wäre ein glatter Irrtum gewesen!
  • Nordhausen sollte als Knoten im Straßen- und Eisenbahn- verkehr ausgeschaltet werden: Unsinn, beide Funktionen blieben voll erhalten, die 1.US-Army benötigte und nutzte sie selbst wenig später.
  • Nordhausen hätte im Gegensatz zu anderen Thüringer Städten eine Kapitulationsaufforderung abgelehnt und sich zur Festung erklärt: weder dem Kampfkommandanten (mit dem ich selbst viele Jahre später sprechen konnte) noch der später von Historikern befragte damalige OB Dr. Meyer haben je eine Kapitulationsaufforderung erhalten, übrigens war die Front noch 70 km entfernt.
Das augenfälligste und bekannteste Beispiel der sinnlos erscheinenden späten Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg ist Dresden. Als diese Stadt mit ihren vielen Kulturbauten von Weltrang durch drei verheerende Luftangriffe der Westalliierten im Februar 1945 zu großen Teilen zertrümmert wurde, war die totale Niederlage Hitlerdeutschlands schon abzusehen, im Fall Nordhausens war sie dann unübersehbar geworden.

An diesen beiden Fällen kann man erkennen, dass Rücksichtnahme auf humanitäre oder kulturelle Aspekte offenbar keine Rolle mehr gespielt hat. Entweder waren die Abläufe der Vernichtungsmaschinen zur reinen Routine geworden und der „Restvorrat“ an Bombenzielen wurde einfach abgearbeitet, oder (im Fall Nordhausen?) kam bei den Briten noch der Rachegedanke für die V-Waffen zusätzlich ins Spiel jedenfalls ist die Wucht der Angriffe auf unsere Stadt vor 70 Jahren noch deutlich größer gewesen als jene am 13./14. Februar auf Dresden. Die damals 15 mal größere Großstadt an der Elbe wurde in drei Wellen von insgesamt 1075 schweren viermotorigen Bombern angegriffen, während sich auf das kleine Ziel Nordhausen zwei Wellen von insgesamt 433 ebensolchen Bombern stürzten. Zweimal wurden also strategische Luftflotten gegen ein relativ kleines, taktisches Ziel eingesetzt! Auch die dabei abgeworfene Bombenlast steht in einer vergleichsweise erschreckenden Relation zuungunsten von Nordhausen. Die niedrigen alten Häuser unserer Stadt boten im Vergleich zu den massiven Mehrgeschossern einer Großstadt kaum Schutzräume gegenüber dem Sprengbombenhagel. Viele Menschen in Nordhausens Altstadt eilten zu den wenigen tiefen ehemaligen Wein- und Bierkellern der ihren Wohnungen nahegelegenen Gaststätten. So ist es kein Zufall, dass wir von solchen Kellern (z.B. Riesenhaus, Keglerheim, Hotel Römischer Kaiser, Gasthaus zur Guten Quelle) wissen, dass dort gleich jeweils mehrere Dutzend Menschen umgekommen sind.

Ich könnte Ihnen manches berichten über mein eigenes persönliches Erleben in diesen schrecklichen, unvergesslichen, nicht enden wollenden Minuten des absoluten Ausgeliefertseins und in den ersten Stunden danach. Doch ich habe Bedenken, als alter Mensch die mit der Erinnerung aufsteigenden Emotionen noch im Griff behalten zu können. Die meisten von Ihnen könnten ja auch als Jüngere gar nicht diese verzweifelte, furchtbare Todesangst nachempfinden, die ich als 10jähriger Junge damals in dieser kurzen Zeitspanne gespürt habe. Wie sollte man dieses von zwischen den Trümmern eingeklemmten Nachbarn kommende Schreien, diese in kopfloser Panik fortlaufenden blutig verletzten Menschen, den Knall explodierender Zeitzünderbomben, die Motorengeräusche der dicht über die frischen Ruinen dahinjagenden und aus Bordkanonen schießenden Tiefflieger zurückholen? Ich bitte Sie mir zu glauben, dass der furchtbare Anblick meines vor mir liegenden recht vertrauten, damals plötzlich toten und verstümmelten Klassenkameraden Lothar mir mit zunehmendem Alter immer öfter vor das geistige Auge tritt.

Wir alle können, wir müssen aus all diesem Erlebten oder Berichteten nur eines ableiten: Geschichte ist ein stetes Wechselspiel von Ursache und Wirkung. Das Ergebnis von Extremismus, ideologischem oder religiösem Fanatismus, Rassismus und Antisemitismus ist nur zu oft Krieg. Wir erinnern uns heute mit Trauer und Demut an die deutsche Schuld am letzten Krieg und ganz besonders an dessen große Opfer, die unsere Stadt vor 70 Jahren bringen musste. Krieg ist das schlimmste, was sich Menschen gegenseitig antun können. Wir leiden fast täglich an den aktuellen Bildern von solchem Geschehen anderswo, die uns über das Fernsehen erreichen. Krieg verändert alle Maßstäbe menschlichen Handelns. Deshalb darf es nicht nur so daher gesagt sein, dass wir uns bemühen müssen, den Frieden im Kleinen wie im Großen bewahren zu helfen. Eines der Mittel, die jedem zur Verfügung stehen, ist Toleranz zu üben gegenüber Menschen und Völkern mit anderen Kulturen und Mentalitäten. Selbst bereit zu sein zum Erkennen eigener Irrtümer, eigener Schuld, sowohl in geschichtlicher wie in persönlicher Hinsicht, kann schon ein kleiner Beitrag zum Frieden sein.

Wenn wir alle gemeinsam von einem solchen traurigen Gedenken an das Geschehen vor siebzig Jahren die Verpflichtung mitnehmen, niemals den sinnlosen Tod so vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger damals beim Untergang unserer alten Heimatstadt zu vergessen, dabei gleichzeitig die wahren Ursachen für diese Katastrophe zu begreifen, zu benennen und den nachgeborenen Generationen zu vermitteln, dann kann ein solches Gedenken wertvoller sein als pompöse Denkmale oder aufwändige und allmählich erstarrende Rituale.
Mit diesem Ziele hat ein aus Vertretern verschiedenster Institutionen unserer Bürgergesellschaft gebildeter Arbeitskreis mit Vertretern der Kommunalverwaltungen seit Monaten über Vorschläge und Möglichkeiten für neue Formen unserer zukünftigen Gedenkkultur beraten. Die aktive Einbeziehung der Jugend als Träger der Zukunft war uns dabei ein besonderes Anliegen.

Als erstes Ergebnis wird Herr OB Dr. Zeh heute um 11.00 Uhr im Stadtgeschichtlichen Museum „Flohburg“ eine Ausstellung zum Geschehen am 3./4. April 1945 eröffnen. Sie ist so gestaltet worden, dass sie auch zu späteren Gedenktagen wieder gezeigt werden kann. Die fleißigen Macher hoffen, dass einige aus unserer Versammlung hier schon heute den kurzen Weg zur Flohburg finden mögen und mancher aus unserer Bürgerschaft in den nächsten Wochen sein reges Interesse durch einen Ausstellungsbesuch bekundet.
Autor: red

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