Do, 21:04 Uhr
12.03.2015
Kunst trifft Politik: Kreatives Prekariat
Das Kunst brotlos sein kann, ist keine neue Erkenntniss. Wie aber ist es heute um die kreativen Köpfe des Landes bestellt? Im Tabakspeicher trafen zwei Kulturpolitikerinnen auf zwei Kulturschaffende und sprachen über Leidenschaft, Geld, hehre Wünsche und die bittere Realität...
v.l.: MdB Sigrid Hupach, Michael Beck, Martina Degenhardt und Geburtstagskind Katja Mitteldorf (MdL) (Foto: Angelo Glashagel)
Kultur das ist ein "Ding", ein etwas, das so mächtig und allumfassend, so tief, so unergründlich scheint wie ein Ozean. Kultur ist Kunst, Musik, Film, Fernsehen und Literatur, ist das Volksfest auf dem Dorf, der Groschenroman an der Kasse, ist der aktuelle Pophit der hundert Mal am Tag über den Äther gejagt wird genauso wie die Bach-Sonate, die im Orchestergraben eingeübt wird.
Treibt man den Versuch der Definition weit genug, ist "Kultur" die Gesamtheit all der Dinge, die von Menschenhand geschaffen wurden und werden. In engerem Sinne aber verstehen wir Kultur vor allem als etwas Schöngeistiges. In jedem Fall ist "die Kultur" allgegenwärtig. Doch was ist sie wert? Und können diejenigen, die sie schaffen, auch von ihrer Schöpfung leben?
Diesen Fragen gingen heute die Linken Kulturpolitikerinnen Sigrid Hupach und Katja Mitteldorf zusammen mit der Leiterin der Jugendkunstschule, Martina Degenhardt, und dem Musicaldarsteller Michael Beck nach.
Kulturelle Bildung und kulturelle Teilhabe seien ein Grundrecht, eröffnete die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sigrid Hupach, die Diskussionsrunde, sie sei Grundlage für Toleranz und Verständigung. Die hehren Ideale aber zählen wenig, wenn der Rotstift angesetzt wird. Denn dann ist es meist der Kulturbereich, der zuerst zusammengestrichen wird. Der Einsatz ehrenamtlicher Kräfte nimmt zu, während der Verdienst der Angestellten sinkt. Wer sich als Freiberufler in die Welt der "Kreativwirtschaft" stürzt, sei es nun als Künstler, Autor oder Journalist, muss eine gehörige Portion Idealismus mitbringen. Denn die "freien" hangeln sich oft von Projekt zu Projekt und werden mit Kurzzeit-Verträgen und mageren Honoraren abgespeist.
Dennoch gehören die kreativen Berufe nach wie vor zu den begehrtesten. Der Ansturm auf Lehr- und Studienplätze an Kunsthochschulen, Musikakademien und Redakteursschmieden zeigt das Jahr um Jahr. Geld stünde dabei für die meisten nicht im Vordergrund, meinte Michael Beck, "die Leidenschaft ist wichtiger". Dabei befinden sich sowohl Degenhardt als auch Beck in der vergleichsweise komfortablen Situation, derzeit angestellt zu sein. In einem Jahr kann das schon ganz anders aussehen, wenn Verträge auslaufen, oder Fördermittel entfallen. In Zeiten knapper Kassen kein unrealistisches Szenario.
Dabei mangele es nicht an Wertschätzung, meinte Degenhardt, was man für wunderbare Arbeit leiste würde man oft hören. "Von "toll" wird aber der Bauch nicht voll", sagte die Leitern der Jugendkunstschule weiter. "Gesehen wird das fertige Produkt, nicht der Arbeitsprozess, der dahinter steht", pflichtete Beck bei.
In Thüringen wurde vor gut zehn Jahren ein rigoroser Einschnitt vorgenommen, erzählte Katja Mitteldorf, in den darauffolgenden Jahren seien die Ausgaben zwar wieder gestiegen, aber nie wieder auf dem alten Stand angelangt. Am Beispiel einer Studie des Thüringer Theaterverbandes verdeutlichte die Landtagsabgeordnete die jüngsten Entwicklungen: Angestellte arbeiten mehr für weniger Geld während das Ehrenamt weiter ausgebaut wird. "Die Schere geht weiter auseinander", sagte Mitteldorf.
Parteifreundin Hupach sieht im transatlantischen Freihandelsabkommen "TTIP" Gefahr für die hiesige Kreativwirtschaft, die "weiter stranguliert" werden würde. Denn in den USA spielt die öffentliche Förderung von Kultur so gut wie keine Rolle. Private Investoren und Mäzene vermarkten das kulturelle Leben der Vereinigten Staaten. Mit oder ohne Freihandelsabkommen gibt es aus kulturpolitischer Sich auch in Deutschland genug Baustellen. So hat die Bundesrepublik als einziges Land der EU keine Kultusministerium auf Bundesebene und die kulturellen Ausgaben des Bundes machten gerade einmal 1,6% des Gesamthaushaltes aus.
Im Fokus der Region stehen derweil die großen Kulturbauten der letzten Jahre. Bau und Betriebskosten belasten das Stadtsäckel, für adäquates Personal ist kaum Geld da. "Trotzdessen wird dort viel geleistet und gute Arbeit gemacht", sagte Degenhardt und würde sich, neben weniger bürokratischen Förderrichtlinien, für mehr Toleranz in Sachen Bibliothek und Museen wünschen.
Es soll nicht die letzte Diskussion unter dem Motto "Kunst trifft Politik" gewesen sein. Eine zweite Veranstaltung sei bereits in Planung, hieß es am Ende der Gespräche, in die sich auch das Publikum wortreich eingemischt hatte.
Für Nordhäuser Verhältnisse war die Talkrunde nämlich gut besucht, auch wenn die Gäste vornehmlich diejenigen waren, die vor Ort Kultur schaffen. Ein wenig zum Publikumserfolg beigetragen haben dürfte aber auch, das im Anschluss nicht nur eine neue Ausstellung im Tabakspeicher eröffnet wurde, sondern das man nach der angeregten Diskussion auch auf den dreißigsten Geburtstag von Katja Mitteldorf anstoßen konnte.
Für die musikalische Begleitung hatte wie so oft die Kreismusikschule gesorgt. Und der kreative Nachwuchs wird genau zugehört haben. Denn das Duo tendiert für den eigenen Weg eher für die berufliche Sicherheit. Der junge Geiger will Musiklehrer werden, immerhin ein Zwischenweg. Seine Begleiterin will der Musik lieber nur als Hobby frönen. Schließlich müsse man ja später auch von etwas leben können.
Angelo Glashagel
Autor: red
v.l.: MdB Sigrid Hupach, Michael Beck, Martina Degenhardt und Geburtstagskind Katja Mitteldorf (MdL) (Foto: Angelo Glashagel)
Kultur das ist ein "Ding", ein etwas, das so mächtig und allumfassend, so tief, so unergründlich scheint wie ein Ozean. Kultur ist Kunst, Musik, Film, Fernsehen und Literatur, ist das Volksfest auf dem Dorf, der Groschenroman an der Kasse, ist der aktuelle Pophit der hundert Mal am Tag über den Äther gejagt wird genauso wie die Bach-Sonate, die im Orchestergraben eingeübt wird.
Treibt man den Versuch der Definition weit genug, ist "Kultur" die Gesamtheit all der Dinge, die von Menschenhand geschaffen wurden und werden. In engerem Sinne aber verstehen wir Kultur vor allem als etwas Schöngeistiges. In jedem Fall ist "die Kultur" allgegenwärtig. Doch was ist sie wert? Und können diejenigen, die sie schaffen, auch von ihrer Schöpfung leben?
Diesen Fragen gingen heute die Linken Kulturpolitikerinnen Sigrid Hupach und Katja Mitteldorf zusammen mit der Leiterin der Jugendkunstschule, Martina Degenhardt, und dem Musicaldarsteller Michael Beck nach.
Kulturelle Bildung und kulturelle Teilhabe seien ein Grundrecht, eröffnete die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sigrid Hupach, die Diskussionsrunde, sie sei Grundlage für Toleranz und Verständigung. Die hehren Ideale aber zählen wenig, wenn der Rotstift angesetzt wird. Denn dann ist es meist der Kulturbereich, der zuerst zusammengestrichen wird. Der Einsatz ehrenamtlicher Kräfte nimmt zu, während der Verdienst der Angestellten sinkt. Wer sich als Freiberufler in die Welt der "Kreativwirtschaft" stürzt, sei es nun als Künstler, Autor oder Journalist, muss eine gehörige Portion Idealismus mitbringen. Denn die "freien" hangeln sich oft von Projekt zu Projekt und werden mit Kurzzeit-Verträgen und mageren Honoraren abgespeist.
Dennoch gehören die kreativen Berufe nach wie vor zu den begehrtesten. Der Ansturm auf Lehr- und Studienplätze an Kunsthochschulen, Musikakademien und Redakteursschmieden zeigt das Jahr um Jahr. Geld stünde dabei für die meisten nicht im Vordergrund, meinte Michael Beck, "die Leidenschaft ist wichtiger". Dabei befinden sich sowohl Degenhardt als auch Beck in der vergleichsweise komfortablen Situation, derzeit angestellt zu sein. In einem Jahr kann das schon ganz anders aussehen, wenn Verträge auslaufen, oder Fördermittel entfallen. In Zeiten knapper Kassen kein unrealistisches Szenario.
Dabei mangele es nicht an Wertschätzung, meinte Degenhardt, was man für wunderbare Arbeit leiste würde man oft hören. "Von "toll" wird aber der Bauch nicht voll", sagte die Leitern der Jugendkunstschule weiter. "Gesehen wird das fertige Produkt, nicht der Arbeitsprozess, der dahinter steht", pflichtete Beck bei.
In Thüringen wurde vor gut zehn Jahren ein rigoroser Einschnitt vorgenommen, erzählte Katja Mitteldorf, in den darauffolgenden Jahren seien die Ausgaben zwar wieder gestiegen, aber nie wieder auf dem alten Stand angelangt. Am Beispiel einer Studie des Thüringer Theaterverbandes verdeutlichte die Landtagsabgeordnete die jüngsten Entwicklungen: Angestellte arbeiten mehr für weniger Geld während das Ehrenamt weiter ausgebaut wird. "Die Schere geht weiter auseinander", sagte Mitteldorf.
Parteifreundin Hupach sieht im transatlantischen Freihandelsabkommen "TTIP" Gefahr für die hiesige Kreativwirtschaft, die "weiter stranguliert" werden würde. Denn in den USA spielt die öffentliche Förderung von Kultur so gut wie keine Rolle. Private Investoren und Mäzene vermarkten das kulturelle Leben der Vereinigten Staaten. Mit oder ohne Freihandelsabkommen gibt es aus kulturpolitischer Sich auch in Deutschland genug Baustellen. So hat die Bundesrepublik als einziges Land der EU keine Kultusministerium auf Bundesebene und die kulturellen Ausgaben des Bundes machten gerade einmal 1,6% des Gesamthaushaltes aus.
Im Fokus der Region stehen derweil die großen Kulturbauten der letzten Jahre. Bau und Betriebskosten belasten das Stadtsäckel, für adäquates Personal ist kaum Geld da. "Trotzdessen wird dort viel geleistet und gute Arbeit gemacht", sagte Degenhardt und würde sich, neben weniger bürokratischen Förderrichtlinien, für mehr Toleranz in Sachen Bibliothek und Museen wünschen.
Es soll nicht die letzte Diskussion unter dem Motto "Kunst trifft Politik" gewesen sein. Eine zweite Veranstaltung sei bereits in Planung, hieß es am Ende der Gespräche, in die sich auch das Publikum wortreich eingemischt hatte.
Für Nordhäuser Verhältnisse war die Talkrunde nämlich gut besucht, auch wenn die Gäste vornehmlich diejenigen waren, die vor Ort Kultur schaffen. Ein wenig zum Publikumserfolg beigetragen haben dürfte aber auch, das im Anschluss nicht nur eine neue Ausstellung im Tabakspeicher eröffnet wurde, sondern das man nach der angeregten Diskussion auch auf den dreißigsten Geburtstag von Katja Mitteldorf anstoßen konnte.
Für die musikalische Begleitung hatte wie so oft die Kreismusikschule gesorgt. Und der kreative Nachwuchs wird genau zugehört haben. Denn das Duo tendiert für den eigenen Weg eher für die berufliche Sicherheit. Der junge Geiger will Musiklehrer werden, immerhin ein Zwischenweg. Seine Begleiterin will der Musik lieber nur als Hobby frönen. Schließlich müsse man ja später auch von etwas leben können.
Angelo Glashagel





