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Do, 21:45 Uhr
10.07.2014

Zukunft hat Tradition - Humboldt 2.0?

Das Humboldt-Gymnasium feierte heute gleich mehrere Jubiläen. Das man sich dafür in den großen Saal des Theaters begeben hatte, sollte den Wert, welcher man der Veranstaltung zugesprochen hatte, verdeutlichen. Denn es ging nicht allein um den Blick zurück...


20/490 war die Chiffre des heutigen Abends: 20 Jahre "Verein Ehemaliger und Förderer des Humboldt-Gymnasiums" und 490 Jahre Humboldt-Gymnasium, oder genauer: 490 Jahre Bildungstradition in Nordhausen. Denn das Humboldt-Gymnasium kann seine Wurzeln bis in das Jahr 1524 zurückverfolgen.

Ein wenig unrund diese Zahl, mag man da denken, für ein Jubiläum in dieser Altersklasse, aber hinter dem gewählten Daten steckte auch Kalkül.

Doch zunächst Musik: der Oberstufen- und Kammerchor unter Leitung von Thomas Hofereiter leitete die Veranstaltung gewohnt stimmgewaltig und atmosphärisch ein. Mehrere musikalische Bearbeitungen von Gedichten und Fabeln standen auf dem Programm.

Der Chor des Humboldt Gymnasiums (Foto: Angelo Glashagel)
Nun also: warum die 490 Jahre? Nein, noch wurde es nicht verraten, erst einmal waren die obligatorischen Begrüßungen dran. Schulleiter Ralf-Gerhard Köthe, der 1. Vorsitzende des Fördervereins Tino Pförtner, der Schülersprecher Julius Berger und die Vorsitzende der Elternvertretung Franca Bergmann übernahmen die Ehre. Man muß dem versammtelten Rednerquartett dabei zu Gute halten, dass sie Angesichts der zahlreich erschienen Gäste nach dem Motto "pars pro toto" verfuhren: nur einzelne Ehrengäste, darunter auch die üblichen Verdächtigen, wurden stellvertretend für größere Gruppen begrüßt. Das hatte eine angenehme und leider meist unübliche Verkürzung des Begrüßungsreigens zur Folge.

Die erste Begrüßung durch die Schulleiter Köthe und Vogt erfolgte bereits am Eingang (Foto: Angelo Glashagel)
Warum nun konnte man nicht auf die große 500 warten? Warum 20/490 und nicht 30/500? Die Lösung gab Schulleiter Köthe preis. Angelehnt an die Idee der derzeit laufenden Lutherdekade, will das Gymnasium im eigenen Haus eine "Humboldt-Dekade" ausrufen.

Im kommenden Jahrzehnt soll es in jedem Schuljahr einen besonderen Themenschwerpunkt oder ein Projekt geben, "welche das gestern, heute und morgen" der Bildungseinrichtung miteinander verbindet, gab Köthe bekannt. "Vor dem Blick nach vorn, braucht es den Blick zurück", sagte der Schulleiter. Den Anfang soll das Projekt "Schülervision" machen, zudem aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht mehr verraten wurde.

Bevor man ein solches Vorhaben angeht, sei es heute üblich, dass jemand einen Blick von außen auf den Gegenstand der Betrachtung werfe, führte Pförtner den Gastredner ein. Grob umrissen war das Thema nämlich nicht allein das Gymnasium, sondern "die Bildung" als solches. Man verstehe sich schließlich als Teil der regionalen Bildungslandschaft, so Köthe.

Jenen Blick von außen gab Thoralf Schenk. Er ist selbst Lehrer in Jena und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am historischen Seminar der dortigen Universität tätig. Außerdem ist er ehemaliger Absolvent des Humboldt-Gymnasiums. Er hatte also nicht nur besagten "äußeren Blick", sondern auch mindestens einen metaphorischen Fuß über der Türschwelle.

Thoralf Schenk gab Denkanstöße (Foto: Angelo Glashagel)
"Humboldt 2.0 - Persona non grata oder zukunftsweisender Ideengeber?" war der vielsagende Titel seiner Festrede, die das Ansinnen des Abends verdeutlichte. Es solle keine reine Rückschau und auch keine biographische Abhandlung werden, versprach der Festredner und er hielt Wort. Mit wohlbetonten Humor und gespickt mit zahlreichen Zitaten referierte Schenk zum Verhältniss von "Wissen" und "Bildung" zu Zeiten Wilhelm von Humboldts und heute.

Der große Reformer hatte nach dem Schock des französischen Sieges 1806 bei Jena und Auerstädt eine umfassende Umgestaltung der Bildungslandschaft in Preußen in Gang gesetzt. Unter anderem professionalisierte er die Lehrerausbildung, ermöglichte die Elementarbildung breiter Schichten der Bevölkerung auch auf dem Land und brachte das Gymnasium als Vorbereitung zum Studium auf den Weg.

Dieser Tage sei Bildung ein inflationär genutztes Schlagwort das besonders in Wahlkampfzeiten hervorgeholt würde. "Mehr Bildung" als eine These, die man nur unterstützen kann. Die Vorstellungen was "Bildung" sein soll, gingen dabei oft auseinander, meinte Schenk. Heute "in Zeiten da der Rotstift des Finanzministers die Qualität des Unterrichts bedroht", so Schenk, werde Bildung oft mit "lexikalischem Wissen" gleichgesetzt und der praktische, oder auch marktwirtschaftliche, Nutzen werde über die Reifung des Individuums gestellt.

Dem heutigen Zuständen stellte Schenk die Zeit Humboldts gegenüber und zeigte die Diskrepanz zwischem dem philosophisch und ideell geprägten Bildungsbegriff seiner Zeitgenossen und Nachfolger und der Praxis unserer Gegenwart. Brauchen wir also einen "Humboldt 2.0"?

Viel Gesprächsstoff dürfte es beim gemütlichen Teil des Abends für die Freunde und Förderer des Gymnasiums also gegeben haben. Man darf gespannt sein, was das Gymnasium aus diesen Denkanstößen in der kommenden Dekade macht.
Angelo Glashagel
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