Do, 06:28 Uhr
02.08.2012
Menschenbilder (41)
Nach dem Ende 2011 erschienenen ersten Band der Reihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" plant der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg für das Jahr 2013 die Herausgabe des Folgebandes unter demselben Titel mit Texten über das Leben von rund 200 Zeitzeugen aus unserer Region.
Ganze 20 Kfz-Werkstätten hatten in der DDR die staatliche Erlaubnis zur Wartung und Reparatur von Autos der Marke Volkswagen. Einige hundert von ihnen waren zwischen Saßnitz und Sonneberg unterwegs. Es handelte sich dabei vor allem um Fahrzeuge, die vor dem Mauerbau in den Arbeiter- und Bauernstaat eingesickert waren. Meist wurden sie von einflussreichen Funktionären, Pastoren, Ärzten und Betriebsleitern gefahren, sagt Uwe Gerecke, der die Ilfelder Firma von 1977 bis 2004 in dritter Generation führte.
Für 40.000 Valuta-Mark durften die Gereckes sogar Original-VW-Ersatzteile über das Ministerium für Außenhandel einführen. Da diese aber meist nicht ausreichten, um den Bedarf zu decken, halfen sie sich gegebenenfalls mit einer Herstellung im eigenen Hause. Viele dieser Teile wurden aber auch von der DDR-Industrie bereitgestellt. Doch irgendwann in den 70ern drehte die DDR den Devisenhahn für den Import der wertvollen Teile ganz zu. Nachdem sich eine Privatfirma gefunden hatte, die in der Lage war, sie aus Polyester herzustellen, konnte dieses Segment weiter verfolgt werden. Dann folgte der Servicevertrag mit Dacia. Und wieder war die Firma Gerecke weithin gefragt…Doch dazu später.
Der Name Gerecke ist seit vielen Jahrzehnten mit ganz besonderen Leistungen rund um das Automobil verbunden. Diese beruhten vor allem auf den handwerklichen Fähigkeiten der in dem jeweiligen Kfz-Betrieb tätigen Familienmitglieder und Monteure aber auch auf deren Vermögen, auf technischem und organisatorischem Gebiet mit dem Ziel zu improvisieren, den Folgen des Mangels zu entgehen.
Gegründet wurde der Familienbetrieb vom Großvater Uwe Gereckes, dem Maschinenbauingenieur Ferdinand Gerecke, im Jahre 1905. In einer Zeit, in der der elektrische Strom eine immer größere Rolle spielte, konzentrierte er sich u.a. auf die ElektroInstallation, aber auch auf die Reparatur von Nähmaschinen, Fahrrädern und Karbidlampen. Die Elektrifizierung eines Privathauses habe damals nur 25 Reichsmark gekostet, sagt der Enkel des Firmengründers. Auf Grund einer allmählichen Lähmung, die sich Ferdinand Gerecke bei einem Badeunfall in Chile zugezogen hatte, konnte er sich ab etwa 1920 nur noch im Rollstuhl fortbewegen.
Anfang der 30er Jahre verstarb er, so dass sein Sohn Heinz Gerecke (geb. 1912) die Firma bereits im Alter von 18 Jahren übernehmen musste. Die Schulden, die seinerzeit auf dem Unternehmen und auf dem Haus der Familie lasteten, wurden ihm und allen anderen Angehörigen der Wehrmacht per Gesetz für die Dauer ihrer Zeit in Uniform gestundet. Viereinhalb Jahre lang gehörte der Maschinenbaumeister der Heeresgruppe Süd an und kämpfte auch um Stalingrad, von wo er noch rechtzeitig ausgeflogen werden konnte. Er schoss mehr als 1.000 Fotos von den Geschehnissen an der Front.
In die Heimat zurückgekehrt, baute er zunächst kriegsbeschädigte Fahrzeuge auf, die ihm vielfach von den sowjetischen Besatzern gebracht wurden. Darunter befanden sich auch rund 60 VW Kübel, von denen der Handwerksmeister nur die Fahrgestelle nutzte. Auf Kundenwunsch passte er sie den Erfordernissen und Abmessungen der F9- und Wartburg 311 - Karosserie an, die dann auf das Fahrgestell montiert wurde. Auf Grund des Gewichts der Karosserie waren jedoch kaum mehr als 80 km/h möglich – bei einer Leistung von 25 PS.
Für die Sowjets baute er auch zahlreiche andere Fahrzeuge auf und sorgte für ihre Wartung. Aus einigen PKW entstanden unter den Händen der Ilfelder Handwerker vor allem im Auftrag von anderen Handwerkern vielfach Pritschenwagen. Die Fleischer der Region konnten sich bei Heinz Gerecke sogar Anhänger bestellen, die er und seine Mitarbeiter in der Ilfelder Werkstatt in Kleinserie produzierten. Später kamen Camping- und Bootsanhänger hinzu.
Die Fahrzeugherstellung jedoch geriet Anfang der 60er Jahre ins Stocken, nachdem dem Unternehmer staatlicherseits Auflagen hinsichtlich der Schweißerqualifikation und der Qualität des verbauten Stahls erteilt wurden.
Uwe Gerecke beschreibt seinen Vater als einen leidenschaftlichen und nimmermüden Unternehmer, der bis 1953 in der Formel 3 fuhr, Segel- und Motorflugzeuge flog und es im Skilaufen bis zur Teilnahme an der Bezirksmeisterschaft brachte. Noch mit 60 kaufte er sich ein schnelles Wasserskiboot. Er reiste und fotografierte viel, sammelte Briefmarken und hatte einen großen Freundeskreis.
Mein Gesprächspartner Uwe Gerecke wurde am 23.06.1944 in Ilfeld geboren. Im Betrieb des Vaters erlernte er den Beruf des Kfz-Schlossers, qualifizierte sich 1967 in Erfurt zum Meister und absolvierte in den Jahren 1968 und 1969 seinen Dienst bei der NVA. Nach dem Tod von Heinz Gerecke übernahm er 1977 die Firma. Da hatte sich das Verhältnis zwischen dem Staat und ihm schon längst wieder beruhigt. 1962 jedoch war er als Folge der Übergabe von regimekritsichen Flugblättern an einen Freund zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, von denen er eineinhalb Jahre absitzen musste. Nach der Wende erfolgte eine Rehabilitierung des ehemaligen politischen Häftlings.
Ab Mitte der 70er Jahre stand die Ilfelder Kfz-Werkstatt Gerecke ganz im Zeichen der Marke Dacia. Der Servicevertrag mit dem rumänischen Hersteller brachte ihr rund 1.000 Kunden zusätzlich ein – mit der Folge langer Wartezeiten insbesondere für Karosseriearbeiten. Einige Dacia-Gelenkwellen bezog Uwe Gerecke aus Mosel in Thüringen. Die dort hergestellten seien qualitativ bedeutend besser gewesen, als die original rumänischen, sagt er.
Von der Wende zeigte sich der Ilfelder eher enttäuscht. Seiner Meinung nach wird die DDR-Geschichte zu wenig aufgearbeitet. Viele Westdeutsche und ehemalige Funktionäre würden lukrative Posten besetzen: Wer schon immer geradlinig gewesen sei, hat meist keine Chance.
Aus der Kfz-Werkstatt Gerecke entstand zum Beginn der 90er Jahre das Renault-Autohaus Gerecke. In diesem Zusammenhang betont der langjährige Firmeninhaber, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Händlern nach dem Mauerfall keine gebrauchten Schrottautos verkauft habe, um das schnelle Geld zu machen. Heute kritisiert er insbesondere den Druck der Autohersteller auf die Händler u.a. bezüglich der vereinbarten Abnahmemengen für PKW. Früher bestimmte der Rat des Kreises über Verdienst und Preis. Der Druck der Konzerne auf die Händler von heute indes ist bedeutend größer, sagt er. Beklagen tut er auch die Wegwerfmentalität in den heutigen Autowerkstätten.
Wir haben damals alles aufgehoben, zum einen, weil es keine Ersatzteile gab, aber auch, weil es oft viel günstiger war, bestimmte Komponenten qualitativ aufzuwerten und danach wiederzuverwenden. Bedingt durch einen erlittenen Schlaganfall übergab Uwe Gerecke die Firma im Jahre 2004 an seinen Sohn Ulf Heinrich (36). Der studierte Betriebswirt beschäftigt sechs Mitarbeiter.
Dessen Bruder Ulrich Gerecke (42) betreibt in der Nachbarschaft des Renault-Autohauses eine Lackiererei mit fünf Kollegen. Er unterhält Geschäftskontakte zu zahlreichen Autohäusern in Nordthüringen bzw. im Harz.
Seit mittlerweile 39 Jahren gehört auch die Ehefrau Uwe Gereckes, die gelernte Krankenschwester Ursula Gerecke, zum Unternehmen. Alle Arbeiten, die rund um Büro und Buchhaltung anfallen, werden von ihr mit Bravour erledigt.
Früher segelte mein Gesprächspartner mit Vorliebe über heimische Gewässer. Heute beschäftigt sich in seiner Freizeit gern mit der Reparatur alter Maschinen.
Außerdem wird sein Alltag von der Betreuung der drei Familiengrundstücke und vom Bekochen seiner Lieben bestimmt.
Bodo Schwarzberg
Hierzu sind keine Kommentare gestattet
Autor: nnzFamilien Heinz (†) und Uwe Gerecke
Kfz-Handwerk seit vier Generationen, IlfeldGanze 20 Kfz-Werkstätten hatten in der DDR die staatliche Erlaubnis zur Wartung und Reparatur von Autos der Marke Volkswagen. Einige hundert von ihnen waren zwischen Saßnitz und Sonneberg unterwegs. Es handelte sich dabei vor allem um Fahrzeuge, die vor dem Mauerbau in den Arbeiter- und Bauernstaat eingesickert waren. Meist wurden sie von einflussreichen Funktionären, Pastoren, Ärzten und Betriebsleitern gefahren, sagt Uwe Gerecke, der die Ilfelder Firma von 1977 bis 2004 in dritter Generation führte.
Für 40.000 Valuta-Mark durften die Gereckes sogar Original-VW-Ersatzteile über das Ministerium für Außenhandel einführen. Da diese aber meist nicht ausreichten, um den Bedarf zu decken, halfen sie sich gegebenenfalls mit einer Herstellung im eigenen Hause. Viele dieser Teile wurden aber auch von der DDR-Industrie bereitgestellt. Doch irgendwann in den 70ern drehte die DDR den Devisenhahn für den Import der wertvollen Teile ganz zu. Nachdem sich eine Privatfirma gefunden hatte, die in der Lage war, sie aus Polyester herzustellen, konnte dieses Segment weiter verfolgt werden. Dann folgte der Servicevertrag mit Dacia. Und wieder war die Firma Gerecke weithin gefragt…Doch dazu später.
Der Name Gerecke ist seit vielen Jahrzehnten mit ganz besonderen Leistungen rund um das Automobil verbunden. Diese beruhten vor allem auf den handwerklichen Fähigkeiten der in dem jeweiligen Kfz-Betrieb tätigen Familienmitglieder und Monteure aber auch auf deren Vermögen, auf technischem und organisatorischem Gebiet mit dem Ziel zu improvisieren, den Folgen des Mangels zu entgehen.
Gegründet wurde der Familienbetrieb vom Großvater Uwe Gereckes, dem Maschinenbauingenieur Ferdinand Gerecke, im Jahre 1905. In einer Zeit, in der der elektrische Strom eine immer größere Rolle spielte, konzentrierte er sich u.a. auf die ElektroInstallation, aber auch auf die Reparatur von Nähmaschinen, Fahrrädern und Karbidlampen. Die Elektrifizierung eines Privathauses habe damals nur 25 Reichsmark gekostet, sagt der Enkel des Firmengründers. Auf Grund einer allmählichen Lähmung, die sich Ferdinand Gerecke bei einem Badeunfall in Chile zugezogen hatte, konnte er sich ab etwa 1920 nur noch im Rollstuhl fortbewegen.
Anfang der 30er Jahre verstarb er, so dass sein Sohn Heinz Gerecke (geb. 1912) die Firma bereits im Alter von 18 Jahren übernehmen musste. Die Schulden, die seinerzeit auf dem Unternehmen und auf dem Haus der Familie lasteten, wurden ihm und allen anderen Angehörigen der Wehrmacht per Gesetz für die Dauer ihrer Zeit in Uniform gestundet. Viereinhalb Jahre lang gehörte der Maschinenbaumeister der Heeresgruppe Süd an und kämpfte auch um Stalingrad, von wo er noch rechtzeitig ausgeflogen werden konnte. Er schoss mehr als 1.000 Fotos von den Geschehnissen an der Front.
In die Heimat zurückgekehrt, baute er zunächst kriegsbeschädigte Fahrzeuge auf, die ihm vielfach von den sowjetischen Besatzern gebracht wurden. Darunter befanden sich auch rund 60 VW Kübel, von denen der Handwerksmeister nur die Fahrgestelle nutzte. Auf Kundenwunsch passte er sie den Erfordernissen und Abmessungen der F9- und Wartburg 311 - Karosserie an, die dann auf das Fahrgestell montiert wurde. Auf Grund des Gewichts der Karosserie waren jedoch kaum mehr als 80 km/h möglich – bei einer Leistung von 25 PS.
Für die Sowjets baute er auch zahlreiche andere Fahrzeuge auf und sorgte für ihre Wartung. Aus einigen PKW entstanden unter den Händen der Ilfelder Handwerker vor allem im Auftrag von anderen Handwerkern vielfach Pritschenwagen. Die Fleischer der Region konnten sich bei Heinz Gerecke sogar Anhänger bestellen, die er und seine Mitarbeiter in der Ilfelder Werkstatt in Kleinserie produzierten. Später kamen Camping- und Bootsanhänger hinzu.
Die Fahrzeugherstellung jedoch geriet Anfang der 60er Jahre ins Stocken, nachdem dem Unternehmer staatlicherseits Auflagen hinsichtlich der Schweißerqualifikation und der Qualität des verbauten Stahls erteilt wurden.
Uwe Gerecke beschreibt seinen Vater als einen leidenschaftlichen und nimmermüden Unternehmer, der bis 1953 in der Formel 3 fuhr, Segel- und Motorflugzeuge flog und es im Skilaufen bis zur Teilnahme an der Bezirksmeisterschaft brachte. Noch mit 60 kaufte er sich ein schnelles Wasserskiboot. Er reiste und fotografierte viel, sammelte Briefmarken und hatte einen großen Freundeskreis.
Mein Gesprächspartner Uwe Gerecke wurde am 23.06.1944 in Ilfeld geboren. Im Betrieb des Vaters erlernte er den Beruf des Kfz-Schlossers, qualifizierte sich 1967 in Erfurt zum Meister und absolvierte in den Jahren 1968 und 1969 seinen Dienst bei der NVA. Nach dem Tod von Heinz Gerecke übernahm er 1977 die Firma. Da hatte sich das Verhältnis zwischen dem Staat und ihm schon längst wieder beruhigt. 1962 jedoch war er als Folge der Übergabe von regimekritsichen Flugblättern an einen Freund zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, von denen er eineinhalb Jahre absitzen musste. Nach der Wende erfolgte eine Rehabilitierung des ehemaligen politischen Häftlings.
Ab Mitte der 70er Jahre stand die Ilfelder Kfz-Werkstatt Gerecke ganz im Zeichen der Marke Dacia. Der Servicevertrag mit dem rumänischen Hersteller brachte ihr rund 1.000 Kunden zusätzlich ein – mit der Folge langer Wartezeiten insbesondere für Karosseriearbeiten. Einige Dacia-Gelenkwellen bezog Uwe Gerecke aus Mosel in Thüringen. Die dort hergestellten seien qualitativ bedeutend besser gewesen, als die original rumänischen, sagt er.
Von der Wende zeigte sich der Ilfelder eher enttäuscht. Seiner Meinung nach wird die DDR-Geschichte zu wenig aufgearbeitet. Viele Westdeutsche und ehemalige Funktionäre würden lukrative Posten besetzen: Wer schon immer geradlinig gewesen sei, hat meist keine Chance.
Aus der Kfz-Werkstatt Gerecke entstand zum Beginn der 90er Jahre das Renault-Autohaus Gerecke. In diesem Zusammenhang betont der langjährige Firmeninhaber, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Händlern nach dem Mauerfall keine gebrauchten Schrottautos verkauft habe, um das schnelle Geld zu machen. Heute kritisiert er insbesondere den Druck der Autohersteller auf die Händler u.a. bezüglich der vereinbarten Abnahmemengen für PKW. Früher bestimmte der Rat des Kreises über Verdienst und Preis. Der Druck der Konzerne auf die Händler von heute indes ist bedeutend größer, sagt er. Beklagen tut er auch die Wegwerfmentalität in den heutigen Autowerkstätten.
Wir haben damals alles aufgehoben, zum einen, weil es keine Ersatzteile gab, aber auch, weil es oft viel günstiger war, bestimmte Komponenten qualitativ aufzuwerten und danach wiederzuverwenden. Bedingt durch einen erlittenen Schlaganfall übergab Uwe Gerecke die Firma im Jahre 2004 an seinen Sohn Ulf Heinrich (36). Der studierte Betriebswirt beschäftigt sechs Mitarbeiter.
Dessen Bruder Ulrich Gerecke (42) betreibt in der Nachbarschaft des Renault-Autohauses eine Lackiererei mit fünf Kollegen. Er unterhält Geschäftskontakte zu zahlreichen Autohäusern in Nordthüringen bzw. im Harz.
Seit mittlerweile 39 Jahren gehört auch die Ehefrau Uwe Gereckes, die gelernte Krankenschwester Ursula Gerecke, zum Unternehmen. Alle Arbeiten, die rund um Büro und Buchhaltung anfallen, werden von ihr mit Bravour erledigt.
Früher segelte mein Gesprächspartner mit Vorliebe über heimische Gewässer. Heute beschäftigt sich in seiner Freizeit gern mit der Reparatur alter Maschinen.
Außerdem wird sein Alltag von der Betreuung der drei Familiengrundstücke und vom Bekochen seiner Lieben bestimmt.
Bodo Schwarzberg
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