Sa, 13:06 Uhr
09.07.2011
Menschenbilder (6)
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
Der Generaldirektor war froh, in Nordhausen jemanden zu haben, der es wenigstens einigermaßen schaffte, dass die NOBAS den Plan erfüllte, sagt Eberhard Lemmel, der den VEB NOBAS Nordhausen 26 Jahre lang, von 1966 bis 1992, führte. Der am 03.03.1931 in Chemnitz geborene Industrieökonom und Kaufmann hat den bekannten Nordhäuser Baggerproduzenten damit entscheidend und in einer vielfach problematischen Zeit geprägt und vorangebracht.
Allein schon die Tatsache, dass er den Posten des Betriebsdirektors mehr als ein Viertel Jahrhundert bekleidete, spricht für diese positive Entwicklung. Denn die Leistungsfähigkeit der volkseigenen Betriebe war in der DDR auch an der Zahl der staatlichen Leiter ablesbar, die verschlissen bzw. in relativ kurzer zeitlicher Folge ausgetauscht wurden. Der Betrieb war mein Leben. Ich habe mich Tag und Nacht für ihn aufgeopfert, sagt Ehrhard Lemmel. Und vielleicht ist es ja gerade das, was ihm und der NOBAS über diese 26 Jahre half.
Seine Jugend war vom Niedergang des Nazireiches und vom Wiederaufbau geprägt. In Chemnitz erlebte er die schweren Bombenangriffe Mitte Februar und im März 1945 in seinem Elternhaus bzw. im Bunker hautnahe mit. Auf Grund der Zerstörungen kamen seine Mutter und die kleineren Geschwister zunächst bei einem Bauern im nahen Leukersdorf unter, während Eberhard Lemmel zunächst bei seinem Vater blieb. Er schlief in einem Stall und im Kesselhaus des Rüstungsbetriebes, in dem sein Vater tätig war, zwischen lauter Ratten, wie er sagt.
Aus seiner bei den Diamant-Werken geplante kaufmännischen Lehre wurde auf Grund der Zerstörung dieses Betriebes nichts. Das Arbeitsamt brachte ihn zunächst beim Jugendaufbauwerk unter, wo er gemeinsam mit anderen arbeitslosen Jugendlichen unter der Obhut von Lehrern stand.
Bis 1947 fand er schließlich seine erste übergangsweise Anstellung bei einem Bauern im Chemnitzer Stadtteil Markersdorf, wo er für Unterkunft und Essen arbeitete. Sein Vater brachte ihn schließlich als so genannter Nietenwärmer beim Maschinenbauer Germania unter. Ich musste die Nieten im Koksfeuer zum Glühen bringen, wobei ich mir regelmäßig Verbrennungen an den Beinen holte. Das war eine schwere und gesundheitsschädliche Arbeit, sagt er.
Bei Germania konnte er im September 1947 mit zweijähriger Verspätung endlich doch die ersehnte kaufmännische Lehre aufnehmen. Für seinen mit Auszeichnung bestandenen Abschluss als Industriekaufmann erhielt er einen Kugelschreiber und einen Füllfederhalter – große Werte in der damaligen Zeit.
Mit den Worten: Ich war pfiffig und konnte mit Zahlen umgehen, nennt Eberhard Lemmel den Grund, aus dem heraus er gleich 1950 in die Planungsabteilung der Firma übernommen wurde und bereits nach einem Jahr die Aufgaben eines Betriebsstatistikers übertragen bekam. Das System der Planwirtschaft wurde damals aufgebaut. Bei mir liefen alle wirtschaftsrelevanten Zahlen des Betriebes zusammen. Daher hatte ich auch engen Kontakt zum Betriebsdirektor, erklärt er.
Nachdem 1953 im Rahmen des weiteren Aufbaus der Planwirtschaft ein Ministerium für Schwermaschinenbau geschaffen worden war, wechselte er nach Berlin: Man sah in mir einen entwicklungsfähigen Kader, wofür dies ein Schritt von vielen weiteren sein sollte, sagt er. In der Hauptverwaltung Ausrüstungen für die Chemie-, Keramik- und Nahrungsgüterindustrie erfolgte sein Einsatz wiederum als Statistiker, der nunmehr die Zahlen von immerhin 52 Betrieben aus der gesamten DDR erhielt, und für den Minister zusammenfasste, auswertete und analysierte. In einem Fernstudium hatte er sich mittlerweile zum Ingenieurökonomen qualifiziert.
1956 berief man Eberhard Lemmel zum Assistenten des Hauptverwaltungsleiters. Man hat mir erstaunlich viel zugetraut in meinen damals noch jungen Jahren, wundert er sich noch heute manchmal. Auf Grund einer politischen Entscheidung erfolgte 1958 seine Ernennung zum persönlichen Referenten des stellvertretenden Ministers für Schwermaschinenbaus Alfred Wunderlich. Bereits zwei Jahre zuvor war Eberhard Lemmel in die SED eingetreten und begründet dies damit, dass er manches ohne Partei gewiss nicht erreicht hätte. Man musste einfach mitmachen. Ich war einfach schon zu weit oben, um noch umschwenken zu können, sagt er dazu.
Im Jahre 1958 kam der gebürtige Chemnitzer der NOBAS schon ein wenig näher, als die genannte Hauptverwaltung per Beschluss verstärkt in jene Regionen der Republik verlegt werden sollte, in denen sich die Betriebe ihres Zuständigkeitsbereiches befanden. Ganz in diesem Sinne wurde der Teil Baustoff- und Keramikmaschinen nach Leipzig verlegt, wo auch Eberhard Lemmel von nun an, bis Ende 1965 tätig war. Die NOBAS gehörte zunächst zur HV Ausrüstungen für die Schwerindustrie und wurde 1958 jener HV zugeteilt, in der er damals tätig war. Hatte der Nordhäuser Betrieb ein Anliegen, hatte er direkt mit Eberhard Lemmel in Leipzig zu tun.
Nachdem der Planungsleiter und Direktor für Ökonomie auf Grund von Verfehlungen auf sexuellem Gebiet von seinen Aufgaben entbunden worden war, übernahm der Ingenieurökonom dessen Position und rückte damit zum Ersten Stellvertreter des Generaldirektors auf. Ich fühlte mich sehr wohl in Leipzig. Meine Frau, die ich in Berlin kennengelernt hatte, stammte aus der Nähe von Halle, und auch in meine Heimat Chemnitz war es nicht weit, denkt er zurück.
Er versuchte den Betrieben seiner HV zu helfen, wo es nur ging. Ich kam selbst aus einfachen Verhältnissen und hatte immer auch ein Ohr für die Belange der Arbeiter, die ich mir bei zahlreichen Besuchen bei den Belegschaften anhörte, sagt er. Und: Der kleine Mann hat damals im Gegensatz zu heute noch etwas gezählt.
Als er die NOBAS am 01.01.1966 als Betriebsdirektor übernahm, befand sie sich in schwerem Fahrwasser. Seinem Vorgänger war es 1965 nicht gelungen, geplante 200 Bagger nach Brasilien zu verkaufen. 1964 hingegen hatten noch 162 Bagger den VEB in dieses südamerikanische Land verlassen. Damit konnte ein Großteil des Kaffeeimports der DDR für ein Jahr gesichert werden. Wenn es gelungen war, Bagger in ein nichtsozialistisches Land zu exportieren, mussten im Folgejahr noch mehr Bagger dorthin exportiert werden. Das war von ganz oben so vorgesehen, erklärt Eberhard Lemmel. Und: Die geplanten Bagger mussten produziert werden, auch wenn es mit dem jeweiligen Land noch gar keinen Vertrag gab. Das war ein Ergebnis der Planwirtschaft. Wenn der Plan nicht erfüllt war, sei immer der Leiter verantwortlich gemacht worden und zwar auch dann, wenn er die entstandene Situation überhaupt nicht beeinflussen konnte.
150 Bagger standen Ende 1965 noch auf dem NOBAS-Gelände und hatten keinen Abnehmer. Und das, obwohl in der DDR selbst großer Mangel an diesen Großgeräten herrschte. Aber: Betriebe, die durch Exporte Devisen einfahren konnten, waren angehalten, auf Teufel komm heraus zu exportieren, sagt er. Eberhard Lemmel gelang es nach und nach, die Bagger anderweitig, zumeist in sozialistische Bruderstaaten, loszuwerden.
Ein großer Vorteil seiner Tätigkeit bestand übrigens darin, dass er selbst Mitglied der SED-Kreisleitung war. Dadurch waren Probleme mit meinem Parteisekretär weitestgehend ausgeschlossen, so Eberhard Lemmel. Zu den wichtigsten Leistungen seiner Amtszeit fiel der Umstieg von mechanischen Baggern auf Hydraulik-Bagger, wobei er noch heute stolz darauf ist, dass es damals gelang, die Teile für die Hochdruckhydraulik komplett in der DDR zu produzieren. Das zu erreichen, ist Verdienst der NOBAS, betont Eberhard Lemmel. Lediglich bei Hochdruckhydraulikschläuchen gelang dies nicht. Sie mussten für harte Devisen importiert werden.
Da die NOBAS ein zentralgeleiteter Exportbetrieb war, stand ihr notwendiges Material, ganz im Gegensatz zur Situation sonst im Land, meist ausreichend zur Verfügung.
In der Amtszeit von Eberhard Lemmel erhielten der VEB, seine Mitarbeiter und seine Produkte zahlreiche Auszeichnungen, u.a. sieben Goldmedaillen auf der Leipziger Messe, davon sechs unter Eberhard Lemmel sowie das Gütezeichen Q. Als einen von nur 15 DDR-Betrieben (jährlich) ehrte man die NOBAS als Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit und 1980 mit dem Ehrentitel Betrieb der Sozialistischen Arbeit. Um ihn zu erhalten, waren äußerst große Anstrengungen erforderlich. Wir mussten ihn in jedem Jahr erneut verteidigt, sagt er.
Der Betriebsleiter selbst durfte sich Verdienter Techniker der DDR für die im Export erreichten Leistungen nennen. Vielfach hatte er das Glück, als Reisekader zahlreiche Länder besuchen zu dürfen, um für die ständig weiter entwickelten Bagger zu werben, um Verträge abzuschließen, oder um die Grundlagen für einen reibungslosen Kundendienst bis hin zur Ausbildung ausländischer Baggerfahrer zu schaffen. 50 Mitarbeiter waren oft monatelang in Syrien, Algerien, Argentinien, Kuba, Sudan, Mozambique und anderen Staaten unterwegs, um Servicearbeiten durchzuführen. Diese Fachleute waren zuvor einer intensiven Überprüfung durch die Sicherheitsorgane unterzogen worden und sollten, wenn irgend möglich, Parteimitglieder sein.
Mehrfach bereiste Eberhard Lemmel in einem Wartburg mit der Aufschrift VEB Schwermaschinenbau NOBAS geschäftlich Westeuropa und erregte stets viel Aufsehen. Die Zöllner interessierten sich weniger für mich, sondern eher für das ungewöhnliche Fahrzeug, schmunzelt er. Der PKW Tatra, mit dem er einst die Hannover-Messe besuchen durfte, erntete allerdings eher spöttische Blicke. Das Benzinkontingent für seine Dienstreisen betrug 300 Liter Benzin pro Monat. Waren sie verfahren, musste er sich etwas einfallen lassen.
Ungern erinnert er sich an seine Eindrücke von einer Zugreise in die damalige BRD. Ich sah gern aus dem Fenster: Im Westen war alles sauber. An der Grenze in Probstzella dann der Gegensatz: Wir erhielten eine total verdreckte DDR-Diesellok vor unseren Zug gespannt. Die unfreundlichen Grenzer mit ihren MPis und grauen Uniformen verstärkten diese beobachteten Unterschiede noch. Allein die Diesellok war angesichts der vielen Westdeutschen im Zug kein schönes Aushängeschild für unser Land.
Ein Fahrer, der mit einem LKW W 50 einst einen Baggerausleger nach Holland zu transportieren hatte, ließ Eberhard Lemmel nach seiner Rückkehr wissen, dass er nie wieder mit einem W 50 in den Westen fahren wolle: Auf der Autobahn hätten mich andere Verkehrsteilnehmer fast gelyncht. Ich habe mir daher nicht getraut, einen Parkplatz anzufahren, sagte er zu ihm.
Rückblickend benennt er 15 seiner 26 Jahre als Betriebsdirektor als erfolgreich und elf als weniger erfolgreich. Insgesamt haben wir die Pläne einigermaßen realisiert, sagt er.
Meist ging der damals in der Friedrich-Naumann-Straße wohnende Betriebsdirektor der NOBAS um 5:30 zu Fuß auf Arbeit. Das war gut für die Gesundheit. Außerdem konnte man sich dabei schon mit den anstehenden Tagesaufgaben beschäftigen, sagt er. Arbeitsbeginn war 6:30.
Nach der Wende und insbesondere nach der Währungsunion brachen fast alle Kunden in den sozialistischen Ländern weg, weil sie die Bagger plötzlich auch mit Devisen bezahlen mussten. Die Hoffnung Eberhard Lemmels, die Maschinen nun in der stets vernachlässigten Noch-DDR loszuwerden, zerschlugen sich: Unsere Betriebe wurden von westlichen Herstellern mit billigen Krediten gelockt und waren daher eher geneigt, sich auch Bagger aus westlicher Produktion zu kaufen, sagt er.
Ansonsten war die Wende in der NOBAS eher ruhig über die Bühne gegangen. Mit den Leuten vom Neuen Forum haben wir vernünftig gesprochen, sagt Eberhard Lemmel.
Bald kam es zu massiven Entlassungen. Aus der NOBAS wurde die NOBAS AG. Zwar interessierten ich einige Investoren für die Firma, aber keiner für die Beschäftigten. In den Jahren 1990 und 1991 wurde ein Teil des Betriebes durch Verkauf privatisiert. Die zunächst erfolgversprechenden Verhandlungen mit DEMAG Düsseldorf scheiterten aber leider nach einem Jahr. In den Jahren nach dem Ausscheiden von Eberhard Lemmel wurde das Hauptwerk von der Günther Papenburg AG übernommen und als HBM – NOBAS Baumaschinen GmbH weitergeführt. 150 Menschen sind dort heute beschäftigt, was etwa 10 Prozent der Belegschaftsgröße aus DDR-Zeiten entspricht.
Seit 55 Jahren ist Eberhard Lemmel mit Inge Lemmel verheiratet. In den bisher zwei Jahrzehnten als Rentner bereisten beide, nunmehr ganz privat, zahlreiche Länder. Ihr Sohn, der Diplomsportlehrer Thomas Lemmel, eröffnete 1996 in der Grimmelallee ein Fitnessstudio, wo sein 80-jähriger Vater regelmäßig trainiert. Auch Tochter Ute Lemmel ist sehr sportlich und sogar prominent: als Bundestrainerin der weiblichen Jugendnationalmannschlaft im Handball.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
Autor: nnzEberhard Lemmel
26 Jahre lang Direktor des VEB Schwermaschinenbau NOBAS NordhausenDer Generaldirektor war froh, in Nordhausen jemanden zu haben, der es wenigstens einigermaßen schaffte, dass die NOBAS den Plan erfüllte, sagt Eberhard Lemmel, der den VEB NOBAS Nordhausen 26 Jahre lang, von 1966 bis 1992, führte. Der am 03.03.1931 in Chemnitz geborene Industrieökonom und Kaufmann hat den bekannten Nordhäuser Baggerproduzenten damit entscheidend und in einer vielfach problematischen Zeit geprägt und vorangebracht.
Allein schon die Tatsache, dass er den Posten des Betriebsdirektors mehr als ein Viertel Jahrhundert bekleidete, spricht für diese positive Entwicklung. Denn die Leistungsfähigkeit der volkseigenen Betriebe war in der DDR auch an der Zahl der staatlichen Leiter ablesbar, die verschlissen bzw. in relativ kurzer zeitlicher Folge ausgetauscht wurden. Der Betrieb war mein Leben. Ich habe mich Tag und Nacht für ihn aufgeopfert, sagt Ehrhard Lemmel. Und vielleicht ist es ja gerade das, was ihm und der NOBAS über diese 26 Jahre half.
Seine Jugend war vom Niedergang des Nazireiches und vom Wiederaufbau geprägt. In Chemnitz erlebte er die schweren Bombenangriffe Mitte Februar und im März 1945 in seinem Elternhaus bzw. im Bunker hautnahe mit. Auf Grund der Zerstörungen kamen seine Mutter und die kleineren Geschwister zunächst bei einem Bauern im nahen Leukersdorf unter, während Eberhard Lemmel zunächst bei seinem Vater blieb. Er schlief in einem Stall und im Kesselhaus des Rüstungsbetriebes, in dem sein Vater tätig war, zwischen lauter Ratten, wie er sagt.
Aus seiner bei den Diamant-Werken geplante kaufmännischen Lehre wurde auf Grund der Zerstörung dieses Betriebes nichts. Das Arbeitsamt brachte ihn zunächst beim Jugendaufbauwerk unter, wo er gemeinsam mit anderen arbeitslosen Jugendlichen unter der Obhut von Lehrern stand.
Bis 1947 fand er schließlich seine erste übergangsweise Anstellung bei einem Bauern im Chemnitzer Stadtteil Markersdorf, wo er für Unterkunft und Essen arbeitete. Sein Vater brachte ihn schließlich als so genannter Nietenwärmer beim Maschinenbauer Germania unter. Ich musste die Nieten im Koksfeuer zum Glühen bringen, wobei ich mir regelmäßig Verbrennungen an den Beinen holte. Das war eine schwere und gesundheitsschädliche Arbeit, sagt er.
Bei Germania konnte er im September 1947 mit zweijähriger Verspätung endlich doch die ersehnte kaufmännische Lehre aufnehmen. Für seinen mit Auszeichnung bestandenen Abschluss als Industriekaufmann erhielt er einen Kugelschreiber und einen Füllfederhalter – große Werte in der damaligen Zeit.
Mit den Worten: Ich war pfiffig und konnte mit Zahlen umgehen, nennt Eberhard Lemmel den Grund, aus dem heraus er gleich 1950 in die Planungsabteilung der Firma übernommen wurde und bereits nach einem Jahr die Aufgaben eines Betriebsstatistikers übertragen bekam. Das System der Planwirtschaft wurde damals aufgebaut. Bei mir liefen alle wirtschaftsrelevanten Zahlen des Betriebes zusammen. Daher hatte ich auch engen Kontakt zum Betriebsdirektor, erklärt er.
Nachdem 1953 im Rahmen des weiteren Aufbaus der Planwirtschaft ein Ministerium für Schwermaschinenbau geschaffen worden war, wechselte er nach Berlin: Man sah in mir einen entwicklungsfähigen Kader, wofür dies ein Schritt von vielen weiteren sein sollte, sagt er. In der Hauptverwaltung Ausrüstungen für die Chemie-, Keramik- und Nahrungsgüterindustrie erfolgte sein Einsatz wiederum als Statistiker, der nunmehr die Zahlen von immerhin 52 Betrieben aus der gesamten DDR erhielt, und für den Minister zusammenfasste, auswertete und analysierte. In einem Fernstudium hatte er sich mittlerweile zum Ingenieurökonomen qualifiziert.
1956 berief man Eberhard Lemmel zum Assistenten des Hauptverwaltungsleiters. Man hat mir erstaunlich viel zugetraut in meinen damals noch jungen Jahren, wundert er sich noch heute manchmal. Auf Grund einer politischen Entscheidung erfolgte 1958 seine Ernennung zum persönlichen Referenten des stellvertretenden Ministers für Schwermaschinenbaus Alfred Wunderlich. Bereits zwei Jahre zuvor war Eberhard Lemmel in die SED eingetreten und begründet dies damit, dass er manches ohne Partei gewiss nicht erreicht hätte. Man musste einfach mitmachen. Ich war einfach schon zu weit oben, um noch umschwenken zu können, sagt er dazu.
Im Jahre 1958 kam der gebürtige Chemnitzer der NOBAS schon ein wenig näher, als die genannte Hauptverwaltung per Beschluss verstärkt in jene Regionen der Republik verlegt werden sollte, in denen sich die Betriebe ihres Zuständigkeitsbereiches befanden. Ganz in diesem Sinne wurde der Teil Baustoff- und Keramikmaschinen nach Leipzig verlegt, wo auch Eberhard Lemmel von nun an, bis Ende 1965 tätig war. Die NOBAS gehörte zunächst zur HV Ausrüstungen für die Schwerindustrie und wurde 1958 jener HV zugeteilt, in der er damals tätig war. Hatte der Nordhäuser Betrieb ein Anliegen, hatte er direkt mit Eberhard Lemmel in Leipzig zu tun.
Nachdem der Planungsleiter und Direktor für Ökonomie auf Grund von Verfehlungen auf sexuellem Gebiet von seinen Aufgaben entbunden worden war, übernahm der Ingenieurökonom dessen Position und rückte damit zum Ersten Stellvertreter des Generaldirektors auf. Ich fühlte mich sehr wohl in Leipzig. Meine Frau, die ich in Berlin kennengelernt hatte, stammte aus der Nähe von Halle, und auch in meine Heimat Chemnitz war es nicht weit, denkt er zurück.
Er versuchte den Betrieben seiner HV zu helfen, wo es nur ging. Ich kam selbst aus einfachen Verhältnissen und hatte immer auch ein Ohr für die Belange der Arbeiter, die ich mir bei zahlreichen Besuchen bei den Belegschaften anhörte, sagt er. Und: Der kleine Mann hat damals im Gegensatz zu heute noch etwas gezählt.
Als er die NOBAS am 01.01.1966 als Betriebsdirektor übernahm, befand sie sich in schwerem Fahrwasser. Seinem Vorgänger war es 1965 nicht gelungen, geplante 200 Bagger nach Brasilien zu verkaufen. 1964 hingegen hatten noch 162 Bagger den VEB in dieses südamerikanische Land verlassen. Damit konnte ein Großteil des Kaffeeimports der DDR für ein Jahr gesichert werden. Wenn es gelungen war, Bagger in ein nichtsozialistisches Land zu exportieren, mussten im Folgejahr noch mehr Bagger dorthin exportiert werden. Das war von ganz oben so vorgesehen, erklärt Eberhard Lemmel. Und: Die geplanten Bagger mussten produziert werden, auch wenn es mit dem jeweiligen Land noch gar keinen Vertrag gab. Das war ein Ergebnis der Planwirtschaft. Wenn der Plan nicht erfüllt war, sei immer der Leiter verantwortlich gemacht worden und zwar auch dann, wenn er die entstandene Situation überhaupt nicht beeinflussen konnte.
150 Bagger standen Ende 1965 noch auf dem NOBAS-Gelände und hatten keinen Abnehmer. Und das, obwohl in der DDR selbst großer Mangel an diesen Großgeräten herrschte. Aber: Betriebe, die durch Exporte Devisen einfahren konnten, waren angehalten, auf Teufel komm heraus zu exportieren, sagt er. Eberhard Lemmel gelang es nach und nach, die Bagger anderweitig, zumeist in sozialistische Bruderstaaten, loszuwerden.
Ein großer Vorteil seiner Tätigkeit bestand übrigens darin, dass er selbst Mitglied der SED-Kreisleitung war. Dadurch waren Probleme mit meinem Parteisekretär weitestgehend ausgeschlossen, so Eberhard Lemmel. Zu den wichtigsten Leistungen seiner Amtszeit fiel der Umstieg von mechanischen Baggern auf Hydraulik-Bagger, wobei er noch heute stolz darauf ist, dass es damals gelang, die Teile für die Hochdruckhydraulik komplett in der DDR zu produzieren. Das zu erreichen, ist Verdienst der NOBAS, betont Eberhard Lemmel. Lediglich bei Hochdruckhydraulikschläuchen gelang dies nicht. Sie mussten für harte Devisen importiert werden.
Da die NOBAS ein zentralgeleiteter Exportbetrieb war, stand ihr notwendiges Material, ganz im Gegensatz zur Situation sonst im Land, meist ausreichend zur Verfügung.
In der Amtszeit von Eberhard Lemmel erhielten der VEB, seine Mitarbeiter und seine Produkte zahlreiche Auszeichnungen, u.a. sieben Goldmedaillen auf der Leipziger Messe, davon sechs unter Eberhard Lemmel sowie das Gütezeichen Q. Als einen von nur 15 DDR-Betrieben (jährlich) ehrte man die NOBAS als Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit und 1980 mit dem Ehrentitel Betrieb der Sozialistischen Arbeit. Um ihn zu erhalten, waren äußerst große Anstrengungen erforderlich. Wir mussten ihn in jedem Jahr erneut verteidigt, sagt er.
Der Betriebsleiter selbst durfte sich Verdienter Techniker der DDR für die im Export erreichten Leistungen nennen. Vielfach hatte er das Glück, als Reisekader zahlreiche Länder besuchen zu dürfen, um für die ständig weiter entwickelten Bagger zu werben, um Verträge abzuschließen, oder um die Grundlagen für einen reibungslosen Kundendienst bis hin zur Ausbildung ausländischer Baggerfahrer zu schaffen. 50 Mitarbeiter waren oft monatelang in Syrien, Algerien, Argentinien, Kuba, Sudan, Mozambique und anderen Staaten unterwegs, um Servicearbeiten durchzuführen. Diese Fachleute waren zuvor einer intensiven Überprüfung durch die Sicherheitsorgane unterzogen worden und sollten, wenn irgend möglich, Parteimitglieder sein.
Mehrfach bereiste Eberhard Lemmel in einem Wartburg mit der Aufschrift VEB Schwermaschinenbau NOBAS geschäftlich Westeuropa und erregte stets viel Aufsehen. Die Zöllner interessierten sich weniger für mich, sondern eher für das ungewöhnliche Fahrzeug, schmunzelt er. Der PKW Tatra, mit dem er einst die Hannover-Messe besuchen durfte, erntete allerdings eher spöttische Blicke. Das Benzinkontingent für seine Dienstreisen betrug 300 Liter Benzin pro Monat. Waren sie verfahren, musste er sich etwas einfallen lassen.
Ungern erinnert er sich an seine Eindrücke von einer Zugreise in die damalige BRD. Ich sah gern aus dem Fenster: Im Westen war alles sauber. An der Grenze in Probstzella dann der Gegensatz: Wir erhielten eine total verdreckte DDR-Diesellok vor unseren Zug gespannt. Die unfreundlichen Grenzer mit ihren MPis und grauen Uniformen verstärkten diese beobachteten Unterschiede noch. Allein die Diesellok war angesichts der vielen Westdeutschen im Zug kein schönes Aushängeschild für unser Land.
Ein Fahrer, der mit einem LKW W 50 einst einen Baggerausleger nach Holland zu transportieren hatte, ließ Eberhard Lemmel nach seiner Rückkehr wissen, dass er nie wieder mit einem W 50 in den Westen fahren wolle: Auf der Autobahn hätten mich andere Verkehrsteilnehmer fast gelyncht. Ich habe mir daher nicht getraut, einen Parkplatz anzufahren, sagte er zu ihm.
Rückblickend benennt er 15 seiner 26 Jahre als Betriebsdirektor als erfolgreich und elf als weniger erfolgreich. Insgesamt haben wir die Pläne einigermaßen realisiert, sagt er.
Meist ging der damals in der Friedrich-Naumann-Straße wohnende Betriebsdirektor der NOBAS um 5:30 zu Fuß auf Arbeit. Das war gut für die Gesundheit. Außerdem konnte man sich dabei schon mit den anstehenden Tagesaufgaben beschäftigen, sagt er. Arbeitsbeginn war 6:30.
Nach der Wende und insbesondere nach der Währungsunion brachen fast alle Kunden in den sozialistischen Ländern weg, weil sie die Bagger plötzlich auch mit Devisen bezahlen mussten. Die Hoffnung Eberhard Lemmels, die Maschinen nun in der stets vernachlässigten Noch-DDR loszuwerden, zerschlugen sich: Unsere Betriebe wurden von westlichen Herstellern mit billigen Krediten gelockt und waren daher eher geneigt, sich auch Bagger aus westlicher Produktion zu kaufen, sagt er.
Ansonsten war die Wende in der NOBAS eher ruhig über die Bühne gegangen. Mit den Leuten vom Neuen Forum haben wir vernünftig gesprochen, sagt Eberhard Lemmel.
Bald kam es zu massiven Entlassungen. Aus der NOBAS wurde die NOBAS AG. Zwar interessierten ich einige Investoren für die Firma, aber keiner für die Beschäftigten. In den Jahren 1990 und 1991 wurde ein Teil des Betriebes durch Verkauf privatisiert. Die zunächst erfolgversprechenden Verhandlungen mit DEMAG Düsseldorf scheiterten aber leider nach einem Jahr. In den Jahren nach dem Ausscheiden von Eberhard Lemmel wurde das Hauptwerk von der Günther Papenburg AG übernommen und als HBM – NOBAS Baumaschinen GmbH weitergeführt. 150 Menschen sind dort heute beschäftigt, was etwa 10 Prozent der Belegschaftsgröße aus DDR-Zeiten entspricht.
Seit 55 Jahren ist Eberhard Lemmel mit Inge Lemmel verheiratet. In den bisher zwei Jahrzehnten als Rentner bereisten beide, nunmehr ganz privat, zahlreiche Länder. Ihr Sohn, der Diplomsportlehrer Thomas Lemmel, eröffnete 1996 in der Grimmelallee ein Fitnessstudio, wo sein 80-jähriger Vater regelmäßig trainiert. Auch Tochter Ute Lemmel ist sehr sportlich und sogar prominent: als Bundestrainerin der weiblichen Jugendnationalmannschlaft im Handball.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.


