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Sa, 12:09 Uhr
25.06.2011

Menschenbilder (3)

Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Michael Stoff

Tischlermeister, ehemaliger Offiziersschüler der DDR-Grenztruppen

Die historischen Ereignisse Anfang November 1989 haben Millionen von Menschen hautnah miterlebt. Sie feierten den Fall der Mauer als den wohl am wenigsten erwarteten Vorgang in der deutschen Geschichte. Die friedliche Revolution war weitestgehend gewaltfrei, weil die Menschen keine Gewalt, sondern eine Lösung der vielen aufgestauten Probleme rein politisch herbei führen wollten.

Allzu oft wird heute aber vergessen, dass diese Revolution ohne einen einzigen Schuss stattfand, weil die DDR-Sicherheitskräfte und die für sie Verantwortlichen auf Gewalt verzichteten. Michael Stoff war Offiziersschüler der Grenztruppen, als er in den Oktober- und Novembertagen an den Brennpunkten jener Ereignisse eingesetzt wurde, die unsere Welt so grundlegend verändern sollten.

Die Familie seines Vaters Gerhard Stoff stammte aus Ostpreußen, jene seiner Mutter Brigitte Stoff aus Bielen. Während beide Eltern als Lehrer tätig waren, bestimmte die Agrotechnik die beruflichen Vorstellungen ihres Sohnes Michael. „Mich beindruckten die gewaltigen Maschinen auf den LPG-Feldern und ich träumte davon, einst selbst einen Mähdrescher steuern zu können“, sagt er. Die Umstände jedoch, die ihn Jahre später tatsächlich auf einem Mähdrescher würden sitzen lassen, die konnte er damals nicht in seinen kühnsten Träumen erahnen:

Von 1985 bis 1988 absolvierte er im Kaliwerk Sondershausen eine Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker mit Abitur und ließ sich zu einer Offizierslaufbahn überreden. „Ich kam aus einem politischen Elternhaus und war der festen Überzeugung, dass das Verhältnis der Menschen untereinander im Sozialismus besser ist, als jenes, welches wir heute erleben“, sagt er. Auf Grund seiner Einstellung war es für den jungen Mann auch selbstverständlich, 1987 Kandidat und später Mitglied der SED zu werden.

Am 25.08.1988 begann er seine auf 25 Jahre veranschlagte Offizierslaufbahn an der Offiziershochschule der Grenztruppen in Suhl. Wer jedoch glaubt, an einer derartigen Einrichtung war jede Form von Opposition vollkommen ausgeschlossen, der muss sich wohl eines Besseren belehren lassen: So berichtet Michael Stoff von einem kompletten Zug, der die Kommunalwahlen im Mai 1989 boykottierte. Dass so etwas ausgerechnet in der Elite einer DDR-Offiziershochschule geschah, muss wohl als eine besonders drastische Auflösungserscheinung des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden gewertet werden.

Bereits im Oktober 1989 wurde die Ausbildungskompanie 21, der der Offiziersschüler angehörte, zeitweise nach Berlin verlegt. Zunächst nahmen er und seine Kameraden an der Parade zum 40. Jahrestages der DDR teil und trainierten für den Vorbeimarsch an Erich Honecker und Michael Gorbatschow mehrere Tage lang auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Nach der Parade wurden die Grenzsoldaten in ein Ferienlager außerhalb der Hauptstadt verlegt, um für die „Behebung“ der im Zuge des Republikjubiläums aufgekommenen Unruhen bereit zu stehen.

Mehrfach wurden sie in das Stadtgebiet gefahren, z.T. mit 150 Schuss Munition, zweieinhalbmal so viel, wie im normalen Grenzdienst, ohne jedoch tatsächlich zum Einsatz zu kommen. Ende Oktober 1989 erhielt Michael Stoff einige Tage Urlaub. Es sollte der letzte sein, bevor sich auch sein Leben grundlegend verändern würde.

Am 4. November 1989 erhielt seine Kompanie den Befehl, das Brandenburger Tor vor dem „erwarteten Druck der Bevölkerung auf bestimmte Objekte“ zu schützen. Ein Kamerad des Obergebraers wurde noch auf dem LKW vom Dienst suspendiert, nachdem er damit gedroht hatte, auf demonstrierende Menschen zu schießen. „Wir Soldaten hatten große Angst vor einer Situation wie kurz zuvor in Peking, wo Sicherheitskräfte hunderte Menschen töteten und selbst getötet wurden. Weil uns tagelang kaum Schlaf möglich war, waren wir zusätzlich angespannt“, denkt er zurück.

Auf Befehl ihres Kommandeurs mussten die Soldaten Waffen und Munition trennen, was bedeutete, die Munition mit zu führen, während die Kalaschnikows auf den LKW verblieben. Zweimal in diesen Stunden musste Michael Stoff auf das Brandenburger Tor klettern, um die DDR-Fahne vor eventuellen Beschädigungen durch Feuerwerkskörper zu schützen. „Für alle Fälle hatten wir aber zwei Ersatzfahnen dabei“, denkt er zurück.

Kurz nach der denkwürdigen Pressekonferenz von Günther Schabowski, die letztlich zur Öffnung der Grenze für DDR-Bürger führte, wurden die Soldaten per Sonderbefehl erneut zum Brandenburger Tor beordert: „Uns wurde nicht gesagt, dass diese Pressekonferenz stattgefunden hat. Wir kannten die tatsächliche Situation nicht. Der Platz am Brandenburger Tor war wie ein Bahnhof, als wir ankamen, so viele Menschen befanden sich im eigentlich abgesperrten Bereich“, beschreibt er die unglaubliche Situation. Die Soldaten erhielten den Befehl, die Menschen aus dem Sperrgebiet zu drängen.

Von ihrem Vorgesetzten wurden sie angewiesen, als Bewaffnung lediglich Gummiknüppel am Mann zu haben. „Wenn wir den Befehl dazu erhalten hätten, zu schießen, dann hätten wir das sicher getan. Ich bin froh, dass dieser Fall nicht eintrat, denn er hätte aus mir einen gebrochenen Menschen gemacht“, bekennt er. Nach dem, was ihm an der Offiziershochschule vermittelt wurde, gab es keinen ausdrücklichen Schießbefehl an der westlichen DDR-Grenze: „Uns wurde gesagt, dass das Leben bei der Verhinderung eines unerlaubten Grenzübertritts zu schonen ist und möglichst keine Schusswaffe zum Einsatz kommen sollte. Auf Kinder, Jugendliche und Frauen durfte überhaupt nicht geschossen werden. Allerdings hatte keiner von uns Zweifel an der Rechtmäßigkeit des möglichen Schusswaffengebrauchs nach Artikel 26 des DDR-Grenzgesetzes“, sagt er.

Die 24 Stunden nach der Schabowski-Pressekonferenz haben sich in das Gedächtnis des einstigen Offiziersschülers eingebrannt. Irgendwann hatten er und seine Kameraden die Menschen aus dem Bereich des Brandenburger Tors gedrängt, doch dann kam der Druck, wie ungewohnt, aus westlicher Richtung: Denn plötzlich kletterten Westberliner Schüler auf die Mauer. „Wir schuppsten sie zurück und stellten uns selbst auf die Mauerkrone“, sagt er.

Erinnern tut er sich auch noch ganz genau an zwei Studentinnen aus dem Westteil der Stadt, die es schafften, über die Mauer in den Osten zu klettern. „Wir baten sie höflich, zurück zu klettern und gaben ihnen dafür Hilfestellung“, schmunzelt Michael Stoff. Aber es gab auch gefährlichere Situationen: „Plötzlich schoss ein Westberliner mit einer Pistole auf uns. Unser Kommandeur konnte ihm diese aber abnehmen. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Schreckschusspistole handelte“, beschreibt er den Ausgang des Szenarios.

Ganz unfreiwillig wurde der damalige Offiziersschüler sogar in einer Fernsehreportage verewigt. In einer Sendung von „Spiegel-TV“ (Nummer 9), die es noch heute, auf DVD gebrannt, zu kaufen gibt, sieht man ihn auf der zwei bis drei Meter dicken, so genannten Panzermauer am Brandenburger Tor. An einer anderen Stelle ist sein Kommandeur zu sehen, vor dem eine Frau steht, die ihn anfleht, sie doch nur ein einziges Mal durch das Brandenburger Tor gehen zu lassen. Auch das ein Detail dieser unvergleichlichen Stunden.

Am 12. November wurden der damalige Offiziersschüler und seine Kameraden an den Grenzübergang Potsdamer Platz beordert, um eine neue Grenzübergangsstelle einzurichten. Die diesmal wieder bewaffneten Soldaten erhielten den denkwürdigen Befehl, für einen reibungslosen „Reiseverkehr“ von Ost nach West, und auf Wunsch auch wieder zurück, zu sorgen.

„Gestern standet ihr noch mit Rosen in der Hand vor uns. Und nun tragt ihr wieder Waffen“, habe eine Frau enttäuscht gerufen. In jenen denkwürdigen Tagen der deutschen Geschichte endete für Michael Stoff die gerade erst begonnene Offizierslaufbahn. „Wir brauchen keine Grenztruppen mehr und die DDR ist am Ende. So realistisch war ich“, sagt er.

Eine tiefe Enttäuschung wollte ihn in den folgenden Monaten nicht mehr loslassen: „Irgendwie fühlte ich mich von unserer Staatsführung verraten und verkauft, weil sie die DDR einfach aufgegeben hat und zugleich, weil die Chance auf eine bessere DDR nicht genutzt wurde“, bringt er seine damaligen Gefühle zum Ausdruck. Er unterschrieb seine Entpflichtung und wurde dafür tatsächlich noch zum Unteroffizier degradiert. Für einige Monate half er in Uniform an wirtschaftlichen Brennpunkten in der Umgebung der Suhler Offiziershochschule, denn viele Menschen hatten das Land verlassen.

Unter anderem wirkte er im Simson-Werk am Bau von Kleinkrafträdern mit. Dann begann für den degradierten Offiziersschüler, wie er selbst sagt, eine Zeit der Selbstfindung. Zunächst erfüllte er sich nachträglich seinen Traum von den großen landwirtschaftlichen Maschinen, und ließ sich bei der LPG (P) Hainleite-Sollstedt auf den unterschiedlichsten Großgeräten ausbilden.

Während das ganze Land von einer ungeahnten Aufbruchsstimmung erfasst war, fuhr er auf seinem Mähdrescher die Felder ab, „Ich brauchte Zeit zum Nachdenken und zum Zurechtfinden. Ich genoss die Natur um mich herum, freute mich im Frühjahr über die erste Schwalbe und im Herbst über den Zug der Kraniche. Und stundenlang hörte ich NDR II, um die nun angebrochene Zeit zu verstehen“, sagt er.

In Erinnerung geblieben ist ihm auch ein Gespräch mit einem LPG-Mitarbeiter, dem er sich mit den Worten „Ich bin ein linkes Schwein!“, vorstellte. Dieser entgegnete: „Und ich bin ein rechtes Schwein!“. Die beiden wurden gute Kollegen.

21 Monate lang, bis 1991, arbeitete Michael Stoff in der LPG und wechselte dann als ungelernter Tischler in die Werkstatt seines angeheirateten Cousins, der sich selbstständig gemacht hatte. Im Jahre 1994 beendete er eine Ausbildung zum Bau- und Möbeltischler und begann drei Jahre später mit einer Meisterausbildung, die er 1999 mit Erfolg abschloss.

Sein Meisterstück war eine Haustür mit Außenwölbung, die er in sein Elternhaus in Obergebra einbaute. „Mit diesen Qualifikationen wollte ich mir und anderen beweisen, dass Offiziere auch etwas anderes können, als nur Waffen zu tragen“, sagt er. „Die Meinung in der Bevölkerung über uns war damals nicht sehr positiv.“

Nachdem sein angeheirateter Cousin die Tischlerei 1998 aufgeben musste, war der junge Familienvater eine Zeitlang arbeitslos, und leitete dann, als ABM-Kraft und künftiger Tischlermeister, eine kleine Brigade, die rustikale Eichenbänke für pausierende Waldspaziergänger baute und aufstellte.

1999 durfte er seine handwerklichen Fähigkeiten probeweise im Nordhäuser Theater unter Beweis stellen und hatte Erfolg. Seit mittlerweile 12 Jahren arbeitet er in dieser Theaterabteilung, baut Kulissen und hin und wieder auch mal eine Mauer aus Holz. Außerdem wurde er mit der Obhut über die Waffenkammer des Theaters betraut, was die Pflege und die Reparatur der zum Teil sehr wertvollen Gewehre und Pistolen einschließt.

Im Jahr des Beginns seiner Beschäftigung in Nordhausen gründete er im Nebenberuf zudem eine eigene Tischlerei im heimischen Obergebra: „Von der Wiege bis zum Sarg, umsorgt von Stoff den ganzen Tag“, lautet sein liebster Werbespruch. Wiegen und Särge wurden tatsächlich bei ihm schon in Auftrag gegeben, ein Sarg sogar von einem noch lebenden Mitbürger für die eigene sterbliche Hülle. Als begabter Handwerker fertigt der Obergebraer auch Fenster, Treppen und Türen, kann aber auf Grund seiner Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker und zum Agrotechniker auch Schlosserarbeiten ausführen.

Er sieht sich als Haus- und Hof-Tischler und betont, dass er selbst Treppen-Aufrisse ganz traditionell von Hand, und nicht per Computer anfertigt. Ehrlichkeit und Transparenz stehen für ihn im Umgang mit seinen Kunden stets an erster Stelle. „Noch nie habe ich einen einmal aufgestellten Kostenvoranschlag nach getaner Arbeit nach oben korrigiert“, sagt er. Bei Stammkunden verlässt er sich noch, wie zu DDR-Zeiten üblich, auf den Handschlag, und auf diesen können sich natürlich auch seine Kunden verlassen. Die Tischlerei möchte Michael Stoff so lange betreiben, bis sie sein Sohn, der achtjährige Florian, eventuell einst übernimmt.

Die Freizeit des Handwerksmeisters wird vor allem von seiner Mitgliedschaft im Schützenverein und von seiner Tätigkeit als Gruppenführer in der Freiwilligen Feuerwehr seines Heimatortes bestimmt.

Zudem engagierte sich der parteilose Nordthüringer in der Kommunalpolitik, ab 1999 zunächst im Gemeinderat für die SPD, und, seit der Eingliederung Obergebras nach Bleicherode, im dortigen Stadtrat für die Linke. In seiner Arbeit setzt er sich für soziale Sicherheit, Gerechtigkeit, Umweltschutz und für eine ausländerfreundliche Politik ein: Konsequent gab er aus Protest zum Beispiel einen Feuerwehrorden zurück, als vier seit Jahren in Bleicherode lebende Vietnamesen in ihr Heimatland abgeschoben wurden. Auf Grund zahlreicher Proteste, durften sie wieder einreisen.

Seit mehreren Jahren teilt der 42-jährige sein Leben mit Partnerin Ramona Schenk.

Und was erinnert ihn noch heute an die turbulente Zeit als Offiziersschüler der Grenztruppen? Sein damaliger Zugführer, ein Oberleutnant, überreichte jeden seiner Offiziersschüler am 10.11.89 ein Stück Berliner Panzermauer, herausgeschlagen von Westberliner Mauerspechten. Mit den Worten „Für vorbildlichen Grenzdienst am Brandenburger Tor in den heißen Novembertagen“ erhielten er und einige Kameraden zudem den so genannten Grünen Fuchs, oder genauer gesagt die „Medaille für vorbildlichen Grenzdienst“ aus den Händen des letzten Chefs der Grenztruppen, des aus Werna im Kreis Nordhausen stammenden Generaloberst Klaus-Dieter Baumgarten. Auf Grund seiner Verantwortung für die Toten an der DDR-Grenze wurde Baumgarten später zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
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