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Mo, 15:00 Uhr
16.03.2026
Katastrophenjubiläum am Salzagraben

Als sich die Erde auftat

Vor zehn Jahren zeigte die Natur in Nordhausen dem Menschen seine Grenzen auf, als sich am Salzagraben die Erde auftat und zwei Gebäude schluckte. Wie sieht es heute am Erdfall aus? Die nnz war zu Besuch am großen Loch…

Der Erdfall am Salzagraben wurde Mitte Februar 10 Jahre alt (Foto: agl) Der Erdfall am Salzagraben wurde Mitte Februar 10 Jahre alt (Foto: agl)

Wir schreiben den 19. Februar 2016, die Tage sind noch frostig frisch, doch der Winter ist dabei sich zu verabschieden. Am Salzagraben herrscht rege Betriebsamkeit, die Servicegesellschaft hat ihren Betriebshof auf das Kreiseigene Gelände verlegt, man richtet sich ein. Zwei Gebäude hat man bezogen, getrennt durch ein paar Meter Grünfläche, nebenan wurde just ein großes Salzsilo aufgestellt.

Am Tag habe man ein leichtes Rauschen hören können, werden die Damen aus den Büros später berichten, man habe die Heizungsanlage in Verdacht gehabt. Und auch eine klemmende Tür lässt die Alarmglocken nicht schrillen. Als Gunnar Reuter, der Geschäftsführer Service-Gesellschaft, am Nachmittag vom Betriebshof fährt, ist die Welt in Ordnung.

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Gute drei Stunden später klingelt das Telefon, die Häuser am Salzagraben drohten einzustürzen. „Als wir ankamen, war schon jede Menge Blaulicht vor Ort und man hat ein Rauschen gehört als Stünde man bei Hochwasser am Zorgewehr“, erinnert sich Reuter. Auch bei Jessica Piper, Pressesprecherin des Landratsamtes, klingelte am Abend des 19. Februar das Diensttelefon. „Es hat gedampft als hätte sich der Schlund zur Hölle aufgetan, man hat kaum etwas sehen können. Im ersten Moment wurde vermutet, dass es sich um einen Rohrbruch handeln könnte. Im Nachhinein war klar, dass der Temperaturunterschied im Erdinnern zur kalten Februarluft für den ganzen Dampf gesorgt hat“, erzählt Piper.

Der Erdfall am 20. September 2016 (Foto: nnz-Archiv) Der Erdfall am 20. September 2016 (Foto: nnz-Archiv)

Als sich der Dampfschleier lichtet, blickt man auf eine Katastrophe: die Erde hat sich aufgetan, kein kleines Loch, sondern ein Krater von beachtlichen Ausmaßen wird den gerade erst bezogenen Betriebshof in den nächsten Stunden verschlingen, 60.000 Tonnen Gestein verschwinden in der Tiefe. „Die Feuerwehr hat die Drehleiter geholt und waagerecht ausgefahren. Der damalige Leiter der Berufsfeuerwehr, Gert Jung, ist mit einer Taschenlampe nach vorne geklettert um zu sehen, wie tief das Loch ist und es schien einfach kein Ende zu nehmen“, so Reuter. Man kann nur noch zusehen, wie die Natur ihr Werk verrichtet.

Gunnar Reuter am Erdfall, zehn Jahre später (Foto: agl) Gunnar Reuter am Erdfall, zehn Jahre später (Foto: agl) Es ist nicht das erste Mal, das sich am Salzagraben die Erde auftut, bereits 2010 war an gleicher Stelle ein Erdfall entstanden und hatte ein Fahrzeug verschluckt. „Das war im März 2010. Die Hydrogeologen von der Nordhäuser IHU haben nachgebohrt und versucht, die Ursache zu ermitteln. Vermutet wurde eine Ausspülung durch ein Leck in einer Wasserleitung. Das Loch wurde verfüllt und die Fläche unter Beobachtung gestellt - das war die Grünfläche zwischen den Gebäuden. Vier Jahre lang hat man sich die Sache angeschaut und es tat sich nichts, deswegen fiel 2014 die Entscheidung, die Liegenschaft zu nutzen und Umbauarbeiten auf den Weg zu bringen“, erzählt Reuter. Die Fläche des ersten Erdfalls sollte unbebaut bleiben, nur für den Fall der Fälle.

Das erste, klaffende Loch am Abend des 19. Februar (Foto: nnz-Archiv) Das erste, klaffende Loch am Abend des 19. Februar (Foto: nnz-Archiv)

Am Abend des 19. Februar sind es Feuerwehrleute, die die ersten Anzeichen auf eben jenem Streifen Grün und dem Parkplatz bemerken. Gegenüber liegt eine Übungsstrecke der Kameraden, als man nach dem Training vom Gelände fahren will, fallen die mehrere noch vergleichsweise kleine Löcher auf. Tags darauf zeigt sich ein Bild der Zerstörung, das weit über Nordhausen hinaus gesehen wird.

Katastrophen-Jubiläum
Zehn Jahre später hat sich am Erdfall auf den ersten Blick wenig verändert. Die Reste der beiden Gebäude stehen noch, Teile der Wand- und Dachkonstruktionen sind eingestürzt, liegen aber noch in etwa da, wo sie vor einem Jahrzehnt gefallen waren. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass die Grube größer geworden ist. Teile des Pflasters hängen über die Abbruchkante in der Luft und inmitten des Chaos wachsen Bäume empor, die sich inzwischen schon über den Rand strecken.

Die Bäume im Erdfall haben den Rand der Grube schon erreicht (Foto: agl) Die Bäume im Erdfall haben den Rand der Grube schon erreicht (Foto: agl)
Über die Jahre hat das Naturphänomen manche Besucher gelockt - Wissenschaftler, einzeln oder mit eifrigen Studenten im Schlepptau und Fernsehteams, national wie international, haben schon in das Loch geblickt. Die jüngste Anfrage kam von einem Wissenschaftsmagazin mit Sitz in Bonn, berichtet Piper. Und scheinbar gab es auch informelle Gäste - der Bauzaun, der das Areal abgrenzt, war beim Rundgang mit der nnz an einer Stelle niedergedrückt.

Neugierigen sei aber auch nach zehn Jahren noch geraten, sich fernzuhalten. Der Überhang an den Bruchkanten ist schwer zu erkennen und täuscht trügerische Sicherheit vor. Und niemand vermag zu sagen, was sich unter dem kleinen See in der Mitte der Grube noch tut. „Im Grunde kann man sich das ganze wie eine große Sanduhr vorstellen. Die ausgespülten Hohlräume liegen tief unten, mindestens um die hundert Meter. Was wir sehen, ist der obere Teil der Sanduhr und die Verjüngung, die durch den Einsturz verschlossen wurde. Das liegt da wie ein Propfen drauf und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass da noch einmal etwas nachrutscht“, sagt Reuter.

Wenige Meter weiter, wo das 240 Tonnen schwere Salzsilo stand, können die Geologen keine Probleme feststellen, Messpunkte die man hier und auch an der nahen Schule anbringt, zeigen keine Veränderung über die zu erwartende Norm hinaus. Der Erdfall bleibt lokal begrenzt. Weitere Untersuchungen des Untergrunds, die sich in den Folgejahren gen Innenstadt bis über die Zorge hinaus ziehen, können im Kern nur eines feststellen: wir wissen, das wir nicht wissen können. Die wasserlöslichen Gipsschichten, die von Norden her in das Erdreich abtauchen, liegen zu tief um sichere Aussagen treffen zu können und auch die Wege, die das Grundwasser unter unseren Füßen nimmt, lassen sich nicht sicher vorhersagen.

Das Wichtigste wird noch aus dem einsturzgefährdeten Hauptgebäude geholt  (Foto: J. Piper; nnz-Archiv) Das Wichtigste wird noch aus dem einsturzgefährdeten Hauptgebäude geholt (Foto: J. Piper; nnz-Archiv) Die Versicherung, die damals noch über den Landkreis läuft, zahlt nicht. „Es war eine Katastrophe. Wir waren ja noch nicht mal ganz angekommen, der Umzug war gerade drei Monate alt. Das Silo für den Straßenverkehrsdienst hatten wir im November aufgestellt und die Genehmigung für den weiteren Ausbau des Betriebshofes lag am Samstag im Briefkasten, einen Tag nach dem Erdfall. Aber wir sind aus der Katastrophe auch gestärkt hervorgegangen“, resümiert Gunnar Reuter. Unter dem Strich kommt man am Ende glimpflich davon. Die wichtigsten Unterlagen und Daten können aus den verlorenen Gebäuden geholt werden, man kann die Löhne der Mitarbeiter ohne Verzug auszahlen, der Freistaat stellt eine halbe Million Euro bereit, um den finanziellen Schaden aufzufangen und letztlich kommt, trotz Chaos und Zerstörung, niemand zu Schaden.

Der Erdfall am Salzagraben, 10 Jahre nach der Katastrophe (Foto: agl)
Der Erdfall am Salzagraben, 10 Jahre nach der Katastrophe (Foto: agl)
Der Erdfall am Salzagraben, 10 Jahre nach der Katastrophe (Foto: agl)
Der Erdfall am Salzagraben, 10 Jahre nach der Katastrophe (Foto: agl)


Wer auf eine Karte der Region blickt, der wird sehen, dass der Erdfall am Salzagraben auf einer Linie mit den „Seelöchern“ hinter Kleinwechsungen liegt und wer sich ein bisschen auskennt, findet viele solcher Erscheinungen im Landkreis, die der Laie kaum als einstigen Erdfall identifizieren wird. Was bleibt sind Teiche, Seen und Gruben, markante Punkte in der Natur, die vom menschlichen Treiben unbeeindruckt ihrer Wege geht. Der eine oder andere „Höllenschlund“ gehört zum Werden und Vergehen im Südharz und so mag in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten auch der große Sturz am Salzagraben in Vergessenheit geraten.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Warren
16.03.2026, 09:26 Uhr
Naherholung
auf dem Hofe einer sehr kompetenten Servicegesellschaft ?
Es ist alles denkbar aber nichts geht voran. Alles weitab vom Schuss
Kritiker2010
16.03.2026, 21:19 Uhr
Das Loch und die Experten haben noch immer Unterhaltungswert
Auch heute kann man nur von Glück sprechen, dass der große Einbruch stattfand, als offenbar niemand im Gefahrenbereich war. Was dann aber folgte beschreibt im Prinzip den Zustand Deutschlands unterm Brennglas - damals, wie heute: Experten, aberwitzige Phantasiezahlen und Hysterie.

Ich erinnere mich, auch damals schon geschrieben zu haben, dass die bemühten Größenordnungen und Vorhersagen wenig mit den sichtbaren Tatsachen zu tun hatten und ich sollte wohl wieder einmal Recht behalten.

Allein tausende LKW-Ladungen Material sollten nötig sein, um den Krater zu verfüllen, was aber zu riskant sei, weil er sich garantiert noch immens vergrößern würde. 60.000 Tonnen Gestein seien in die Tiefe gestürzt, doch eigentlich wüsste man ja gar nicht wie tief das Loch sei.

Schon damals habe ich grob überschlagen, dass weit weniger als 10% (eher 6%) der Fantasiezahl die Realität abbilden würden (Mathematik ist aber nicht jedermanns Sache) und dass außer der Abflachung des Böschungswinkes durch Erosion kaum mit größeren Nachbrüchen zu rechnen sei.

Stand heute? Das Loch krümelt erwartungsgemäß vor sich hin. Die Gebäudereste stürzen Stein für Stein langsam in das Loch, in dem mittlerweile Bäume wachsen.

Ich erinnere hier gern an den Erdfall auf der Straße nach Steigerthal. Auch dort wurden Mondzahlen benutzt, phantastische Szenarien von Experten ersonnen und das Löchlein dann letztlich mit überschaubarem (aber dennoch übertriebenem) Aufwand verschlossen.

Es wird wohl nicht lange dauern, bis sich irgendwo das nächste Loch auftut und wieder die Experten zu Wort kommen ...
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