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Mo, 17:10 Uhr
31.07.2000

Wolfgang Ruske verläßt Nordhausen

Auf Wiedersehen", Polizeidirektor Wolfgang Ruske gibt dem Beamten an der Wache der Polizeidirektion die Hand und verabschiedet sich, so wie er das mehrere hundert Mal vor einem Wochenende getan hat. Am vergangenen Freitag war jedoch alles anders. Ruske sagt als Chef der Direktion, sagt in Uniform zum unwiederbringlich letzten Mal "Auf Wiedersehen".
Der Freitag war Ruskes letzter Dienstag in Nordhausen. Zuvor mußte er eine formale Prozedur über sich ergehen lassen. Mit Laufzettel "bewaffnet" durchlief er quasi im Rückwärtsgang mehrere protokollarische Stationen. Schließlich gibt er seinen Dienstausweis ab. Da schwingt in der Plastikkarte vieles mit: Wehmut, das Kribbeln im Bauch, der Kloß im Hals - in diesem Moment sind nicht nur neun Jahre Nordhausen auf wenigen Quadratzentimetern Plastik dicht beieinander. Da ist der Ausweis so was wie ein Intel-Chip, nur sind hier keine Bits und Bytes eingestanzt, der Ausweis gibt Auskunft über 60 Jahre Leben, das mindestens 41 Jahre im Zeichen des Polizeidienstes stand. Und davon konnten die Stadt Nordhausen, der Landkreis, die Nordthüringer Region acht Jahre profitieren.
"Es war irgend im Dezember 1991, da kam ich das erste Mal in Nordhausen an, es war düster und kalt, die Luft war für mich verwöhnten Wessi stickig von den vielen Kohleheizungen", beschreibt Wolfgang Ruske seine Nordhäuser Kontaktaufnahme. Beraten sollte er, der Hesse, beim Aufbau einer neuen Polizei in Thüringen. Im April des nächsten Jahres wurde aus dem Berater der Direktor der Polizeidirektion. Acht Jahre lang hat er sich bemüht, die Polizei zu dem zu machen, was sie nach seiner Vorstellung sein soll: ein Dienstleister für den Bürger, für die Menschen und immer nah an ihnen dran. Große und kleine Kämpfe focht Ruske aus, die Schauplätze wechselten zwischen Nordhausen und Erfurt, manchmal hielten auch kleine "Kriegsschauplätze" auf. Ruske wollte nie der "Ober-Wessi" sein. Ob er es geschafft hat, das sollen andere beantworten. Er vergaß nicht, daß es auch zu DDR-Zeiten eine Polizei gab, daß Menschen deren Uniform anzogen, weil sie das Wesen Staat schützen wollten, weil sie Unrecht und Gewalt von Menschen abhalten wollten. Mit denen arbeitete Ruske weiter. Denn Polizei ohne Menschen aus der Region ist für den 60jährigen so was wie Thüringen ohne Bratwurst.
Ruske meint, er habe es vielleicht leicht gehabt, weil er sich von unten nach oben gedient hat. Vom Streifenwagenpolizisten, über den Leiter einer kleinen Dienststelle bis zum Chef für tausend Beamte. Er hat sich das nötige theoretische Rüstzeug später erkämpft, auf Fach- und Hochschulen. Sein Geburtsjahrgang machte das Abi fast unmöglich. Doch schon mit vier Jahren wollte er irgendwann mal eine Uniform anziehen. Sein Vater, Berufsoffizier, war sein Vorbild. Und lächelnd erinnert sich Wolfgang Ruske, wie er sich eine kleine Uniform schneidern ließ und als Vierjähriger einen Holzsäbel durch die Luft schwang.
Befragt man den Menschen in Uniform nach den schönsten Tagen in seinem Leben, ist man überrascht, weil sie so gar nichts mit Polizei zu tun haben: Drei Momente nennt er spontan. Die Öffnung der innerdeutschen Grenze, in deren Nähe sein Haus steht! Den Tag, als sein Sohn nach einer schweren Operation am Kopf wieder auf dem Weg der Besserung war und die beiden Tage, an dem ihm seine Tochter zwei Enkel schenkte. Natürlich gibt es auch Tage, die der Polizist einfach löschen möchte: Zwei seiner Kollegen aus Hessen wurden bei Protesten an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens erschossen. Im vergangenen Jahr fuhr Wolfgang Ruske nach Köln und kondolierte bei der Frau von Friedhelm Beate, dem Wanderer, den "seine" Polizisten in Heldrungen erschossen hatten.
In welche Schublade der zurückliegende Freitag einzuordnen ist, wird die Zukunft zeigen. Sie wird in Maßen für Wolfgang Ruske auch in Nordhausen liegen. Es gibt noch viel zu tun für ihn in seiner Wahlheimat. Zuhause in Bad Sooden-Allendorf hat ihm seine Frau bereits ein Arbeitszimmer eingerichtet, hier hat er auch Zeit. Artikel will er schreiben für Fachzeitschriften, will seine Erfahrungen weitergeben.
Wolfgang Ruske geht als Chef der Nordthüringer Polizei, sein Dienstzimmer war am Freitag etwas unordentlich. Das ändert sich bis zum Abend, halbe Sachen hat er nie gemocht. Und das aus Erfurt noch kein Signal kommt, wer denn nun sein Nachfolger wird, das ärgert ihn doch. Nicht nur ein bischen.
Wolfgang Ruske verläßt Nordhausen. Wir haben zusammen viele Geschichten "geschrieben", waren mitunter nicht einer Meinung, doch das kann zwischen einem Polizist und einem Journalist nicht anders sein. Neben Erfolgen stehen nun mal Mißerfolge - auch in der Polizeiarbeit. Doch eines möchte ich dem Wolfgang Ruske bei seinem dienstlichen Abschied mit auf den Weg geben. Zwei Worte: Auf Wiedersehen!
Autor: psg

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