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Mo, 11:30 Uhr
18.10.2021
Mit Nadel und Faden hinter den Kulissen

Carmen – ein Mythos

Er existiert noch, der Carmen-Mythos, die Faszination für eine Frauenfigur, die sich einfach nicht in ein traditionelles Frauenbild fügt. Ivan Alboresi bringt den Klassiker demnächst auf die Nordhäuser Bühne. Für eine "Carmen" muss freilich auch die Kostümierung passen und um die hat sich unter anderem Birte Wallbaum gekümmert...

Es ist ein moderner Mythos, der sich ganz wunderbar als Projektionsfläche für Freiheit und weibliche Stärke eignet, aber genauso erschreckt, wie er fasziniert.

Und darin unterscheidet sich Carmen kaum von Figuren der Antike, einer Elektra oder Medea. In der Novelle von Prosper Mérimée, die die Libretto-Vorlage für George Bizets Oper ist, wird Carmen als eine sehr ambivalente Frau beschrieben, kontrovers in ihrer Lebensart und Männer verzehrend. Schwer fassbar bleibt sie bei Mérimée auch deshalb, weil sie selbst nicht zu Wort kommt, es sind die Männer, die Carmen in den Blick nehmen.

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Ivan Alboresi lehnt sich mit seiner Konzeption vornehmlich an die Novelle von Mérimée. Er entwickelt mit den Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne ein Psychodrama und wendet den Blick ins Innere der Figuren. Für diese Momente des Spiegelns des Denkens und Fühlens nutzt er zusätzlich zu der Musik von Rodion Shchedrin, der die allbekannte Musik von Bizet rhythmisch und in der Instrumentation geschärft, sozusagen mit Peperoni gewürzt hat, Stücke der amerikanischen Komponistin Julia Wolfe, eine Musik für Streichorchester. Mit dieser Musik machen wir den Schwenk ins albtraumhafte Innere der Figuren und es wird klar: der Tod ist in diesem Stück allgegenwärtig.

Birte Wallbaum sorgt dafür das auf der Bühne optisch alles passt (Foto: Theater Nordhausen) Birte Wallbaum sorgt dafür das auf der Bühne optisch alles passt (Foto: Theater Nordhausen)
Birte Wallbaum, Kostüm- und Bühnenbildnerin am TN LOS! entwarf für die Ballettproduktion »Carmen« die Kostüme. Die gebürtige Kielerin studierte Bühnen- und Kostümbild an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Am Theater Basel war Birte Wallbaum von 2016 bis 2018 fest im Ensemble als Bühnenbildassistentin. Sie assistierte u. a. bei der Philip-Glass-Oper »Satyagraha«, die in Kooperation mit der Komischen Oper Berlin entstand. Erste eigene Arbeiten kreierte sie während des Studiums in Zusammenarbeit mit der Filmuniversität Babelsberg »Konrad Wolf«, am Theater Basel sowie am Staatsschauspiel Dresden. Das Stück »Operation Kamen« vom Staatsschauspiel Dresden, für das Birte Wallbaum die Kostüme entworfen hatte, war 2019 zum renommierten Festival für junge Theatermacher »Radikal jung« am Münchner Volkstheater eingeladen. Seit April 2019 ist Birte Wallbaum als Ausstatterin am Theater Nordhausen engagiert und hat bisher u.a. die Kostüme für »Madama Butterfly«, die Ballette »Inside us«, »Winterreise oder Stationen einer Flucht« und »Petruschka« entworfen und die Gesamtausstattung u.a. für »Die Zauberflöte« und die zauberhafte Geschichte »Die chinesische Nachtigall oder die Macht der Musik« übernommen.

Im Moment steht Birte Wallbaum mit dem Team der Produktion und dem Ballett TN LOS! kurz vor der Premiere von »Carmen«. Schon jetzt arbeitet sie parallel dazu an der Ausstattung der anstehenden Uraufführung von Christoph Ehrenfellners Oper »Kain und Abel« und zeichnet die Figurinen für das Ballett »Verklärte Nacht«. Renate Liedtke vom Theater sprach mit der Kollegin über das Frauenbild in Alboresis „Carmen“, todbringende Stiere und Sinnlichkeit auf der Bühne.

Kostümentwurf für den Don Josè (Foto: Theater Nordhausen) Kostümentwurf für den Don Josè (Foto: Theater Nordhausen)


Der Name Carmen ist gemeinhin ziemlich klischeebehaftet. Man denkt an bunte rüschenbesetzte Volantröcke, große Ohrringe und rote Blumen im Haar. Diese vorbelastete Stereotype macht es schwer, sich mit der Figur Carmen schöpferisch auseinanderzusetzen. Dennoch hat Choreograf Ivan Alboresi für seine Produktion ein ganz anderes Carmen-Bild gefunden. Wie sieht das Kreativ-Team die Figur der Carmen und wie sieht das Kostüm aus, welches du für sie entworfen hast?

Wallbaum: Wir haben im Team beschlossen, gerade dieses Bild mit den Volantröcken komplett über den Haufen zu werfen. Die Frauen in diesem Stück, und dazu gehört Carmen, sind selbstbewusst und stark, es sind Arbeiterinnen in einer Zigarettenfabrik und wenn diese aus der Fabrik mit einem Volantröckchen kommen, ist es ein stückweit unglaubwürdig. Wir haben beschlossen, sie bekommen alle Hosen.

Sie haben also auch eine männliche Attitüde?

Wallbaum: Genau! Es sind einfach starke Frauen, sie tragen kurze Oberteile und man sieht den Sixpack. Man merkt sofort, diese Frauen sind durchsetzungsstark und selbstbewusst. Das zeigt sich auch später in einer anderen Situation. Es gibt ein Fest, in dem wir das Spanien-Bild beibehalten wollten. Dort nehmen wir als spanische Elemente die typischen Torero-Hosen. Frauen wie Männer haben gleichermaßen hochgeschnittene Hosen an. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern, zwischen Stier und Torero, zwischen Jägern und Gejagten ist also gar nicht so groß.

Und Don José, ist der genauso gekleidet wie der Torero Escamillo?

Wallbaum: Nein, Don José ist ja Soldat, er hat eine modern interpretierte Militäruniform. Bei den Soldaten haben wir auf moderne Schnitte zurückgegriffen und diese mit Uniform-Elementen verändert.

Ein großes Thema ist der allgegenwärtige Tod. Bei Prosper Mérimée ist José ein Mörder, der zu Beginn der Erzählung auf seine Hinrichtung wartet, die Begegnung zwischen Stier und Torero kann tödlich ausgehen und Carmen schließlich nimmt lieber den Tod in Kauf, als sich unterzuordnen. Wie habt ihr dieses Thema auf der Bühne umgesetzt?

Wallbaum: Bei uns ist es so, dass zuerst das Bühnenbild entsteht. Wolfgang Kurima Rauschning, der Bühnenbildner, hat da eine starke Setzung vorgegeben. Wir haben einen roten, glänzenden Lackbühnenboden und zwei große, schwarze, stilisierte Hörner, fast skulptural, die sich unabhängig voneinander frei im Raum bewegen können. Also, es sieht super aus. Wir sitzen ja gemeinsam in einem Büro, und ich bekomme den ganzen Prozess der Bühnenentwicklung mit und kann das dann in die Gestaltung des Kostüms einfließen lassen. So ist die Figurine des Todes davon inspiriert.

Der Stier also als Todbringer, als Zeichen des Todes …

Wallbaum: Genau, wir haben einen kaschierten Stierkopf, der immer wieder in Erscheinung tritt. José hat ihn auf, als er am Anfang in der Zelle auf seine Hinrichtung wartet. Die Figur des Todes ist es, die diesen Kopf aufsetzt und damit tanzt. Der Tod trägt bei uns einen Mantel mit langer Schleppe und ist mit roten Lackeinsätzen versehen. Das sieht aus, als sei der Mantel von Blutadern durchzogen. Bei Carmen ist es das Gleiche. Sie hat zwar nicht die typische Torero-Jacke an, aber eine kurze Jacke, die daran angelehnt ist. Bei dieser springen die Schulternähte auf und darunter wird der rote Lackeinsatz sichtbar. Rot als die Farbe des Blutes, der Leidenschaft, der Liebe, der Erotik – also hier erfüllen wir alle Klischees. Es sieht einfach toll aus, wenn der Tod kommt und den Mantel mit der Schleppe wirft.

Das sind schöne sinnliche Momente. Geht denn etwas Sinnlichkeit verloren, wenn die Damen alle Hosen tragen?

Wallbaum: Gar nicht, das ist trotzdem alles sehr erotisch. Das Material ist es, dass die Sinnlichkeit des Körpers betont.

Wenn man Kostüme für Tänzer entwirft, muss man auf andere Dinge achten als beim Entwurf für Sänger oder Schauspieler …

Wallbaum: Also am wichtigsten sind die Socken, auch wenn sich das jetzt banal anhört. Gerade bei einem Lackboden, der super rutschig ist, wäre das falsche Material fatal. Die Socken sind die Haftung zum Boden, für einen Tänzer muss das stimmig sein. Die Hosen müssen in allen Teilen voll elastisch sein, da darf bei den extremen Bewegungen nichts reißen. Hier gilt es, das richtige Material zu finden, damit aller Tanz möglich ist.

Und Escamillo, der Stierkämpfer und Star der Arena …

Wallbaum: Escamillo muss kommen und strahlen. Er erscheint bei uns auf der Bühne in silbernem Leder und er trägt eine super coole Jacke. Hier hat die Schneiderei wirklich großartige Arbeit geleistet. Ich hatte eine Vorlage, in der die Polygonfigur der Hörner aufgenommen war, es sah so aus, als ob sich Escamillo mit den Hörnern der getöteten Stiere geschmückt hat. Es war eine Herausforderung, diese Stacheln mussten stehen und der Tänzer damit aber auch tanzen können. Die Schneiderei hat das sehr konstruktiv gelöst.

Ivan Alboresis Carmen-Interpretation ist ein Psychodrama, welches sich zwischen den Figuren entwickelt.

Wallbaum: Ja, ihm war es sehr wichtig, dass dies auch auf der Bühne so zum Ausdruck kommt. So ist die Figur des Todes entstanden. Es gibt albtraumartige Sequenzen vornehmlich zu der Musik, die Ivan neu dazu genommen hat, zum Beispiel die Szenen mit dem Stierkopf oder da gibt es eine Gruppe Frauen, welche die hohen typischen spanischen Kämme mit langen Schleiern tragen und wie ein Trauerzug über die Bühne ziehen.
Autor: red

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