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Mi, 10:29 Uhr
28.09.2005

nnz-Betrachtung: Rasend vor Gewinn

Nordhausen (nnz). Es sind die kleinen Nachrichten, die in Zeiten wie diese, mehr beleuchtet werden sollten. Eine solche Nachricht kommt aus der Stern-Zentrale in Stuttgart und hat Folgen, über die in Zeiten der Globalisierung kaum jemand noch diskutieren möchte.


Am Rande einer Diskussionsrunde zu den damals bevorstehenden Wahlen hatte die nnz die FDP-Kandidatin Franka Hitzing gefragt, was denn sei, wenn die Unternehmen in Deutschland weiter von ihrer hohen Steuer- und Sozialabgabenlast befreit werden (wie es die FDP vorschlägt) und trotzdem weiter massiv Arbeitsplätze abbauen und ins Ausland verlagern? Die Antwort war gut: Es gehe ihr nicht nur um die Entlastung der Konzerne, sondern des Mittelstandes und der Handwerker, die nicht nach Tschechien oder Rumänien ausweichen können.

Das klingt auf den ersten Blick logisch, doch auf den zweiten das Argument nur bedingt haltbar. Im Wirtschaftskreislauf dieses Landes kann der Mittelstand, können Handwerk und Gewerbe nicht losgelöst von den Big-Playern, den Konzerne agieren und schon gar nicht existieren. Sie sind festgeschnürt, sind eingebunden. Ob als Zulieferer, ob als Dienstleister.

Heute nun die Nachricht: Mercedes will 8.000 Stellen streichen. Peng. Das hat gesessen. Und während 8.000 Frauen und Männer Angst vor der Zukunft haben, steigt die DaimlerCrysler Aktie um 3 Prozent. Das bedeutet, der Konzern ist von einer Stunde auf die andere drei Prozent mehr wert. Jubel bei den Aktionären. Vielleicht bei den Kleinen auch, die nun einige Hundert Euro mehr in ihrem Depot haben. Verhaltener Jubel bei den Großen, bei denen gehören Millionengewinne oder Verluste zum Tagesgeschäft. Die gewinnen immer, egal ob Kurse steigen oder fallen.

Doch zurück zu den Folgen. Die nnz will es mal ganz simpel machen. 8.000 Jobs weg, das bedeutet – es wird 8.000 Mittagessen weniger in den Kantinen der Werke geben. Weniger Mahlzeiten, weniger Aufträge. Weniger Geld in vielen Geldbörsen. Sicher, 2.000 oder 3.000 werden wieder einen Job finden, der Rest wird ein Jahr vom Staat alimentiert, danach wird sich Hartz-IV seiner annehmen. Die Folgen der Streicharie sind also noch nicht abzusehen. Sie bedeuten auf jeden Fall den Verlust von weiteren Arbeitsplätzen, beim Mittelstand, vielleicht auch bei Bäcker, Fleischer oder Caterer.

Nur einige wenige werden sich die Hände reiben. Sie bleiben meist anonym und kümmern sich um den Zuwachs ihres Kapitals, das nicht nach Millionen, sondern nach Milliarden gemessen wird. Und dieses Kapital, so sagte es einst ein Mann mit silbrig-grauem Bart voraus, wird um die Welt rasen. Was einst Marx beschrieb, nennt sich heute zum Beispiel Hedge-Fonds. Diese Geldansammlungen hetzen um die Welt und suchen sich Unternehmen, bei denen es etwas zu gewinnen gibt. Die Anonyma denken nicht an die Tausenden von Mitarbeitern, sie wollen zerschlagen und verkaufen. Volkswirtschaften oder nationale Kreisläufe existieren nicht, sind dem Geschäftszweck nur hinderlich. Und wenn das mal nicht so klappt, dann schäumen sie vor Wut und bedienen sich der Medien, die ihnen vermutlich auch schon gehören.

Jüngstes Beispiel VW. Wie wurde da in den USA oder in Großbritannien der Porsche-Einstieg angegiftet. Der geplante Aktienkauf sei nur das jüngste protektionistische Manöver der deutschen Industrie und der politischen Klasse, anglo-amerikanische Investoren fernzuhalten, mutmaßt etwa der "Guardian". Howard Wheeldon, Kolumnist bei der Nachrichtenagentur Dow Jones Newswires, hält den Einstieg gar für einen so "lächerlichen wie extremen Deal", der mehr als typisch für die Idee von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch sei, eine Lösung für die vielen Probleme von Volkswagen zu finden. "Zu Recht muss gefürchtet werden, dass der Aktienkauf tatsächlich nur verhindern soll, dass VW eines Tages vor einem feindlichen Übernahmeangebot steht. Im besten Fall wird die Porsche-Beteiligung die unausweichliche Aufspaltung des VW-Konzerns nur verzögern." Und nun mutmaßen sie mal, für wen das gut sein könnte?

Aber: Es ist so einfach. Und da will allen Ernstes die Politik noch etwas dagegen halten? Die Programme der deutschen Parteien taugen dazu alle nicht. Sie können nur verzögern. Und zum Schluß, wenn dann auch der Fleischer oder Bäcker um die Ecke (sofern es ihn noch gibt) nicht mehr weiter kann, dann werden die Parteiführer wissen, dass man Geld beim besten Willen nicht essen kann.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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