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Mo, 19:52 Uhr
30.11.2020
Gipsindustrie sprach im Ausschuss vor

Unser Gips ist unverzichtbar

Im Ausschuss für Stadtentwicklung stellte sich heute die Arbeitsgemeinschaft der Harzer Gipsunternehmen vor und sprach über den Rohstoffbedarf, Renaturierung und alternativen Baustoffe. Außerdem auf der Tagesordnung: der „Klima-Pavillon“ kommt nach Nordhausen…

Gipsabbau im Südharz (2014) (Foto: BUND) Gipsabbau im Südharz (2014) (Foto: BUND)

Begonnen wurde mit dem Projekt „Klimapavillon“. Das wurde 2017 auf der Landesgartenschau in Apolda aus der Taufe gehoben. Der futuristisch anmutende Kuppelbau soll einen Diskussionsraum rund um Klimaschutz und Nachhaltigkeit bieten und gastierte bisher in Gera, Jena und Weimar.

Mit Nordhausen kommt 2021 der erste Standort außerhalb des „A4-Speckgürtels“ hinzu, erklärte Johannes Götting, Klimamanager der Stadt Nordhausen. Fraglich war bisher, wo der Pavillon stehen könnte. Ursprünglich war der Aufbau auf dem Campus der Hochschule vorgesehen, wurde aber inzwischen verworfen. Als alternative Standorte standen in der Folge der Petersberg, die Wendeschleife in der Parkallee und der Blasii-Kirchplatz zur Diskussion.

Für den Aufbau ist einiges an Logistik nötig, in Verbindung mit Sichtbarkeit und Erreichbarkeit habe sich der Parkplatz vor der Blasii-Kirche als die attraktivste Option herauskristallisiert, erläuterte Götting. Zwischen April und September soll der Pavillon interessierte Besucher locken, in diesem Zeitraum würden die rund 28 Stellplätze an der Kirche wegfallen. Zu klären sei deswegen die Frage inwiefern diese verlagert werden könnten, etwa in die Marktpassage oder an die Wallrothstraße. Eine Verknüpfung mit Veranstaltungen wie dem Altstadtfest sei denkbar.

Unser Gips ist unverzichtbar
Fragen gab es im Ausschuss zum Klimapavillon nicht, wohl aber zum nächsten Tagesordnungspunkt: die Arbeitsgemeinschaft der Harzer Gipsunternehmen (AHG) stellte sich und ihre Anliegen vor. Das die Gipsfrage eine gewisse Sprengkraft mit sich bringt, dürfte dem aufmerksamen Beobachter in den letzten 30 Jahren kaum entgangen sein.

Das Thema sei mit vielen „Emotionalitäten“ behaftet führte denn auch sogleich Silvio Löderbusch ein, der für die Arbeitsgemeinschaft der drei Abbauunternehmen CASEA, Knauf und Saint Gobain Formula sprach und die Sichtweise der Industrie darlegte. Man wolle eine objektive Betrachtung der Sachlage und sei offen für den Dialog mit allen Beteiligten. Löderbusch war sichtlich bemüht die zu erwartenden Wogen zu glätten, sprach neben dem steigenden Rohstoffbedarf, Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen und soziale Projekte der Unternehmen auch über alternative Baustoffe und Renaturierung.

Gerade in der Pandemie sei es wichtig anzuerkennen, dass die Gipsindustrie in der Region ein verlässlicher Steuerzahler und Arbeitgeber für rund 1.800 Beschäftigte in drei Bundesländern sei. Der Rohstoff Naturgips sei „unverzichtbar“ und durch den Wegfall des REA-Gipses, der bei der Kohleverstromung entsteht werde die Nachfrage in den kommenden Jahren weiter steigen.

Es sei nicht das Anliegen der Industrie nun „Löcher aufzureißen und einfach loszubuddeln“, als Familienunternehmen würde man bei Knauf und CASEA in Generationen denken und sei darauf bedacht „möglichst schonend in die Natur einzugreifen“, zu rekultivieren und wiederaufzuforsten. Eine Ausweitung des Abbaus würde zudem nicht nur den Südharz treffen, schließlich gibt es auch in Süddeutschland Gipsvorkommen. Das die weit weniger umfangreich sind, als die Vorkommen am Harzrand, erwähnt er indes nicht.

Alternative Baustoffe wie Lehm und Holz brächten ihre eigenen Nachteile mit sich, der Import anderer Gipsarten werfe die Frage nach dem CO2-Fußabdruck auf und dem effektiven Gipsrecycling stünden neben technischen Hürden auch gesetzliche Bestimmungen im Weg, sodass hier nicht die Mengen geliefert werden können, die gebraucht werden. Kurzum: zum Südharzer Gips gibt es, zumindest mittelfristig, keine brauchbare Alternative.

Und ganz Unrecht wird Löderbusch damit wohl nicht haben, rational sind viele seiner Argumente durchaus nachvollziehbar, zumindest aus Sicht der Industrie. Der Blick des Anwohners ist da ein ganz anderer. Ricardo Roßmell, Ortsteilbürgermeister in Stempeda, hat den Alten Stolberg direkt vor der Haustür. In seinem Ort mache man sich Sorgen um die Zukunft, nicht um die nächsten fünf, sondern um die nächsten fünfzig Jahre, darum das, wenn die Rohstoffe einmal weg sind, die Industrie einfach weiter zieht. Stadtrat Christian Lautenbach aus Petersdorf schlägt in die gleiche Kerbe. „Wir haben Angst, Angst das uns der Gipsabbau die Heimat zerstört, Angst davor das wir irgendwann bis nach Rüdigsdorf gucken können weil der Winkelberg nicht mehr da ist, Angst das irgendwann 30 und mehr Lkw durch den Ort rauschen und wir hier nicht mehr leben möchten“.

Und Löderbusch macht sich, bei aller Mühe, mit seiner Wortwahl nicht nur Freunde. Dass der Abbau keine Zerstörung sondern lediglich eine „Umwandlung“ der Natur sei, ist schlicht Schönfärberei und wird im Ausschuss auch als solche kritisiert und das Anliegen, nicht mit Arbeitsplätzen drohen zu wollen geht im Laufe der rund einstündigen Gesprächsrunde schließlich auch verloren. Die „Emotionalitäten“, es gibt sie auf beiden Seiten.

Einen Wandel wird es geben, das schließt keiner aus. Die Frage ist vielmehr, wie der aussehen wird. Die Gipsindustrie plädierte heute dafür, im Dialog zu bleiben, „positiv nach vorne orientiert“, nicht „abwehrend destruktiv“ müsse man denken, nicht die ausschließliche Konfrontation suchen. Die lokale Ebene hätte in diesem Prozess mehr Macht, als allgemein angenommen, meint Löderbusch, sowohl der Ministerpräsident wie auch die Umweltministerin hätten versichert, eine Lösung die aus der Region kommt, auch mitzutragen. Lösungen, die „keinen Kohnstein hinterlassen“. Am treffendsten formuliert es schließlich Lars Kothe, der hauseigene Förster der Firma Knauf: den Dialog zu suchen würde nicht bedeuten, dass es keine Konfrontationen mehr gibt. Aber man sollte „eine Schippe von der Konfrontation herunternehmen“.

Kann das nach drei Jahrzehnten Gipskonflikt gelingen? Mit dem Kohleausstieg sind die Vorzeichen andere und die werden die nächste Runde im ringen um den Südharzer Gips maßgeblich bestimmen. Die wurde heute von der Arbeitsgemeinschaft eröffnet, als nächstes ist der BUND dran, der im Ausschuss seine Konzepte vorstellen will.
Angelo Glashagel
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Kommentare

30.11.2020, 20.18 Uhr
Wie Bitte | ...und wenn man nicht nach der Pfeife tanzt -
- welche die Gipsindustrie spielt, kommt dann wieder die Drohung, alle Beschäftigten, die aus Nordhausen stammen, entlassen zu wollen?
Falls sich noch jemand daran erinnert. Ich frage für einen Freund.

5   |  5     Login für Vote
01.12.2020, 07.56 Uhr
altmeister | Kosten- Nutzen Analyse
Ein Klimapavillon soll also auf dem Blasiikirchplatz aufgebaut werden, mit einem hohen logistischen Aufwand.
Da stellen sich mir einige Fragen.
Was kann in einem solchen Konstrukt besser vermittelt werden als in einer Schulklasse, einer Aula usw.?
Welches Ziel soll erreicht werden?
Wird, da vom grünen Umweltministerium initiiert, in diesem eine grüne Politik propagiert (diese Frage vor allem in Anbetracht des bevorstehenden Wahljahres) und somit hier ein dauerhafter, vom Steuerzahler getragener, Infostand der Grünen installiert?
Wer sind die Akteure bei dieser Aktion?
Ist der hohe logistische und personelle Einsatz gerechtfertigt, auch in Anbetracht der dabei entstehenden Umweltbelastung?
Warum nicht an einer Stelle, welche die ohnehin angespannte Parkplatzsituation in der Innenstadt nicht weiter verschärft, da an dieser die coronabedingte Situation der Händler und Gaststättenbetreiber im Zentrum nicht gerade vereinfacht wird?
Werden in diesem Klimapavillon alle Richtungen der wissenschaftlichen Forschung und Aussagen übermittelt oder nur bestimmte Richtungen?
Ich bin gespannt, ob vernünftige Antworten kommen.

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01.12.2020, 10.12 Uhr
Paulinchen | In dem Klimapavillon...
... erklären uns die Grünen dann, wie klimafreundlich alle Autos mit Verbrennermotor sein könnten, wenn sie alle mit synthetischen Kram ftstoff fahren würden. Nur das haben wir aus Mangel an Bildung in unserem Klimawahn nicht rechtzeitig erkannt. Kann ja mal passieren.

Dieser Pavillon passt genau in das umweltfreundlichste Industriegebiet der Republik, in die Goldene Aue. Dort können die Besuchermassen bequem mit dem Auto anreisen und finden garantiert einen Parkplatz.

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01.12.2020, 10.17 Uhr
jayjay | Steuereinnahmen
Als Bürger von Walkenried möchte ich zu dem Bericht folgendes sagen: Die Firma Saint Gobain Formula zerstört die Natur, verschmutzt die Straßen und macht Lärm mit ihrem Gipsbrecher. Die fälligen Steuern zahlen sie nicht etwa an die Gemeinde Walkenried, sondern in Aachen, an eine Stadt, die genug Steuern einnimmt. Warum werden die Steuern nicht am Herstellungsort Walkenried abgeführt?Nutzen sie eine Gesetzeslücke schamlos aus?

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01.12.2020, 11.12 Uhr
Schnapshäuser | Aber jetzt mal was Gutes über den Pavillon
Architektonisch schmiegt er sich wunderbar in das Tor zur Altstadt, Historiker werden noch in längst vergangenen Zeiten von der Zeit des Pavillon schwärmen .
Und die 28 Parkplätze braucht in der Altstadt kein Mensch,
aber der Auftritt der Zauberkünstler (es müssen mehrere sein einer bekommt das nicht hin) die dann in der Wallrothstraße neue Parkplätze schaffen wird grandios.

Allen eine schöne Woche

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01.12.2020, 11.16 Uhr
LAGE | Energiewende
Mit dem Abschalten der Kraftwerke in denen Rigips, als Nebenprodukt entstand, muss nun verstärkt die Natur herhalten.
Es sollte jeder mal in seiner Wohnung mal überprüfen wie viele Gipskartonplatten verbaut wurden. Einige werden da sehr erstaunt sein über die Anzahl! Trockenbau ist sehr aktuell und beliebt!
Das ist ein weiterer Minuspunkt der E.-wende!
Strom kaufen wir dann z.B. in Polen und den Gips auch - wenn dann nur nicht die Transportkosten wären!

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01.12.2020, 11.18 Uhr
Paulinchen | Wer hätte gedacht,...
... wofür Gips gebraucht wird? Die Branche der veganen Lebensmittelindustrie benötigt Gips zur Herstellung der veganen Delikatessen.

Zum Thema Arbeitsplätze: 1.800 Arbeitsplätze, sind in einer Zeit, der Energiewende wohl eher nicht das Problem. Diese Wende produziert uns mehr als 4.000.000 Arbeitslose. Ich traue der Zusage im Bezug auf die Renaturierung nicht. Denn Industriebrachen sind in der Vergangenheit, immer noch als Pferdefuss den Kommunen, oder dem Staat und somit dem Steuerzahler angehängt worden. Getreu dem Motto,wo nichts mehr ist, kann man auch nichts mehr holen. Betrachte ich mir das obige Foto, könnte ich weinen. Wenn das die Zukunft der Rüdigsdorfer Schweiz wird, dann gute Nacht, lieber Südharz.

Im Zusammenhang mit dem Artikel des Kommentators aus Walkenried, darf man fragen, in welche Kasse fliessen den nun die Steuergelder??? Bleiben hier nur die Banderolen der Geldpakete?

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01.12.2020, 12.23 Uhr
MR63 | Kosten-Nutzen-Analyse Naturgips
Eigentlich bringt es doch die CORONA-Pandemie für jeden begreiflich an das Tageslicht: Unsere menschliche Gesellschaft ist sehr leicht verletzlich, wenn unsere Umwelt nicht mehr so ist, wie wir sie seit tausenden von Jahren gewohnt sind. Dementsprechend sollten wir mit unserer Natur sehr bedacht und weise umgehen!
Wenn beim Abbau des Naturgipses die Ressource Natur realistisch und angemessen eingepreist werden würde, würden sich auf Grund des Preisdruckes auch Alternativen entwickeln und vermarkten lassen. Naturgips ist einfach unschlagbar billig und die Akteure haben ihre Infrastruktur auf Naturgips ausgerichtet!
Die durch die Energiewende gefährdetet Arbeitsplätze sind ein immer wieder genährtes rückwärts gerichtetes Argument, alles so zu belassen, wie es ist. Meine Meinung ist, dass gerade durch die Energie- und Klimawende viele neue Arbeitsplätze und Existenzen geschaffen werden können, da trotzdem weiter produziert, gebaut und konsumiert wird - nur anders, bewusster und nachhaltiger. Wir sollten uns zutrauen, notwendige Veränderungen optimistisch und mit Mut zum Schutze unserer Natur und des Klimas anzugehen!

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01.12.2020, 19.12 Uhr
Harzer66 | Regional
Also ich kaufe meine Gips Produkte nur noch aus regionalem Abbau. Da kann ich sehen wie die Natur zerstört wird, die Arbeitskräfte ausgebeutet werden und danach renaturiert wird. Wie auch immer. Rotbuchen wie vorher kommen da nicht. Aber durch die immensen Gewerbesteuern können ja die betroffenen Gemeinden Spaßbäder bauen und an die Scheiben Fotos kleben wie der Blick früher gewesen wäre. Sarkasmus aus!
Wie schon früher kommentiert! Gebt denen alles. Wer sich mit denen unterhält schließt keinen Vertrag. Sondern einen Pakt. Mit dem Teufel. Und was die Arbeitsplätze betrifft. Wenn es hier hoffentlich zeitig nicht mehr klappt gehen die zum Amt. InteressierT den Gipsmoloch nicht. Die sind nur Mittel zum Zweck.
Schönen Abend noch.

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01.12.2020, 21.28 Uhr
Paul | Harz66
Arbeitskräfte sind in diesem System noch nie was anderes gewesen als Mittel zum Zweck. Und für den Staat sind sie nur interessant, solange sie Steuern zahlen können. Ansonsten ist der arbeiter hier uninteressant.
Wenn du nicht mehr kannst, gibts Hartz 4 oder Hungerrente.Aber man kann dazu verdienen: Altstoffe sammeln, um Almosen betteln, bei der Tafel anstellen (spart Geld) naja und soweiter.
So sieht Merkels Sozialstaat aus !

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