Gipsindustrie sprach im Ausschuss vor
Unser Gips ist unverzichtbar
Montag, 30. November 2020, 19:52 Uhr
Im Ausschuss für Stadtentwicklung stellte sich heute die Arbeitsgemeinschaft der Harzer Gipsunternehmen vor und sprach über den Rohstoffbedarf, Renaturierung und alternativen Baustoffe. Außerdem auf der Tagesordnung: der Klima-Pavillon kommt nach Nordhausen…
Begonnen wurde mit dem Projekt Klimapavillon. Das wurde 2017 auf der Landesgartenschau in Apolda aus der Taufe gehoben. Der futuristisch anmutende Kuppelbau soll einen Diskussionsraum rund um Klimaschutz und Nachhaltigkeit bieten und gastierte bisher in Gera, Jena und Weimar.
Mit Nordhausen kommt 2021 der erste Standort außerhalb des A4-Speckgürtels hinzu, erklärte Johannes Götting, Klimamanager der Stadt Nordhausen. Fraglich war bisher, wo der Pavillon stehen könnte. Ursprünglich war der Aufbau auf dem Campus der Hochschule vorgesehen, wurde aber inzwischen verworfen. Als alternative Standorte standen in der Folge der Petersberg, die Wendeschleife in der Parkallee und der Blasii-Kirchplatz zur Diskussion.
Für den Aufbau ist einiges an Logistik nötig, in Verbindung mit Sichtbarkeit und Erreichbarkeit habe sich der Parkplatz vor der Blasii-Kirche als die attraktivste Option herauskristallisiert, erläuterte Götting. Zwischen April und September soll der Pavillon interessierte Besucher locken, in diesem Zeitraum würden die rund 28 Stellplätze an der Kirche wegfallen. Zu klären sei deswegen die Frage inwiefern diese verlagert werden könnten, etwa in die Marktpassage oder an die Wallrothstraße. Eine Verknüpfung mit Veranstaltungen wie dem Altstadtfest sei denkbar.
Unser Gips ist unverzichtbar
Fragen gab es im Ausschuss zum Klimapavillon nicht, wohl aber zum nächsten Tagesordnungspunkt: die Arbeitsgemeinschaft der Harzer Gipsunternehmen (AHG) stellte sich und ihre Anliegen vor. Das die Gipsfrage eine gewisse Sprengkraft mit sich bringt, dürfte dem aufmerksamen Beobachter in den letzten 30 Jahren kaum entgangen sein.
Das Thema sei mit vielen Emotionalitäten behaftet führte denn auch sogleich Silvio Löderbusch ein, der für die Arbeitsgemeinschaft der drei Abbauunternehmen CASEA, Knauf und Saint Gobain Formula sprach und die Sichtweise der Industrie darlegte. Man wolle eine objektive Betrachtung der Sachlage und sei offen für den Dialog mit allen Beteiligten. Löderbusch war sichtlich bemüht die zu erwartenden Wogen zu glätten, sprach neben dem steigenden Rohstoffbedarf, Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen und soziale Projekte der Unternehmen auch über alternative Baustoffe und Renaturierung.
Gerade in der Pandemie sei es wichtig anzuerkennen, dass die Gipsindustrie in der Region ein verlässlicher Steuerzahler und Arbeitgeber für rund 1.800 Beschäftigte in drei Bundesländern sei. Der Rohstoff Naturgips sei unverzichtbar und durch den Wegfall des REA-Gipses, der bei der Kohleverstromung entsteht werde die Nachfrage in den kommenden Jahren weiter steigen.
Es sei nicht das Anliegen der Industrie nun Löcher aufzureißen und einfach loszubuddeln, als Familienunternehmen würde man bei Knauf und CASEA in Generationen denken und sei darauf bedacht möglichst schonend in die Natur einzugreifen, zu rekultivieren und wiederaufzuforsten. Eine Ausweitung des Abbaus würde zudem nicht nur den Südharz treffen, schließlich gibt es auch in Süddeutschland Gipsvorkommen. Das die weit weniger umfangreich sind, als die Vorkommen am Harzrand, erwähnt er indes nicht.
Alternative Baustoffe wie Lehm und Holz brächten ihre eigenen Nachteile mit sich, der Import anderer Gipsarten werfe die Frage nach dem CO2-Fußabdruck auf und dem effektiven Gipsrecycling stünden neben technischen Hürden auch gesetzliche Bestimmungen im Weg, sodass hier nicht die Mengen geliefert werden können, die gebraucht werden. Kurzum: zum Südharzer Gips gibt es, zumindest mittelfristig, keine brauchbare Alternative.
Und ganz Unrecht wird Löderbusch damit wohl nicht haben, rational sind viele seiner Argumente durchaus nachvollziehbar, zumindest aus Sicht der Industrie. Der Blick des Anwohners ist da ein ganz anderer. Ricardo Roßmell, Ortsteilbürgermeister in Stempeda, hat den Alten Stolberg direkt vor der Haustür. In seinem Ort mache man sich Sorgen um die Zukunft, nicht um die nächsten fünf, sondern um die nächsten fünfzig Jahre, darum das, wenn die Rohstoffe einmal weg sind, die Industrie einfach weiter zieht. Stadtrat Christian Lautenbach aus Petersdorf schlägt in die gleiche Kerbe. Wir haben Angst, Angst das uns der Gipsabbau die Heimat zerstört, Angst davor das wir irgendwann bis nach Rüdigsdorf gucken können weil der Winkelberg nicht mehr da ist, Angst das irgendwann 30 und mehr Lkw durch den Ort rauschen und wir hier nicht mehr leben möchten.
Und Löderbusch macht sich, bei aller Mühe, mit seiner Wortwahl nicht nur Freunde. Dass der Abbau keine Zerstörung sondern lediglich eine Umwandlung der Natur sei, ist schlicht Schönfärberei und wird im Ausschuss auch als solche kritisiert und das Anliegen, nicht mit Arbeitsplätzen drohen zu wollen geht im Laufe der rund einstündigen Gesprächsrunde schließlich auch verloren. Die Emotionalitäten, es gibt sie auf beiden Seiten.
Einen Wandel wird es geben, das schließt keiner aus. Die Frage ist vielmehr, wie der aussehen wird. Die Gipsindustrie plädierte heute dafür, im Dialog zu bleiben, positiv nach vorne orientiert, nicht abwehrend destruktiv müsse man denken, nicht die ausschließliche Konfrontation suchen. Die lokale Ebene hätte in diesem Prozess mehr Macht, als allgemein angenommen, meint Löderbusch, sowohl der Ministerpräsident wie auch die Umweltministerin hätten versichert, eine Lösung die aus der Region kommt, auch mitzutragen. Lösungen, die keinen Kohnstein hinterlassen. Am treffendsten formuliert es schließlich Lars Kothe, der hauseigene Förster der Firma Knauf: den Dialog zu suchen würde nicht bedeuten, dass es keine Konfrontationen mehr gibt. Aber man sollte eine Schippe von der Konfrontation herunternehmen.
Kann das nach drei Jahrzehnten Gipskonflikt gelingen? Mit dem Kohleausstieg sind die Vorzeichen andere und die werden die nächste Runde im ringen um den Südharzer Gips maßgeblich bestimmen. Die wurde heute von der Arbeitsgemeinschaft eröffnet, als nächstes ist der BUND dran, der im Ausschuss seine Konzepte vorstellen will.
Angelo Glashagel
Autor: redBegonnen wurde mit dem Projekt Klimapavillon. Das wurde 2017 auf der Landesgartenschau in Apolda aus der Taufe gehoben. Der futuristisch anmutende Kuppelbau soll einen Diskussionsraum rund um Klimaschutz und Nachhaltigkeit bieten und gastierte bisher in Gera, Jena und Weimar.
Mit Nordhausen kommt 2021 der erste Standort außerhalb des A4-Speckgürtels hinzu, erklärte Johannes Götting, Klimamanager der Stadt Nordhausen. Fraglich war bisher, wo der Pavillon stehen könnte. Ursprünglich war der Aufbau auf dem Campus der Hochschule vorgesehen, wurde aber inzwischen verworfen. Als alternative Standorte standen in der Folge der Petersberg, die Wendeschleife in der Parkallee und der Blasii-Kirchplatz zur Diskussion.
Für den Aufbau ist einiges an Logistik nötig, in Verbindung mit Sichtbarkeit und Erreichbarkeit habe sich der Parkplatz vor der Blasii-Kirche als die attraktivste Option herauskristallisiert, erläuterte Götting. Zwischen April und September soll der Pavillon interessierte Besucher locken, in diesem Zeitraum würden die rund 28 Stellplätze an der Kirche wegfallen. Zu klären sei deswegen die Frage inwiefern diese verlagert werden könnten, etwa in die Marktpassage oder an die Wallrothstraße. Eine Verknüpfung mit Veranstaltungen wie dem Altstadtfest sei denkbar.
Unser Gips ist unverzichtbar
Fragen gab es im Ausschuss zum Klimapavillon nicht, wohl aber zum nächsten Tagesordnungspunkt: die Arbeitsgemeinschaft der Harzer Gipsunternehmen (AHG) stellte sich und ihre Anliegen vor. Das die Gipsfrage eine gewisse Sprengkraft mit sich bringt, dürfte dem aufmerksamen Beobachter in den letzten 30 Jahren kaum entgangen sein.
Das Thema sei mit vielen Emotionalitäten behaftet führte denn auch sogleich Silvio Löderbusch ein, der für die Arbeitsgemeinschaft der drei Abbauunternehmen CASEA, Knauf und Saint Gobain Formula sprach und die Sichtweise der Industrie darlegte. Man wolle eine objektive Betrachtung der Sachlage und sei offen für den Dialog mit allen Beteiligten. Löderbusch war sichtlich bemüht die zu erwartenden Wogen zu glätten, sprach neben dem steigenden Rohstoffbedarf, Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen und soziale Projekte der Unternehmen auch über alternative Baustoffe und Renaturierung.
Gerade in der Pandemie sei es wichtig anzuerkennen, dass die Gipsindustrie in der Region ein verlässlicher Steuerzahler und Arbeitgeber für rund 1.800 Beschäftigte in drei Bundesländern sei. Der Rohstoff Naturgips sei unverzichtbar und durch den Wegfall des REA-Gipses, der bei der Kohleverstromung entsteht werde die Nachfrage in den kommenden Jahren weiter steigen.
Es sei nicht das Anliegen der Industrie nun Löcher aufzureißen und einfach loszubuddeln, als Familienunternehmen würde man bei Knauf und CASEA in Generationen denken und sei darauf bedacht möglichst schonend in die Natur einzugreifen, zu rekultivieren und wiederaufzuforsten. Eine Ausweitung des Abbaus würde zudem nicht nur den Südharz treffen, schließlich gibt es auch in Süddeutschland Gipsvorkommen. Das die weit weniger umfangreich sind, als die Vorkommen am Harzrand, erwähnt er indes nicht.
Alternative Baustoffe wie Lehm und Holz brächten ihre eigenen Nachteile mit sich, der Import anderer Gipsarten werfe die Frage nach dem CO2-Fußabdruck auf und dem effektiven Gipsrecycling stünden neben technischen Hürden auch gesetzliche Bestimmungen im Weg, sodass hier nicht die Mengen geliefert werden können, die gebraucht werden. Kurzum: zum Südharzer Gips gibt es, zumindest mittelfristig, keine brauchbare Alternative.
Und ganz Unrecht wird Löderbusch damit wohl nicht haben, rational sind viele seiner Argumente durchaus nachvollziehbar, zumindest aus Sicht der Industrie. Der Blick des Anwohners ist da ein ganz anderer. Ricardo Roßmell, Ortsteilbürgermeister in Stempeda, hat den Alten Stolberg direkt vor der Haustür. In seinem Ort mache man sich Sorgen um die Zukunft, nicht um die nächsten fünf, sondern um die nächsten fünfzig Jahre, darum das, wenn die Rohstoffe einmal weg sind, die Industrie einfach weiter zieht. Stadtrat Christian Lautenbach aus Petersdorf schlägt in die gleiche Kerbe. Wir haben Angst, Angst das uns der Gipsabbau die Heimat zerstört, Angst davor das wir irgendwann bis nach Rüdigsdorf gucken können weil der Winkelberg nicht mehr da ist, Angst das irgendwann 30 und mehr Lkw durch den Ort rauschen und wir hier nicht mehr leben möchten.
Und Löderbusch macht sich, bei aller Mühe, mit seiner Wortwahl nicht nur Freunde. Dass der Abbau keine Zerstörung sondern lediglich eine Umwandlung der Natur sei, ist schlicht Schönfärberei und wird im Ausschuss auch als solche kritisiert und das Anliegen, nicht mit Arbeitsplätzen drohen zu wollen geht im Laufe der rund einstündigen Gesprächsrunde schließlich auch verloren. Die Emotionalitäten, es gibt sie auf beiden Seiten.
Einen Wandel wird es geben, das schließt keiner aus. Die Frage ist vielmehr, wie der aussehen wird. Die Gipsindustrie plädierte heute dafür, im Dialog zu bleiben, positiv nach vorne orientiert, nicht abwehrend destruktiv müsse man denken, nicht die ausschließliche Konfrontation suchen. Die lokale Ebene hätte in diesem Prozess mehr Macht, als allgemein angenommen, meint Löderbusch, sowohl der Ministerpräsident wie auch die Umweltministerin hätten versichert, eine Lösung die aus der Region kommt, auch mitzutragen. Lösungen, die keinen Kohnstein hinterlassen. Am treffendsten formuliert es schließlich Lars Kothe, der hauseigene Förster der Firma Knauf: den Dialog zu suchen würde nicht bedeuten, dass es keine Konfrontationen mehr gibt. Aber man sollte eine Schippe von der Konfrontation herunternehmen.
Kann das nach drei Jahrzehnten Gipskonflikt gelingen? Mit dem Kohleausstieg sind die Vorzeichen andere und die werden die nächste Runde im ringen um den Südharzer Gips maßgeblich bestimmen. Die wurde heute von der Arbeitsgemeinschaft eröffnet, als nächstes ist der BUND dran, der im Ausschuss seine Konzepte vorstellen will.
Angelo Glashagel

