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Mi, 14:30 Uhr
13.11.2019
die Evakuierung und ihre Folgen

Protokoll einer langen Nacht

Es ist gut eine Woche her, das Nordhausen die größte Evakuierung der jüngeren Geschichte erlebt hat. Rund 15.000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, immer wieder kam es zu Verzögerungen bei der Evakuierung. Der Unmut gegenüber jenen, die sich den Anordnungen widersetzten und damit die Nacht in die Länge zogen, ist auch eine Woche danach noch präsent. Die nnz hat noch einmal die Fakten rund um den Einsatz und seine Folgen zusammengetragen…


Nach 16 Stunden war (fast) alles vorüber: die Evakuierung der Innenstadt in der vergangenen Woche war in ihrer Dauer und in ihrem Umfang außergewöhnlich, selbst für Nordhäuser Verhältnisse. Im Nachgang kommen immer wieder Fragen auf. Warum ist der Evakuierungsradius so groß? Warum konnte man den Einsatz nicht wie in der Vergangenheit länger vorbereiten? Warum wurde bei mir gar nicht geklingelt? Warum widersetzen sich Leute den Anweisungen der Einsatzkräfte? Und was passiert mit den „renitenten“ Mitbürgern? Mit welchen Konsequenzen haben sie zu rechnen? Diesen und anderen Fragen ist die nnz noch einmal im Detail nachgegangen.

Protokoll einer langen Nacht

Die erste Nachricht, das etwas im Gange ist, erreicht die nnz um 12:55 Uhr, vier Minuten später wird die Eilmeldung veröffentlicht. Es musste schnell gehen am vergangenen Mittwoch, am Theater war eine Bombe mit einem chemischen Langzeitzünder gefunden worden. „Bei dieser Art von Zünder ist es nie ausgeschlossen, das die Bombe explodiert“, sagt Sprengmeister Andreas West der nnz, man habe noch Glück gehabt, da der Sprengkörper nicht bewegt worden sei, sonst hätte man nicht entschärfen können, sondern hätte sprengen müssen. West ist heute in Meiningen, wieder wurde ein Überbleibsel des zweiten Weltkrieges gefunden, diesmal mit mechanischem Zünder, 3.000 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen, der Sprengmeister legt den Evakuierungsradius auf 500 Meter fest.

In Nordhausen ergeht am vergangenen Mittwoch gegen halb vier die offizielle Order zur Evakuierung, erste Maßnahmen hatte man bereits gegen 13:30 Uhr eingeleitet. Der Radius wird auf 1000 Meter festgelegt, das sieht das Gesetz bei dieser Art von Zünder vor und der gesunde Menschenverstand sollte dem Folge leisten. Je nach Lage und Größe einer Bombe können deren Splitter bis zu 800 Meter weit fliegen, erläutert Andreas West. In einem Bereich von 500 bis 600 Metern ist bei einer „Umsetzung“ des Sprengkörpers mit schweren Schäden zu rechnen, Steinschläge gehen sogar noch weiter entfernt nieder. Als in Göttingen 2010 der tragische Ernstfall eintrat und die explosive Altlast drei Menschen in den Tod riss, registrierte man Einschläge noch in 1.200 Meter Entfernung. Auch hier hatte man es mit einem chemischen Zünder zu tun. Die Explosion kam plötzlich, rund eine Stunde vor der geplanten Entschärfung.

Die Nordhäuser sind von so einer Katastrophe bisher zum Glück verschont geblieben. Weit über 400 Blindgänger wurden seit 1954 im Stadtgebiet entschärft, weitere werden folgen. Man weiß, was man zu tun hat, wenn es wieder einmal soweit ist. Die meisten wissen es. Als gegen halb vier Einrichtungen wie die Marktpassage evakuiert werden, funktioniert das auch dieses mal ohne Probleme. Keine Panik, kein Widerstand. Die beiden großen Vermieter, die Städtische Wohnungsbaugesellschaft und die Wohnungsbaugenossenschaft, verzeichnen über die Länge des Einsatzes jeweils nur eine Wohnungsöffnung. Im Falle der WBG hatte sich der betroffene Mieter zwar bereits in die Sammelunterkunft begeben, hatte aber das Licht brennen lassen.

Was tut die Polizei?

An anderer Stelle spielte sich das ab, was sich ein ums andere Mal bei jeder Evakuierung wiederholt, ob „ad hoc“ oder gut vorbereitet: Menschen weigern sich ihre Wohnungen zu verlassen. Zehnmal musste die Polizei in der vergangenen Woche „freiheitsbeschränkende Maßnahmen“ ergreifen. Um 20:15 ist es eine Familie am Frauenberg, die sich weigert ihre Wohnung zu verlassen. In so einem Fall wird entweder der Bereitschaftsdienst des Vermieters oder ein Schlüsseldienst hinzugezogen, erklärt die Pressesprecherin der Nordhäuser Polizei, Fränze Töpfer. „Wenn wir dann einmal in der Wohnung drin sind, sind die Leute in der Regel schnell bereit zu kooperieren“, sagt Töpfer, von ihrem Gewaltmonopol wird die Polizei an diesem Abend keinen Gebrauch machen müssen. Immer wieder muss man aber zum „Verbringungsgewahrsam“ greifen, die „freiheitsbeschränkende“ Maßnahme, die nur in der Hoheit der Polizei liegt. Um 20:55 droht eine ältere Dame am August-Bebel-Platz damit, sich das Leben zu nehmen, wenn sie ihre Wohnung verlassen muss. Hier assistieren die Beamten nur, die Klärung der Lage überlässt man dem medizinischen Fachpersonal. Ebenfalls am Bebelplatz fällt den Einsatzkräften ein älterer Herr auf, der am PC sitzt und keinerlei Reaktion zeigt. Die Wohnung wird geöffnet, der 64jährige in Gewahrsam genommen und in die Notunterkunft gebracht. An anderer Stelle erklärt eine Seniorin, sie habe den zweiten Weltkrieg überlebt, die Entschärfung jetzt sei da nur „pille-palle“. Auch sie wird schließlich in Gewahrsam genommen und evakuiert. Im Hauptbahnhof muss man sich um rund 30 Personen kümmern, die hier „gestrandet“ sind, weil sie nicht wussten wohin sie gehen sollten und an der Südharz-Galerie kommen mehrere Personen zu nah an den Absperrbereich. Beide Situationen werden schnell geklärt.

Die Hauptaufgabe der Beamten ist eigentlich die „Raumsicherung“, erklärt Frau Töpfer, also die Verhinderung von Straftaten wie Diebstahl und Plünderung. Einen 34jährigen Einbrecher erwischte man gegen 18 Uhr denn auch prompt in der Kützingstraße. Neben den unterstützenden Maßnahmen bei der Räumung des Gebietes ist man außerdem für die Straßensperrungen im Außenbereich zuständig, auch das darf nur die Polizei. Gerade bei einem großen Evakuierungsgebiet wie der Nordhäuser Innenstadt bindet diese Aufgabe viele Kräfte, am Mittwoch etwa die Hälfte aller sich im Einsatz befindlichen Beamten.

Was kommt danach?

Um 23:10 entdeckt man mehrere Personen auf dem Dach einer Wohnscheibe in der Töpferstraße, die offensichtlich eine bessere Aussicht auf die Entschärfung genießen wollten. Die Polizei schreitet ein, setzt das „Verbringungsgewahrsam“ durch. Und schließlich ist da noch ein junger Mann, der mit einem Mal an der Fundstelle auftaucht. Der Mann sei offensichtlich verwirrt gewesen, heißt es noch in der Nacht, vielleicht geistig beeinträchtigt. „Das war ein lieber, netter Bursche aber der ließ absolut nicht mit sich reden. Er müsse jetzt auf Arbeit, sonst würde sein Meister schlimm mit ihm schimpfen“, erzählt Sprengmeister Andreas West.

Was passiert mit den „renitenten“ Widerständlern, den paar Leuten, die dafür sorgen, dass sich die Unannehmlichkeiten für tausende Andere, die den Anordnungen Folge geleistet haben, in die Länge ziehen? Kann man demenzkranke Großmütter oder geistig eingeschränkte Mitbürger für ihr Fehlverhalten belangen? Was ist mit den „Spaßvögeln“ die sich auf dem Dach in der Töpferstraße tummelten?

Es greift das Gesetz, genauer die „NdhGefAVOKM“, die Ordnungsbehördliche Verordnung zur Abwehr von Gefahren durch Kampfmittel in der Stadt Nordhausen, die sich wiederum auf die Thüringer Kampfmittelverordnung stützt. Demnach drohen bei Ordnungswidrigkeiten Geldbußen von bis zu 5.000 Euro.

Ob mit der vollen Härte des Gesetzes durchgegriffen wird, hängt vom Einzelfall ab. Die Polizei stellt die Personalien und weitere Details fest, die Ordnungsbehörde, also das Ordnungsamt der Stadt Nordhausen, muss dann abwägen wie weiter vorgegangen werden kann. Wie hat sich die betreffende Person verhalten? Welche Umstände sollten in Betracht gezogen werden? Welche Auswirkungen hatte die Ordnungswidrigkeit?

In diesem Prozess befinde man sich jetzt, erklärt Ordnungsamtsleiter Christian Kowal, wenn man die Protokolle der Polizei durchgesehen habe, werde man prüfen, wo Ordnungswidrigkeiten zur Anzeige gebracht werden können. Die Konsequenzen kommen, für machen sicher härter als für andere.

Beim nächsten Mal

Der Endpunkt ist in der Nacht zum Donnerstag um 02:38 Uhr erreicht, die Bombe entschärft, der Zünder gesprengt. In den langen Stunden des Wartens macht sich bei vielen Evakuierten Frust breit. Wer nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommt, der muss in übervollen Notaufnahmeeinrichtungen stundenlang ausharren, währen eine Verzögerung nach der anderen über die Nachrichtenticker geht.

Eine nnz-Leserin erzählt einige Tage später, dass ihre Nachbarn überlegten „beim nächsten Mal“ auch einfach zu Hause zu bleiben. Ein fataler Gedankengang der, sollte er Schule machen, „beim nächsten Mal“ nur eines erreichen würde: die Garantie, dass es wieder länger dauert. „Ihr habt hier keine kleinen Bomben“, sagt Andreas West im Gespräch mit der nnz, „viele Leute haben keine Vorstellung davon, wie gefährlich es tatsächlich ist, zu Hause zu bleiben. Wir machen das ja alles nicht zum Spaß. Da geht es um den Schutz von Leib und Leben, um ihr Leben und darum das am Ende alle wieder heil nach Hause kommen.“

Die Evakuierung war für niemanden ein Vergnügen, nicht für die Betroffenen, nicht für uns Berichterstatter und nicht für die vielen Einsatzkräfte und Helfer. Ein paar Verzögerungen hat es immer gegeben und wird es bei diesen Maßnahmen immer geben. Je mehr Leute evakuiert werden müssen, desto höher dürfte auch der Prozentsatz an Personen ausfallen, der für Verzögerungen sorgt, aus welchen Gründen auch immer. Mit einem Schnitt von etwa 15.000 zu zehn, haben die Nordhäuserinnen und Nordhäuser wieder einmal gezeigt, das sie es können. Auch wenn es schnell gehen muss. In Summe ist die Stadt und sind ihre Bewohner in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag noch einmal glimpflich davongekommen, allein weil nicht gesprengt werden musste.

Und eines noch: als die Nacht sich für die meisten von uns ihrem Ende entgegen neigte und wir wieder in die eigenen vier Wände zurückkehren konnten, da war für viele Rettungskräfte und Helfer noch lange nicht Schluss. Das offizielle Einsatzende kam für einige erst um neun Uhr in der Frühe. Auch das sollte man bedenken, wenn man über den eigenen Frust und die Unannehmlichkeiten dieser Nacht nachdenkt. In diesem Sinne: beim „nächsten Mal“, einfach wieder mitmachen. So wie wir es immer getan haben...
Angelo Glashagel
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Kommentare

13.11.2019, 15.39 Uhr
Gylfaginning | Fragen eines "lesenden" Bürgers - "Wellenbrecher" oder "Eisendom" ?
LR Jendricke:
Warum wurde die Wiedigsburghalle freigegeben, obwohl sie im Sperrradius lag? Die Entscheidung sei vertretbar gewesen, weil die Halle durch das Gebäude des Herder-Gymnasiums vor der Druckwelle bei einer eventuellen Sprengung geschützt gewesen sei.

Sprengmeister West/Fa. Tauber:
Als in Göttingen 2010 der tragische Ernstfall eintrat und die explosive Altlast drei Menschen in den Tod riss, registrierte man Einschläge noch in 1.200 Meter Entfernung. Auch hier hatte man es mit einem chemischen Zünder zu tun. Die Explosion kam plötzlich, rund eine Stunde vor der geplanten Entschärfung.

...und nun ??

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13.11.2019, 16.19 Uhr
Rolf Schneider | Aha
Wie sich das hier so liest, hätte Bomber-Harris eigentlich für die Fläche von NDH nur 3 Bomben gebraucht, um das gesamte Stadtgebiet auszulöschen. Aber was will man machen? Engländer halt.

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13.11.2019, 19.39 Uhr
Conner | Also
Ich weiß aus Gesprächen der letzten Tage das viele zu Hause geblieben sind und einfach alles dunkel gemacht haben.

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13.11.2019, 20.03 Uhr
Harzer_jung | @Gylfaginning
ich bin zwar nicht der Landrat,

und ich denke der Landrat ist hier auch nicht ganz der richtige Ansprechpartner.

aber ich antworte mal aus meiner Erfahrung, und Überlegung.

Es gibt ja das Bild mit dem Evakuierungsbereich von 1000m rund um den Fundort der Theaterbombe.
und wenn man auch nur oberflächlich hinsieht, bemerkt man das die 1000m an einigen Stellen nicht eingehalten wurden.

Und das ist meiner meinung nach auch nachvollziehbar. mit genau 1000m hätte unter anderem die Kreuzung Kyffhäuser Str/ Barbarossa Str; Die Kyffhäuserstr./ Erfurterstr, und auch die Hallesche Str gesperrt und geräumt werden müssen.

Was also noch mehr Sperrungen und Einsatzkräfte bedeutet hätte, weil an jeder mögliche Zufahrt bzw Zugang gesperrt werden müsste.

Die Bombe in Göttingen wurde meines Wissens nach damals leider wohl beim auffinden bewegt.

100% Sicherheit das nichts passiert kann es nie geben, es sei denn man wählt extremste Lösungen.

Wenn man zb für Nordhausen auf bombensicher gehen will, dann müsste man die ganze Stadt um einige Kilometer versetzen

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13.11.2019, 20.58 Uhr
Stechbarth | Blindgängerentschärfung: Freiwillige sind Gold wert
Wenn man dies alles liest, zeigt sich glasklar: Der Einsatz der Ehrenamtlichen Helfer ist zigtausende Euro Wert. Man muss sich nur vorstellen, was das alles gekostet hätte, wenn man auf hauptamtliche Kräfte angewiesen wäre. Unbezahlbar. Und ich denke, man sollte irgendeine geeignete und ein wenig werthaltige Form der Anerkennung finden für diese Ausnahmeleistung. So ähnlich wie die Ehrenamtsfahrt auf den Brocken oder mal einen Familiennachmittag im Badehaus für die ganze Familie.

Ansonsten ist die Idee den Katastrophenfall auszurufen und damit alles unter eine Leitung zu stellen wohl die wirklich richtige. so gibt es klare Führungsstrukturen und Verantwortlichkeiten.

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13.11.2019, 22.04 Uhr
hatschibenoma | Kann
mich nur meinen "Vorschreiber" anschließen

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