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Di, 09:30 Uhr
12.11.2019
über die Ostsee in den Westen

Jenseits der blauen Grenze

Rund 5.500 Menschen wagten den Weg über das Wasser um die DDR zu verlassen. Die meisten wurden erwischt, 174 ertranken, für 913 Personen endete der Weg über die Ostsee glücklich. Warum riskierten so viele Leib und Leben auf der Flucht? Das junge Theater sucht in diesen Tagen antworten und erzählt in "Jenseits der blauen Grenze" eine dieser Geschichten...

Jenseits der blauen Grenze - mit Lisa Jakobi, Daniela Bethge, Eva Lankau (v.li.n.re. (Foto: Theater Nordhausen) Jenseits der blauen Grenze - mit Lisa Jakobi, Daniela Bethge, Eva Lankau (v.li.n.re. (Foto: Theater Nordhausen)

Vier mal in der Woche ist Hanna im Becken, zieht Bahn um Bahn, trainiert wie eine Besessene. Warum, dass sagt sie niemanden. Nur ihr Freund Andreas weiß es. Ihr Trainer Ulrich vermutet es. "Zieh schwarze Handschuhe an", wird er ihr einmal raten, kurz vor dem Tag X, dem Tag der Flucht. Mehr sagt er nicht.

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Hanna und Andreas wollen raus. Raus aus der DDR, weg von den Repressalien der Staatsmacht. Die Route: von Kühlungsborn nach Fehmarn. Erst hart nach Norden, raus aus der Drei-Meilen-Zone, dann in Richtung Westen, gut 50 Kilometer durch die Ostsee und dann, hoffentlich, Land in Sicht.

Die Geschichte, die in der szenischen Lesung "Jenseits der blauen Grenze" erzählt wird, ist fiktiv, ihr Hintergrund sehr real. Peter Döbler, geboren 1940 in Rostock, schwamm auf just jener Strecke, die auch die Figuren in Dorit Linkes Jugendroman wählen, im Sommer des Jahres 1971. Zwei Jahre ist das Unterfangen in Vorbereitung, er lässt sich von seiner Frau scheiden und bricht den Kontakt zu seiner Mutter ab, niemand soll mit hineingezogen werden, falls er erwischt wird. Vieles von dem, was er vor und auf der Flucht tatsächlich erlebt hat, findet seinen Niederschlag in dem Roman.

Jenseits der blauen Grenze - mit Lisa Jakobi, Daniela Bethge, Eva Lankau (v.li.n.re. (Foto: Theater Nordhausen) Jenseits der blauen Grenze - mit Lisa Jakobi, Daniela Bethge, Eva Lankau (v.li.n.re. (Foto: Theater Nordhausen) Die Lesung springt zwischen der nächtlichen Flucht über die Ostsee und der Geschichte der Jugendlichen. Auf der einen Seite die Suchscheinwerfer, Boote, kräftezehrende Entbehrung und Panik, auf der anderen Seite Jugendalltag in der DDR zwischen FDJ und Intershop, anecken im System, eine sich zuspitzende Spirale der Repression die letztlich zur Flucht führt. Die Herrinnen des Jugendtheaters, Daniela Bethge und Eva Lankau, wollten ihren Teil zur 30ten Wiederkehr des Mauerfalls beiragen und das Thema insbesondere Schülerinnen und Schüler nahebringen. "In der Schule kommt das leider allzu oft zu kurz", sagt Bethge.

Besonderes Augenmerk legen die Theatermacher auf die Ursachen, die ihre Protagonisten auf die unwegbare Reise führen. Andreas kommt aus einem schwierigen Elternhaus und eckt in der Schule an. Sechs Monate muss der "schwer Erziehbare" in einem "Jugendwerkhof" verbringen um ihn wieder auf den rechten Weg zur "sozialistischen Persönlichkeit" zu bringen. Später wird er zusammen mit Hanna wegen "Fraternisierung" mit dem Klassenfeind in das nahe Dieselmotorenwerk strafversetzt. Der Tropfen der das Fass zum überlaufen bringt ist eine Unterschriftenliste, die im Namen von Hanna und Andreas in der Schule auftaucht und sich gegen die Einstellung des Magazins "Sputnik" richtet. Hannas Großvater, kein Freund des Systems, hängt sie im Namen der Jugendlichen auf. Für Hanna geht die Sache gerade noch glimpflich aus, Andreas wird der Schule verwiesen, sieht keine Zukunft mehr. In einer Dezembernacht schmieden die beiden schließlich ihren Fluchtplan.

Inszeniert ist das alles minimalistisch, das gesprochene Wort soll im Vordergrund stehen, unterstützt von einer unaufdringlichen Videoinstallation und einfachen aber effektiven Requisiten.

Am vergangenen Freitag war das Stück zum ersten mal zu sehen, am Donnerstag um zehn Uhr ist eine weitere Vorstellung für Schülerinnen und Schüler angesetzt. Weitere Aufführungen stehen noch nicht fest, am jungen Theater hofft man aber das kurze Stück im Frühjahr noch einmal in den Spielplan aufnehmen zu können.
Angelo Glashagel
Autor: red

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