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Sa, 19:00 Uhr
12.10.2019
Klimawandel auf der Streuobstwiese

Sonnenbrand am Apfelbaum

Die Thüringer Obsternte fiel 2019 deutlich magerer aus als noch vor einem Jahr, die Trockenheit macht nicht nur den Wäldern zu schaffen, sondern auch den Streuobstwiesen. In der Hofmosterei Harzungen befasste man sich heute mit den neuen Herausforderungen für Obstbauern und Kleingärtner und übte sich in vorsichtigem Optimismus...

Viel Wissen rund um Obst und Äpfel wurde heute bei der Hofmosterei Harzungen vermittel (Foto: Angelo Glashagel) Viel Wissen rund um Obst und Äpfel wurde heute bei der Hofmosterei Harzungen vermittel (Foto: Angelo Glashagel)

Ein Obstbauer muss sich mit vielen Wehwechen seiner fruchttragenden Bäume befassen. Blattläuse an Aprikosen, Echter Mehltau an den Erdbeeren, Virenbefall im Pflaumenbaum, Birnengitterrost und Holzfrost. Wie man den Problemen praktisch und ökologisch sinnvoll begegnen kann, erläuterte heute Ingo Rintisch vom Thüringer Pomologen-Verein. Der Apfelexperte betreibt in Herbsleben eine Gärtnerei und eine Baumschule und macht sich im Verein für den Erhalt seltener Obstsorten und Wissensvermittlung stark.

Mit der Trockenheit der letzten beiden Jahren und dem Temperaturanstieg sieht man sich neuen Herausforderungen gegenüber. "Manche Arten kommen mit Trockenheit und Hitze nicht mehr klar, das trifft vor allem den Apfel", erzählt der Pomologe, klettern die Temperaturen über 35 Grad wird es für die Pflanze schwer. Das kann soweit gehen, das die Äpfel "Sonnenbrand" bekommen oder "glasig" werden. Andere Bäume haben mit neuen Schädlingen wie der Kirschessigfliege zu kämpfen, die sich hierzulande inzwischen klimatisch wohler fühlen als in der Vergangenheit. Anstatt ein bis zwei Schädlingsgenerationen habe man zudem inzwischen mehrere in den Pflanzen, bei Blattläusen bis zu sechs Generationen. "Das verschiebt sich alles nach Norden und auch in der Höhenlage. Wir könnten inzwischen auch Kiwis und Nektarinen pflanzen." Die Birne komme mit der Wärme besser klar, leide aber unter anderen, hausgemachten, Problemen wie dem Birnengitterrost, der über den als immergrüne Zierpflanze beliebten chinesischen Wacholder als Zwischenwirt auf die Pflanze kommt.

Vortrag von Ingo Rintisch (Foto: Angelo Glashagel) Vortrag von Ingo Rintisch (Foto: Angelo Glashagel)

Den Ertragseinbruch vor allem beim Apfel hat man auch an der Hofmosterei in Harzungen zu spüren bekommen. Konnte man im vergangenen Jahr noch gut 25.000 Liter Apfelsaft pressen waren es in dieser Saison gerade mal 1.000 Liter. "Die Äpfel haben einfach gefehlt", sagt Kathleen Hahnemann, nimmt das Problem aber mit Gelassenheit. "So ist das in der Landwirtschaft. Es gibt gute Jahre und es gibt schlechte Jahre. Und in diesem Jahr haben sich die Bäume ausgeruht. Aber wenn es so weiter geht können wir bald Granatapfel anpflanzen, der kommt mit der Hitze klar.". Ganz soweit will man noch nicht gehen, der Apfel habe durchaus eine Chance, wenn man entsprechende Maßnahmen ergreife, meinen die Pomologen. "Wir müssen klug bewässern, klug Wasser sammeln, Standortgerecht pflanzen und auf Sorten setzten, die später im Jahr tragen", sagt Hahnemann. Auch Ingo Rintisch will nicht in Fatalismus verfallen, im Gegenteil. "Ich kann nur jeden ermuntern sich dem nicht zu verweigern und zu denken das habe eh alles keinen Wert mehr. Das ist der falsche Weg. Am Ende ist das alles eine Frage des Wassers, die müssen wir in den Griff kriegen."

Alexander Ibe und Kathleen Hahnemann: Wir wollen diese Ökosysteme für unsere Kinder erhalten (Foto: Angelo Glashagel) Alexander Ibe und Kathleen Hahnemann: Wir wollen diese Ökosysteme für unsere Kinder erhalten (Foto: Angelo Glashagel) Um sich mit den neuen Sachlagen fachlich auseinandersetzen zu können will man von Harzungen aus ein kleines Netzwerk zum Streuobst aufbauen. Ähnliche Vereinigungen gebe es in Süd- und Ostthüringen schon seit 10 Jahren, erklärt Baumpfleger Alexander Ibe. Dabei sollen möglichst alle Interessenten zusammenkommen, egal ob der Hintergrund beruflicher oder privater Natur ist. Den Naturpark Südharz und den Landschaftspflegeverband hat man schon mit im Boot, alle zwei Wochen trifft man sich im "Streuobst-Stammtisch". Der Informationstag in Harzungen war auch dazu gedacht, neue Interessenten für die Gemeinschaft der Streuobstfreunde zu finden. "Wir wollen Fachwissen verteilen und dazu anhalten seltene Sorten zu erhalten. Im Kern geht es darum diese Ökosysteme für unsere Kinder zu erhalten, da spricht uns Greta Thunberg aus der Seele.", sagt Hahnemann.

14 Jahre jung und aktive Imkerin: Talea Kotainy (Foto: Angelo Glashagel) 14 Jahre jung und aktive Imkerin: Talea Kotainy (Foto: Angelo Glashagel) Die junge Generation mischt auf der Wiese schon mit. Talea Kotainy, mit 14 Jahren wahrscheinlich eine der jüngsten Imkerinnen des Landkreises, hat zwei ihrer zehn Bienenvölker auf den Flächen der Mosterei stehen. Für sie war es ein gutes Jahr, die Blüte war kräftig, gut 300 Kilogramm Honig haben ihre fleißigen Tiere gesammelt. Mit ihrem Wissen will sie auch den Obstbauern helfen und hat zusammen mit einem Tischler aus Harzungen Behausungen für Hummeln und Mauerbienen gebaut, die auf den Wiesen als Wohnstatt dienen sollen. Der Vorteil: die Hummeln fliegen eher aus als ihre Verwandten, bestäuben die Pflanzen aber ebenso.

"Talea ist eine absolute Inspiration, gerade für Kinder", freut sich Hahnemann, "das ist genau das, was wir auf die Beine stellen wollen zum Beispiel über die Zusammenarbeit mit Schulen. Aber wir stehen da noch ganz am Anfang und wollen erst einmal versuchen unsere Kreise zu erweitern. Äpfel sind ein emotionales Thema. Wenn wir mehr sind, können wir auch lauter sein und Einfluss nehmen, etwa wenn verhindert werden soll, das Blühstreifen verschwinden".

Wer Interesse am "Streuobst-Stammtisch", der kann bei Hofmosterei Harzungen oder dem Naturpark Südharz näheres erfahren.
Angelo Glashagel
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