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Fr, 12:30 Uhr
27.09.2019
Dezentrale Energiegewinnung findet mehr Zuspruch

Nicht kleckern, sondern klotzen

Gut sechs Jahre ist es her das in Werther die Energiegenossenschaft Helmetal gegründet wurde. Den bescheidenen Anfängen ist man inzwischen entwachsen und bringt deutlich mehr „grünen" Strom ins Nordhäuser Netz. Nun soll die Energiegewinnung in Bürgerhand weiter professionalisiert werden und das alte Fernziel der Genossenschaft rückt in greifbare Nähe...

Windrad (Foto: nnz-Archiv) Windrad (Foto: nnz-Archiv)

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die zeigen das die Richtung zu stimmen scheint. Als die Energiegenossenschaft Helmetal jüngst zu ihrer Hauptversammlung zusammenkam, wurde Stolz verkündet das die Getränke heute auf's Haus gehen könnten. Nach sechs Jahren habe man eine Größe erreicht, in der man sich das leisten könne. Im Werther'schen „Haus des Volkes“ waren zu dem Zeitpunkt gut 50 Mitglieder zusammengekommen, so viele wie noch nie.

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2013 hatte man mit großen Plänen im Gepäck ganz klein angefangen. Zwei Photovoltaik-Anlagen wurden auf den Dächern der Kindergärten in Werther und Großwechsungen in Betrieb genommen. Gesamtleistung: 25 Kilowatt (kW). Als Fernziel stand der Aufbau eines Windparks bei Werther. Heute schaffen die Anlagen der Genossenschaft zusammengenommen etwa 1.200 kW oder 1,2 Millionen Kilowattstunden im Jahr, genug um 400 Haushalte zu versorgen, erzählt Sebastian Kupfer, Vorstandsmitglied der Genossenschaft.

In der Straße der Genossenschaften in Nordhausen hat man das Dach eines Getränkemarktes gemietet und speist mit einer 230 kW PV-Anlage direkt ins Netz ein. Ein reines Rendite-Projekt. Anders in Salza. Hier hat man mit dem „Haus der Dienste“ ein sogenanntes „Mietstromprojekt“ realisiert. Die 100 kW Anlage versorgt Bäcker, Fleischer, Arztpraxen und andere Anlieger mit Strom der mindestens einen Cent günstiger sein muss, als der des günstigsten Anbieters. Dafür gab es 70.000 Euro Förderung vom Freistaat. Scheint die Sonne einmal nicht, wird „grüner“ Strom bei den „Bürgerwerken“ eingekauft, die als eine Art Dachverband der deutschen Energiegenossenschaften fungieren. Und auf den Dächern der Hauptwerkstatt der Lebenshilfe will man in naher Zukunft PV-Anlagen installieren, die rund 50% des Strombedarfs des energieintensiven Betriebs decken sollen. In Mauderode plant man den Aufbau eines Nahwärmenetzes das die alten Ölheizungen im Ort obsolet machen soll.

Vom ursprünglichen Ziel, der Etablierung eines Windparks bei Werther, ist man immer noch ein gutes Stück weit entfernt aber im Wind ist man inzwischen „drin“ und hält 8% der Anteile an den Windrädern, die jüngst von den Stadtwerken erworben wurden. Insgesamt sollen 49% der Anteile in Bürgerhand gelegt werden. „Da ist jeder zum Zug gekommen, auch andere, überregionale Energiegenossenschaften. Für uns war das eine Riesenchance, für die wir sehr dankbar sind. Auf so eine Gelegenheit mussten wir sechs Jahre warten und alleine wären wir da nie hingekommen.“, sagt Kupfer.

2013 wurde die Energiegenossenschaft Helmetal gegründet (Foto: EG Helmetal) 2013 wurde die Energiegenossenschaft Helmetal gegründet (Foto: EG Helmetal)

In den kommenden Jahren wolle man weniger kleckern und mehr klotzen. Dafür hat man einen „PV-Atlas“ der Region erstellen lassen und geeignete Dachflächen in und um Nordhausen gefunden. Aktuell seien nur 5% der möglichen Flächen belegt. Der Betrieb soll langfristig laufen, 30 Jahre, vielleicht auch länger. „Sie haben bei Solarpanelen keine beweglichen Teile, da geht nichts kaputt. Wir prüfen jedes Jahr auf Sicht, alle zwei Jahren wird durchgemessen und alle vier Jahre gereinigt. Die Alterung ist marginal, der Leistungsverlust beträgt pro Jahr gerade mal 0,3%. Da kann man schon darüber nachdenken die Anlage auch länger als die 25 Jahre laufen zu lassen, die der Hersteller als Garantie angibt. Das rechnet sich auch nach dem auslaufen des EEG“, erläutert Kupfer. Der PV-Atlas soll Handlungsgrundlage für die nächsten Jahre sein, ein wenig kleckern wird man aber vielleicht trotzdem: die Mitglieder der Genossenschaft haben vorgeschlagen auch kleine Paketlösungen für Eigenheimbesitzer im Leasing- oder Mietmodell auf den Weg zu bringen.

Was der „grüne Strom“ in Bürgerhand eigentlich leistet, das will man in Zukunft auch mehr in der Öffentlichkeit präsentieren. „Die meisten PV-Anlagen kriegt man im Alltag nie zu Gesicht, geschweige denn das man weiß was sie leisten. Wir wollen an einigen Objekten deswegen gut sichtbare Infotafeln anbringen“.

Die Genossenschaft sei nach sechs Jahren im professionellen Bereich angekommen. Praktisch schlägt sich das nicht nur in Freigetränken für die Mitglieder sondern auch in Aufwandsentschädigungen für die Gremien nieder. Das stetig gewachsene Anlagevermögen könne man nicht mehr rein ehrenamtlich verwalten, sagt Kupfer.

Und mit der Professionalisierung rückt auch das alte Fernziel in greifbare Nähe. Zwei oder drei Jahre soll es noch dauern, dann könnte auch der Windpark Werther endlich Realität werden, eine entsprechende Projektgesellschaft gibt es schon.
Angelo Glashagel
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Kommentare

27.09.2019, 12.45 Uhr
A.kriecher | Gute Sache, wenn
..es auch wirklich in Bürgerhand ist . Wenn es zur finanziellen Entlastung beiträgt und nicht nur dem Gewinnstreben einigen gewieften Geschäftsleute dient.

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