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Di, 07:34 Uhr
10.09.2019
nnz-Forum:

Naturschonender Gipsabbau ist unmöglich

Am vergangenen FReitag legte die DIW Econ (das Beratungsunternehmen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Berlin) unter dem Titel (laut nnz) „Mehr Wertschöpfung, mehr Arbeitsplätze, mehr Steuern“, ein Zahlenwerk über die wirtschaftliche Bedeutung der Gipsindustrie im Südharz vor. Hierzu eine Wortmeldung von Bodo Schwarzberg...


Auf der Webseite http://www.naturgips-im-harz.de überrascht Lars Kothe, der Sprecher der Arbeitsgemeinshaft Harzer Gipsunternehmen, mit folgendem Satz: "Wir werden auch künftig in diese Region investieren, sofern wir Sicherheit über künftige Abbaufelder bekommen. Dabei sind für uns naturschonender Abbau und kontinuierliche Renaturierung selbstverständlich."

Immer wieder konfrontiert uns die Gipswirtschaft mit dem Begriff „naturschonender Rohstoffabbau“. Ein solcher ist aber gar nicht naturschonend möglich. Denn jeder Abbau bedeutet Naturverlust. Er schont und verschont die Natur keineswegs, wie wir im Alten Stolberg auf großer Fläche ebenso sehen können, wie in den Abbaufeldern Kohnstein, Hohe Schleife und Rüsselsee..

Die Behauptung, den Gipsabbau naturschonend betreiben zu können, bezieht vor allem dessen Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt nicht ein. Durch die Entnahme des Gesteins werden die Lebensbedingungen für Pflanzen- und Tiergemeinschaften an der Bodenoberfläche ebenso zerstört, wie der Gipskarst selbst.

Gerade aber unter den besonderen Bedingungen eines (Gips-)karsts stellen die genannten Lebensgemeinschaften hochspezielle Ansprüche an ihre Umwelt, insbesondere hinsichtlich Bodenbeschaffenheit, Exposition, Hydrologie, Hangneigung und Nährstoffgehalt.

Dieses hochkomplexe Bedingungsgefüge hat sich über Jahrtausende ausgebildet, was bedeutet, dass sich auch eine von dem Bedingungsgefüge abhängige Lebensgemeinschaft über Jahrtausende an dieses angepasst hat.

Ein Abbau von Gips führt daher immer zur Zerstörung, weil er unwiederbringlich Lebensbedingungen zerstört. Die drei Worte „Abbau“, „Natur“ und „schonend“ zu versuchen, in den angeblichen Sinnzusammenhang "naturschonender Gipsabbau" zu pressen, gelingt nur, wenn man diesen nicht in seine Einzelteile zerlegt und nicht deren eigentlichen Inhalt bedenkt.

Gibt es wirklich eine "Renaturierung" von Gipssteinbrüchen?
Das Vorgesagte lässt sich mit einem weiteren Fakt belegen. Denn selbst dann, wenn man entgegen aller Logik einen naturschonenden Abbau annähme, dann müsste es eine gelungene "Renaturierung" geben.
Die durch den Gipsabbau entnommene „Natur“ ist jedoch für immer entnommen; der abgebaute Gips wird schließlich zu Baustoffen verarbeitet. Er wird niemals wieder dort sein, wo er entnommen wurde. Abgebaute, verarbeitete Natur kann also im Sinne des lateinischen „re“ (=“zurück“), im engeren Sinne gar nicht zurückgebracht und damit auch nicht "renaturiert" werden.

Im Wortsinne müssten dazu die zerstörte Landschaftsstruktur mit allen Pflanzen- und Tiergemeinschaften wiederhergestellt werden.

Mit dem Begriff Renaturierung wurde gerade im Bergbau schon viel Schaden angerichtet und den Menschen suggeriert, die Utopie einer Einheit von Ökonomie und Ökologie sei allgegenwärtig.

Zwar lassen sich durch eine entsprechende Landschaftsgestaltung nach dem massiven Eingriff Rohstoffabbau durchaus landschaftliche Strukturen schaffen, in denen sich ein naturschutzfachlich wertvolles Arteninventar entwickelt; es ist jedoch stets von der Art des jeweils entnommenen Rohstoffes und besonders von den jeweils vor dem Abbau herrschenden natürlichen Gegebenheiten abhängig, ob eine so genannte „Renaturierung“ im allgemein gebräuchlichen Sinne überhaupt möglich ist. Positive Beispiele lassen sich im Südraum Leipzig auf dem Gebiet von renaturierten Braunkohletagebauen durchaus ausmachen.

Beim Gipsabbau jedoch hat die „Renaturierung“ im gebräuchlichen, also weiteren Sinne, bisher so gut wie in allen Punkten versagt. Selbst Vertreter der Gipsindustrie haben in Veröffentlichungen Probleme mit der Renaturierung eingeräumt. Darüber wurde in den Medien bereits berichtet. Es gibt hierzu jedoch auch ausreichende Beobachtungen vor Ort sowie weitere Publikationen von Fachleuten.

Lebensgemeinschaften brauchen naturgegebenen Gipskarst
Selbst dann aber, wenn man unterstellt, durch die so verstandene „Renaturierung“ seien die durch den Abbau zerstörten Lebensgemeinschaften auf den nach dem Abbau zurückgebliebenen Flächen wieder ansiedelbar oder sie würden sich von selbst entwickeln, lässt sich anhand von im Raum Nordhausen beobachtbaren Fakten und Fachliteratur recht problemlos vom Tisch wischen.
In Schriften, die seitens der Gipswirtschaft gelegentlich vorgelegt werden, wird gelegentlich sogar behauptet, eine "verbesserte Natur" gegenüber dem Zustand vor dem Abbau zu schaffen. Von Belegen, und ich meine hier nicht den Uhu-Horst in einer Steinbruchwand, sondern Lebensgemeinschaften vieler, unsere Region seit langer Zeit prägenden und vor dem Abbau vorhandenen Organismen, vor allem der entscheidenden, da viele Tiere nach sich ziehenden Pflanzenwelt, ist aktuell kaum etwas bekannt.

So sind die am Kohnstein wohlweislich durch Gipsabbau vernichteten, heute überregional bedrohten und geschützten rund 50 Gefäßpflanzenarten nach wie vor nicht zurückgekehrt. In der regionalen Presse gab es dazu eine mehrteilige Serie (siehe nnz).

Diese Arten, unter ihnen Orchideen oder auch der heute außerhalb der Alpen aussterbende Feld-Enzian, verschwanden nicht etwa, weil dort (übrigens auch das ein trauriger Fakt), auch nach Jahrzehnten nichts "renaturiert" wurde, sondern weil es auf Grund der Kohnsteinzerstörung schlichtweg unmöglich ist, die Bedingungen "zurückzubringen", die die Existenz der rund 50 Arten einst ermöglicht hatten.

Die genannten Bedingungen betreffen neben den nicht mehr vorhandenen riesigen Gipsmengen natürlich auch die mit ihm verschwundenen spezifischen Bodenverhältnisse, die hydrologischen und mikroklimatischen Standortverhältnisse, die allesamt historisch, über sehr lange Zeiträume gewachsen sind. All dies zurückzubringen, müsste aber von einer "Renaturierung" erwartet werden, wenn sie zeitgemäß sein will.

Es gibt darüber hinaus weder in der bisher von mir gesichteten Literatur, noch in den bei uns beobachteten jüngeren, sehr großen Gipssteinbrüchen, Belege dafür, dass sich Pflanzengemeinschaften mit einem höheren naturschutzfachlichen Wert ansiedeln würden, und das schon gar nicht in halbwegs vertretbaren Zeiträumen von sagen wir zehn Jahren.

Die menschgemachte Klimakrise wird unterschlagen
Zudem berücksichtigt die Gipswirtschaft einen weiteren Faktor nicht:

Angesichts der menschgemachten Klimakrise sind die in Gipssteinbrüchen herrschenden lokalklimatischen Verhältnisse zunehmend alles andere als pflanzenverträglich. Durch das weiße vegetationslose Gestein werden extrem trockene, sehr heiße Verhältnisse über lange Zeit festgeschrieben. Schließlich wurde die das Wasser haltendem schattenspendende Vegetationsdecke zerstört.

An einem süd- oder westexponierten, steilen Gipshang vor allem in einem reativ großen Steinbruch dürfte es praktisch keine Chance geben, angesichts der sich verschärfenden klimatischen und damit Wetterverhältnisse eine wenigstens teilweise geschlossene und dazu noch naturschutzfachlich wertvolle Vegetationsdecke zu etablieren. Ein Blick auf die braun-gelben wohl zur so genannten Renaturierung angelegten Aufschüttungen am Steinbruch Rüsselsee bei Appenrode und natürlich viele Trocken- und Halbtrockenrasen, unterstreichen dies.

Die seit Mai 2018 nur zeitweise unterbrochene Dürre hat selbst an einigen Nordhängen Halbtrockenrasen großflächig vertrocknen lassen.

Ein naturschonender Gipsabbau ist übrigens auch deswegen nicht möglich, weil die Steinbrüche selbst auf ihre nicht abgebaute Umgebung negative Wirkungen zu entfalten scheinen.

Dies ließ sich im Sommer 2018 zum Beispiel in der nächsten Umgebung des Steinbruchs Knauf im Alten Stolberg gut beobachten oder doch wenigstens vermuten, wo die am Steinbruch siedelnden Buchen, oft ein einem breiten Streifen sichtbar stärkere Trockenschäden aufwiesen, als die weiter entfernt in geschlossenen Beständen stockenden Buchen.

Die negativen lokalklimatischen Auswirkungen von Gipssteinbrüchen im Steinbruch Knauf werden noch durch eine Beobachtung bekräftigt, die man 2018 am Südrand des Steinbruchs Knauf machen konnte: Dort muss es wohl durch die ungehinderte Sonneneinstrahlung und die fehlende, ansonsten kleinklimatisch ausgleichende Bestockung, 2018 zu einem kleinen Waldbrand gekommen sein. Verkohlte Stümpfe lassen sich sicher auch jetzt noch beobachten.

Jeglicher weiterer Waldverlust durch den Gipsabbau, im Alten Stolberg und anderswo, ist angesichts der Klimakrise und der Situation der Artenvielfalt unverantwortlich.

Wo sind die „externen Kosten“
Nicht zuletzt ist die Auflistung der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und finanziellen Leistungen der Gipsindustrie zu der donnerstäglichen Pressekonferenz aus einem weiteren, grundlegenden Grund nicht stichhaltig:

Die so genannten externen Kosten wurden von den Machern des Zahlenwerks nicht berücksichtigt. Die von der Natur kostenlos zur Verfügung gestellten Ressourcen, deren komplexe Schutzfunktion aber durch Landschaftszerstörung, Vernichtung von Biodiversität (zum Beispiel von blütenbestäubenden Insekten) forcierte Waldschäden durch Veränderungen des Lolalklimas, Schädigung der touristischen Nutzung der Landschaft, Erzeugung von großen Abbraummengen, Belastungen des Klimas durch in der Baustoffindustrie erzeugten CO2-Emissionen, die ökologischen Folgen durch die ungebremste Landschaftsbersiegelung der Bauwirtschaft u.s.w. immer weniger möglich ist. Das aber verursacht Kosten durch die Beseitigung von Umweltschäden im weitesten Sinne oder durch den Gewinnausfall für andere Branchen wie Land-, Forst- und Tourismuswirtschaft.

Wenn Steinbrüche die Biodiversität dezimieren, ob nun in Bergwerksfeld direkt oder zum Beispiel durch Einflüsse auf benachbarte NSG, oder aber durch ihren Beitrag zum Klimawandel und zur Bodenversiegekung, so müsste all das der Gipswirtschaft in Rechnung gestellt werden. Es sind genau die heutzutage gern unterschlagenen Geldsummen, die für die Sicherung unserer Lebensgrundlagen infolge des Abbaus kurz- und langfristig aufgewandt werden müssen.

Diese Kosten aber den nachfolgenden Generationen aufzubürden, ist egoistisch und hat mit dem inflationär gebrauchten und genauso inflationär missbrauchten Begriff der Nachhaltigkeit nichts zu tun.

Vor dem Hintergrund des zuvor geschriebenen und gerade im Interesse der auf der Pressekonferenz betonten gesellschaftlichen Bedeutung der Gipswirtschaft im Südharz, sollte sie gerade im Interesse des Wirtschaftsstandortes den nötigen Weitblick aufbringen und auf den Naturgipsabbau komplett verzichten. Einen weiteren Verlust von Naturschätzen, insbesondere von Pflanzen- und Tierarten und von Wald können und dürfen wir uns im 21. Jahrhundert nicht mehr leisten, zumal der Gipsabbau in einem Hotspot der Artenvielfalt von europäischem Rang erfolgt.

Kein Infragestellen der lokalen Gipsindustrie
Das aber bedeutet keinesfalls, die Wirtschaftssparte Gips im Südharz infrage zu stellen. Da aber die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen auf Grund zwingender Fakten selbst für die Politik und für die Bevölkerung eine immer größere Bedeutung erlangt, sollte sie sich nach langfristig konfliktärmeren Produktionssttrategien umsehen.

Viele Wirtschaftsbereiche, allen voran die Automobil-, die Energie- sowie Land- und Forstwirtschaft stehen vor diesen zeitgemäßen Aufgaben. Zukunftsvisionen, die langfristig Gewinne, Arbeitsplätze, unsere Lebensgrundlagen und damit unser Leben und die Lebensqualität für künftige Generationen gleichermaßen sichern können, müssen eine viel größere Bedeutung im alltäglichen Wirtschaftsgeschehen erlangen, als bisher, wenn immer schärfere Konflikte, auch innerhalb der Gesellschaft, vermieden werden sollen.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare

10.09.2019, 10.17 Uhr
A.kriecher | Bodo Schwarzenberg
Das Problem ist leider unendlich, weil das Problem nun mal der Mensch selbst ist. Wenn z.B. 100 Menschen ihren Verbrauch und Bedarf um 50 % reduzieren aber es immer mehr Menschen werden auf Grund unserer vielen Errungenschaften, wie bessere Lebensbedingungen, bessere Gesundheitsvorsorge u.s.w. steigt die Nachfrage nach begrenzten Ressourcen trotzdem. Das heißt, irgendwann ist trotzdem Schluss.Gestern war es die Kohle, heute ist es Gibs und morgen was anderes.Wir können alles nur ein bisschen verlangsamen, mehr aber nicht. Die ganzen Lösungsansätze sind nichtig ,wenn das Grundproblem nicht in den Griff bekommen wird. Das ist und bleibt nun mal der Mensch mit seiner Verschwendung ,seiner Gier , seinem Neid und seiner unkontrollierten Ausbreitung.

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10.09.2019, 11.36 Uhr
N. Baxter | ist leider so
es gibt einfach zu viele Menschen auf dem Planet Erde und es werden immer mehr.
Das Grundproblem liegt aber m.M. nach in Politik und Wirtschaft, denn es wird permanent nach Wachstum gerufen - in der Wirtschaft wie in der Demographie.

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10.09.2019, 11.49 Uhr
A.kriecher | N.Baxter
Auch richtig, aber das eine ergibt ja das andere automatisch.

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