Sa, 21:12 Uhr
29.06.2019
150 Jahre Gips in Ellrich: Casea hatte zu großer Feier geladen
Gipsgegner nutzen Firmenjubiläum zum Protest
Es war im Jahr 1869, als Friedrich Euling die Vereinigte Gipswerke Ellrich am Harz GmbH gründete und damit das erste deutsche Gipswerk überhaupt. Mittlerweile wird der Rohstoff in Ellrich seit 150 Jahren abgebaut. Was für die Casea GmbH und deren 76 Mitarbeiter am Samstag ein Grund zum Feiern war, ist für die Gipsabbaugegner eine 150 Jahre währende Zerstörung der Natur. Sie hatten zur Demonstration aufgerufen. Aufeinander getroffen sind Befürworter und Gegner am Samstagnachmittag aber nicht…
Aktivisten von Robin Wood waren auf die Laternen geklettert und entrollten Banner. (Foto: Susanne Schedwill )
Das Ellricher Gipswerk war am Samstagnachmittag abgeriegelt. Sicherheitsleute kontrollierten am Eingang die Gäste der Jubiläumsfeier. Trotzdem schafften es drei Umweltaktivisten von Robin Wood, sich an drei Laternenmasten vor dem Werksgelände in der Höhe festzumachen. Sie entrollten mehrere Banner: Recycling statt Raubbau und Hände weg vom Gipskarst war darauf zu lesen.
Gut 400 Meter weiter in Richtung Ortskern hatten sich knapp 50 Menschen an der Kreuzung zur Göckingstraße versammelt: Vor dem Werksgelände zu demonstrieren, war ihnen von der Polizei verboten worden. Zum Protest aufgerufen hatte der Nordhäuser Kreisverband des BUND. Die Umweltschützer wollten ein Zeichen für den Erhalt der Gipskarstlandschaft setzen. Für uns sind das 150 Jahre Zerstörung der Gipskarstlandschaft, 150 Jahre Tagebaue ohne Wiederherstellung der ursprünglichen Vegetation, 150 Jahre unwiederbringliche Vernichtung einer einmaligen, als Hotspot der Artenvielfalt ausgezeichneten Landschaft, sagte BUND-Vorsitzende Heidi Schell.
Die Umweltaktivisten forderten in ihren Reden von der Gipsindustrie, auf weitere Neuverritzungen zu verzichten. Stattdessen müssten die Firmen deutlich mehr Engagement beim Gipsrecycling zeigen und den Rohstoff in den Stoffkreislauf zurückführen. Auch ein deutlich höherer Einsatz von Rea-Gips, der bei der Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken gewonnen wird, müsse realisiert werden.
Heidi Schell redete vor den Demonstranten. (Foto: Susanne Schedwill)
Über 2000 Unterschriften wurden vom BUND gegen die neuen Vorranggebiete im Regionalplan Nordthüringen 2018 gesammelt, der derzeit verhandelt wird. In dem Plan sind 672 Hektar als Vorranggebiete für die Rohstoffgewinnung bei Gips und Anhydrit vorgesehen, 87 Hektar mehr als bisher. Wir fordern eine Rückkehr zum Regionalplan 2012, so Heidi Schell.
Von den Protesten vor dem Zaun bekamen die Gäste im Festzelt auf dem Werksgelände kaum etwas mit. Ellrichs Bürgermeister Henry Pasenow (CDU) verwies auf die gute Partnerschaft zwischen Casea und der Stadt. Dass einige Menschen draußen demonstrieren, ist ihr gutes Recht. Dafür leben wir in einer Demokratie, sagte Pasenow. Aber bei Casea arbeiteten auch Bergleute. Und die gehören zu uns, sagte Pasenow unter Beifall. Wir brauchen eine gute Raumordnung, um alle Interessen gut miteinander hinzubekommen, sagte der Ellricher Stadtchef.
Casea feierte 150 Jahre Gipsabbau in Ellrich mit einem großen Mitarbeiterfest. (Foto: Susanne Schedwill)
Von den etwa 10 Millionen Tonnen Gips, die in Deutschland jährlich gebraucht würden, sind aktuell nur 45 Prozent Naturgips, sagte Silvio Löderbusch, Geschäftsführer der Remondis GmbH, dem Mutterkonzern. Gips sei dabei ein nur schwer ersetzbarer Baustoff. Und der deutsche Markt verlangt nach dem Mineral und seinen Folgeprodukten, so Löderbusch. Mehr als die Hälfte des Gips‘ stamme aktuell aus Rauchgasentschwefelungsanlagen der Kohlekraftwerke. Durch die Energiewende sollen die Kohlekraftwerke in den nächsten 20 Jahren komplett stillgelegt werden. Damit würde mehr als die Hälfte des heutigen Gipsaufkommens fehlen. Das heißt auch, dass wir uns mit Alternativen auseinandersetzen und Lösungsansätze finden müssen, so Löderbusch.
Partner dabei sei die Hochschule Nordhausen. Professor Jörg Wagner, Präsident der Hochschule, machte deutlich, dass man nicht umhinkomme mit dem Ende des Rea-Gips in der Region Lösungen zu diskutieren. Recycling sei eine Antwort. Gipsimporte aus anderen Ländern hingegen seien unökologisch und hätten aufgrund der langen Transportwege eine schlechte CO2-Bilanz.
In Richtung Gipsabbaugegner zeigte sich Löderbusch zuversichtlich, einen neuen Gipsfrieden herstellen zu können, wenn alle bereit sind Kompromisse einzugehen.
Das Unternehmen renaturiere, damit eine Rückgabe an die Natur in einer gegenüber dem Ursprungszustand möglichst aufgewerteten Form gesichert ist.
Wie die Gipsindustrie Verantwortung für die Zukunft übernehmen könne, darauf haben auch die Umweltschützer Antworten. Die Unternehmen sollten anfangen, ihre Sprengmeister im Recycling zu schulen, sagte Sylvia Spehr, Sprecherin der Grünen in Nordhausen. Denn für die Umweltschützer ist klar: Die Region kommt ohne neue Gipstagebaue aus.
Susanne Schedwill
Autor: ssc
Aktivisten von Robin Wood waren auf die Laternen geklettert und entrollten Banner. (Foto: Susanne Schedwill )
Das Ellricher Gipswerk war am Samstagnachmittag abgeriegelt. Sicherheitsleute kontrollierten am Eingang die Gäste der Jubiläumsfeier. Trotzdem schafften es drei Umweltaktivisten von Robin Wood, sich an drei Laternenmasten vor dem Werksgelände in der Höhe festzumachen. Sie entrollten mehrere Banner: Recycling statt Raubbau und Hände weg vom Gipskarst war darauf zu lesen.
Gut 400 Meter weiter in Richtung Ortskern hatten sich knapp 50 Menschen an der Kreuzung zur Göckingstraße versammelt: Vor dem Werksgelände zu demonstrieren, war ihnen von der Polizei verboten worden. Zum Protest aufgerufen hatte der Nordhäuser Kreisverband des BUND. Die Umweltschützer wollten ein Zeichen für den Erhalt der Gipskarstlandschaft setzen. Für uns sind das 150 Jahre Zerstörung der Gipskarstlandschaft, 150 Jahre Tagebaue ohne Wiederherstellung der ursprünglichen Vegetation, 150 Jahre unwiederbringliche Vernichtung einer einmaligen, als Hotspot der Artenvielfalt ausgezeichneten Landschaft, sagte BUND-Vorsitzende Heidi Schell.
Die Umweltaktivisten forderten in ihren Reden von der Gipsindustrie, auf weitere Neuverritzungen zu verzichten. Stattdessen müssten die Firmen deutlich mehr Engagement beim Gipsrecycling zeigen und den Rohstoff in den Stoffkreislauf zurückführen. Auch ein deutlich höherer Einsatz von Rea-Gips, der bei der Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken gewonnen wird, müsse realisiert werden.
Heidi Schell redete vor den Demonstranten. (Foto: Susanne Schedwill)
Über 2000 Unterschriften wurden vom BUND gegen die neuen Vorranggebiete im Regionalplan Nordthüringen 2018 gesammelt, der derzeit verhandelt wird. In dem Plan sind 672 Hektar als Vorranggebiete für die Rohstoffgewinnung bei Gips und Anhydrit vorgesehen, 87 Hektar mehr als bisher. Wir fordern eine Rückkehr zum Regionalplan 2012, so Heidi Schell.
Von den Protesten vor dem Zaun bekamen die Gäste im Festzelt auf dem Werksgelände kaum etwas mit. Ellrichs Bürgermeister Henry Pasenow (CDU) verwies auf die gute Partnerschaft zwischen Casea und der Stadt. Dass einige Menschen draußen demonstrieren, ist ihr gutes Recht. Dafür leben wir in einer Demokratie, sagte Pasenow. Aber bei Casea arbeiteten auch Bergleute. Und die gehören zu uns, sagte Pasenow unter Beifall. Wir brauchen eine gute Raumordnung, um alle Interessen gut miteinander hinzubekommen, sagte der Ellricher Stadtchef.
Casea feierte 150 Jahre Gipsabbau in Ellrich mit einem großen Mitarbeiterfest. (Foto: Susanne Schedwill)
Von den etwa 10 Millionen Tonnen Gips, die in Deutschland jährlich gebraucht würden, sind aktuell nur 45 Prozent Naturgips, sagte Silvio Löderbusch, Geschäftsführer der Remondis GmbH, dem Mutterkonzern. Gips sei dabei ein nur schwer ersetzbarer Baustoff. Und der deutsche Markt verlangt nach dem Mineral und seinen Folgeprodukten, so Löderbusch. Mehr als die Hälfte des Gips‘ stamme aktuell aus Rauchgasentschwefelungsanlagen der Kohlekraftwerke. Durch die Energiewende sollen die Kohlekraftwerke in den nächsten 20 Jahren komplett stillgelegt werden. Damit würde mehr als die Hälfte des heutigen Gipsaufkommens fehlen. Das heißt auch, dass wir uns mit Alternativen auseinandersetzen und Lösungsansätze finden müssen, so Löderbusch.
Partner dabei sei die Hochschule Nordhausen. Professor Jörg Wagner, Präsident der Hochschule, machte deutlich, dass man nicht umhinkomme mit dem Ende des Rea-Gips in der Region Lösungen zu diskutieren. Recycling sei eine Antwort. Gipsimporte aus anderen Ländern hingegen seien unökologisch und hätten aufgrund der langen Transportwege eine schlechte CO2-Bilanz.
In Richtung Gipsabbaugegner zeigte sich Löderbusch zuversichtlich, einen neuen Gipsfrieden herstellen zu können, wenn alle bereit sind Kompromisse einzugehen.
Das Unternehmen renaturiere, damit eine Rückgabe an die Natur in einer gegenüber dem Ursprungszustand möglichst aufgewerteten Form gesichert ist.
Wie die Gipsindustrie Verantwortung für die Zukunft übernehmen könne, darauf haben auch die Umweltschützer Antworten. Die Unternehmen sollten anfangen, ihre Sprengmeister im Recycling zu schulen, sagte Sylvia Spehr, Sprecherin der Grünen in Nordhausen. Denn für die Umweltschützer ist klar: Die Region kommt ohne neue Gipstagebaue aus.
Susanne Schedwill










