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24.03.2019
Treibstoff für Raketen und U-Boote

Das Geheimnis aus dem Odertal

Die Raketen kamen aus dem Kohnstein, ihr Treibstoff wurde in einem „Versteck“ im Harz produziert. Über den Schickert-Werken bei Bad Lauterberg ist jedoch nach Kriegsende 1945 noch länger als über den so genannten „Vergeltungswaffen“ ein Schleier des Geheimnisses geblieben...


„Schweres Wasser“ für ein nukleares Programm war es nicht, aber in komplizierten chemischen Verfahren wurde hochkonzentriertes Wasserstoff-Peroxid hergestellt. Damit konnten Triebwerke der V2-Raketen, Turbinen von Untersee-Booten, Torpedo-Aggregate und Starthilfen für Flugzeuge befüllt werden. Ein Zweigwerk befand sich in Rhumspringe auf dem Eichsfeld.

Als „streng geheim“ war das militärische Projekt eingestuft, das im Reichsministerium der Luftfahrt geplant wurde. Der Bau von fünf riesigen Hallen begann im August 1938. Fertig gestellt wurde die erste Produktionsstätte im Januar 1941, die zweite im November 1942, die weiteren im Juni 1944. Auf dem Areal standen schließlich hundert Gebäude.

Namensgeber und ziviles Aushängeschild war der Münchner Industrielle Otto Schickert von den Elektrochemischen Werken München. Tatsächlicher Leiter des Betriebes mit dem Tarnnamen „Anlage Z“ war seit 1940 Dr. Ing.Werner Piening, der in enger Verbindung mit der „Dienststelle Canaris“ (Spionage- Abwehr) stand. Piening kam aus dem Oberkommando der Marine in Berlin und hatte vorher als Konstruktionschef an der Entwicklung einer neuen Baureihe von U-Booten mitgewirkt.

Der Industriekomplex auf 41 Hektar Fläche befand sich in einem engen Winkel des Odertales, geschützt von Hochwald am steil abfallenden Kummel-Hang. Durch diese günstige topographische Lage blieb das „kriegswichtige Werk“ der alliierten Luftaufklärung wohl unentdeckt. Wenn jedoch die Oder-Talsperre, die für die Standortwahl wichtig war, von Bombern angegriffen worden wäre, hätte die Flutwelle alles weggespült.

Die chemischen Treibstoffe aus den Schickert-Werken wurden zum Teil im „Bauch“ des Kohnsteins, in den vorhandenen Tanklagern der Wifo, ebenfalls ein von Berlin finanziertes Unternehmen der Kriegswirtschaft im „Dritten Reich“, zwischengelagert. Als die Rote Armee in Schlesien vorrückte, sollte die Produktion chemischer Kampfstoffe aus dem Raum Breslau nach Bad Lauterberg verlegt werden, aber das ist nicht mehr geschehen.

Die Belegschaft schwankte um die Tausend ungefähr 250 Chemiker und Ingenieure, 450 Chemie-Facharbeiter und 450 Personal zur Instandhaltung. Stark abweichende Angaben gab es über die Anzahl der Zwangsarbeiter aus Belgien, Italien und Russland, insgesamt etwa 800 aus 15 verschiedenen Nationen. Gearbeitet wurde rund um die Uhr in drei Schichten. Die Einwohner von Bad Lauterberg hatten angeblich keine Ahnung, was dort produziert wurde.

Als US-Panzer am 15. April 1945 von St. Andreasberg her zu den Schickert-Werken vorstießen, wurden alle Zwangsarbeiter im Odertal befreit. Das Schicksal der Anlage blieb lange ungewiss, bis ab März 1947 die Demontage begann. Mit den nach England verschifften Installationen wurde Wasserstoff-Peroxid für ein sechs Jahre danach gebaute U-Boot erzeugt. Die Hallen wurden abgerissen. Die Stadt Bad Lauterberg erwarb am 1. Juli 1990 das gesamte Gelände für eine symbolische Mark.

Nun will ein niederländisches Unternehmen dort einen Ferienpark errichten.
Manfred Neuber
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