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Mi, 08:00 Uhr
26.09.2018
Kunstinstallation in Neustadt nimmt Gestalt an

Der Mensch ist mehr als Intellekt

Vor knapp drei Wochen kündigte man in Neustadt den Start eines ungewöhnlichen Kunstprojektes an, eine Licht- und Videoinstallation soll dem Ort ein besonderes Highlight bescheren und dabei auch die Neustädter selbst auf der Reise zum fertigen Werk mitnehmen. Die Idee hat inzwischen an Gestalt gewonnen, der passende Ort ist gefunden und auch die Termine für die "offenen Ateliers" stehen fest...


Es gibt Häuser, die haben ihren eigenen Charakter. Der des Neustädter Herrenhauses, im Herzen der kleinen Ortschaft, spricht auf den ersten Blick eine deutliche Sprache: der Putz blättert von der Fassade, die Scheiben sind durchlöchert, im Grün des Parks und der umliegenden Wälder klafft die Ruine wie eine offene Wunde, ein Riss im Gemälde der Neustädter Geschichte, weniger ansehnlich und pittoresk als die Burg hoch oben über der Stadt, aber dennoch Teil des Ganzen.

Was im Inneren noch übrig geblieben ist, das bekommt man wenn überhaupt nur selten zu sehen. Erhält man diesen Einblick doch einmal, bietet sich ein anderes Bild, eines das vielleicht von einem langsamen Aufbruch erzählen mag, die entfernte Ahnung oder auch Hoffnung einer Wiedergeburt.

Denn im Haus wird gearbeitet, wenn auch nur langsam. In der zweiten Etage des alten Herrenhauses, zwischen löchrigen Wänden, rohem Stein und im Herbstlicht tanzenden Staubpartikeln wird nun seit neuestem noch an einer ganz anderen Art der Belebung gearbeitet. Judith Rautenberg hat hier ihr Lager aufgeschlagen und ist fleißig am ausmessen, fotografieren und zusammenbasteln. Die junge Künstlerin aus Weimar weilt für zwei Monate am Südharzrand und hat sich das Innere des alten Gemäuers als Leinwand für ihre Licht- und Videoinstallation auserkoren.

Wer die Schwelle des Hauses überschreitet, der betritt eine andere Welt, auch wenn einem das nicht gleich bewusst sein mag, findet die Künstlerin, die "multisensorische Wahrnehmung", das Zusammenspiel der Sinne, erfahre im Alltag der meisten Menschen kaum Beachtung, dennoch hätten auch subtile Veränderungen der Umgebung Auswirkungen auf Körper und Geist. Ungewohnte Räume wie die des Neustädter Herrenhauses, halb Ruine, halb belebte Baustelle, könnten diese Wahrnehmung schärfen.

Wenn es der Moment und das Individuum denn zulassen. Mit ihrem Kunstprojekt will Judith Rautenberg ihren Besuchern eine ebensolche sensorische Erfahrung ermöglichen und Räume schaffen, die es leichter machen, den Sinnen freien Lauf zu lassen.

Vier Zimmer und Gänge des Herrenhauses bis hinauf zum Dachstuhl will sie dafür zunächst nutzen, ein "Grundgerüst", wie sie sagt, auf dem noch aufgebaut werden könnte, wenn die Zeit bleibt. Die ersten LED-Elemente für das Licht-Erlebnis sind bereits konstruiert, die Raumkonzepte stehen. In den Fokus hat die Künstlerin dabei die natürliche Vernetzung komplexer Systeme gestellt, die über visuelle Überlagerung mehrerer Bildebenen oder sich bewegenden und ineinander verzahnenden Gebilde erfahrbar gemacht werden sollen.

Das der Betrachter die Metaphorik hinter dem künstlerischen Prozess auch durchdringt, ist für Rautenberg dabei allerdings zweitrangig. "Der Mensch ist mehr als reiner Intellekt. Etwas kann mich tief bewegen und ich habe keine Ahnung warum. Für mich ist es die größte Freude wenn ich sehe, dass die Leute dieses Glänzen in den Augen haben, wenn man merkt das sie in der Installation etwas für sich gefunden haben", erklärt die Künstlerin.

Was nicht heißen soll das der Prozess dem Betrachter völlig verschlossen bleiben muss, im Gegenteil, Aspekt des Neustädter Kunstprojektes ist es auch, Anwohner und Gäste in die Entstehung mit einzubeziehen. Ursprünglich waren dafür mehrere "offene Ateliers" geplant, bei denen man auch mit Hand anlegen sollte, etwa wenn es um den Bau der Lichtelemente geht. Die Natur der Räume bringt es nun aber mit sich, dass man hier ein paar Abstriche machen musste. "Das Herrenhaus ist eine Baustelle, wir können die Ateliers deswegen nicht einfach unbeaufsichtigt durchführen, zumal ich im zweiten Stock arbeite und ich keinen Überblick hätte wer kommt und wer geht. Stattdessen wird es zwei Termine geben, an denen ich Rede und Antwort stehe. Und man wird natürlich einen Einblick in die technische Umsetzung bekommen und ein wenig von dem sehen, was später nicht mehr sichtbar sein soll."
Ein Spiel aus Licht und Schatten - Künstlerin Judith Rautenberg hat das alte Neustädter Herrenhaus als Hintergrund für ihr Kunstprojekt gewählt (Foto: Angelo Glashagel)
Ein Spiel aus Licht und Schatten - Künstlerin Judith Rautenberg hat das alte Neustädter Herrenhaus als Hintergrund für ihr Kunstprojekt gewählt (Foto: Angelo Glashagel)
Ein Spiel aus Licht und Schatten - Künstlerin Judith Rautenberg hat das alte Neustädter Herrenhaus als Hintergrund für ihr Kunstprojekt gewählt (Foto: Angelo Glashagel)
Ein Spiel aus Licht und Schatten - Künstlerin Judith Rautenberg hat das alte Neustädter Herrenhaus als Hintergrund für ihr Kunstprojekt gewählt (Foto: Angelo Glashagel)
Der erste Atelier-Termin findet bereits heute zwischen 16 und 18 Uhr statt, die nächste Möglichkeit zum Blick hinter die Kulissen bietet sich danach noch einmal am kommenden Mittwoch, dem 03.10., zwischen 15 und 17 Uhr. Die endgültige Präsentation ist für den Freitag, den 26.10. zwischen 18 und 22 Uhr sowie für den darauffolgenden Samstag, den 27.10., zwischen 19 und 22 Uhr geplant.

In Gruppen von zehn bis zwölf Personen sollen die Besucher dann die Kunst im alten Herrenhaus erkunden und erleben können und dabei vielleicht eine ganz andere Seite am alten Gemäuer oder an sich selbst entdecken.
Angelo Glashagel
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Kommentare

26.09.2018, 10.06 Uhr
rosie | Eine sorgfältige Recherche
wäre schön, lieber Herr Glashagel. Bei dem Gebäude, welches Sie als "altes Neustädter Herrenhaus" bezeichnen, handelt es sich um das "Neue Schloss", auch wenn es auf den ersten Blick (noch) nicht wie ein Schloss aussieht.
Das "Neue Schloss" auch noch in einen Vergleich zur Burgruine zu stellen, finde ich sehr vermessen. Im Gegensatz zur Ruine Hohnstein wird am und im Schloss zum Erhalt gearbeitet, während die Burg nur noch durch klägliche Versuche der Sicherung am Leben erhalten wird. Wann waren Sie das letzte Mal dort oben? Vielleicht ist sie Ihnen ja auch einen Artikel wert, um etwas Aufmerksamkeit für die Burgruine Hohnstein zu erreichen. Um die ist es nämlich auch sehr schade...

Herzlichen Dank für die Vorstellung des Kunstprojektes im "Neuen Schloss" in Neustadt. Ich wünsche der Künstlerin viel Erfolg und den Besuchern ein tolles, außergewöhnliches Erlebnis!

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26.09.2018, 14.20 Uhr
Leser X | Nachträglich geadelt...
... wow, ich bin sechs Jahre in einem Schloss zur Schule gegangen... Dort befand sich die POS Neustadt, 3. bis 8. Klasse.

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