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Fr, 10:32 Uhr
04.05.2018
Lichtblick zum Wochenende

Beten ist wie… ja, wie eigentlich?

Beten ist wie… ja, wie eigentlich? Das fragt sich Pfarrer Karl Weber im heutigen Lichtblick am Wochenende und greift die Geschichte eines alten Mönchs auf, der mit seinen Schülern über Gott, die Welt und das Gebet sprach...

Vor langer Zeit lebte ein alter und weiser Mönch in einem kleinen und abgelegenen Kloster. Wo das Kloster genau war, wissen wir heute nicht mehr. Aber damals als diese kleine Geschichte spielt, wusste jeder, wo der alte Mönch zu finden ist – er war nämlich für seine schwierigen Fragen bekannt.

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Eines Tages war es dann mal wieder soweit: Der alte Mönch saß mit seinen Schülern zusammen in der Mittagssonne und sprach mit ihnen über Gott und die Welt. Das Gespräch nahm seinen Lauf und plötzlich stellte er wieder eine dieser schwierigen Fragen. "Was ist der Anfang des Gebets?" Der erste antwortete: "In der Not, denn Not lehrt beten. Wenn ich Not empfinde, dann wende ich mich von selbst an Gott. " Der zweite antwortete: "Im Glück. Denn wenn ich glücklich bin, verlasse ich das Gefängnis meiner Ängste und Sorgen und bekomme einen Blick für Gott." Der dritte: "In der Stille. Denn wenn ich schweige, dann kann Gott sprechen." Der vierte: "Im Stammeln des Kindes ist der Anfang des Gebets. Denn erst wenn ich wieder werde wie ein Kind, wenn ich mich nicht schäme, vor Gott zu stammeln, dann ist er ganz groß und ich bin ganz klein und beginne, über Gott zu staunen und zu ihm zu beten." Der alte Mönch lauschte den Antworten seiner Schüler und nickte leicht mit seinem Kopf.

Aber er war noch nicht ganz zufrieden. Plötzlich begann er zu sprechen: "Ihr habt alle gut geantwortet. Aber es gibt noch einen Anfang, und der ist früher als all das, was ihr genannt habt. Das Gebet beginnt nämlich bei Gott selbst. Er fängt an - nicht wir." Wie die Schüler auf die Antwort ihres Lehrers reagiert haben, überliefert die kleine Geschichte nicht. Und trotzdem: Ihre Botschaft ist schlicht und deshalb so bezaubernd schön: Gebet beginnt damit, dass ich mich ganz zurücknehme um Gott Raum in meiner Seele zu geben. Wie das passieren kann, dafür geben die Schüler des alten Mönches Bespiele: Das Stoßgebet, wenn mir eine Situation unerträglich wird und ich mich nach Beistand sehne.

Der freudigen Dankesseufzer, weil ich die ganze Welt umarmen könnte vor Glück. In der Stille, wenn ich es zulasse die eigenen Gedanken nach und nach abzuschalten. Im Lachen eines Kindes, das noch nicht versucht alles mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen zu begreifen. Man könnte noch einiges anfügen: Das Anzünden einer Kerze beim Besuch einer (alten) Kirche. Der anschließende Eintrag ins Gästebuch. Das herzhafte Einstimmen in ein Lied. Das Sprechen vertrauter Zeilen.

Da sind das Vaterunser und der Psalm 23. Worte, die Menschen oft noch sprechen können, wenn sie ihre Sprache schon längst verloren haben. Da ist der Moment des Innehaltens am Grab eines geliebten Menschen. Kurz gesagt: Jeder Moment, in dem ich innehalte und versuche meine Aufmerksamkeit von mir weg auf etwas Größeres zu richten, ist Gebet. Beten ist wie ein großer Strauß aus Frühlingsblumen: Bunt, vielfältig, bezaubernd schön. Wie beten genau geht, weiß ich selber auch nicht wirklich. Wahrscheinlich muss jeder seine eigene Art mit Gott zu sprechen, entdecken. Dass Beten wirkt, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Freilich nicht wie ein Wunschautomat, aus dem ich das bekommen, was ich will. Nein, das Gebet wirkt umfassender. Beten ist wie ein- und ausatmen. Beten ist das Atmen der Seele. Ich atme ein und lasse den frischen Wind des Geist Gottes für einen Moment in mein Leben. Und dann ist da Platz für sein Wirken. Für neue Weite. Für Erneuerung in meinem Leben. Und dann atme ich aus und kann abgeben, was verbraucht ist, was mich belastet. Ich werde leer und bin voller Erwartungen. Zwischen beiden Bewegungen liegt der Moment des Stillstandes und der Ruhe. Und das ist der Moment, in dem Gott spricht. Und wenn ich still genug bin, dann höre ich es – manchmal… „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet“ (Wochenspruch aus Psalm 66,20) Ich weiß nicht, wie viele Menschen in meiner Umgebung regelmäßig beten. Und auch ich stelle am Ende eines Tages oft fest, dass ich mal wieder nicht dazu gekommen bin.

Der kommende Sonntag lädt dazu ein über das Gebet nachzudenken. „Rogate“ ist sein lateinischer Name – „Betet!“. Da steckt die Aufforderung drin, nicht lange über den Sinn oder den Unsinn des Gebets nachzudenken, sondern einfach damit anzufangen. In diesem Sinne: Probieren Sie es doch einfach (mal wieder) aus. Ein stilles und erholsames Wochenende wünscht Ihnen, Pfarrer Karl Weber (Sondershausen)
Autor: red

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