Mi, 16:00 Uhr
11.04.2018
Helfen 4.0 mit sociallook.net
Ein Soziales Netz das den Namen auch verdient
Der Alltag der meisten Menschen ist schon digital, die Wirtschaft hat die Zeichen der Zeit erkannt und selbst die Verwaltungen kommen langsam in Bewegung, in der sozialen Arbeit ist man hingegen noch in den späten 90er Jahren hängen geblieben. Der Horizont will das jetzt mit einem ambitionierten Projekt ändern. Was Facebook und Co. für den Alltag sind, soll "sociallook" für den Umgang mit Behörden, Vereinen und Einrichtungen werden...
Der Freundeskreis ist heute nur einen Klick entfernt, wer will kann seine Gedanken, seine Wünsche und Vorstellungen, Ansichten, Meinungen, Mittagsmahl oder den Schnappschuss aus dem Urlaub in Wort, Bild und Ton mit dem Rest der Welt teilen, erhält beständig Nachrichten und Mitteilungen, verteilt diese selbst, verschickt vielleicht einfach nur Katzenfotos oder sinnhaltige Zitatsammlungen.
Die sozialen Netzwerke sind zu einem bestimmenden Teil der Alltagsrealität geworden, ob man aktiv an ihnen Teil nimmt oder nicht. Die tatsächlichen sozialen Netze der analogen Welt, welche die Gemeinschaft einmal für ihre Armen, Schwachen oder vom Schicksal gebeutelten Mitmenschen gespannt hat, die hängen hingegen meist noch in der Epoche des bedruckten Papiers fest. Während die Digitalisierung immer weitere Kreise zieht, hat sich der Gedanke der digitalen Vernetzung in der sozialen Arbeit bisher nicht durchgesetzt.
Im Nordhäuser Horizont-Verein will man dies jetzt ganz pragmatisch angehen. sociallook nennt sich das Projekt, eine digitale Plattform die für den Behörden- bzw. Helferalltag das sein soll, was Facebook und Co. für den Lebensalltag sind. Statt sich mit Freunden und Bekannten zu vernetzen, können sich die Menschen über sociallook mit Behörden wie dem Jugendamt und der Arbeitsagentur, mit Institutionen wie der Berufsschule, dem Ausbildungsbetrieb oder mit sozialen Institutionen digital verbinden.
Die Idee zu einem tatsächlich digitalen sozialen Netzwerk sei aus jahrelanger Erfahrung im System der Sozialpolitik gewachsen, erzählt Thomas Rzepus, Initiatior des sogenannten Plattformmodells. In der sozialen Arbeit stoße man immer wieder auf Herausforderungen, auf der einen Seite stehen Sozialarbeiter und Behörden, denen die Ressourcen häufig fehlten um effektiv im Einzelfall arbeiten zu können. Betreuungsschlüssel von eins zu hundert, also ein Ansprechpartner auf einhundert Bürger oder Teilnehmer, seien keine Seltenheit, berichtet Rzepus. Zeit sich eingehend mit den Menschen zu befassen ist da oft Mangelware. Auf der anderen Seite stehen Bürger die sich im Umgang mit Behörden, Institutionen und Hilfsangeboten vielfach überfordert fühlen und mit viel persönlichem Aufwand und der dazu nötigen Motivation Prozesse durchlaufen können, die sich vielfach ähneln.
sociallook soll beiden Seiten das Leben und den Umgang miteinander erleichtern, strukturieren und mit wenigen Klicks optimieren. Statt Bildern vom fröhlichen Nachwuchs oder dem letzten Essen sollen Menschen und Organisationen auf sicherem Wege Daten, Dokumente, Termine und Unterlagen schnell und unkompliziert austauschen können. Die Krankschreibung muss zur Krankenkasse, dem Ausbildungsbetrieb oder dem Jobcenter? Ein Foto, ein paar Klicks, fertig. Arbeitszeugnisse, Bewerbungen, Nachweise und dergleichen mehr legt man in der papiernen Bürokratie im Zweifelsfall mehrfach an verschiedenen Stellen vor, je nachdem wer gerade zuständig ist.
Vorstellung vor Fachpublikum - soziale Arbeit digitalisieren mit "sociallook" (Foto: Angelo Glashagel)
Wird ein Termin verpasst oder die Unterlagen vergessen, kann das schnell unangenehme Konsequenzen haben. Digital bräuchte es auch hier nur ein paar einfache Handgriffe des Nutzers um viele Probleme zu lösen. Einmal hochgeladen können die Unterlagen verschiedenen Stellen zur Einsicht freigegeben werden. Naht der nächste Termin erinnert einen das Portal per Push-Nachricht über das Smartphone, muss ein Treffen abgesagt werden oder gibt es Überschneidungen dann ist auch das für die relevanten Stellen einsehbar. Selbst bei Krisensituationen soll die Plattform helfen. Von der Sinnkrise bis zu tiefergehenden Problemen kann der Nutzer in mehreren Abstufungen seinen Betreuer, Sozialarbeiter oder andere Stellen über seine Lage in Kenntniss setzen. Mehr Effizienz, weniger Redundanz und die Hoheit über die Daten liegen beim Nutzer - das ist das Versprechen von sociallook.
Wir haben unser System aus der Nutzerperspektive gedacht, hier soll die Macht und die Hoheit über die Daten liegen. Die Rechte für die Datenfreigabe liegen bei denen, denen sie gehören, sagt Thomas Rzepus, welche Behörde oder Institution was sehen darf, wieviel Einblick gewährt wird, das kann individuell festgelegt und bei Bedarf auch wieder geändert werden. Ganz einfach per Klick. Egal ob Tag oder Nacht und ohne aufwendige schriftliche Wiederrufe. Der Nutzer sieht wer sich wann, was auf seinem Profil angesehen hat, nur der Nutzer kann Institutionen anfragen, nicht umgekehrt, sollen Daten verändert werden bedarf es der Zustimmung des Betroffenen.
Datendemokratie statt Datenkapitalismus nennt Rzepus das, Digitalisierung die sich nicht aus monetären Beweggründen speist, sondern im Interesse der Gesellschaft als Schnittstelle zwischen Bürger und (Sozial-)Staat fungiert. Statt die Gewinne digitaler Netzwerke aus dem Silicon Valley nach oben zu treiben können Daten, richtig genutzt, gesellschaftlichen Mehrwerte im Lebensraum des Bürgers schaffen.
Für seine Idee hat Rzepus prominente Unterstützung gefunden. Karl-Heinz Land sieht sich selbst als Neudenker, der die Zukunft provozieren will und sprach am Vormittag über die Erde 5.0. Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung würden in den nächsten Jahren signifikante Auswirkungen auf die Gesellschaft haben und viel Reibung erzeugen, im Moment stehe man noch am Anfang dieses Prozesses. Die Digitalisierung ist der Schlüssel zu einem neuen Denken, sagte Land, der Wandel biete dabei die Chance für eine Neugestaltung, vor allem im Werte- und Bildungssystem.
Bleibt die Frage des Vertrauens. Datenskandale häufen sich, immer wieder gehen Netzwerken Nutzerdaten verloren, weil elementare Sicherheitsregeln missachtet werden. Wenn es um die Kommunikation mit Behörden und die digitale Freigabe offizieller Unterlagen geht, fällt die Sicherheitsproblematik umso stärker ins Gewicht. Entsprechend ernst habe man das Thema genommen, sagt Rzepus, Zwei-Wege-Verifizierung und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung habe man bereits implementiert. Eine Captcha-Mechanik um falsche, computergenerierte Nutzer, sogenannte Bots, aus dem Netzwerk zu halten baue man derzeit ein. Das Programm werde den Anforderungen der neuen Datenschutzgrundverordnung angepasst um die Daten der Nutzer bestmöglich zu schützen.
Noch läuft sociallook im Feldversuch, rund 100 Bürger und 40 Mitarbeiter verschiedenster Behörden und Organisationen sind aktuell aktiv und testen die Funktionalität der Plattform. Am Ende könnte das Nordhäuser Modell eine Blaupause oder sogar ein Standard werden der über die Kreisgrenzen hinweg Anklang findet. Ideen und Innovationskraft werden in den nächsten Jahren das wertvollste Kapital sein, prophezeit Karl-Heinz Land, im digitalen Zeitalter haben gute Ideen kein Zuhause und können genausogut aus Thüringen kommen, wie aus Kalifornien. Warum nicht gleich aus Nordhausen?
Angelo Glashagel
Autor: redDer Freundeskreis ist heute nur einen Klick entfernt, wer will kann seine Gedanken, seine Wünsche und Vorstellungen, Ansichten, Meinungen, Mittagsmahl oder den Schnappschuss aus dem Urlaub in Wort, Bild und Ton mit dem Rest der Welt teilen, erhält beständig Nachrichten und Mitteilungen, verteilt diese selbst, verschickt vielleicht einfach nur Katzenfotos oder sinnhaltige Zitatsammlungen.
Die sozialen Netzwerke sind zu einem bestimmenden Teil der Alltagsrealität geworden, ob man aktiv an ihnen Teil nimmt oder nicht. Die tatsächlichen sozialen Netze der analogen Welt, welche die Gemeinschaft einmal für ihre Armen, Schwachen oder vom Schicksal gebeutelten Mitmenschen gespannt hat, die hängen hingegen meist noch in der Epoche des bedruckten Papiers fest. Während die Digitalisierung immer weitere Kreise zieht, hat sich der Gedanke der digitalen Vernetzung in der sozialen Arbeit bisher nicht durchgesetzt.
Im Nordhäuser Horizont-Verein will man dies jetzt ganz pragmatisch angehen. sociallook nennt sich das Projekt, eine digitale Plattform die für den Behörden- bzw. Helferalltag das sein soll, was Facebook und Co. für den Lebensalltag sind. Statt sich mit Freunden und Bekannten zu vernetzen, können sich die Menschen über sociallook mit Behörden wie dem Jugendamt und der Arbeitsagentur, mit Institutionen wie der Berufsschule, dem Ausbildungsbetrieb oder mit sozialen Institutionen digital verbinden.
Die Idee zu einem tatsächlich digitalen sozialen Netzwerk sei aus jahrelanger Erfahrung im System der Sozialpolitik gewachsen, erzählt Thomas Rzepus, Initiatior des sogenannten Plattformmodells. In der sozialen Arbeit stoße man immer wieder auf Herausforderungen, auf der einen Seite stehen Sozialarbeiter und Behörden, denen die Ressourcen häufig fehlten um effektiv im Einzelfall arbeiten zu können. Betreuungsschlüssel von eins zu hundert, also ein Ansprechpartner auf einhundert Bürger oder Teilnehmer, seien keine Seltenheit, berichtet Rzepus. Zeit sich eingehend mit den Menschen zu befassen ist da oft Mangelware. Auf der anderen Seite stehen Bürger die sich im Umgang mit Behörden, Institutionen und Hilfsangeboten vielfach überfordert fühlen und mit viel persönlichem Aufwand und der dazu nötigen Motivation Prozesse durchlaufen können, die sich vielfach ähneln.
sociallook soll beiden Seiten das Leben und den Umgang miteinander erleichtern, strukturieren und mit wenigen Klicks optimieren. Statt Bildern vom fröhlichen Nachwuchs oder dem letzten Essen sollen Menschen und Organisationen auf sicherem Wege Daten, Dokumente, Termine und Unterlagen schnell und unkompliziert austauschen können. Die Krankschreibung muss zur Krankenkasse, dem Ausbildungsbetrieb oder dem Jobcenter? Ein Foto, ein paar Klicks, fertig. Arbeitszeugnisse, Bewerbungen, Nachweise und dergleichen mehr legt man in der papiernen Bürokratie im Zweifelsfall mehrfach an verschiedenen Stellen vor, je nachdem wer gerade zuständig ist.
Vorstellung vor Fachpublikum - soziale Arbeit digitalisieren mit "sociallook" (Foto: Angelo Glashagel)
Wird ein Termin verpasst oder die Unterlagen vergessen, kann das schnell unangenehme Konsequenzen haben. Digital bräuchte es auch hier nur ein paar einfache Handgriffe des Nutzers um viele Probleme zu lösen. Einmal hochgeladen können die Unterlagen verschiedenen Stellen zur Einsicht freigegeben werden. Naht der nächste Termin erinnert einen das Portal per Push-Nachricht über das Smartphone, muss ein Treffen abgesagt werden oder gibt es Überschneidungen dann ist auch das für die relevanten Stellen einsehbar. Selbst bei Krisensituationen soll die Plattform helfen. Von der Sinnkrise bis zu tiefergehenden Problemen kann der Nutzer in mehreren Abstufungen seinen Betreuer, Sozialarbeiter oder andere Stellen über seine Lage in Kenntniss setzen. Mehr Effizienz, weniger Redundanz und die Hoheit über die Daten liegen beim Nutzer - das ist das Versprechen von sociallook.
Wir haben unser System aus der Nutzerperspektive gedacht, hier soll die Macht und die Hoheit über die Daten liegen. Die Rechte für die Datenfreigabe liegen bei denen, denen sie gehören, sagt Thomas Rzepus, welche Behörde oder Institution was sehen darf, wieviel Einblick gewährt wird, das kann individuell festgelegt und bei Bedarf auch wieder geändert werden. Ganz einfach per Klick. Egal ob Tag oder Nacht und ohne aufwendige schriftliche Wiederrufe. Der Nutzer sieht wer sich wann, was auf seinem Profil angesehen hat, nur der Nutzer kann Institutionen anfragen, nicht umgekehrt, sollen Daten verändert werden bedarf es der Zustimmung des Betroffenen.
Datendemokratie statt Datenkapitalismus nennt Rzepus das, Digitalisierung die sich nicht aus monetären Beweggründen speist, sondern im Interesse der Gesellschaft als Schnittstelle zwischen Bürger und (Sozial-)Staat fungiert. Statt die Gewinne digitaler Netzwerke aus dem Silicon Valley nach oben zu treiben können Daten, richtig genutzt, gesellschaftlichen Mehrwerte im Lebensraum des Bürgers schaffen.
Für seine Idee hat Rzepus prominente Unterstützung gefunden. Karl-Heinz Land sieht sich selbst als Neudenker, der die Zukunft provozieren will und sprach am Vormittag über die Erde 5.0. Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung würden in den nächsten Jahren signifikante Auswirkungen auf die Gesellschaft haben und viel Reibung erzeugen, im Moment stehe man noch am Anfang dieses Prozesses. Die Digitalisierung ist der Schlüssel zu einem neuen Denken, sagte Land, der Wandel biete dabei die Chance für eine Neugestaltung, vor allem im Werte- und Bildungssystem.
Bleibt die Frage des Vertrauens. Datenskandale häufen sich, immer wieder gehen Netzwerken Nutzerdaten verloren, weil elementare Sicherheitsregeln missachtet werden. Wenn es um die Kommunikation mit Behörden und die digitale Freigabe offizieller Unterlagen geht, fällt die Sicherheitsproblematik umso stärker ins Gewicht. Entsprechend ernst habe man das Thema genommen, sagt Rzepus, Zwei-Wege-Verifizierung und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung habe man bereits implementiert. Eine Captcha-Mechanik um falsche, computergenerierte Nutzer, sogenannte Bots, aus dem Netzwerk zu halten baue man derzeit ein. Das Programm werde den Anforderungen der neuen Datenschutzgrundverordnung angepasst um die Daten der Nutzer bestmöglich zu schützen.
Noch läuft sociallook im Feldversuch, rund 100 Bürger und 40 Mitarbeiter verschiedenster Behörden und Organisationen sind aktuell aktiv und testen die Funktionalität der Plattform. Am Ende könnte das Nordhäuser Modell eine Blaupause oder sogar ein Standard werden der über die Kreisgrenzen hinweg Anklang findet. Ideen und Innovationskraft werden in den nächsten Jahren das wertvollste Kapital sein, prophezeit Karl-Heinz Land, im digitalen Zeitalter haben gute Ideen kein Zuhause und können genausogut aus Thüringen kommen, wie aus Kalifornien. Warum nicht gleich aus Nordhausen?
Angelo Glashagel



