Fr, 10:30 Uhr
08.12.2017
Tickets, Service, Fahrzeuge
Balanceakt für Bus und Bahn
Der alte Fahrscheinautomat an der Bushaltestelle - ein Auslaufmodell? Bei den Nordhäuser Verkehrsbetrieben macht man sich in diesen Tagen Gedanken über die zukünftigen Entwicklungen im ÖPNV und wie man die Balance zwischen Alt und Neu halten kann. Bürgerticket und papierlose Fahrscheine sind da nur zwei Themen von vielen...
Am vergangenen Freitag eröffnete die Stadtwerke-Nordhausen-Gruppe ihr neues Servicecenter in Kooperation mit der Harzer Schmalspurbahn im "Dampfladen" am Bahnhofsplatz. Kunden können hier nicht nur Fahrscheine oder Grünabfallkarten kaufen, sondern so ziemlich alles, was die kommunalen Unternehmen zu bieten haben, vom Badehaus-Gutschein bis zum gelben Sack.
"Wir nehmen hier im Grunde jede Anfrage entgegen, die uns oder andere Unternehmen der Stadtwerke betrifft", sagte Gabriele Schuchardt, Geschäftsführerin der Nordhäuser Verkehrsbetriebe. Man habe endlich eine zentrale Anlaufstelle, an der alle Linien vorbeikommen und die auch sonst besser zu erreichen sei als der Firmensitz in der Robert-Blum-Straße.
So weit, so normal. Der zentrale Servicepunkt ist aber auch ein Zeichen der Dinge, die da kommen werden. Bei den Verkehrsbetrieben macht man sich zunehmend Gedanken darüber, wie der öffentliche Personennahverkehr in Zukunft gestaltet und der Kontakt zum Kunden noch besser hergestellt werden kann. "Im Moment ist die Herausforderung für uns das Alte beizubehalten und in zukünftige Entwicklungen zu investieren", sagt Schuchardt. Fahrscheinautomaten seien eigentlich ein Auslaufmodell, man werde das bestehende Netz aber beibehalten. Anfang Januar müsste man neue technische Standards an den Automaten umsetzen, die Entwicklung des Kreditwesens macht das nötig. Hohe Neuinvestitionen für die technisch in die Jahre gekommenen Automaten seien nicht mehr gerechtfertigt, daher werde man von der Umrüstung absehen und die Automaten ab dem 1. Januar ohne EC-Karten-Terminal betreiben.
Gabriele Schuchardt - Geschäftsführerin der Nordhäuser Verkehrsbetriebe, Pragmatismus statt Insellösungen (Foto: Angelo Glashagel)
"Wir suchen nach neuen Wegen, den Fahrkartenverkauf zu organisieren, das elektronische Ticket wäre eine Möglichkeit. Bevor das eingeführt werden kann, müssen wir aber erst einmal die nötigen Voraussetzungen schaffen". Die bisherigen Systeme reichen dafür nicht aus, es bedarf grundsätzlicher Modernisierungen.
In Zusammenarbeit mit fünf weiteren Verkehrsbetrieben aus Thüringen arbeitet man an der Beschaffung und Implementierung eines neuen "Rechnergestützten Betriebsleitsystems" (RBL). Vom Bordrechner über die Informationsanzeigen an Haltestellen bis zur Datenverarbeitung in der Zentrale - das "RBL" ist für den Betrieb von essentieller Bedeutung. Mit neuer Hard- und Software wäre dann auch an die Einführung elektronischer Ticketvarianten zu denken. Zwei Jahre wird das wohl noch dauern, so die Planung der Verkehrsbetriebe.
"Das ist ein komplexes Thema. Wir müssen jetzt etwas tun, aber wir befinden uns noch nicht unter Zeitdruck", sagt Schuchardt. Im Verbund könne man gute Synergien nutzen, jeder bringe seine Erfahrungen ein. ÖPNV müsse überregional gedacht werden, pragmatische Zusammenarbeit sei Insellösungen vorzuziehen.
Das gilt auch für die Zukunft der Fahrzeugflotte. Knapp 60 Busse sind für die Verkehrsbetriebe aktuell im Landkreis unterwegs, 49 davon gehören dem kommunalen Betrieb, den Rest stellen Subunternehmer. Hinzu kommen 12 Straßenbahnen. Ein Weg den die Entwicklung nehmen könnte, wären Busse mit Elektroantrieb. Einen ersten Einblick hatte man bereits Ende 2014 für einige Tage gewinnen können: auf der Stadtbuslinie A kam ein "E-Bus" zum Einsatz. Die Fahrzeuge seien auf der Linie stabil gelaufen, problematisch sei vor allem die Klimatisierung an kalten Tagen gewesen.
Die Technik bietet Vorteile: Getriebe- oder Motorschäden sind kaum zu erwarten, den nötigen Strom könnte man beim "Schwesterunternehmen" kaufen, das Geld bliebe quasi in der Familie der kommunalen Unternehmen. Dafür sind die Anschaffung der Fahrzeuge und der Aufbau der nötigen Ladeinfrastruktur mit hohen Kosten verbunden. Die Anreize in Form von Fördermaßnahmen seien inzwischen gegeben, sagte Schuchardt, es fehle aber noch an nötigen Datenerhebungen, um konkrete Konzepte vorlegen zu können. "Wir mischen mit", sagt die Geschäftsführerin, aber eher im Hintergrund. Man werde tief rechnen müssen, um zu sehen, wie und wann man mit der Elektrotechnik besser fahre als mit Diesel. Auch hier werde man keine Alleingänge unternehmen, sondern sehen, welche Erfahrungen anderswo gemacht werden.
Erfahrungen, wie man sie zum Beispiel im Mitteldeutschen Verkehrsverbund mit einem Bürgerticket gemacht hat. Die Umsetzung der Kollegen aus dem Raum Leipzig wurde von Seiten der Fahrgäste eher abgelehnt. "Wir verfolgen das Thema, sehen aber auch, was um uns herum geschieht. Es ist schwer, eine gerechte Lösung für alle Beteiligten zu finden, nicht nur für unsere Fahrgäste." Vom Tisch sei das Thema aber nicht.
Allgemein sei man von den Zuständen, die teilweise in Ballungsgebieten herrschten, noch weit entfernt. In Städten wie Erfurt sehe man sich sowohl im normalen Straßenverkehr als auch im ÖPNV Kapazitätsproblemen gegenüber. Die Straßen sind dicht, Bahnen und Busse voll. "In Spitzenzeiten brauchen auch wir alle Fahrzeuge", sagte Schuchardt, es gebe aber eben auch Schwachlastzeiten, in denen das nicht der Fall ist. Während man in den letzten Jahren Linien wegen mangelnder Auslastung eingestellt hatte, bemerke man inzwischen einen leichten Anstieg der Fahrgastzahlen. Lücken habe man bisher mit Rufbussen abgedeckt, wenn der Bedarf hier steige, könne man auch wieder reguläre Linienfahrten einrichten.
Angelo Glashagel
Autor: redAm vergangenen Freitag eröffnete die Stadtwerke-Nordhausen-Gruppe ihr neues Servicecenter in Kooperation mit der Harzer Schmalspurbahn im "Dampfladen" am Bahnhofsplatz. Kunden können hier nicht nur Fahrscheine oder Grünabfallkarten kaufen, sondern so ziemlich alles, was die kommunalen Unternehmen zu bieten haben, vom Badehaus-Gutschein bis zum gelben Sack.
"Wir nehmen hier im Grunde jede Anfrage entgegen, die uns oder andere Unternehmen der Stadtwerke betrifft", sagte Gabriele Schuchardt, Geschäftsführerin der Nordhäuser Verkehrsbetriebe. Man habe endlich eine zentrale Anlaufstelle, an der alle Linien vorbeikommen und die auch sonst besser zu erreichen sei als der Firmensitz in der Robert-Blum-Straße.
So weit, so normal. Der zentrale Servicepunkt ist aber auch ein Zeichen der Dinge, die da kommen werden. Bei den Verkehrsbetrieben macht man sich zunehmend Gedanken darüber, wie der öffentliche Personennahverkehr in Zukunft gestaltet und der Kontakt zum Kunden noch besser hergestellt werden kann. "Im Moment ist die Herausforderung für uns das Alte beizubehalten und in zukünftige Entwicklungen zu investieren", sagt Schuchardt. Fahrscheinautomaten seien eigentlich ein Auslaufmodell, man werde das bestehende Netz aber beibehalten. Anfang Januar müsste man neue technische Standards an den Automaten umsetzen, die Entwicklung des Kreditwesens macht das nötig. Hohe Neuinvestitionen für die technisch in die Jahre gekommenen Automaten seien nicht mehr gerechtfertigt, daher werde man von der Umrüstung absehen und die Automaten ab dem 1. Januar ohne EC-Karten-Terminal betreiben.
Gabriele Schuchardt - Geschäftsführerin der Nordhäuser Verkehrsbetriebe, Pragmatismus statt Insellösungen (Foto: Angelo Glashagel)
"Wir suchen nach neuen Wegen, den Fahrkartenverkauf zu organisieren, das elektronische Ticket wäre eine Möglichkeit. Bevor das eingeführt werden kann, müssen wir aber erst einmal die nötigen Voraussetzungen schaffen". Die bisherigen Systeme reichen dafür nicht aus, es bedarf grundsätzlicher Modernisierungen.
In Zusammenarbeit mit fünf weiteren Verkehrsbetrieben aus Thüringen arbeitet man an der Beschaffung und Implementierung eines neuen "Rechnergestützten Betriebsleitsystems" (RBL). Vom Bordrechner über die Informationsanzeigen an Haltestellen bis zur Datenverarbeitung in der Zentrale - das "RBL" ist für den Betrieb von essentieller Bedeutung. Mit neuer Hard- und Software wäre dann auch an die Einführung elektronischer Ticketvarianten zu denken. Zwei Jahre wird das wohl noch dauern, so die Planung der Verkehrsbetriebe.
"Das ist ein komplexes Thema. Wir müssen jetzt etwas tun, aber wir befinden uns noch nicht unter Zeitdruck", sagt Schuchardt. Im Verbund könne man gute Synergien nutzen, jeder bringe seine Erfahrungen ein. ÖPNV müsse überregional gedacht werden, pragmatische Zusammenarbeit sei Insellösungen vorzuziehen.
Das gilt auch für die Zukunft der Fahrzeugflotte. Knapp 60 Busse sind für die Verkehrsbetriebe aktuell im Landkreis unterwegs, 49 davon gehören dem kommunalen Betrieb, den Rest stellen Subunternehmer. Hinzu kommen 12 Straßenbahnen. Ein Weg den die Entwicklung nehmen könnte, wären Busse mit Elektroantrieb. Einen ersten Einblick hatte man bereits Ende 2014 für einige Tage gewinnen können: auf der Stadtbuslinie A kam ein "E-Bus" zum Einsatz. Die Fahrzeuge seien auf der Linie stabil gelaufen, problematisch sei vor allem die Klimatisierung an kalten Tagen gewesen.
Die Technik bietet Vorteile: Getriebe- oder Motorschäden sind kaum zu erwarten, den nötigen Strom könnte man beim "Schwesterunternehmen" kaufen, das Geld bliebe quasi in der Familie der kommunalen Unternehmen. Dafür sind die Anschaffung der Fahrzeuge und der Aufbau der nötigen Ladeinfrastruktur mit hohen Kosten verbunden. Die Anreize in Form von Fördermaßnahmen seien inzwischen gegeben, sagte Schuchardt, es fehle aber noch an nötigen Datenerhebungen, um konkrete Konzepte vorlegen zu können. "Wir mischen mit", sagt die Geschäftsführerin, aber eher im Hintergrund. Man werde tief rechnen müssen, um zu sehen, wie und wann man mit der Elektrotechnik besser fahre als mit Diesel. Auch hier werde man keine Alleingänge unternehmen, sondern sehen, welche Erfahrungen anderswo gemacht werden.
Erfahrungen, wie man sie zum Beispiel im Mitteldeutschen Verkehrsverbund mit einem Bürgerticket gemacht hat. Die Umsetzung der Kollegen aus dem Raum Leipzig wurde von Seiten der Fahrgäste eher abgelehnt. "Wir verfolgen das Thema, sehen aber auch, was um uns herum geschieht. Es ist schwer, eine gerechte Lösung für alle Beteiligten zu finden, nicht nur für unsere Fahrgäste." Vom Tisch sei das Thema aber nicht.
Allgemein sei man von den Zuständen, die teilweise in Ballungsgebieten herrschten, noch weit entfernt. In Städten wie Erfurt sehe man sich sowohl im normalen Straßenverkehr als auch im ÖPNV Kapazitätsproblemen gegenüber. Die Straßen sind dicht, Bahnen und Busse voll. "In Spitzenzeiten brauchen auch wir alle Fahrzeuge", sagte Schuchardt, es gebe aber eben auch Schwachlastzeiten, in denen das nicht der Fall ist. Während man in den letzten Jahren Linien wegen mangelnder Auslastung eingestellt hatte, bemerke man inzwischen einen leichten Anstieg der Fahrgastzahlen. Lücken habe man bisher mit Rufbussen abgedeckt, wenn der Bedarf hier steige, könne man auch wieder reguläre Linienfahrten einrichten.
Angelo Glashagel



