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Sa, 07:00 Uhr
10.06.2017
Lichtblick

Geschlossene Hände – offene Hände

Wenn Kinder geboren werden, aus ihrer kleinen, bisher gut geschützten „Welt“ im Leib Ihrer Mutter, in eine neue, viel größere Welt kommen, dann haben sie oft die Hände zu Fäusten geballt...



Wen wundert es, ein größerer Bruch ist kaum vorstellbar: warm, umflossen vom Fruchtwasser, verbunden mit der Mutter durch die Nabelschnur, gedämpftes Licht in einer kleinen überschaubaren Welt.

Verglichen damit die Welt außerhalb des Mutterleibes: laut und grell, riesig groß und grenzenlos, ohne „direkten Draht“ zur Mutter, unverbunden mit der Welt, entschra(e)nkt. Da kann das Baby schon unter Druck kommen: werde ich hier meine Mutter wiederfinden? Warum ist hier alles so laut und hell? Bin ich willkommen? Fragen über Fragen.

Es ist die Aufgabe des Menschen, im Laufe seines Lebens von Kindheit, Adoleszenz, Erwachsensein und später Lebensphase, zu lernen, die Fäuste zu öffnen und anderen die Handflächen zu zeigen und entgegen zu strecken. Nur so können Sie sich füllen oder gefüllt werden.

Doch wir erleben an so vielen Stellen, dass Menschen ihre Hände eher zu ballen geneigt sind. Sie wünschen sich die überschaubaren Einheiten zurück, weil die globale Sicht ihnen Angst macht und unüberblickbar erscheint. Sie wünschen sich, dass niemand in ihre überschaubaren Bereiche eindringt und wehren sich mit sprichwörtlichen oder realen geballten Fäusten gegen Andere: die Nachbarn, die aus dem anderen Dorf, die aus der anderen (Kreis)Stadt, die aus anderen Bundesländern, die so komisch sprechen, die Flüchtlinge und Ausländer…

Mancher Mensch kann gar nicht mehr anders als seine Fäuste zu ballen, so Vieles kommt ihm bedrohlich vor. So Vieles macht ihm Angst und er meint sich permanent verteidigen oder sein eigenes kleines Reich schaffen zu müssen, in dem er als Bürger leben kann. Könnte da nicht ein Lichtblick kommen?

Ich gestehe, dass mir manchmal auch nach geballten Fäusten zumute ist. Bei unserer Informationsflut ist es immer schwerer, den Überblick zu behalten. Selbst wenn in einer kaum besiedelten Region Chinas ein Sack Reis umfällt, wird dies in den Medien intensiv beraten, findet eine Talkshow statt, und auch der letzte Hausmeister wird dazu interviewt. Es ist nicht gut, wenn wir grenzenlos mit Informationen geflutet werden. Es bringt auch nichts, denn viele Dinge können wir nicht beeinflussen.

Zuweilen besteht auch der Verdacht, dass wir uns freiwillig mit vielen Informationen „abfüllen“, um über uns und unsere Nächsten nicht nachdenken zu können/ müssen. Denn es ist leichter über ein „Außen“ distanziert zu richten als sich mit sich selbst und möglichem Fehlverhalten auseinander zu setzen.

Doch wer mit geballten Fäusten durchs Leben geht, wird nichts aufnehmen können. Weder Impulse noch gute Gaben anderer. Er kann auch nichts abgeben von seinen Talenten, behält alles bei sich, wird selbstgenügsam und dabei arm, selbst wenn er materiell reich ist.

Im Film „Tiger und Drache“ fällt ein erstaunlicher Satz, mitten in Kung-Fu-Kämpfen sagt einer der Männer zu einer Frau: „Wenn man die Hand fest schließt, besitzt man überhaupt nichts. Wenn man die Hand weit öffnet, besitzt man die ganze Welt.“

Das ist das Geheimnis des Menschseins. Wir werden nur Erwachsen, wenn wir lernen, die Fäuste zu öffnen und sie anderen entgegen zu strecken, weg von Kampf und Krampf und Feindbild, hin zu einem offenen und guten Miteinander.

Die weite Welt miteinander und nicht gegeneinander auf eine Größe begrenzen, die überschaubar ist, wo selbst wir etwas tun und auch erreichen können. Nicht jeden „sprichwörtlichen“ Sack Reis bedenken, sondern auf das Jetzt, Hier und Heute beschränken und dabei Gutes tun.

Der Evangelist Matthäus drückt das sehr eindrücklich und in wunderschönes Deutsch übersetzt aus: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?

Wir sind begrenzt, wir dürfen und müssen mit unseren Grenzen leben. Sie sind aber kein Makel oder eine Schmach, sondern hilfreich für ein überschaubares Feld, in dem wir mit offenen Händen aufeinander zugehen und Gutes tun.

Ein gesegnetes Wochenende wünsche ich Ihnen
Superintendent Bálint

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