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Mo, 09:59 Uhr
08.05.2017
Eine theatralische Sicht auf die Reformation und ihre Folgen

„Stück-Werk“

Zum Stück-Werk, zusammengefügt von Karin Kisker aus Anlass des 500jährigen Reformationsjubiläums, riefen gestern die Glocken der Bielener Kirche „St. Martin und Johannes“. Unterstützt wurden sie durch das kräftig-melodische Blöken von Schafen, die sich in einem Gatter auf dem mit vielen Ständen belebten Rasenplatz vor dem Kirchenbau eingefunden hatten...

Lutherstück in Bielen (Foto: Heidelore Kneffel) Lutherstück in Bielen (Foto: Heidelore Kneffel)

Durch das mit Blumengirlanden geschmückte Portal betrat eine ansehnliche Menschenschar, unter ihnen der Superintendent Andreas Schwarze, das Innere und verteilte sich im Parterre und auf den Emporen, wo auch Musiker Platz genommen hatten, die mit ihren Instrumenten die Handlung unterstützend gliederten. Diese Kirche zu sehen, die dem Zerfall, ja, dem Abriss preisgegeben war, aber von unermütlich wirkenden Menschen der Gemeinde „Auferstanden“ wurde, war das erste Aha-Erlebnis.

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Ein Plakat verkündete den Titel des Spieles: „Gans oder Adler - abgekanzelt, angespien, auferweckt und angeschrien“, ein Wortspiel, das noch etwas kryptisch auf den Inhalt verweist. 18 Laienschauspieler beiderlei Geschlechtes und unterschiedlichen Alters hatten in zahlreichen Stunden die Sprache Karin Kiskers einstudiert und boten sie nun theatralisch im Kirchenraum dar. Die ersten drei Worte des Titels beziehen sich auf die alte Kanzel, vor 40 Jahren herausgerissen, die im Bauernstil errichtet worden war und mit vier Evangelisten, dem Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ausgestattet war. Diese Kanzel soll nun wieder in die Kirche kommen die vier Holzfiguren zeigten sich bereits heute, von zwei „Restauratoren“ dargeboten.

Johannes, der einen Adler zum Symbol hat, der aber in der Bielener Vision eher einer Gans gleicht, war der Autorin Anlass, mit den Worten Adler, Gans und Schwan geistreiche Gespräche führen zu lassen. Denn der böhmische Ketzer Jan Hus (Gans) soll, bevor er in Konstanz beim Konzil verbrannt wurde, gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan auferstehen“. Dieser Ausspruch wurde später auf Luther bezogen.

Im Evangelium des Johannes steht: „Am Anfang war das Wort“, beim Dichter Goethe im Faust: „Am Anfang war die Tat.“ Die Tat verleiht dem Wort seinen Sinn! Die Tat der Bielener Kirchengemeinde, ihre Kanzel wieder zu errichten, ist eine solche Tat. Jedoch, geschieht es nicht zu oft, dass man wegen einer Tat abgekanzelt wird? Wer etwas tut, was so nicht erwartet wurde, kann dafür auch angeschrien, abgekanzelt und angespien werden!

Man muss wissen, was notwendig ist, um nicht ins Vergessen zu versinken. In einer weiter getragenen Erinnerung, hier die Kanzel, steckt der Keim für eine Auferweckung. Dieser Gedanke wird im Stück beispielhaft durch den Cranachaltar von 1555 für Michael Meyenburg in der Blasiikirche in Nordhausen aufzeigt. Eine großformatige Reproduktion ließ die Besucher das Geschehen in Augenschein nehmen. „Lazarus Wort“ heißt die weißgekleidete Figur, die lange Zeit stumm und wortlos auf der Bühne im Sessel hockte, irre geworden. Erst im Laufe der abwechslungsreichen Handlung um sie herum erlangt sie Sprache und Geist wieder. Aus unserer heutigen Zeit gefragt: Was ist mit dem medial gebrauchten Wort im Sinne der komplexen Sprache passiert? Sie ist krank, siecht dahin, leidet unter Sinnverlust durch Funktionalisierung und Zweckorientiertheit einer durch sie erzeugten Technik.

Eine Frau Güldenstern treibt durch die Handlung, sie fühlt sich nicht verirrt, weiß alles zu erklären, was sie nicht begreifen kann. Und das ist der große Irrtum.
Um einen langen mit Speis und Trank gefüllten Tisch versammelt, agieren wortgewaltig Martin Luther, Philipp Melanchthon, Justus Jonas in der Wohnung des historischen Bielener Pfarrers Fütterer. Seine Frau verbindet mit ihrem Tun die Handlung des Stückes. Kinder springen singend durch die Szenerie, fragen, erklären und bringen so Schwung und Heiterkeit ins Geschehen. Im Altarraum agiert ein antiker Chor, der die Handlung kommentiert und so voran treibt. Eine große Leinwand erläutert das Geschehen zusätzlich mit Bildern und Texten. Hatte zum Anfang das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ das Stück-Werk eröffnet, so erschollen zum Schluss alle Strophen von „Ein feste Burg ist unser Gott.“

Der Applaus ehrte die Autorin, die Dramaturgin, die Schauspieler, die Musiker. Man möchte die Inszenierung noch einmal erleben. Heidelore Kneffel
Autor: red

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