Do, 06:49 Uhr
28.01.2016
Breitblättriges Wollgras
Bald ausgestorben?
Im Landkreis Nordhausen steht das seltenste der drei mitteldeutschen Wollgräser vor dem Aussterben. Und in ganz Nordthüringen sieht es nicht besser aus. Nun soll gehandelt werden. Bodo Schwarzberg berichtet von seiner Initiative...
Bald ausgestorben? Breitblättriges Wollgras (Foto: Bodo Schwarzberg)
Blütenstand eines Exemplars Breitblättriges Wollgras am letzten verbliebenen Wuchsort des Landkreises Nordhausen im Juni 2015
Für manche Menschen lassen erst die Wollgräser ein Moor zu einem richtigen Moor werden. Und tatsächlich: Ihre sich im Wind wiegenden watteartigen Blütenstände fallen auf und sind ästhetisch ansprechend. Große Bestände jedoch sind selten geworden: Die seit Jahrhunderten andauernde Entwässerung der Moore mit nachfolgender Verkrautung und Bewaldung, die Gewinnung von Torf und nicht zuletzt Nähr- und Schadstoffeinträge sowie der Klimawandel mit seinen Extremen setzten bzw. setzen ihren Vorkommen zu.
In Mitteldeutschland finden wir noch drei Wollgrasarten: Scheidiges Wollgras (Eriophorum vaginatum), Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium) und Breitblättriges Wollgras (Eriophorum latifolium). Alle drei gehören mittlerweile der Thüringer Roten Liste gefährdeter Pflanzenarten an (gefährdet, gefährdet, stark gefährdet). Die beiden Erstgenannten siedeln vor allem, aber nicht konsequent in eher sauren Hoch-, Zwischen- und Niedermooren bzw. Nasswiesen.
Das besonders seltene Breitblättrige Wollgras hingegen nimmt eine Sonderstellung ein: Denn im Gegensatz zu den beiden Verwandten bevorzugt es einen kalkhaltigen Untergrund und sein Verbreitungsgebiet ist deutlich kleiner: Ja, als einzige der fünf in Deutschland nachgewiesenen Wollgräser kommt es auf der Nordhalbkugel nicht zirkumpolar, also rund um den Globus vor, sondern ist auf die kühleren Regionen Europas und Asiens beschränkt. Und die attraktive Art gilt als eines von zwei deutschen Wollgrasarten in der gesamten Bundesrepublik als gefährdet, während die anderen deutschlandweit ungefährdet sind.
In Thüringen müssen geschätzt mindestens 70 Prozent seiner früheren Vorkommen mittlerweile als erloschen oder verschollen gelten. Im Landkreis Nordhausen war die zur Familie der Riedgrasgewächse zählende Pflanze schon früher die seltenste der drei eingangs genannten Arten, wie bereits im Jahre 1885 die Botaniker Adolf Vocke & Johann Carl Angelrodt in ihrer Flora von Nordhausen und der weiteren Umgegend bemerkten. Mindestens fünf ihrer letzten Vorkommen verschwanden noch zwischen 1949 und 1990 (Quelle: KORSCH, H., WESTHUS, W., ZÜNDORF H.J.(2002): Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Thüringens. Jena).
Während Scheidiges und Schmalblättriges Wollgras auch heute noch über eine Reihe von allerdings meist relativ kleinen Beständen im Thüringer Harz verfügen, können wir vom Breitblättrigen Wollgras nur noch ein einziges, sehr kleines Vorkommen im Süden des Landkreises feststellen.
Die im Freistaat stark gefährdete Art besiedelt dort, am Rande ihrer Existenzmöglichkeiten, ein winziges Kalkquellmoor, das seit einigen Jahren zunehmend von Gehölzen beschattet wird. Gefahr droht den letzten Exemplaren offenbar auch durch die Nutzung von Teilen des Quellmoores als Wildschweinsuhle. In einem schmalen Streifen entlang des Quellbaches zählte ich im Jahre 2015 nur noch rund 20 Pflanzen. Der Wuchsort wurde von einem führenden Botaniker der TLUG nach der Zusendung von Fotos als für die Art sehr grenzwertig bezeichnet.
Da sie an ihren, sich oft selbst erhaltenden, früheren natürlichen Wuchsorten durch menschliche Eingriffe zunehmend verschwindet, sollten wir die wenigen verbliebenen sichern. Hierzu verpflichten uns unter anderem die Nationale, aber auch die Thüringer Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und natürlich die Aussagen der ständig wachsenden Roten Listen gefährdeter Arten.
Im Sommer 2015 machte ich zunächst den Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser sowie die Untere Naturschutzbehörde auf die Problematik aufmerksam und bat um Genehmigung für die eigenhändige Beseitigung von jüngeren Gehölzen auf einem winzigen Streifen von rund 100 Quadratmetern bzw. um Auskünfte, die die Angelegenheit voranbringen können.
Für die nächsten Wochen wird eine Begehung der Fläche auch mit Mitarbeitern der zuständigen Forstbehörde angestrebt, da die Beseitigung von Gehölzen nur noch bis Ende Februar erlaubt ist.
Der standortbezogene Artenschutz durch die gezielte und auf die jeweiligen Ansprüche abgestimmte Pflege der unmittelbaren Wuchsorte bedrohter Arten gehört zu den nachweislich effektivsten Methoden, um deren Verluste zu verhindern. Im Landkreis Nordhausen hat er sich sowohl im Zuge des Referenzprojekts Artenschutz gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser e.V. bewährt, als auch im Zuge von mehr als 100 ehrenamtlichen Maßnahmen, teils gemeinsam mit Mitstreitern des BUND-Kreisverbandes. Hierzu ist die Zusammenarbeit und das Wohlwollen von Behörden und Eigentümern auch weiterhin unabdingbar.
Um das Breitblättrige Wollgras für den Landkreis Nordhausen und Nordthüringen zu sichern, sollte übrigens auch eine Wiederansiedlung an früheren Wuchsorten bzw. die Anlage so genannter Erhaltungskulturen angestrebt werden. Dies deckt sich mit Bestrebungen verschiedener Programme, so zum Beispiel der genannten Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt.
Für das geplante Naturschutzgroßprojekt auf dem Gebiet des Naturparks Südharz schlug ich mittlerweile die Wiederansiedlung im NSG Rüdigsdorfer Schweiz vor. Für Crimderode wurde die Art noch von Vocke & Angelrodt im Jahre 1885 angegeben.
Bodo Schwarzberg
Autor: red
Bald ausgestorben? Breitblättriges Wollgras (Foto: Bodo Schwarzberg)
Blütenstand eines Exemplars Breitblättriges Wollgras am letzten verbliebenen Wuchsort des Landkreises Nordhausen im Juni 2015
Für manche Menschen lassen erst die Wollgräser ein Moor zu einem richtigen Moor werden. Und tatsächlich: Ihre sich im Wind wiegenden watteartigen Blütenstände fallen auf und sind ästhetisch ansprechend. Große Bestände jedoch sind selten geworden: Die seit Jahrhunderten andauernde Entwässerung der Moore mit nachfolgender Verkrautung und Bewaldung, die Gewinnung von Torf und nicht zuletzt Nähr- und Schadstoffeinträge sowie der Klimawandel mit seinen Extremen setzten bzw. setzen ihren Vorkommen zu.
In Mitteldeutschland finden wir noch drei Wollgrasarten: Scheidiges Wollgras (Eriophorum vaginatum), Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium) und Breitblättriges Wollgras (Eriophorum latifolium). Alle drei gehören mittlerweile der Thüringer Roten Liste gefährdeter Pflanzenarten an (gefährdet, gefährdet, stark gefährdet). Die beiden Erstgenannten siedeln vor allem, aber nicht konsequent in eher sauren Hoch-, Zwischen- und Niedermooren bzw. Nasswiesen.
Das besonders seltene Breitblättrige Wollgras hingegen nimmt eine Sonderstellung ein: Denn im Gegensatz zu den beiden Verwandten bevorzugt es einen kalkhaltigen Untergrund und sein Verbreitungsgebiet ist deutlich kleiner: Ja, als einzige der fünf in Deutschland nachgewiesenen Wollgräser kommt es auf der Nordhalbkugel nicht zirkumpolar, also rund um den Globus vor, sondern ist auf die kühleren Regionen Europas und Asiens beschränkt. Und die attraktive Art gilt als eines von zwei deutschen Wollgrasarten in der gesamten Bundesrepublik als gefährdet, während die anderen deutschlandweit ungefährdet sind.
In Thüringen müssen geschätzt mindestens 70 Prozent seiner früheren Vorkommen mittlerweile als erloschen oder verschollen gelten. Im Landkreis Nordhausen war die zur Familie der Riedgrasgewächse zählende Pflanze schon früher die seltenste der drei eingangs genannten Arten, wie bereits im Jahre 1885 die Botaniker Adolf Vocke & Johann Carl Angelrodt in ihrer Flora von Nordhausen und der weiteren Umgegend bemerkten. Mindestens fünf ihrer letzten Vorkommen verschwanden noch zwischen 1949 und 1990 (Quelle: KORSCH, H., WESTHUS, W., ZÜNDORF H.J.(2002): Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Thüringens. Jena).
Während Scheidiges und Schmalblättriges Wollgras auch heute noch über eine Reihe von allerdings meist relativ kleinen Beständen im Thüringer Harz verfügen, können wir vom Breitblättrigen Wollgras nur noch ein einziges, sehr kleines Vorkommen im Süden des Landkreises feststellen.
Die im Freistaat stark gefährdete Art besiedelt dort, am Rande ihrer Existenzmöglichkeiten, ein winziges Kalkquellmoor, das seit einigen Jahren zunehmend von Gehölzen beschattet wird. Gefahr droht den letzten Exemplaren offenbar auch durch die Nutzung von Teilen des Quellmoores als Wildschweinsuhle. In einem schmalen Streifen entlang des Quellbaches zählte ich im Jahre 2015 nur noch rund 20 Pflanzen. Der Wuchsort wurde von einem führenden Botaniker der TLUG nach der Zusendung von Fotos als für die Art sehr grenzwertig bezeichnet.
Da sie an ihren, sich oft selbst erhaltenden, früheren natürlichen Wuchsorten durch menschliche Eingriffe zunehmend verschwindet, sollten wir die wenigen verbliebenen sichern. Hierzu verpflichten uns unter anderem die Nationale, aber auch die Thüringer Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und natürlich die Aussagen der ständig wachsenden Roten Listen gefährdeter Arten.
Im Sommer 2015 machte ich zunächst den Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser sowie die Untere Naturschutzbehörde auf die Problematik aufmerksam und bat um Genehmigung für die eigenhändige Beseitigung von jüngeren Gehölzen auf einem winzigen Streifen von rund 100 Quadratmetern bzw. um Auskünfte, die die Angelegenheit voranbringen können.
Für die nächsten Wochen wird eine Begehung der Fläche auch mit Mitarbeitern der zuständigen Forstbehörde angestrebt, da die Beseitigung von Gehölzen nur noch bis Ende Februar erlaubt ist.
Der standortbezogene Artenschutz durch die gezielte und auf die jeweiligen Ansprüche abgestimmte Pflege der unmittelbaren Wuchsorte bedrohter Arten gehört zu den nachweislich effektivsten Methoden, um deren Verluste zu verhindern. Im Landkreis Nordhausen hat er sich sowohl im Zuge des Referenzprojekts Artenschutz gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser e.V. bewährt, als auch im Zuge von mehr als 100 ehrenamtlichen Maßnahmen, teils gemeinsam mit Mitstreitern des BUND-Kreisverbandes. Hierzu ist die Zusammenarbeit und das Wohlwollen von Behörden und Eigentümern auch weiterhin unabdingbar.
Um das Breitblättrige Wollgras für den Landkreis Nordhausen und Nordthüringen zu sichern, sollte übrigens auch eine Wiederansiedlung an früheren Wuchsorten bzw. die Anlage so genannter Erhaltungskulturen angestrebt werden. Dies deckt sich mit Bestrebungen verschiedener Programme, so zum Beispiel der genannten Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt.
Für das geplante Naturschutzgroßprojekt auf dem Gebiet des Naturparks Südharz schlug ich mittlerweile die Wiederansiedlung im NSG Rüdigsdorfer Schweiz vor. Für Crimderode wurde die Art noch von Vocke & Angelrodt im Jahre 1885 angegeben.
Bodo Schwarzberg

