Fr, 08:49 Uhr
13.11.2015
Reden wir über Zahlen!
Alternativen zum Gipsabbau (2)
Die Gipsindustrie forciert politisch, verwaltungsrechtlich und über die Medien ihre Bemühungen zur Erschließung neuer Gipsabbaugebiete und im Südharz regt sich der Widerstand. In der nnz setzt sich Dr. Christian Marx von der Bürgerinitiative Gipskarst mit den Zahlen und Argumenten der Industrie auseinander. Im zweiten Teil geht es um die Gipsproduktion...
Die von Dr. Christian Marx recherchierte Serie setzt sich detailliert mit den verwendeten Argumenten auseinander und stellt diesen umfangreich recherchiertes Zahlenmaterial gegenüber, welche dem Leser einen kritischen Blick auf die Argumente der Industrie ermöglichen.
Im Teil 1 haben wir uns der derzeitigen Medienstrategie der Gipsindustrie gewidmet. Im Teil 2 wollen wir versuchen die Frage nach der Menge der Gipsproduktion zu erörtern bevor wir uns in den darauf folgenden Teilen dem REA-Gips und Gipsrecycling zuwenden.
Gleichzeitig wird für die jetzt geforderten Abbauvorhaben in unserer Region das Bundesberggesetz herangezogen: Es dient dem Ziel, die Lagerstätten in Deutschland zu schützen – und zwar hinsichtlich eines Raubbaus ebenso wie hinsichtlich des Schutzes der Lagerstätte vor Beeinträchtigungen…. nachzulesen im Internet (Naturgips-im-Harz.de). Unterschlagen wird hier dabei, dass der Einigungsvertrag lediglich die Unternehmen speziell in unserer Region in die Lage versetzt, überhaupt nach dem Bergrecht (und damit unter Einschränkung der öffentlichen Mitsprache) und nicht nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz abzubauen.
Die Firmen argumentieren jedoch, dass hochreiner Naturgips für die Herstellung von Spezialgipsen unersetzbar sei.
Exakte statistische Angaben zum Bedarf von Naturgips für die Herstellung von Spezialgipsen (den insbesondere CASEA für sich benötige) fehlen jedoch, obwohl nur eine Handvoll Unternehmen überhaupt Spezialgipse produzieren (der Markt umfasst nur ca. 100000 t/ Jahr). Zudem gibt es auf dem relativ überschaubaren Markt der hochreinen Spezialgipse Unternehmen, welche hochreine Synthesegipse für Anwendungen in Pharmazie, Dentaltechnik oder Kosmetik herstellen, ohne dass dafür Naturgips zur Anwendung kommt. Technisch ist das offenbar also machbar. Das Marktvolumen bei Dentalgipsen z.B. beträgt dabei anhand älterer Zahlen von 2001, die Thematik wurde schon damals im Rahmen einer Anhörung zum Gipsabbau im Erfurter Landtag diskutiert (!) -wir befinden uns also mit der Thematik gewissermaßen in einer "Zeitschleife"-, nur ca. 6000 t pro Jahr.
Hochreine Gipse werden im Landkreis außer von der Firma CASEA auch von den Unternehmen Knauf und Saint Gobain/ Formula abgebaut. So wird es wohl sein, das hochreiner Naturgips vielleicht in Gipskartonplatten landet, für welche auch REA- oder Recyclinggips verwendet werden könnte. Zumindest gibt es hierfür keinerlei Statistik, da macht jede Firma ihr eigenes Ding. Die Wahrheit ist, dass Firmen aus unserer Region es seit Jahren offenbar nicht nötig haben für ihr Produktportfolio ausreichend auf Alternativen zu setzen, da sie das Bergrecht entsprechend dem Einigungsvertrag in eine relativ starke Position versetzt.
Bezüglich der einzelnen Abbauvorhaben (Winkelberg, Günzdorf/ Harzfelder Holz) geht es somit tatsächlich nur um die Interessen der jeweiligen Unternehmen, da die Firmen bei den Gipsqualitäten offenbar nicht kooperieren und hinsichtlich der verwendeten Gipsqualitäten ohne entsprechende externe Kontrollen agieren können. Wie wenig die Landesregierung hierüber weiß, wurde am Ergebnis der Kleinen Anfrage des Landtagsabgeordneten Adams im Juli deutlich.
Eigentlich ungeheuerlich, wenn man bedenkt, dass es sich durchaus um eine endliche Ressource mit nationaler wirtschaftlicher Bedeutung handelt, die auch in Zukunft noch gebraucht wird. Auch macht es sich die Industrie zu einfach, bzw. es ist ein absoluter Widerspruch, wenn bei einer begrenzten Ressource eine von Prognosen unabhängige Sicherung gefordert wird, da dies nur die unkontrollierte Ausbeutung durch einzelne international tätige Konzerne fördert. So werden unsere Rohstofflagerstätten volkswirtschaftlich unkontrolliert den Interessen einzelner Unternehmen überlassen, die sich dabei noch nicht mal ausreichend in die Karten sehen lassen. Man kann das Bundesberggesetz auch genau so interpretieren: das ist Raubbau an unseren Bodenschätzen!
Es gibt jedoch unabhängige wissenschaftliche Prognosen zum Stoffstrom rund um den Gips, auf welche ich beim Thema Recycling näher eingehen werde, die allerdings in der Argumentation der Gipsindustrie völlig unter den Tisch fallen.
Im Teil 3 möchte ich zunächst näher auf die Thematik REA-Gips eingehen.
Dr. Christian Marx
(Fortsetzung folgt)
Autor: redDie von Dr. Christian Marx recherchierte Serie setzt sich detailliert mit den verwendeten Argumenten auseinander und stellt diesen umfangreich recherchiertes Zahlenmaterial gegenüber, welche dem Leser einen kritischen Blick auf die Argumente der Industrie ermöglichen.
Im Teil 1 haben wir uns der derzeitigen Medienstrategie der Gipsindustrie gewidmet. Im Teil 2 wollen wir versuchen die Frage nach der Menge der Gipsproduktion zu erörtern bevor wir uns in den darauf folgenden Teilen dem REA-Gips und Gipsrecycling zuwenden.
Wieviel Gips wird produziert?
Laut Bundesverband Baustoffe- Steine und Erden beruht die 2010 geförderte Menge Gipsstein (ca. 4,71 Mio t) auf einer Abschätzung des Bundesverbandes der Gipsindustrie, welche wiederum auf einer Auswertung von Rohstoffsicherungsberichten oder veröffentlichter Förderzahlen der Länder beruht. Eine genaue Zeitreihe für die zurückliegenden Jahre liegt jedoch nicht vor (3). 87% des Gipses wird im Baugewerbe verwendet, 5 % in den übrigen Sektoren, der Rest wird exportiert. Das bedeutet, die Gipsunternehmen selbst liefern keine konkreten Zahlen, wie viel Naturgips in seinen unterschiedlichen Qualitäten abgebaut wurde und vor allem nicht, wofür er genau verwendet wurde.Gleichzeitig wird für die jetzt geforderten Abbauvorhaben in unserer Region das Bundesberggesetz herangezogen: Es dient dem Ziel, die Lagerstätten in Deutschland zu schützen – und zwar hinsichtlich eines Raubbaus ebenso wie hinsichtlich des Schutzes der Lagerstätte vor Beeinträchtigungen…. nachzulesen im Internet (Naturgips-im-Harz.de). Unterschlagen wird hier dabei, dass der Einigungsvertrag lediglich die Unternehmen speziell in unserer Region in die Lage versetzt, überhaupt nach dem Bergrecht (und damit unter Einschränkung der öffentlichen Mitsprache) und nicht nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz abzubauen.
Die Firmen argumentieren jedoch, dass hochreiner Naturgips für die Herstellung von Spezialgipsen unersetzbar sei.
Exakte statistische Angaben zum Bedarf von Naturgips für die Herstellung von Spezialgipsen (den insbesondere CASEA für sich benötige) fehlen jedoch, obwohl nur eine Handvoll Unternehmen überhaupt Spezialgipse produzieren (der Markt umfasst nur ca. 100000 t/ Jahr). Zudem gibt es auf dem relativ überschaubaren Markt der hochreinen Spezialgipse Unternehmen, welche hochreine Synthesegipse für Anwendungen in Pharmazie, Dentaltechnik oder Kosmetik herstellen, ohne dass dafür Naturgips zur Anwendung kommt. Technisch ist das offenbar also machbar. Das Marktvolumen bei Dentalgipsen z.B. beträgt dabei anhand älterer Zahlen von 2001, die Thematik wurde schon damals im Rahmen einer Anhörung zum Gipsabbau im Erfurter Landtag diskutiert (!) -wir befinden uns also mit der Thematik gewissermaßen in einer "Zeitschleife"-, nur ca. 6000 t pro Jahr.
Hochreine Gipse werden im Landkreis außer von der Firma CASEA auch von den Unternehmen Knauf und Saint Gobain/ Formula abgebaut. So wird es wohl sein, das hochreiner Naturgips vielleicht in Gipskartonplatten landet, für welche auch REA- oder Recyclinggips verwendet werden könnte. Zumindest gibt es hierfür keinerlei Statistik, da macht jede Firma ihr eigenes Ding. Die Wahrheit ist, dass Firmen aus unserer Region es seit Jahren offenbar nicht nötig haben für ihr Produktportfolio ausreichend auf Alternativen zu setzen, da sie das Bergrecht entsprechend dem Einigungsvertrag in eine relativ starke Position versetzt.
Bezüglich der einzelnen Abbauvorhaben (Winkelberg, Günzdorf/ Harzfelder Holz) geht es somit tatsächlich nur um die Interessen der jeweiligen Unternehmen, da die Firmen bei den Gipsqualitäten offenbar nicht kooperieren und hinsichtlich der verwendeten Gipsqualitäten ohne entsprechende externe Kontrollen agieren können. Wie wenig die Landesregierung hierüber weiß, wurde am Ergebnis der Kleinen Anfrage des Landtagsabgeordneten Adams im Juli deutlich.
Eigentlich ungeheuerlich, wenn man bedenkt, dass es sich durchaus um eine endliche Ressource mit nationaler wirtschaftlicher Bedeutung handelt, die auch in Zukunft noch gebraucht wird. Auch macht es sich die Industrie zu einfach, bzw. es ist ein absoluter Widerspruch, wenn bei einer begrenzten Ressource eine von Prognosen unabhängige Sicherung gefordert wird, da dies nur die unkontrollierte Ausbeutung durch einzelne international tätige Konzerne fördert. So werden unsere Rohstofflagerstätten volkswirtschaftlich unkontrolliert den Interessen einzelner Unternehmen überlassen, die sich dabei noch nicht mal ausreichend in die Karten sehen lassen. Man kann das Bundesberggesetz auch genau so interpretieren: das ist Raubbau an unseren Bodenschätzen!
Es gibt jedoch unabhängige wissenschaftliche Prognosen zum Stoffstrom rund um den Gips, auf welche ich beim Thema Recycling näher eingehen werde, die allerdings in der Argumentation der Gipsindustrie völlig unter den Tisch fallen.
Im Teil 3 möchte ich zunächst näher auf die Thematik REA-Gips eingehen.
Dr. Christian Marx
(Fortsetzung folgt)



