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Fr, 07:00 Uhr
28.08.2015
Lichtblick

Mein Fest, Dein Fest

Anfang des Monats las ich in einer Tageszeitung, dass Holi-Feste „im Kommen“ seien und im August in Dingelstädt, Eisenach (Kindel) und Saalfeld stattfänden...


Sie seien ein „Erlebnis für die ganze Familie“, gingen auf „eine indische Tradition“ zurück, sind farbenfroh (die Farben darf freilich nur der Veranstalter verkaufen), es legen DJs auf und ein Moderator sorge für gute Stimmung. Stündlich von 14-21 Uhr gebe es Würfe mit dem farbigen Reismehl, Stände mit (indischen?) Speisen und Getränken, Wasserbecken zum Abkühlen und ein Bereich zum Ausruhen. Das große Interesse überraschte die Veranstalter – eine neue Marktlücke ist entdeckt.

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Wenn wir uns genauer mit dem Fest und seinem Sinn auseinandersetzen, werden wir gewahr, dass es ein Frühlingsfest (August?) ist. Besonders bedeutsam ist es, dass an einem Tag (dem zweiten Tag des Festes: Rangapanchami) alle sonst geltenden Kastenvorschriften nicht in Kraft sind, die sonst den Alltag in Indien bis heute prägen und eine Kommunikation zwischen den Kasten (eine indoeuropäische Institution, die bei uns in Europa in milderer Form auch existierte - z.B. Stände-Wesen des Mittelalters) unmöglich machen. Die Farben werden dafür auf Altären geweiht, Segenswünsche ausgesprochen. Holi ist also ein religiöses, ein heiliges Fest. Es weist auf Krishna hin und ist ein „göttliches Spiel“, in dem jede Farbe ihre Bedeutung hat. Versöhnung ist ein zentraler Gedanke dieses Festes, ferner der Sieg des Frühlings über den Winter, des Guten über das Böse.

Es ist mir nicht bekannt, was die Motive der Teilnehmer und ob sie allesamt Hindus sind – vermutlich nicht, denn die Ankündigung der Veranstalter legen großen Wert auf den Eventcharakter. Warum feiert man also dieses Fest, das vermutlich durch eine Kamera-Werbung im Fernsehen in unseren Breiten bekannt wurde? Mal was Neues?

Manch einer der zu uns kommenden Asylanten stammt aus einer hinduistischen Region dieser Welt. Wie mag das auf ihn wirken? Ich könnte mir vorstellen, dass er sich fragt: Ist den Europäern denn nichts heilig? Auch Menschen anderer Religionen werden sich das fragen. Was wollen die Deutschen eigentlich, wenn Sie sagen, wir sollen uns an Ihre „Leitkultur“ anpassen, an Ihre Werte und Normen? Was sind unsere Normen, unsere Werte?

Da gehen mal mehr mal weniger Menschen, mal mehr mal weniger gewaltbereit, auf die Straße und skandieren, dass Sie keine Asylanten wollen, obwohl sie kaum Ausländer kennen, weil bei uns verschwindend wenige leben (in Relation z.B. zu Großstädten). Sie bewerfen sich mit Farbbeuteln, essen Döner, Sushi, Gyros oder chinesische Kost mit großem Genuss, fahren japanische Autos, zählen mit arabischen Zahlen und trinken Kaffee und Tee und granteln dann über Ausländer. Da passt doch etwas nicht zusammen – meinen Sie nicht auch?

Was da letzte Woche in Heidenau passierte ist kein Spezifikum Sachsens, auch wenn dort der Schoß dafür noch sehr fruchtbar zu sein scheint. Heidenau ist überall, auch in unseren Köpfen. Im Grunde genommen sind die Asylanten in gewisser Weise ein Glücksfall für uns. Nicht primär, weil sie fleißig arbeiten wollen und nicht der Meinung sind, dass ihnen eine Zahlung zum Leben ohne Gegenleistung irgendwie zustünde, sondern weil sie uns nachzudenken zwingen, was konkret unsere Identität ausmacht, an die sie, die Asylsuchenden, sich anpassen sollen.

Die selbsternannten Verteidiger des Abendlandes können oft nicht einmal sagen, was Sie konkret verteidigen, denn das, was sie tun, hat mit dem Abendland, das dezidiert christlich war, nichts zu tun. Da ist nichts von Nächstenliebe o.ä. zu erkennen, sondern nur dumpfe Ablehnung alles Andersartigen. Aber auch die Deutschen sind nicht homogen, die Vielfalt ist unüberschaubar und jede*r meint, die Wahrheit für sich gefunden zu haben. Woran soll sich da der kurdische Syrer orientieren, der nur sein nacktes Leben über das Sinschar-Gebirge retten konnte?

Wie der Muslim aus dem Bergdorf in Marokko oder der Eritreer, dem die eigene Regierung nach dem Leben trachtet, weil er glaubt, eine eigene Meinung haben zu dürfen? Wie muss es diesen Menschen hier gehen, wenn ihnen, die ihr Leben in größten Strapazen retteten, Polizisten das Leben hier schützen müssen, weil Menschen ihre Angst vor dem Unbekannten an ihnen auslassen und dabei sogar die Antwort auf die Frage schuldig bleiben, was denn nun konkret die „Leitkultur“ sei, an die sie sich anzupassen haben?

Das Holi-Fest macht eines deutlich. Wir müssen zuerst bei uns anfangen und für uns klären, was bei uns gilt. Wenn jeder machen darf, was er will, dann diese Menschen auch. Wenn es bestimmte Regeln gibt, dann sind sie auch von In- und Ausländern einzuhalten. Das Grundgesetz gibt den Rahmen vor, aber nicht alles, was in der Anonymität des Netzes zu lesen und auf der Straße oder in der Kneipe zu hören ist, ist noch vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt.

Mit Regeln wird es allein nicht getan sein. Wichtig ist die Frage nach den Normen. Viele Menschen hier lehnen die Existenz Gottes ab. Das reicht aber nicht in einer intellektuellen Auseinandersetzung mit einem Hindu oder einem Muslim. Wer ihnen gegenüber die Existenz Gottes ablehnt, wird nicht ernst genommen, zumal er keine „Beweise“ für die Nichtexistenz Gottes hat. Zudem wird sich jemand, der nicht an Gott glaubt, fragen lassen müssen, warum er ein Fest zu Ehren Krishnas feiert. Irgendwie logisch, oder?

Ein Lichtblick sind für mich die vielen Solidarisierungsversuche von Menschen mit den Asylanten. Zwar haben sie derzeit eine meist allgemein menschliche Motivation, aber dies ist ein Anfang. Je genauer wir die Menschen, die zu uns kommen, kennenlernen, umso besser werden wir sie verstehen und sehen, dass sie uns gar nicht so verschieden sind. Gut, wenn wir dann auf Ihre Fragen vorbereitet sind: Was ist Dein Lebensfundament? Woran glaubst du? Woran glaubst du im Angesicht nahen Todes, wie ich ihn auf dem Meer, im Sinschar-Gebirge, unter Folter … erlebt habe?

Und machen wir uns darauf gefasst, Sie werden sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufriedengeben, denn die meisten von Ihnen haben viel schlimmere Erfahrungen gemacht, als wir sie hoffentlich je machen werden. Setzen wir uns mit Ihnen auseinander und verstehen wir sie als einen Lichtblick für unser aller Leben. Sie geben uns wichtige Impulse und bereichern uns nicht zuletzt. Zudem ist eine wichtige Botschaft des christlichen Abendlandes: Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen (1. Kor 16,14).

Nachdenkliche Stunden und Tage wünscht Ihnen
Superintendent Kristóf Bálint

Hierzu sind keine Kommentare möglich
Autor: red

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