Di, 17:39 Uhr
23.12.2014
Erinnern an Genthin (3)
Heute vor 75 Jahren geschah das bisher schwerste, dokumentierte Zugunglück auf einer deutschen Eisenbahnstrecke. Bodo Schwarzberg erinnert daran...
Am 23.12.1939 um 0:55 fuhr der Schnellzug D 180 (Berlin-Neukirchen/Saar) mit mindestens 100 km/h im Bahnhof Genthin (Sachsen-Anhalt) auf den stehenden D 10 (Berlin-Köln) auf. 278 Menschen starben und 453 wurden verletzt.
Soldaten, Arbeiter, die zur Rüstungsindustrie in und um die Reichshauptstadt abkommandiert waren, Frauen und Kinder, die über Weihnachten zu Verwandten fahren wollten. Beide Züge waren überfüllt. Das lag nach PREUß (1991) vor allem an der kriegsbedingt angespannten Situation bei der Deutschen Reichsbahn und an den bevorstehenden Weihnachtstagen.
Für den Winterfahrplan 1939/40 waren die Fahrzeiten gestreckt bzw. die Aufenthaltsdauer der Züge auf den Bahnhöfen verlängert worden. Wagons seien knapp gewesen, der Andrang der Reisenden aber sehr groß.
Vor zwei Jahren, liebe nnz-Leserinnen und –leser, schrieb ich zwei Beiträge unter dem oben genannten Titel und auch der vorherige Absatz entstammte einem der damaligen Beiträge. Den dritten Teil blieb ich Ihnen bis heute schuldig. Mit Bedacht wollte ich ihn erst heute, zum 75. Jahrestag dieser Eisenbahnkatastrophe an die nnz senden.
Heute sollen Sie erfahren, was genau zu dem verheerenden Unglück führte: Zwischen Brandenburg und Genthin hatte der Lokomotivführer des dem D 10 folgenden D 180 im Örtchen Belicke ein Halt zeigendes Vor- und Haltsignal überfahren. Dies hätte möglicherweise vermieden werden können, wenn Lokführer Wedekind, wie vorgeschrieben, seinem Heizer Nussmann die Stellung der passierten Signale zugerufen bzw. letzterer danach gefragt hätte.
Beides unterblieb, zumal Heizer Nussmann während des Überfahrens der beiden Signale mit Kohleschippen beschäftigt war. Möglicherweise hatte die in dieser Nacht zu Nebel neigende Witterung auch die Sicht auf die Signale verwehrt.
Während der D10 wegen eines ihm vorausfahrenden Güterzuges zunächst langsam auf Genthin zurollt und vor Genthin Freie Fahrt für die Passage Genthins erhielt, rast D 180 mit mindestens 100 km/h auf letzteren zu. Ein 850 m vor Genthin tätiger Schrankenwärter wird noch telefonisch aus Belicke alarmiert, aber er schafft es nicht mehr, vor der unerlaubten Passage des D 180 Knallkapseln auf die Schiene zu stellen – damals eines der letzten Mittel, um das Lockpersonal zum sofortigen Anhalten zu bewegen.
Lokführer Wedekind hat längst das grüne Einfahrtssignal von Genthin erkannt und wiegt sich in trügerischer Sicherheit. Denn dieses Signal galt nicht ihm, sondern dem vorausfahrenden D 10.
Wie so oft bei schweren Unglücksfällen liegt ihnen nicht nur das Versagen einzelner Menschen zugrunde. So auch heute vor 75 Jahren im Bahnhof Genthin: Der Hilfsweichenwärter Seeger, in jener verhängnisvollen Nacht auf dem Genthiner Stellwerk tätig, hatte den Alarmruf aus Belicke mitgehört, nach dem der D 180 zwei Halt zeigende Signale überfahren hatte. Übereifrig rannte er in Richtung Durchfahrtsgleis, schwenkte eine rote Handlaterne und wandte damit die allerletzte Methode an, um die Katastrophe eventuell noch abzuwenden.
Vielleicht hätte er sie zumindest abmildern können, - wenn er die Laterne erst einige Sekunden später geschwenkt hätte. Denn verhängnisvollerweise wurde sie vom Lokpersonal des D 10 wahrgenommen, der den Bahnhof Genthin eigentlich ordnungsgemäß zu durchfahren hatte. Nun leitete dieser folgerichtig eine Schnellbremsung ein. Wenige Augenblicke später fährt D 180 auf ihn auf.
Rentner Dieter Rohr aus Genthin beschreibt vor fünf Jahren in einem Beitrag der Welt die verheerenden Auswirkungen des Crashs: (http://www.welt.de/vermischtes/article5600453/Das-schwerste-Zugunglueck-in-Deutschland.html).
Er hat über Jahre hinweg alle verfügbaren Informationen gesammelt: Auf Grund des Krieges durften die Rettungsmannschaften keine hellen Scheinwerfer verwenden: So konnten viele Opfer erst nach Tagen geborgen werden. Zahlreiche Menschen dürften während der frostigen Nächte des Jahresendes 1939 in den Trümmern erfroren sein, bevor sie befreit werden konnten. Kriegstypisch waren Plünderungen der Wracks: Ein Bestatter wurde in der Folge zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Das Lokpersonal beider Schnellzuglokomotiven überlebte. Der Lokführer des D 180 erhielt im Juni 1940 eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Sein Heizer und Weichenwärter Seeger wurden freigesprochen. Erst vor wenigen Jahren wurde am Bahnhof Genthin eine Gedenktafel für die fast 300 Opfer dieser vor dem Hintergrund der Schrecken des Zweiten Weltkrieges fast vergessenen Zugkatastrophe aufgestellt. Zentrales Element ist die Achse einer Schnellzugdampflok.
Bodo Schwarzberg
1: PREUß, E. (1991): Eisenbahnunfälle in Europa. Transpress-Verlag. Berlin.
Autor: nnzAm 23.12.1939 um 0:55 fuhr der Schnellzug D 180 (Berlin-Neukirchen/Saar) mit mindestens 100 km/h im Bahnhof Genthin (Sachsen-Anhalt) auf den stehenden D 10 (Berlin-Köln) auf. 278 Menschen starben und 453 wurden verletzt.
Soldaten, Arbeiter, die zur Rüstungsindustrie in und um die Reichshauptstadt abkommandiert waren, Frauen und Kinder, die über Weihnachten zu Verwandten fahren wollten. Beide Züge waren überfüllt. Das lag nach PREUß (1991) vor allem an der kriegsbedingt angespannten Situation bei der Deutschen Reichsbahn und an den bevorstehenden Weihnachtstagen.
Für den Winterfahrplan 1939/40 waren die Fahrzeiten gestreckt bzw. die Aufenthaltsdauer der Züge auf den Bahnhöfen verlängert worden. Wagons seien knapp gewesen, der Andrang der Reisenden aber sehr groß.
Vor zwei Jahren, liebe nnz-Leserinnen und –leser, schrieb ich zwei Beiträge unter dem oben genannten Titel und auch der vorherige Absatz entstammte einem der damaligen Beiträge. Den dritten Teil blieb ich Ihnen bis heute schuldig. Mit Bedacht wollte ich ihn erst heute, zum 75. Jahrestag dieser Eisenbahnkatastrophe an die nnz senden.
Heute sollen Sie erfahren, was genau zu dem verheerenden Unglück führte: Zwischen Brandenburg und Genthin hatte der Lokomotivführer des dem D 10 folgenden D 180 im Örtchen Belicke ein Halt zeigendes Vor- und Haltsignal überfahren. Dies hätte möglicherweise vermieden werden können, wenn Lokführer Wedekind, wie vorgeschrieben, seinem Heizer Nussmann die Stellung der passierten Signale zugerufen bzw. letzterer danach gefragt hätte.
Beides unterblieb, zumal Heizer Nussmann während des Überfahrens der beiden Signale mit Kohleschippen beschäftigt war. Möglicherweise hatte die in dieser Nacht zu Nebel neigende Witterung auch die Sicht auf die Signale verwehrt.
Während der D10 wegen eines ihm vorausfahrenden Güterzuges zunächst langsam auf Genthin zurollt und vor Genthin Freie Fahrt für die Passage Genthins erhielt, rast D 180 mit mindestens 100 km/h auf letzteren zu. Ein 850 m vor Genthin tätiger Schrankenwärter wird noch telefonisch aus Belicke alarmiert, aber er schafft es nicht mehr, vor der unerlaubten Passage des D 180 Knallkapseln auf die Schiene zu stellen – damals eines der letzten Mittel, um das Lockpersonal zum sofortigen Anhalten zu bewegen.
Lokführer Wedekind hat längst das grüne Einfahrtssignal von Genthin erkannt und wiegt sich in trügerischer Sicherheit. Denn dieses Signal galt nicht ihm, sondern dem vorausfahrenden D 10.
Wie so oft bei schweren Unglücksfällen liegt ihnen nicht nur das Versagen einzelner Menschen zugrunde. So auch heute vor 75 Jahren im Bahnhof Genthin: Der Hilfsweichenwärter Seeger, in jener verhängnisvollen Nacht auf dem Genthiner Stellwerk tätig, hatte den Alarmruf aus Belicke mitgehört, nach dem der D 180 zwei Halt zeigende Signale überfahren hatte. Übereifrig rannte er in Richtung Durchfahrtsgleis, schwenkte eine rote Handlaterne und wandte damit die allerletzte Methode an, um die Katastrophe eventuell noch abzuwenden.
Vielleicht hätte er sie zumindest abmildern können, - wenn er die Laterne erst einige Sekunden später geschwenkt hätte. Denn verhängnisvollerweise wurde sie vom Lokpersonal des D 10 wahrgenommen, der den Bahnhof Genthin eigentlich ordnungsgemäß zu durchfahren hatte. Nun leitete dieser folgerichtig eine Schnellbremsung ein. Wenige Augenblicke später fährt D 180 auf ihn auf.
Rentner Dieter Rohr aus Genthin beschreibt vor fünf Jahren in einem Beitrag der Welt die verheerenden Auswirkungen des Crashs: (http://www.welt.de/vermischtes/article5600453/Das-schwerste-Zugunglueck-in-Deutschland.html).
Er hat über Jahre hinweg alle verfügbaren Informationen gesammelt: Auf Grund des Krieges durften die Rettungsmannschaften keine hellen Scheinwerfer verwenden: So konnten viele Opfer erst nach Tagen geborgen werden. Zahlreiche Menschen dürften während der frostigen Nächte des Jahresendes 1939 in den Trümmern erfroren sein, bevor sie befreit werden konnten. Kriegstypisch waren Plünderungen der Wracks: Ein Bestatter wurde in der Folge zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Das Lokpersonal beider Schnellzuglokomotiven überlebte. Der Lokführer des D 180 erhielt im Juni 1940 eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Sein Heizer und Weichenwärter Seeger wurden freigesprochen. Erst vor wenigen Jahren wurde am Bahnhof Genthin eine Gedenktafel für die fast 300 Opfer dieser vor dem Hintergrund der Schrecken des Zweiten Weltkrieges fast vergessenen Zugkatastrophe aufgestellt. Zentrales Element ist die Achse einer Schnellzugdampflok.
Bodo Schwarzberg
1: PREUß, E. (1991): Eisenbahnunfälle in Europa. Transpress-Verlag. Berlin.

