Fr, 07:00 Uhr
15.08.2014
Lichtblick: Zu viel Wasser?
Wasser hat uns in diesem Sommer viel beschäftigt. Es gab Starkregen - mit oder ohne Gewitter – mit allen Konsequenzen: überflutete Straßen, Schlamm, Feuerwehrleute die stundenlang Keller auspumpen, Geschädigte, die Versicherungsunterlagen lesen und hoffen, dass alles gedeckt ist...
Wer Urlaub am Meer machte, konnte wegen der ungewöhnlichen und gefährlichen Strömungen oft nicht baden gehen oder hat im schlimmsten Fall sein Leben und das der Retter aufs Spiel gesetzt.
Da ist der Gedanke an Flut oder gar Sintflut nicht so weit weg. Noah und die Arche ist den meisten gut bekannt. In Kinderbibeln sieht es fasst idyllisch aus, wie Noah mit allerlei drolligen Tieren gemütlich in der Arche sitzt und wartet, bis der Regen nachlässt und das Wasser abfließt.
Aber gemütlich ist diese Begebenheit wahrlich nicht. Es ist eigentlich eine Katastrophengeschichte, wie sie in ähnlicher Erzählform wohl in allen Kulturen vorkommt. Auch heute kann der eine oder andere seine persönliche Sintflutgeschichte erzählen, in der – im wahrsten Sinne des Wortes - manchmal auch Gott auftaucht. Bei Noah und der Sintflut geht es um Gott und die Menschen. Es klingt fast ein bisschen kindisch, wenn Gott erklärt, warum die Erde vernichtet werden soll.
Am Anfang heißt es: Als der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da gereute es ihm, dass er den Menschen gemacht hatte. Dann kommt der Regen und die Flut, an deren Ende es dann heißt: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.
Für mich klingt das am Anfang wie ein Kind, das das gesamte Bild zerreißt, nur weil der Baum nicht gut genug gelungen ist. Gott stellt fest, dass der Mensch nicht so funktioniert, wie er sich das ausgedacht hatte, also kommt er ganz weg!? Dann kommt die Ernüchterung der Reue. War es so eine gute Idee, alles zu vernichten? Der Mensch kann nichts dafür, dass er ist, wie er ist; so neidisch wie Kain, so verführbar wie Adam und Eva, so selbstgerecht wie Noah, wenn er über sich denkt: Mich rettet Gott, mich hat er lieber als die anderen, weil ich gerecht bin.
Blick aus dem Amtszimmer der Autorin (Foto: privat)
Vielmehr bedeutet es: Man muss und kann den Menschen so lieben, wie er ist. Und plötzlich gehört das Negative ganz selbstverständlich zum Menschen und zur Welt, ohne dass gleich Pessimismus die Welt regiert.
Wenn dem nur so wäre, dann kommt mir Gott ziemlich menschlich vor. Wo bleibt da der unveränderliche, allwissende, allmächtige, geheimnisvolle Gott? Ich will nicht verleugnen, dass sich Gott in dieser Begebenheit nicht deutlich verändert. Aber er ist es nicht selbst, der sich verändert. Er bleibt wie er war und ist und sein wird. Was sich aber ändert, ist die Art und Weise, wie der Mensch sich Gott vorstellt. Der Mensch reift in seiner Vorstellung von Gott. Davon ausgehend, ändern sich sowohl Gott als auch Mensch. Der Mensch ändert sich, weil er Gott aus einem neuen Blickwinkel sehen kann. Gott ändert sich (scheinbar), weil er in den Augen der Menschen ein anderer geworden ist. In und mit Noah verändert sich das Bild von Gott.
Aber wieso wird Noah überhaupt gerettet, wenn doch die ganze Menschheit böse ist? Oder hat sich Noah nur selbst für gerecht gehalten und eigentlich hat ihn Gott trotz aller Ungerechtigkeit, die er als Mensch in sich trägt, dennoch gerettet? Dann wäre es die nicht die Rettung eines Gerechten, sondern die Errettung eines Selbstgerechten und die Vernichtung eines selbstgerechten Gottesbildes!
Noah war von seinen Mitmenschen enttäuscht. Von denen erwartete er nichts mehr. Er selbst hatte noch Anstand und Moral. Nur die anderen lebten, wie es ihnen passte. Noah lebt daher in einer sehr engen Welt. Die anderen Menschen sind böse, denen kann man nicht vertrauen, die sind egoistisch und sind sich selbst die Nächsten! Nur ich bin gut und mache mir Sorgen um die anderen und ihr falsches Handeln. Das kann nicht gut gehen. Wenn Gott, das sieht, dann wird er sie absaufen lassen.
Am Ende ist Noahs Welt so eng, dass sie in eine Arche passt. Wenn Gott dann selbst die Tür verschließt, als alle Welt in die Arche hineingegangen war, dann doch wohl nur, weil Gott an Noah glaubt. Noah hatte die Welt in kleine Abteile verpackt. Sie war gewissermaßen Schubladen gerecht verpackt. Er hatte sich in seine Welt, die Arche, gerettet und die tatsächliche Welt um ihn herum, ging unter. Aber nach 40 Tagen läuft Noah Gefahr, selbst in seiner Welt unterzugehen. Er verliert sich in endloser Einsamkeit und Langeweile.
Das einfache Trennen in gut und böse, richtig und falsch, schwarz und weiß, reicht nicht zum Leben. Er braucht auch die Menschen als Gegenüber, die er selbst abschaffen und unbeachtet lassen wollte. Ihm wird klar, wenn die Welt untergeht, bleibe ich als überlebender Gefangener in dieser kleinen Welt, namens Arche, zurück.
Wenn er erst feststellte, er kann mit der Bosheit der Welt nicht leben, so ist nun die Sehnsucht nach der Güte und der Schönheit der Welt groß. Er will zurück. Er weiß nicht, ob das so einfach geht. Aber er weiß auch: Ich muss es versuchen!
Sein erster Versuch mit der Taube schlägt fehl. Der zweite Versuch, mit einer zweiten Taube, bringt in Form eines Ölzweiges Hoffnung mit. Ein Leben in dieser Welt, außerhalb meiner eigenen Welt, scheint also wieder möglich!?! Dann geschieht etwas Unerwartetes. Noah lässt eine dritte Taube fliegen, die gar nicht zurückkehrt. Eine dritte Taube dürfte es aber gar nicht geben, wenn von jedem Tier ein Paar auf der Arche ist! Die Arche ist also schon nicht mehr so eng, sondern lässt das Leben Raum gewinnen!
Als die dritte Taube nicht zurückkehrt, ist Noah klar, dass es draußen ein Leben gibt. Die Welt ist nicht völlig untergegangen, aber sie ist völlig verändert, jedenfalls in Noahs Augen. Der Gott vom Anfang, der die Welt vernichten wollte, weil die Menschen nicht besser waren, als er sie erschaffen konnte, der ist nicht mehr da. Der ist in der Flut untergegangen, ebenso wie die Selbstgerechtigkeit des Noah.
Aufgetaucht ist ein Mensch, der die Menschen annehmen kann wie sie sind, weil Gott es vormacht. Gott stellt fest: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das ist die Verheißung des neuen Anfangs. Noah, der auf der Arche nur Schwarz-weiß sehen konnte, bekommt ein neues Zeichen auf den neuen Weg. Am Himmel ist nach der Flut, ein Regenbogen zu sehen, der Himmel und Erde verbindet und ganz und gar nicht schwarz-weiß, sondern strahlend bunt ist!
Gerne gebe ich zu, dass diese auf den ersten Blick ganz klare Geschichte von Noah und der Arche insgesamt komplizierter ist. Keine eine einfachen Gedanken, aber bei weiterem Regen, haben wir genügend Zeit, auch darüber nachzudenken. Es wird ja nicht gleich 40 Tage regnen!
Pastorin Steffi Wiegleb
Autor: redWer Urlaub am Meer machte, konnte wegen der ungewöhnlichen und gefährlichen Strömungen oft nicht baden gehen oder hat im schlimmsten Fall sein Leben und das der Retter aufs Spiel gesetzt.
Da ist der Gedanke an Flut oder gar Sintflut nicht so weit weg. Noah und die Arche ist den meisten gut bekannt. In Kinderbibeln sieht es fasst idyllisch aus, wie Noah mit allerlei drolligen Tieren gemütlich in der Arche sitzt und wartet, bis der Regen nachlässt und das Wasser abfließt.
Aber gemütlich ist diese Begebenheit wahrlich nicht. Es ist eigentlich eine Katastrophengeschichte, wie sie in ähnlicher Erzählform wohl in allen Kulturen vorkommt. Auch heute kann der eine oder andere seine persönliche Sintflutgeschichte erzählen, in der – im wahrsten Sinne des Wortes - manchmal auch Gott auftaucht. Bei Noah und der Sintflut geht es um Gott und die Menschen. Es klingt fast ein bisschen kindisch, wenn Gott erklärt, warum die Erde vernichtet werden soll.
Am Anfang heißt es: Als der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da gereute es ihm, dass er den Menschen gemacht hatte. Dann kommt der Regen und die Flut, an deren Ende es dann heißt: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.
Für mich klingt das am Anfang wie ein Kind, das das gesamte Bild zerreißt, nur weil der Baum nicht gut genug gelungen ist. Gott stellt fest, dass der Mensch nicht so funktioniert, wie er sich das ausgedacht hatte, also kommt er ganz weg!? Dann kommt die Ernüchterung der Reue. War es so eine gute Idee, alles zu vernichten? Der Mensch kann nichts dafür, dass er ist, wie er ist; so neidisch wie Kain, so verführbar wie Adam und Eva, so selbstgerecht wie Noah, wenn er über sich denkt: Mich rettet Gott, mich hat er lieber als die anderen, weil ich gerecht bin.
Blick aus dem Amtszimmer der Autorin (Foto: privat)
Vielmehr bedeutet es: Man muss und kann den Menschen so lieben, wie er ist. Und plötzlich gehört das Negative ganz selbstverständlich zum Menschen und zur Welt, ohne dass gleich Pessimismus die Welt regiert.Wenn dem nur so wäre, dann kommt mir Gott ziemlich menschlich vor. Wo bleibt da der unveränderliche, allwissende, allmächtige, geheimnisvolle Gott? Ich will nicht verleugnen, dass sich Gott in dieser Begebenheit nicht deutlich verändert. Aber er ist es nicht selbst, der sich verändert. Er bleibt wie er war und ist und sein wird. Was sich aber ändert, ist die Art und Weise, wie der Mensch sich Gott vorstellt. Der Mensch reift in seiner Vorstellung von Gott. Davon ausgehend, ändern sich sowohl Gott als auch Mensch. Der Mensch ändert sich, weil er Gott aus einem neuen Blickwinkel sehen kann. Gott ändert sich (scheinbar), weil er in den Augen der Menschen ein anderer geworden ist. In und mit Noah verändert sich das Bild von Gott.
Aber wieso wird Noah überhaupt gerettet, wenn doch die ganze Menschheit böse ist? Oder hat sich Noah nur selbst für gerecht gehalten und eigentlich hat ihn Gott trotz aller Ungerechtigkeit, die er als Mensch in sich trägt, dennoch gerettet? Dann wäre es die nicht die Rettung eines Gerechten, sondern die Errettung eines Selbstgerechten und die Vernichtung eines selbstgerechten Gottesbildes!
Noah war von seinen Mitmenschen enttäuscht. Von denen erwartete er nichts mehr. Er selbst hatte noch Anstand und Moral. Nur die anderen lebten, wie es ihnen passte. Noah lebt daher in einer sehr engen Welt. Die anderen Menschen sind böse, denen kann man nicht vertrauen, die sind egoistisch und sind sich selbst die Nächsten! Nur ich bin gut und mache mir Sorgen um die anderen und ihr falsches Handeln. Das kann nicht gut gehen. Wenn Gott, das sieht, dann wird er sie absaufen lassen.
Am Ende ist Noahs Welt so eng, dass sie in eine Arche passt. Wenn Gott dann selbst die Tür verschließt, als alle Welt in die Arche hineingegangen war, dann doch wohl nur, weil Gott an Noah glaubt. Noah hatte die Welt in kleine Abteile verpackt. Sie war gewissermaßen Schubladen gerecht verpackt. Er hatte sich in seine Welt, die Arche, gerettet und die tatsächliche Welt um ihn herum, ging unter. Aber nach 40 Tagen läuft Noah Gefahr, selbst in seiner Welt unterzugehen. Er verliert sich in endloser Einsamkeit und Langeweile.
Das einfache Trennen in gut und böse, richtig und falsch, schwarz und weiß, reicht nicht zum Leben. Er braucht auch die Menschen als Gegenüber, die er selbst abschaffen und unbeachtet lassen wollte. Ihm wird klar, wenn die Welt untergeht, bleibe ich als überlebender Gefangener in dieser kleinen Welt, namens Arche, zurück.
Wenn er erst feststellte, er kann mit der Bosheit der Welt nicht leben, so ist nun die Sehnsucht nach der Güte und der Schönheit der Welt groß. Er will zurück. Er weiß nicht, ob das so einfach geht. Aber er weiß auch: Ich muss es versuchen!
Sein erster Versuch mit der Taube schlägt fehl. Der zweite Versuch, mit einer zweiten Taube, bringt in Form eines Ölzweiges Hoffnung mit. Ein Leben in dieser Welt, außerhalb meiner eigenen Welt, scheint also wieder möglich!?! Dann geschieht etwas Unerwartetes. Noah lässt eine dritte Taube fliegen, die gar nicht zurückkehrt. Eine dritte Taube dürfte es aber gar nicht geben, wenn von jedem Tier ein Paar auf der Arche ist! Die Arche ist also schon nicht mehr so eng, sondern lässt das Leben Raum gewinnen!
Als die dritte Taube nicht zurückkehrt, ist Noah klar, dass es draußen ein Leben gibt. Die Welt ist nicht völlig untergegangen, aber sie ist völlig verändert, jedenfalls in Noahs Augen. Der Gott vom Anfang, der die Welt vernichten wollte, weil die Menschen nicht besser waren, als er sie erschaffen konnte, der ist nicht mehr da. Der ist in der Flut untergegangen, ebenso wie die Selbstgerechtigkeit des Noah.
Aufgetaucht ist ein Mensch, der die Menschen annehmen kann wie sie sind, weil Gott es vormacht. Gott stellt fest: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das ist die Verheißung des neuen Anfangs. Noah, der auf der Arche nur Schwarz-weiß sehen konnte, bekommt ein neues Zeichen auf den neuen Weg. Am Himmel ist nach der Flut, ein Regenbogen zu sehen, der Himmel und Erde verbindet und ganz und gar nicht schwarz-weiß, sondern strahlend bunt ist!
Gerne gebe ich zu, dass diese auf den ersten Blick ganz klare Geschichte von Noah und der Arche insgesamt komplizierter ist. Keine eine einfachen Gedanken, aber bei weiterem Regen, haben wir genügend Zeit, auch darüber nachzudenken. Es wird ja nicht gleich 40 Tage regnen!
Pastorin Steffi Wiegleb

