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Fr, 14:57 Uhr
07.03.2014

Zwischen Chemie-Labor und Ghetto-Mauern

Es ist zwar schon ein gutes halbes Jahr her, aber Henry Lindner, Schüler des Staatlichen Gymnasiums „Friedrich Schiller“ Bleicherode, hat die Erlebnisse seines Besuches im polnischen Krakau für die nnz notiert...

Im Chemielabor (Foto: privat) Im Chemielabor (Foto: privat)

Peng. Mit einem dumpfen Schlag steigt eine weiße Rauchsäule der Decke des Hörsaals entgegen. Wo eben noch ein Becher voller Wasser war, brodeln nun Nebelschwaden aus einer gut isolierten Stahlschüssel. Drumherum liegen überall auf dem Tisch zerplatzte Bananen, gefrorene Rosen und zerbrochene Gummischläuche.

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Mitten in diesem Durcheinander stehen zwei polnische Studenten und versuchen uns die interessantesten Anwendungen flüssigen Stickstoffs zu erklären und vorzuführen.

Doch richtig aufmerksam ist keiner der etwa 50 Schüler, die erst gestern spät am Abend aus Polen, der Ukraine, Weißrussland und Deutschland zum jährlichen Treffen „Befreundeter Regionen im Herzen Europas“ nach Krakau in Kleinpolen angereist sind. Sie alle wurden auf Grund ihrer besonderen naturwissenschaftlichen Leistungen ausgewählt. So auch ich und fünf weitere Thüringer. Aber 10 bis 12 Stunden Busfahrt waren für uns einfach zu lang und so sehne ich schon vormittags den Abend herbei.

Doch dafür bleibt keine Zeit, denn das Programm an der Technischen Universität Krakau ist anspruchsvoll. Unmittelbar nach Rauch und Nebel in der Chemie erleben wir Blitze und Funken in der Elektrotechnik. Gut hörbar sind das Brummen der Hochspannung und der laute Knall, als unser Dozent einen Isolator für Überlandleitungen mit weit über 100 kV überlädt. Nun sind erst einmal alle wieder wach und bereit für das Finale.

Auf einer mannshohen Tesla-Spule erklingen in hohen, sonoren und vor allem lauten Tönen bekannte Titelmelodien aus Film und Fernsehen. Großer Beliebtheit erfreuen sich dabei insbesondere die eingespielten polnischen Titel. Erst danach wird unser Wunsch nach einem Bett erfüllt.

Doch auch an den folgenden der insgesamt acht Tage kommen die Naturwissenschaften nicht zu kurz. Die Chemie kann dabei die meisten Schüler mit Themen wie Fluoreszenz oder Pyrotechnik für sich begeistern. „Naturwissenschaften zum Anfassen und Mitmachen“ lautet die Devise. In der Pyrotechnik erleben wir ein „kleines“ Feuerwerk im Abzug des Labors. Oben quellen dabei stinkender Qualm und der Geruch des Schwarzpulvers heraus und füllen beinahe den ganzen Raum.

Sogar ich verstehe dann, warum Experimente dieser Art in Deutschland verboten sind, obwohl ich mir wünsche, solche Versuche im eigenen Chemieunterricht durchführen zu können. Währenddessen ist die Stimmung im Labor locker und entspannt, denn die naturwissenschaftlichen Themen bilden eine perfekte Basis für gemeinschaftliches Arbeiten und Austauschen. Die Verständigung untereinander erfolgt nahezu problemfrei - auf Englisch. Nur manchmal bemerken wir die Sprachbarrieren, denn wir Deutschen sind die einzigen, die des Polnischen nicht mächtig sind. Abgesehen von einem „Dzien dobry!“ am Morgen verstehen wir oftmals leider nur Bahnhof.

Doch dafür steht uns eine eigene Dolmetscherin zur Seite. Diese schafft es sogar, eigentlich langweilige Vorträge über Robotik oder Benchmarking durch viele Hintergrundinformationen spannend und anschaulich zu übersetzen. Nur bei einem einstündigen, polnischen Film über die Farbwahrnehmung der Fische muss auch sie kapitulieren und ich habe danach das Gefühl eine Stunde lang ein Aquarium beobachtet zu haben.

Am Nachmittag bleibt dann aber zum Glück noch genug Zeit für etwas Kultur. Einer der Höhepunkte für mich ist dabei der zweitägige Abstecher zum Sightseeing nach Warschau. Aber auch Krakau hat viel zu bieten. Obwohl es an manchen Tagen stundenlang regnet, stehen mehrere Rundgänge durch die imposante und beeindruckende Innenstadt an. Völlig durchnässt kämpfen wir uns vom Wawel zum historischen Hauptmarkt.

Gruppenfoto beim Wawel (Foto: privat) Gruppenfoto beim Wawel (Foto: privat)

Dabei legen wir oft in den verschiedensten Kirchen eine Pause ein, um ein wenig zu trocknen. Nebenbei können wir noch der einen oder anderen spannenden Erzählung von der Gründung der Stadt bis hin zu Erinnerungen an Johannes Paul II lauschen. Unsere Stimmung ist nur im ehemaligen jüdischen Viertel sowie dem ehemaligen Krakauer Ghetto etwas angespannt. Auch ich habe ein mulmiges Gefühl im Bauch, als ich vor den letzten Überresten der mannshohen Ghetto-Mauern stehe und uns die Stadtführerin in aller Genauigkeit die Verbrechen der Nationalsozialisten in Krakau vor Augen führt.

Die Tatsache, dass ein Großteil des Films „Schindlers Liste“ hier in Krakau gedreht wurde und ich einige Drehorte wiedererkenne trägt nicht zu einer Besserung meiner Stimmung bei. Doch überraschenderweise werden wir von den anderen Jugendlichen nicht oft mit unserer Geschichte konfrontiert. Nur einmal fragen die Polen, wie denn der Nationalsozialismus im deutschen Geschichtsunterricht so aufgearbeitet werde. Auf unsere Antwort hin, wir würden diese Zeit genauso detailliert besprechen, wie auch den Rest der deutschen Geschichte, waren sie ziemlich überrascht. Trotzdem war ich sehr froh, danach das Thema wechseln zu können.

Abgesehen hiervon funktioniert die Völkerverständigung einwandfrei, denn dies ist ja eigentlich der Hauptaspekt unserer Reise. Wir spielen die halbe Nacht russische Kartenspiele oder singen polnische Volkslieder, oder besser gesagt wir hören zu wie die Polen singen. Und in den Pausen unseres straffen Programms bleibt uns noch genügend Zeit, um sich über das jeweilige Schulsystem, den späteren Berufswunsch oder einfach nur die eigene Lieblingssportart auszutauschen.

Doch auch über eigentlich Banales wie das Tempolimit auf deutschen Autobahnen, die deutsche Pünktlichkeit oder unsere Essgewohnheiten reden wir oft. So bin ich am Ende der Reise nicht nur um Einiges an Erfahrung, sondern vor allem um viele Freunde reicher. Alles in allem war unsere Reise eine großartige Gelegenheit gleichaltrigen Jugendlichen aus andern Ländern zu begegnen und viele interessante Einblicke in deren Leben zu gewinnen. Und da es heutzutage kein Problem ist, in Kontakt zu bleiben, werden kurz vor der Abreise noch schnell Skype-Namen und E-Mail-Adressen ausgetauscht.
Henry Lindner, Schüler des Staatlichen Gymnasiums „Friedrich Schiller“ Bleicherode
Autor: red

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