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Fr, 06:37 Uhr
21.06.2013

Der 1-Euro-Überwachungsstaat

Die 1-EURO-Überwachung oder: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke. Aus aktuellem Anlass Anmerkungen zur totalen Überwachung von Thomas Fichtner...


Durch die Leaks über das amerikanische PRISM-Überwachungssystem, die Berichterstattung und Diskussion darüber, wurde auch vom deutschen Innenminister, unter völliger Ignoranz der historischen Erfahrungen mit Stasi und Co., ein solches System für die BRD gefordert und mit Finanzeinsatz von 100 Millionen Euro jährlich veranschlagt.

Leider sind viele der Fragen über den genauen Umfang und die Möglichkeiten des NSA-Systems nicht genau zu beantworten, da wichtige Informationen dazu einfach fehlen. Sicher ist nur, dass jemand der noch vor nur einem Monat über die Existenz eines auch nur 1/10tel so umfangreiches Systems – wie es bisher offiziell bestätigt wurde – spekuliert hätte, als paranoider Spinner und Verschwörungstheoretiker abgestempelt worden wäre!

Während also viele noch überlegen, wie weit denn die NSA Überwachung überhaupt geht, wen sie alles betrifft und was sie alles umfasst, versucht die deutsche Politik zu beruhigen und spricht bei ihrem Programm lediglich über die Erhebung von Verbindungsdaten.

Doch stimmt das eigentlich? Ist es auch nur wahrscheinlich? Oder bindet man uns hier einen Bären auf? Und wenn ja, wie nährt man sich dem Problem am Besten? Vielleicht einfach über die Kosten und den benötigen, bzw. damit bereitstellbaren Speicherplatz und den Umfang der täglichen sowie jährlich erhebbaren Pro-Kopf-Datenmenge.

Was wäre denn dann zum Beispiel mit nur einem Euro pro Bürger im Jahr, mit auf dem normalen Markt verfügbaren Technik machbar? Die Antwort ist verblüffend!

Aber fangen wir mit einigen Vorüberlegungen an und konkretisieren die Rahmenbedingungen für eine Abschätzung:
  • 80 Millionen Bundesbürger
  • gleich hohes Datenaufkommen bei jedem Bürger und Überwachung jedes Bürgers
  • Überwachungskosten von 1 Euro pro Einwohner im Jahr
  • vorerst Vernachlässigung der Stromkosten
  • Vernachlässigung wie der Zugang zu den Datennetzen konkret erfolgt
  • Verwendung von Standardtechnik von der Stange
  • Straßenpreise für die Hardware, ohne Mengenrabatte für Großkunden, um die Kosten für die notwendige Rechentechnik/Controller in der Betrachtung vernachlässigen zu können
  • keine Betrachtung der Personalkosten (Nachrichtendienste mit ihren Mitarbeitern bestehen ja bereits, ebenso existieren Bundesliegenschaften, also Gebäude)
  • Vernachlässigung von Sicherungsmaßnahmen (Backups, RAID und Co.), da sie Aufwand nur um ca. Faktor 2 erhöhen würden und durch Kompressionsalgorithmen, Filterung unwichtiger Daten, Deduplizierung, Gleichzeitigkeitsfaktoren und das eben in der Realität nicht alle Bürger gleich hohes Datenaufkommen haben bzw. nicht alle Datennetze regelmäßig nutzen, teilweise komplett kompensiert werden können
  • Annahme das erst einmal nur Daten gesammelt, diese dann zum Bedarfszeitpunkt bzw. nach Schwerpunkten/Schlüsselworten zu Niedriglastzeiten durchsucht werden
  • Verwendung üblicher, etablierter Datenformate (ASCII, ANSI, MP3)
  • Verwendung von 1000er Einheiten (Zehnerpotenzen) für Byte und Co. statt 1024 (2er Potenzen), damit leichteres Rechnen und Puffer nach oben, daher Megabyte = 10 hoch6, Gigabyte = 10^9, Terrabyte = 10^12, Petabyte = 10^15 Byte
  • 1 Jahr = 365 Tage bzw. 8760 h
  • Datengröße einer A4 Seite, 68 Zeilen, 80 Spalten, voll beschrieben ~ 5 kB
  • Datenumfang der Bibel ca. 4 MB
Die Kosten für eine 4 TB 3,5“ Festplatte liegen derzeit bei etwa 160 EUR. 4 TB = 4000 GB. 160 EUR/4000 GB = 0,04 EUR/GB das heißt 1 GB Speicherplatz kostet derzeit etwa 4 Cent. Für 1,00 EUR bei 0,04 EUR/GB bekommt man also 25 GB Speicherplatz. Das sind auf den Tag heruntergerechnet 68,5 MB. 68,5 MB das wären 13700 dicht beschriebene A4 Seiten. Pro Tag. Jeden Tag eines Jahres. 5 Millionen A4 Seiten pro Person im Jahr, alle 6,3 Sekunden eine A4 Seite. 500 lfm Akten pro Jahr.

Man könnte damit auch 73 Minuten MP3 mit 128 kBit/s in Stereo, eine für Telefongespräche natürlich unnötig hohe Datenrate, aufzeichnen. Für jeden der 80 Millionen Bürger, für nur 1 EUR im Jahr – insgesamt also 80 Millionen Euro.

Wer meint also, dass hier nur Verbindungsdaten – also Uhrzeit, wählende Nummer, gewählte Nummer und Dauer – aufgezeichnet werden sollen, einen Datensatz der selbst bei etlichen Gesprächen am Tag keine A4 Seite und damit weniger als 5 KB Datenplatz füllen würde, ist mehr als nur blauäugig. Die 146 TB Speicherplatz, die die reine Verbindungsdatenspeicherung für alle Bundesbürger im Jahr benötigen würde, wären inzwischen mit knapp 15.000 Euro zu erschlagen.

Kommen wir zum Strombedarf. Eine 4TB Festplatte, mit dem oben berechneten Jahresspeicherplatz für jeweils rund 160 Menschen verbraucht zwischen 5 im Standby und 7,5W im Betrieb – wir mitteln auf 6,25W. 6,25W*8760h sind 54,75 kWh im Jahr für die Überwachung von 160 Leuten, oder 0,33 kWh pro Person – Stromkosten von etwa 8 cent pro Bürger im Jahr – oder ca. 6,4 Millionen EUR für alle. Verdoppeln wir dies noch für die nötige Rechentechnik, sind wir bei 12,8 Millionen.

In der Summe also 80 Mio + 12,8 Mio Euro, also 92,8 Mio – bei einem anvisiertem Budget von 100 Mio (das bekanntlich bei so Projekten regelmäßig überschritten wird).

Für rund 14,60 EUR bekommt man 1GB je Tag und Bürger als Überwachungsmenge und braucht sich keinen Kopf mehr um Doubletten, die Datengröße von Bildern, Audiokompression oder ähnliches machen und braucht selbst die angesurften Seiten nicht mehr nur als Link zu speichern.
Verfügbare effektive Speech-to-Text-Konvertierungen (Siri und Co.) und die damit erhöhte Abgleichgeschwindigkeit und Speicherplatzverringerung mal noch ganz außen vorgelassen.

So sieht es aus liebe Mitbürger. ERSCHRECKEND!

Und das alles ohne fancy Geheimlabortechniken, ohne Hochleistungsspeicher aus dem Labor auf Halbleiterbasis (riesige SSD, Flashspeicher ähnlich dicht wie MicroSD, mit ca. 1000 TB je 3,5“ Disk), oder auf Kristallgittern basierend, wie auch denkbare optische Holographiespeicher, nachwachsende organische Speichersubstrate auf DNA-Basis oder ähnliches zu benötigen. Alles direkt von der Stange, zu einem Spottpreis machbar.

Als Vergleich – die USA haben 2012 rund 698,3 Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben – ca. 2216 $ pro Einwohner. Ob da 1 EUR oder gar 14,60 EUR (ca. 19,40$) für eine totale Überwachung jedes ihrer Bürger wohl dabei sind? Oder gar 136 Mrd $ für jeden der 7 Milliarden Menschen weltweit?

Willkommen in Neuland!
Thomas Fichtner
Autor: red

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
Wolfi65
21.06.2013, 10:14 Uhr
Ist ja alles richtig
Jetzt kommt das große ABER.
Sehr geehrter Herr Fichtner.
Sollten Sie der Herr Fichtner von der Linken sein, dann sollten sie sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, denn dabei hat es schon die schlimmsten Unfälle gegeben.

Und das gerade vor den Bundestagswahlen.
Den Rest der Geschichte von 40 Jahren roter Diktatur mit all seinen Auswüchsen, möchte ich hier nicht noch einmal anführen, denn die Story kennen Sie ja selbst.

Das jetzt die gleichen Fehler der Vergangenheit gemacht werden, ist ein trauriger Vorfall, aber eine DDR 2.0 braucht hier keiner.
MFG
Retupmoc
21.06.2013, 11:33 Uhr
Falscher Ansatz
Sorry Wolfi ... dieser Staat spioniert viel besser als es die Stasi je konnte. Ok - die Stasi hatte nicht die technischen Möglichkeiten, aber das hier ist nicht die DDR 2.0 sondern die DDR 12.0 !

Und da lehnt man sich nicht aus dem Fenster, wenn man über die Kosten redet. Von der Verwerflichkeit der Bespitzelung einmal abgesehen...

Nah interessanter wird es, wenn man eine Kosten - und Nutzenrechnung aufstellt. Wenn man dann überlegt, das 3 ! Personen in einem Zeitraum von 10 Jahren mehrfach morden konnten, ohne das es die albernen Sesselpupser in den Überwachungsanstalten gemerkt haben ...
Harzer_jung
21.06.2013, 12:30 Uhr
Die Überwachung ist ineffektiv
Die Datensammelei ist einfach nur abzulehnen.
Erfolge hat sie keine gebracht, Die Boston Bombe wurde nicht verhindert. Obwohl die Täter stark überwacht wurden!

Genau so dürfte es auch bei den 3 Angeklagten in München laufen, die Geheimdienste sammeln zwar, sind aber unfähig die Daten sinnvoll auszuwerten bzw dies Zeitnah zu tun.
Trotzdem ist eine solche Datenmenge gefährlich. mit ein wenig mehr Zeit können da viele Sachen gefunden werden die man nicht öffentlich haben will.

Ich bin in diesem Fall sehr nahe an Herrn Fichtners Meinung. Abschalten!
-Insider-
21.06.2013, 15:29 Uhr
diese
überwachung dient sicherlich nicht der kontrolle hinsichtlich solcher sachen wie terror. das ist immerhin ein nettes fundament für diesen wahn. gäbe es keinen terror, wozu sollte man dann sowas überwachen?

es ist doch viel eher interessant, wie der gemeine mob denkt, was ihn beschäftigt. gibt es vermehrt kritisch gedanken? was muss BLÖD, SpOn und co. schreiben um die Massen gezielt zu lenken. Dafür ist es hochinteressant.

Wer also hier an Terrorabwehr denkt, ist dem ganzen aber mal schön auf den Leim gegangen.

Zum thema KLR: Wissen ist Macht, nichts Wissen Macht nix. (und macht ist nun mal unbezahlbar, von daher stimmt die preis-leistung immer!)
Thomas Fichtner
21.06.2013, 16:24 Uhr
Lieber Wolfi,
doch bin ich.
Auch wenn ich ab ca. morgen Mittag, den 22.6, nicht mehr dem Kreisvorstand angehören werde, da ich - insbesondere aus Zeitgründen - nicht mehr bei der morgen diesbezüglich stattfindenden Wahl dazu kandidiere.

Ansonsten ist bei weitem keine Kongruenz von ehemaliger SED und heutiger Linker zu erkennen. Dafür ist Die Linke viel zu heterogen und unhierarchisch aufgebaut.
(Nicht das MfS und SED je 100% identisch waren - worauf sie ja scheinbar anspielen.)

Abgesehen davon bin ich wohl aus einer zu jungen Generation dafür und es ist sogar für die Älteren möglich Fehler zu erkennen und zu korrigieren.

Klingonisch, ist aber so!

Eine umfassende, verdachtsunabhängige Überwachung aller Bürger - nur weil man es technisch eben kann - ist jedenfalls strikt abzulehnen!
Und ja, aus ethischen und von der Geschichte bestätigten Gründen!
Egal ob ich mich mit diesem Grundsatz - oder leider nur noch frommen Wunsch - weit aus dem Fenster lehne oder nicht.
Thomas Fichtner
21.06.2013, 16:47 Uhr
Vorratsdatenspeicherung
Die reine VDS tut halt genau was der Name sagt. Alle irgendwie verfügbaren Daten über jeden Bürger werden auf Vorrat gespeichert und erst nach einem konkreten Vorfall analysiert.
Jeder ist für solch einen Staat also erst einmal grundsätzlich verdächtig und soll gefälligst keine Geheimnisse, welcher Art auch immer, haben dürfen.

Die VDS verhindert also genauso wenig Verbrechen wie eine breitflächige Videoüberwachung. Man kann damit NICHTS verhindern, später nur versuchen Zusammenhänge usw. zu rekonstruieren bzw. sich die Tat auf Video ansehen.
Vielleicht eine Art Möglichkeit hinterher Täter zu finden und zu bestrafen.

Die Wirksamkeit gegen Terroristen die aber bereit sind bei Ausübung ihrer Tat zu sterben - und dies auch regelmäßig tun - darf also getrost bezweifelt werden.

Die unterschiedlichen Ansätze und Wirksamkeiten von SIGINT und HUMINT sollen hier aber nicht erörtert werden.

Schlimmer ist doch, dass niemand weiß wer die Daten wie, wann und wonach filtert. Noch wer sie eigentlich erhebt, aus welchen Quellen, mit welchem Umfang und wer dazu evtl. noch Zugang hat.
Mißbrauch für Wirtschaftsspionage, Erpressung, Eifersuchtshandlungen, Unterdrückung politischer Opposition und ähnlichem sind hier Tür und Tor geöffnet.

Wozu die Daten vielleicht einmal genutzt werden - ob "nicht grüßen" oder "abfällig über die große Führerin zu reden", oder andere "Gedankenverbrechen" nicht einst strafbar werden und diese Daten dann dafür benutzt werden, weiß man einfach nicht.

Zum Thema NSU...nun es sieht eigentlich eher so aus, als wenn die mutmaßlichen Täter nicht nur von den Diensten überwacht, sondern in gewisser Weise auch von ihnen geführt und ausgerüstet wurden.
Von wem, zu welchem Zweck und mit welchem Ziel eigentlich - ist und bleibt wohl unbekannt.
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