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Fr, 06:40 Uhr
07.06.2013

Menschenbilder (66)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Pfarrer Gerhard Meißner

36 Jahre lang evangelischer Pfarrer der Kirchgemeinde Sülzhayn

Dass Pfarrer Gerhard Meißner 36 Jahre lang der Kirchgemeinde Sülzhayn vorstand, hätte er sich nach seinem Theologiestudium kaum träumen lassen: Auf Grund seiner Herkunft aus einem landwirtschaftlich geprägten Ort, dem bei Mühlhausen gelegenen Kleingrabe, wünschte er sich die Ausübung seines Amtes zwar ebenfalls im ländlichen Raum, keinesfalls aber im grenznahen Sperrgebiet der DDR.

„In dem Wort „Sperrgebiet“ ist ja gewissermaßen das „Eingesperrtsein“ enthalten. Ich wollte einfach nicht, dass mich selbst nahestehende Verwandte, wie z.B. meine Eltern, nur nach Antrag und dann auch nur im Abstand von vier Monaten besuchen dürfen“, sagt er. Aber der am 05.02.1947 in Mühlhausen Geborene blieb, teils nicht ganz freiwillig, in Sülzhayn, nachdem ihn die damalige Evangelisch Lutherische Landeskirche Sachsen im Jahre 1976 in das stille Harzdörfchen verpflichtet hatte.

Und er predigte sich in all den Jahren in die Herzen der Gläubigen, gab ihnen Kraft unter den besonders schwierigen Verhältnissen ständiger Überwachung und des nicht enden wollenden Misstrauens der Sicherheitsorgane. „Ich stand nie vor leeren Plätzen in der Kirche und ich habe mich bemüht, die Einheit von Wort und Tat mit Leben zu erfüllen“, sagt er dazu.

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Dass sich Gerhard Meißner überhaupt für den Beruf des Pfarrers entschied, war eine unmittelbare Folge der staatlich verordneten Repression in der DDR. Aufgewachsen zwischen Feld- und Stallarbeit des elterlichen Hofes, sehnte er sich nach einem „geregelteren“ Leben außerhalb der Landwirtschaft. Nachdem der damalige Staatsratsvorsitzende Walter UIbricht im Jahre 1962 jedoch bestimmt hatte, dass die „Landjugend“ auch wieder „aufs Land“ zu gehen hatte, sah er sich gezwungen, eine Lehre auf dem Gebiet der Feldwirtschaft mit Abitur in Sundhausen bei Gotha aufzunehmen (Abschluss 1966).

Das anschließend an der ehemaligen Karl-Marx-Universität Leipzig aufgenommene Studium der Agrarwissenschaften mit dem Ziel einer späteren Tätigkeit als Berufsschullehrer, endete für den DDR-kritisch eingestellten Gerhard Meißner jedoch sehr schnell: „Wir Studenten sollten beeiden, kein Westfernsehen zu schauen und wurden vom Dekan offen dazu angehalten, unsere Kommilitonen zu bespitzeln. Dagegen protestierte ich. Als ich dann auch noch ohne FDJ-Hemd zur Maidemonstration erschien, war das Maß für den Parteisekretär voll“, denkt er zurück. Mit der Begründung eines fehlenden „Klassenstandpunktes“ entzog er dem Nordthüringer nach zwei Semestern die Zulassung für die anstehenden Zwischenprüfungen und erteilte ihm zugleich Hausverbot.

Nach einer halbjährigen Tätigkeit in der Beschwerdestelle der Deutschen Post Leipzig suchte Gerhard Meißner den Kontakt zur Evangelischen Studentengemeinde und wurde von deren Leiter, dem späteren Bischoff Johannes Hempel, zum Studium der Theologie motiviert. Dieser Vorschlag entsprach durchaus den Wertvorstellungen, die er aus seinem Elternhaus mit auf den Lebensweg bekommen hatte: So gehörte sein Großvater der CDU an, bevor sie als Blockpartei mit der SED gleichgeschaltet wurde.

Von 1967 bis 1974 studierte der junge Mann am Theologischen Seminar Leipzig: „Die Motivation dafür resultierte eindeutig aus meinen politischen Erfahrungen. Ich habe das Aufrichtende der Bibel erlebt und wollte es an andere Menschen in der DDR weitergeben“, bekennt er.

An das Studium, welches Gerhard Meißner vor allem wegen der sehr schwer zu erlernenden hebräischen Sprache nicht nur in guter Erinnerung behalten hat, schloss sich das Vikariat im Einflussbereich der Evangelisch Lutherischen Landeskirche Sachsen an, zu der er sich verpflichtet hatte. Die Stationen des Vikariats hießen Schwepnitz, Kamenz und Lückendorf.

„Ab nach Sülzhayn“ hieß es für den jungen Pfarrer dann im Februar 1976. „Kirchlich gesehen gehörte der Ort lange Zeit zum ‚alten Hannoverischen Gebiet‘. Mit dem Mauerbau wurde er der Evangelisch Lutherischen Landeskirche Sachsen zugeschlagen (ab 1982 „Kirchenprovinz Sachsen“ – d.A.). Da ich mich für einen Dienst als Pfarrer in dieser Landeskirche verpflichtet hatte, musste ich das im von mir ungeliebten Sperrgebiet liegende Sülzhayn erst einmal akzeptieren“, sagt er.

Einen Vorgeschmack auf das, womit er in den folgenden, von ihm damals für unmöglich gehaltenen 36 Jahren konfrontiert werden sollte, bekam Gerhard Meißner bereits dadurch, dass sich das MfS vier Monate lang Zeit ließ, bis ihm ein Zuzug nach Sülzhayn, und damit die Pfarrstelle, auch von „Staats wegen“ genehmigt wurde. An seinen ersten Tag als Pfarrer erinnert er sich noch ganz genau: Mit dem Zug ging es zuerst nach Ellrich und dann per Fahrrad in jenen Ort, der zu seiner beruflichen und seelsorgerlichen Wirkungsstelle werden sollte.

Zunächst bedeutete dies, den kirchlichen Regelungen entsprechend, eine mindestens fünfjährige Tätigkeit. Doch der damals zuständige Bischoff Krusche motivierte meinen Gesprächspartner nach Ablauf dieser Frist mit den Worten: „Bleiben Sie hier. Legen Sie nochmal fünf Jahre drauf.“ Gerhard Meißner entsprach dieser Bitte und hatte auch 1987, nach rund zehn Jahren also, kein Glück, eine Pfarrstelle außerhalb der Sperrzone zu bekommen: „Die sogenannte Visitation, eine übliche Überprüfung meiner seelsorgerischen Arbeit nach zehn Jahren, ging zu meinen Gunsten aus. Außerdem scheiterte mein von mir angestrebter Weggang hin zu einer anderen Kirchengemeinde in der Kirchenprovinz Sachsen an dortigen Problemen. Und so blieb ich“, sagt er.

Für die evangelischen Christen aus Sülzhayn war dies eine glückliche Fügung, weil sie in ihrem Pfarrer ein Bollwerk gegenüber den vielen Problemen gefunden hatten, die das Leben im Sperrgebiet mit sich brachte: Und diese waren vielfältig: Immer wieder z. B. wurden Eltern von den Parteisekretären ihrer Betriebe unter Druck gesetzt, ihre Kinder nicht in die Christenlehre zu schicken. Schwierigkeiten mit der Staatsmacht bekam der Pfarrer auch mehrfach, weil er anlässlich von Bestattungen in seiner Predigt von einem „unmenschlichen System“ sprach, das Angehörigen der Verstorbenen die Teilnahme an den Trauerfeiern in Sülzhayn verwehrte. Auch der ABV (= „Abschnittsbevollmächtigter“ der Volkspolizei) hatte wohl einen kirchenfeindlichen Auftrag:

„An jedem Sonntag stellte er sich demonstrativ vor die Kirche, um zu sehen, wer von den Sülzhaynern zum Gottesdienst kam. Das war eine Form der Einschüchterung, weil die von ihm Registrierten Angst davor haben mussten, aus der Sperrzone und damit aus ihren Häusern gewiesen zu werden“, erklärt er. Als dementsprechend umfangreich sollte sich nach der Wende die Stasiakte Gerhard Meißners erweisen: „Auf mein 17. Lebensjahr datieren die ersten Einträge. Und jedesmal, wenn ich bei der Gauck-Behörde nachfragte, fanden sie etwas Neues“, sagt er.

Aber der Pfarrer erinnert sich auch an einen Volkspolizisten, der sich ihm gegenüber ausgesprochen menschlich verhielt und sich dadurch selbst in Gefahr brachte: Denn eines Tages war seine Mutter, ohne am Schlagbaum zum Sperrgebiet kontrolliert zu werden, per Bus nach Sülzhayn gekommen, um ihm einen Besuch abzustatten. Normalerweise hätte sie hierfür erst nach wochenlanger Wartezeit eventuell eine Genehmigung erhalten. Obwohl die heimliche Anreise von den Vertretern der Sicherheitsorgane offenbar nicht bemerkt worden war, wandte sich Gerald Meißner vertrauensvoll an einen Polizeibeamten im Ort und bat ihn um Unterstützung: „Als meine Mutter wieder abreisen wollte, fuhr er mit seinem PKW vor dem unsrigen zur Kontrollstelle, die glücklicherweise erneut nicht besetzt war. So konnte meine Mutter das Sperrgebiet unbeschadet wieder verlassen. Der ABV verriet uns nicht, wofür ich mich nach der Wende ausdrücklich bei ihm bedankte“, sagt er.

Mitunter geriet die Einmischung der Staatsmacht in kirchliche Angelegenheiten aber auch zur Groteske: Etwa an jenem Tag, als der Pfarrer einen Termin in Cleysingen hatte. „Als ich das Haus verließ, wurde ich festgenommen und zur Vernehmung nach Ellrich verbracht. Erst nach zwei Stunden erfuhr ich den Grund: Ich hätte meinen Trabi mit der Front in westlicher Himmelsrichtung geparkt. Künftig sollte ich die Parkrichtung stets um 180 Grad ändern.“

Während der Wendezeit war Gerhard Meißner regelmäßiger Teilnehmer der Dienstagsdemonstrationen in Nordhausen. Im Vorfeld dieser Veranstaltungen wurde er an den Schlagbäumen zum Sperrgebiet besonders intensiven und schikanösen Kontrollen sowie Befragungen unterzogen. Seine Predigten waren in dieser Phase vor allem von der Aufforderung an die Gläubigen geprägt, nachzudenken und angesichts des voraussehbaren materiellen Überflusses auch die Bescheidenheit nicht aus den Augen zu verlieren. „Ein Westdeutscher sagte bei meinem ersten Besuch im Westen zu mir: „Mach Dir ein Bild und laufe nicht den Massen nach.“ –

Die Wende in der DDR sieht der Sülzhayner Pfarrer als „reines Lehrstück zur Auslegung der Bibel.“

Ab etwa 1995 begann die Zahl der evangelischen Christen auch in dem Harzort stetig zu sinken. Vor allem fehle es an Gläubigen im Jugend- und mittleren Erwachsenenalter. „Darin sehe ich u.a. ein Erbe der DDR-Ideologie“, erklärt er.

Seinen aktiven Dienst als Pfarrer beendete Gerhard Meißner mit Vollendung seines 65. Lebensjahres. Zu seinem Wirkungsbereich gehörten die Kirchengemeinden Sülzhayn, Werna, Appenrode, Ellrich, Woffleben und Mauderode.

Seit 1976 ist er mit Dagmar Meißner verheiratet. „Sie hat mich jahrzehntelang treu und verlässlich als Organistin und Katechetin unterstützt“, lobt sie ihr Ehemann. Die vier Kinder des Paares heißen Ulrike (35), Isabelle (32), Anna-Katharina (30) und Friederike (28). Das Familienglück wird durch drei Enkelkinder komplettiert.

Die Interessen von Pfarrer Gerhard Meißner konzentrieren sich auf Politik bzw. politische Literatur sowie auf die Ahnenforschung im Pfarrbereich Sülzhayn.

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