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So, 08:26 Uhr
24.03.2013

Scott, der Penner (2)

Der Nordhäuser Schriftsteller Andreas Hüllenhagen stellt am 4. April um 19.30 Uhr sein Erstlingswerk „Scott, der Penner im Museum „Tabakspeicher“ vor. Wir haben schon mal einige Leseproben für Sie im Angebot...


Scott ist durch widrige Umstände und getrieben vom Suchtdruck in einer schäbigen Bar gelandet, die sich in Melrose befindet, einem berüchtigten Distrikt in der Bronx. Was anfangs als derber Scherz gedacht war, ist zu einer üblen Tortur ausgeartet.



Feine Schweißperlen standen auf der kalkweißen Stirn, während sich die Pupillen über die gesamte Iris weiteten, schwarze Löcher, die den Betrachteten wie unheilvolle Abgründe vorkommen mussten. Wenn Scott jemanden hätte betrachten können. Scott war bewusstlos. Sein Atem flachte ab, dann setzte er aus.

»Is’er tot?«, fragte Mason schwankend und stützte sich auf die Theke.

George, zu dessen Füßen Scotts Kopf lag, zuckte mit den Schultern.

Bill, scheinbar mit dem Barhocker verwachsen, hob träge sein Haupt vom Tresen und lallte: »Wer is‘ tot?«

Einzig der Wirt sorgte sich ernsthaft, warf verzweifelt die Arme in die Luft und marschierte auf und ab. »Meine Bar. Mein Ruf. Wenn das rauskommt. Was soll ich nur tun?«

In Scotts Gesicht regte sich etwas. Röchelnd saugte er Luft in die Lunge, stoßweise hob und senkte sich sein Brustkorb. Augenblicke später normalisierte sich seine Atmung. George ging in die Knie und horchte. Abermals senkte sich Scotts Lebenshauch und erstarb.

»Wir müssen ihn wegschaffen«, ergriff der Wirt die Initiative und legte die fleckige Schürze ab. »Wenn er irgendwo in einer Seitenstraße stirbt, ist er ein Penner mehr, der sich totgesoffen hat. Niemanden wird das interessieren.«

Georges Mundwinkel zuckte, Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben. Schlagartig wurde er nüchtern. Mord! Falls jemand gesehen hatte, wie der Penner hier reingekommen war, klagte man sie womöglich als Mörder an. Seine Gedanken rasten. »Lasst ihn uns ins Krankenhaus bringen. Der ist zäh und überlebt bestimmt.« Nach Bestätigung suchend, sah er zu Mason hinauf.

»Wenn der dort abkratzt, sin‘ wir erledigt. Fortschaffen is‘ besser.« Mason hickste, beugte sich vorn über und erbrach einen Schwall Halbverdautes, gestreckt mit Brandy. Die dünnflüssige Kotze verteilte sich auf Scotts Beinen und den Fliesen.

George sprang auf die Füße, wischte sich mit dem Handrücken kleine Spritzer von der Wange und fluchte. »Besoffenes Arschloch, pass doch auf.«

Ein glückseliges Grinsen breitete sich in Masons Gesicht aus. Seine glasigen Augen suchten George. »Fühl‘ mich besser. Scheißbrandy. Los, den schaff’mer fort.« Stolpernd drehte er sich dem Wirt zu. »Du fährst. Klar?«

Der Angesprochene trat näher, drängte Mason beiseite und jammerte: »Der Boden. Sieh dir die Sauerei an. Selbst die Theke, überall Kotze. Meine Bar.«

Mason packte den Wirt fest an den Schultern, zwei Schraubzwingen, die sich in Fleisch quetschten, und rückte ganz nah an sein Ohr, als wollte er ihm etwas zuflüstern. »Mein Kopf, ich bekomme Kopfschmerzen von dem Gejammer.« Dann ließ er ihn los und tätschelte freundschaftlich seine Wange.

Unterwürfig nickte der Wirt und rieb sich die Schultern, ohne ein Wort des Widerspruchs zu wagen. Als Mason sich abwandte, warf er ihm einen langen Blick nach. Das pure Gift lag darin.

»Wir ... wir sagen einfach, dass wir ihn so gefunden haben«, schlug George vor. »Mason, ich will nicht in den Knast. Jemand kann gesehen haben, wie der hier reinkam.«

»Hör zu«, Mason stapfte auf George zu und stolperte dabei über Scott. »Scheiß drauf. Das beweist nichts, gar nichts. Stimmt’s Bill?«

Schwerfällig hob Bill seinen Kopf von den verschränkten Armen, kaum mehr als eine Handbreit. »Stimmt«, und verfiel Augenblicke später wieder ins Schnarchen, einen Speichelfaden zwischen den Lippen.

Mason legte den Arm um Georges hängende Schulter und kam nah an sein Gesicht heran, sodass jener seinen alkoholisierten Atem auf der Wange spürte. »Nichts wird passieren, niemand kann uns was. Klar?«

George antwortete nicht.

»Klar?« Masons Ton verschärfte sich.

Auch jetzt verweigerte George die Antwort.

»Was is‘? Ich hab‘ dich was gefragt«, knurrte Mason, packte Georges Gesicht, den Mund verzogen wie bei einem Fisch, und drehte es sich zu.

Unsicher knetete der Wirt seine Hände. Mason befand sich in einer gefährlichen Stimmung; freundschaftliches Tätscheln und ein Faustschlag ins Gesicht lagen nah beieinander. Bereits früher hatte er jenen unberechenbaren Gemütszustand bei ihm beobachtet. Wenn Mason genug getrunken hatte, konnte er einem Mann genauso gut ein Bier ausgeben wie ihn zusammenschlagen, ob Freund oder Feind. »Klar, er hat verstanden. Lass uns den Penner fortschaffen. Stimmt’s, George? Stimmt’s?« Doch sein Schlichtungsversuch half nicht, George fürchtete offenbar den Knast mehr als Mason.

»Deine Kotze«, nuschelte George ängstlich zwischen den zudrückenden Fingern Masons hervor. »DNA und so, du weißt schon.« Ein wildes Tier blickte ihm in die Augen. Lange. George hielt nicht stand und sah zu Boden. Gleich würde er seines Freundes Faust spüren.

Heiseres Lachen drang aus Masons Kehle, als hätte er einen guten Witz gehört. »George, der hat zu viel gesoffen und gekotzt. Niemand wird das untersuchen. Das ist ein stinkender Penner. Sieh hin. Los! Was siehst du? Mach schon!«, und grub seine Finger in Georges Fettschicht am Oberarm und zerrte ihn näher an Scott heran.

»Einen vollgekotzten Penner«, folgte George unwillig seiner Aufforderung.

»Und?« Mason verstärkte den Griff.

»Der sich völlig zugedröhnt hat.«

Zufrieden tätschelte Mason seinen Hinterkopf, wie es ein Vater bei seinem Sohn täte. »Schaffen wir den fort.«

Es gab einen lauten Knall, als der Motor fehlzündete. Die Reifen des Chevrolet Blazers quietschten und rollten in die Dunkelheit. Wenig später erfüllte friedsame Ruhe die Nacht, ein schwarzes Seidentuch, das sich über den Himmel spannte. Nur der sanfte Wind besah sich die verlassene Straße und pfiff leise sein Lied.

Aber davon bekam Scott bestenfalls den lauten Knall mit. Röchelnd sog er manchmal Luft ein und machte ein paar Atemzüge, mit denen sich sein von Alkohol vergifteter Körper ein Weilchen begnügen müsste. Schließlich galt es, die Atemaussetzer zu überbrücken.

wird fortgesetzt
Autor: red

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