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Mo, 16:38 Uhr
18.03.2013

Bewohner von Altendorf 30

Es scheint um das Gebäude Altendorf 30 einiges an Zoff zu geben. Denkmalschützer wollen, dass wenigstens die Fassade erhalten bleibt. Wer aber wohnte einst in dem Haus? nnz-Autorin Heidelore Kneffel hat die Antwort...


Der Torbogen, der auf den ehemaligen Hof des Grundstückes Altendorf 30 führt, trägt im oberen Teil eine verblasste Inschrift, die aber noch zu entziffern ist: Julius Goldschmidt. Es liegt nahe, in dem Buch von Dr. Manfred Schröter „Die Schicksale der Nordhäuser Juden 1933 bis 1945“, zweite Auflage, nachzulesen, um herauszufinden, um welchen jüdischen Bürger von Nordhausen es sich dabei handelt. Man erfährt einiges über zwei Söhne, Kurt und Erich.

Im Adressbuch von 1930 stehen als Bewohner von Altendorf 30 ein Gärtner, ein Veterinärrat und praktischer Tierarzt, ein Arbeiter, ein Schuhmacher, ein Tabakspinner verzeichnet und eine Witwe Friederike Goldschmidt und ein Kaufmann Erich Goldschmidt. Außerdem wird in Klammern auf die Firma Julius Goldschmidt hingewiesen mit einer Rohproduktenhandlung. Die Inhaberin dieser Firma ist die genannte Witwe. Eine kleine Anzeige im Buch gibt kund, dass dort mit Schrott, Metallen und Roherzeugnissen gehandelt wird. Das Haus beherbergte also Bürger unterschiedlichster Berufe.
Meines Wissens gibt es im Stadtbild Nordhausens fast keine originalen Zeugnisse auf Behausungen jüdischer Bürger. Der Torbogen mit seiner Inschrift ist ein solches Denkmal!


An dem Haus aus der Gründerzeit mit seiner für Nordhausen außergewöhnlichen architektonischen Gestalt, die an einen Palazzi der Renaissance in Italien erinnert und etwas Süden in die Stadt inmitten Deutschlands bringt, steht, da es als Denkmal ausgewiesen ist, eine Tafel der Denkmalbehörde mit folgendem Inhalt:

„Das Gebäude gehörte zum relativ großen Komplex der damaligen Branntweinfabrik von Friedrich Schulze, Später übernehmen Albert Meinicke und Paul Brehmer diesen Betrieb.Ab 1910/11 betreibt Richard Knorr hier eine Dampf-Kornbrennerei, um 1925 ist in den Gebäuden eine Kautabakfabrik von Paul Schmidt etabliert. Bis in die dreißiger Jahre unterhält die Familie Goldschmidt hier eine Rohprodukten-Handlung.“ Was für ein Sittengemälde Nordhausens zeichnet sich hier ab!

Über die Architektur des Wohnhauses erfährt man: „...ist ein zweiflügeliger spätklassizistischer Putzbau mit anderthalb Geschossen, einem pavillonartigen Eckbau als Blickfang, der um ein Vollgeschoss turmartig erhöht ist. An der Fassade sind Elemente der italienischen Renaissancearchitektur – Bandrustika, rundbogige Fenster mit Steinschnitt-Imitaten an den Archivolten – zu erkennen.“


Julius Goldschmidt, dessen Namen verblichen auf dem Torbogen steht, lebte von 1870-1929. Die Firma wurde dann von seiner Frau Friederike, geb. Koch, also einer Arierin, wie es dann zur Nazizeit hieß, geleitet. Diese beiden hatten drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Die Schicksale von Kurt G., geb.1898, und Erich G., geb.1901, spiegeln exemplarisch die Judenverfolgung in Nazideutschland wider.

Einiges erfährt man aus dem Buch „Juden in Thüringen 1933-1945, Biographische Daten, Bd. 1, 2000“. Von Ende 1935 bis Anfang 1936 waren die Brüder in Untersuchungshaft im Gerichtsgefängnis von Nordhausen. Reinhard Gündel wies darauf hin, dass am 14. 3. 1936 in der „Allgemeinen Zeitung“ in Nordhausen unter der Überschrift:

„Große Strafkammer Nordhausen – Wegen Rassenschande verurteilt – 6 und 9 Monate Gefängnis“ über das Verfahren gegen die beiden Männer Goldschmidt berichtet wurde. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie arische Freundinnen haben, die sie heiraten wollen. Das sei nach den Nürnberger Rassengesetzen strafbar. Es hilft den Brüdern nichts, dass sie darlegen, dass sie christlich erzogen worden seien.

Sie werden verurteilt und müssen die Haftstrafen antreten. Vom 14.6.1938 bis 20.3.1939 sind sie im KZ Buchenwald. Am 13.6.1939 emigrieren beide nach Schanghai. Bis 1941 flohen rund 18.000 Juden aus Mitteleuropa dorthin, um dem Terror der Nationalsozialisten zu entkommen.

Das jüdische Exil in Shanghai wurde in der Nachkriegszeit lange vergessen oder verschwiegen, galt doch Shanghai als eine „„Emigration am Rande“, als „Exil der kleinen Leute“. Die Lebensbedingungen waren sehr schwierig. Kurt heiratete in Shanghai die Königsbergerin Jenny Michelson, die mit den Geschwistern im Sommer 1947 nach Nordhausen ins Altendorf 30 zurückkehrte. Ihr Mann starb am 29. 8. 1954, der Bruder Erich war schon am 15.5.1950 verstorben. Die Strapazen der Verfolgung und Emigration hatten ihre Spuren hinterlassen.
Heidelore Kneffel, Mitglied des Denkmalbeirates der Stadt Nordhausen
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Kommentare

18.03.2013, 18.14 Uhr
Hanniball | Danke
Danke für den ausführlichen Bericht zu diesen Gebäude. Es ist doch immer wieder sehr interessant zu erfahren was für Geschichten sich in solchen alten Gemäuer abgespielt haben. Ich bin sowieso dagegen ein solches Gebäude dem Erdboden gleich zu machen zumal ja nicht mehr allzu viele Häuser von der Sorte existieren. Hoffentlich gibt es ein positives Ergebnis in der Frage. Allerdings wurde ja bereits vor einiger Zeit an dieser Stelle von "Fachleuten" berichtet, daß da wohl bautechnisch gesehen nichts mehr zu machen ist...Oder fehlt außer Geld auch noch der Wille? Es wäre schade!

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18.03.2013, 19.24 Uhr
Rainer H. | Altendorf 30 Geschichte und Zukunft
Liebe Frau Kneffel,

das war wieder ein sehr interessanter Artikel von Ihnen in gewohnter Qualität.

Leider ist von dem einstigen Reichtum und deren Besitzer nur noch die Geschichte erhalten. Auch ich habe lange gezaudert und war jahrelang gegen den Abriss des Gebäudes. Doch die Zeit heilt in diesem Fall keine Wunden und auch keine Bauschäden.

Vor einigen Jahren hatte ich Gelegenheit das Gebäude näher zu betrachten, weil ein Freund von mir Kaufinteresse bezeugte. Wir waren dermaßen erschrocken und auch enttäuscht von der Substanz des Gebäudes, dass mein Bekannter alle Pläne verwarf. Um dieses Gebäude zu retten, braucht es nicht nur unendlich Geld sondern auch die Nerven, selbiges unwiederbringlich in dieses Gebäude zu versenken. Auch war die Aufteilung der Räume nicht sehr vorteilhaft. Was dieses Gebäude retten kann ist ein Investor mit Herz und viel Geld.

Ich persönlich würde einen Abriss auch bedauern, aber sehe ich eine Belebung dieses Stadtteils positiver entgegen und natürlich wäre der "vollständige Abriss" nur hinnehmbar, wenn ein ähnlich prägendes Gebäude dort wieder entsteht.

Schauen Sie sich die Nachbargrundstücke an, wie viele Firmen dort pleite gegangen sind und Ruinen hinterlassen haben. Selbst die Denkmalschützerin, welche einige Häuser weiter oben im wahrsten Sinne dahin dümpelt, wird seit Jahren nicht fertig und es ist auch kein Ende in Sicht! Und wenn ich mir dasselbe Schauspiel mit diesem riesigen Objekt Altendorf 30 vorstelle, dann kann ich einiger völligen Neubebauung nur zustimmen.

Lorenz Gießler

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18.03.2013, 23.14 Uhr
suedharzer | Mein Traum
wie wäre es damit, diese tolle Fassade dem Stadtbild zu erhalten? Aber dahinter einem möglichem Investor ABSOLUT freie Hand zu lassen.
Nööö - dies geht ja nicht. Da müsste ja kommentartorenlike jeder mitreden dürfen. Mit der Folge, dass dann alles kapput geht. Und die Auflagen der sogenannten "Denkmalschützer" sollte man hier mal veröffentlichen.
Ergebnis: Bald ist es ganz weg -der Wind war dann ja schuld!

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19.03.2013, 03.42 Uhr
J. K. | Abreißen ...
... ist keine Lösung!

Hat der 2. Weltkrieg nicht schon genug Gebäude in Nordhausen gekostet? Noch mehr Menschenleben kostete dieser Krieg.

Solche Bauten sollten den Denkmalschutz bekommen.

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19.03.2013, 10.24 Uhr
Wolfi65
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema des Beitrags
19.03.2013, 16.40 Uhr
Hans Dittmar | Altendorf 30 abreißen
Lieber Herr Körner,
ich teile gern Ihre Meinung und ich denke das jeder Investor das Gebäude erhalten würde, wenn er die überwiegenden Mehrausgaben für den Erhalt dieses Gebäudes vom Staat bekommen würde.
Doch leider ist das gesamte Denkmalschutzprogramm krank. Man stellt Gebäude unter Denkmal, verjagt mit Auflagen jahrelang Investoren und gibt aber selbst nur unzureichend finanzielle Mittel dafür aus. Am Ende kommt der Hilfeschrei und man will wenigstens die verrottete Fassade stehenlassen, von der -wenn man sich das mal betrachtet- auch nicht viel überbleibt. Und wenn dann gar nichts mehr geht, dann kommen solche Anordnungen (siehe Bleicherode) wo man das Fundament mit Mauer stehen lassen soll, als Gedenken! Da kann man hier Krieg und andere Unglücke aufzählen, ich will 60 Jahre nach dem Krieg nicht Stadtgebiete haben, die heute so aussehen, als sein der Krieg gerade vorbei.

Entweder setzt die Stadt oder der Staat Thüringen ein Zeichen, und lässt die Millionen als Zuschuß fließen, oder man reißt es ab. Dazwischen gibt es meiner Meinung nach keinen Spielraum mehr.

Hans D.

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