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So, 13:00 Uhr
17.02.2013

Menschenbilder (58)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Thomas und Astrid Schneider

EUROHUNT GmbH
Großhändler für Jagdzubehör
99768 Ilfeld
Internet: www.eurohunt.de


„Wie ein kleines Blasinstrument“, sagt Thomas Schneider, als ich ihn nach einer Kurzbeschreibung jener Produkte frage, die sich hinter der Marke „Klaus Weißkirchen Lockjagd“ verbergen. Durch die Töne, die der Jäger mit ihnen erzeugen kann, wird das Wild angelockt, wobei jedes der kleinen, in Ilfeld aus Kirschholz gefertigten „Instrumente“ hochspezifisch, also genau auf die Ansprüche der jeweiligen Wildart abgestimmt ist. Mein Gesprächspartner ist Inhaber und Geschäftsführer der EUROHUNT GmbH, die sich dem weltweiten Handel mit Jagdzubehör unterschiedlichster Art (außer Waffen) verschrieben hat. Auf dem Tisch des Unternehmens im Gewerbegebiet Ilfeld liegen Kataloge der Firma in zahlreichen Sprachen: „Wir haben Geschäftskontakte innerhalb Deutschlands aber auch in viele Länder zwischen Serbien, Russland und Kanada“, sagt Thomas Schneider (geb. am 28.05.1966 in Kombach).

Doch der Weg hin zu diesem erfolgreichen Südharzer Global-Player mit Spezialausrichtung war weit und steinig. „Wir mussten hart arbeiten, um das zu erreichen, wovon wir heute profitieren“, bekennt er. Und obwohl der Wahl-Ilfelder aus dem Westen Deutschlands stammt, wäre auch sein Leben ohne die Wende in der DDR höchstwahrscheinlich ganz anders verlaufen.

Ursprünglich erlernte der begeisterte Motocross-Fahrer den Beruf eines Kfz-Mechanikers. In den 80er Jahren brachte er es in seinem Sport bis zu den Deutschen Meisterschaften. Nachdem sein Lehrbetrieb Konkurs gegangen war, schloss Thomas Schneider eine weitere Ausbildung zum Kaufmann an und verpflichtete sich 1986 für sechs Jahre zur Bundeswehr. Anlässlich eines Lehrganges am Standort Hammelburg bei Bad Kissingen wurde er Zeuge eines geschichtsträchtigen Ereignisses: Der Ankunft von DDR-Bürgern, die wochenlang in der bundesdeutschen Botschaft in Prag ausgeharrt hatten und denen der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher kurz zuvor die weltweit beachtete Gestattung ihrer Ausreise verkündet hatte.

Und während es hunderttausende DDR-Bürger nach dem 9. November 1989 in den Westen zog, starteten Thomas Schneider und einige Freunde ihre Motorräder und erkundeten mehrere Tage lang den Thüringer Wald: „Damit ging für mich ein langgehegter Traum in Erfüllung“, bekennt er.

Im Zuge der Wiedervereinigung wurde er zur Schulung ehemaliger NVA-Ausbilder erst nach Torgau und dann, auf seinen Wunsch hin, nach Bad Frankenhausen abkommandiert. Bundeswehruniformen und NVA-Uniformen vereinigt in NVA-Kasernen: frühere Erzfeinde erfüllten die ungewohnte historische Situation mit ungewöhnlichem Leben. „Das war eine wunderbare Zeit, weil ich das Zusammenwachsen live miterleben und selbst mit gestalten konnte“, sagt er. Er sei sehr offen aufgenommen worden. Während seiner Bad Frankenhäuser Zeit lernte Thomas Schneider seine heutige Ehefrau Astrid kennen, die 1990 eine Handelsvertretung für Damen-Oberbekleidung eröffnet hatte.

Auch diese persönliche Entwicklung wäre ohne die friedliche Revolution undenkbar gewesen: Bis zur Wende arbeitete die junge Frau als Agraringenieurin in einer Sangerhäuser LPG. Als der Markt anschließend zunehmend von westlichen Agrarprodukten überschwemmt wurde, war ihrer damaligen Tätigkeit keine Zukunft mehr beschieden. Zugleich aber taten sich für Astrid Schneider vollkommen neue, ungeahnte Perspektiven auf: Entfernte westdeutsche Verwandte von ihr betrieben damals in Holzminden ein Vertriebsunternehmen für Damenoberbekleidung und baten sie, für ihre Produkte in der Noch-DDR besagte Handelsvertretung zu eröffnen. Ohne dass es Astrid und Thomas Schneider damals wohl ahnten: Diese Handelsvertretung war die Grundlage für eine unglaubliche unternehmerische Entwicklung:

Entsprechend einem damaligen Modetrend, konzentrierte sich das Paar zunehmend auf die Landhaus- und Trachtenmode und verkaufte diese an Einzelhändler in einem weiten Umkreis. „Ich erinnere mich sehr gern an die damalige Aufbruchsstimmung in Ostdeutschland. Dass ich gerade frisch verliebt war, motivierte mich noch zusätzlich“, bekennt sie. Bald erweiterte die Familie ihr Sortiment um Jagdartikel aller Art. Nachdem sie 1992 mit ihrer jungen Firma die Gumpertstraße 7, und damit eines der ersten sanierten Häuser der Nordhäuser Altstadt gemietet hatte, gelang es ihr bereits zwei Jahre später, eine an der B4 gelegene, ehemalige Ilfelder Apotheke als Wohn- und Geschäftshaus zu erwerben – nach einem langwierigen, zähen Kampf mit Ämtern und Alteigentümern.

Mit der dort etablierten „Ilfelder Trachtenstube“ füllten die Schneiders eine Lücke im regionalen Einzelhandel: „Es gab damals im Landkreis wohl kein Schützenfest, auf dem nicht 50 Prozent der Teilnehmer die robuste und mit viel Tradition in Verbindung gebrachte Landhausmode trugen“, sagt mein Gesprächspartner. In den folgenden drei Jahren eröffnete er Geschäftsfilialen in Bad Sachsa, in Biedenkopf (Hessen) und zuletzt in Bad Lauterberg. Das Nebeneinander vom weiterhin florierendem Großhandel und den mittlerweile vier Einzelhandelsgeschäften sorgte für stetig steigende Umsätze: Die Ehefrau meines Gesprächspartners widmete sich insbesondere dem Ein- und Verkauf sowie der Leitung der Geschäfte.

Der positiven Entwicklung geschuldet, erweiterten die Schneiders ihre Ladenfläche in Ilfeld im Jahr 2000 von 60 auf 140 Quadratmeter. In demselben Jahr aber begann auch eine Katastrophe ihren Lauf zu nehmen: „Erst schlossen in Bad Sachsa als Folge der ersten Gesundheitsreform nacheinander fünf Kurkliniken, wodurch die Zahl der Kunden einen dramatischen Einbruch erlitt. Wir hatten für unsere dortige Filiale einen Zehnjahres-Mietvertrag abgeschlossen, der uns nun massiv belastete“, sagt Thomas Schneider. Aber auch in allen anderen Geschäften sanken die Umsätze. Der Grund: Die Trachtenmode entsprach nicht mehr den aktuellen Trends, wozu auch ihre Degradierung zur Ramschware in Großmärkten beitrug. Bis 2005 musste die Familie bis auf den Ilfelder Stammsitz alle Einzelhandelsgeschäfte schließen. Nur der Großhandel ermöglichte ihr die Erfüllung all ihrer finanziellen Verpflichtungen.

Den Kopf in den Sand zu stecken, das war Thomas Schneider klar, hätte ihm nichts genutzt: Die Lösung des Problems war eine Weltneuheit: Gemeinsam mit der DEUSA International GmbH Bleicherode (siehe Text Pfeiffer, M. im Band I) vertrieb er eine in der Bleicheröder Firma hergestellte Salzpaste, die das Wild anlocken und damit die sonst üblichen Lecksteine ersetzen kann. Ihr größter Vorteil: Im Gegensatz zum Leckstein ist sie diebstahlsicher. Das neue Produkt schlug ein wie eine Bombe: Innerhalb kürzester Zeit interessierten sich Jagdausstatter in Europa und Übersee für die Paste aus dem Landkreis Nordhausen. Thomas Schneider musste seine Englischkenntnisse kundenbedingt schnell erweitern und drückte gemeinsam mit ebenso lernhungrigen, aber erst 15-jährigen Chinesen die harten Schulbänke in England.

Mit dem Ziel eines Maximums an Kompetenz machte Thomas Schneider 2002 zudem seinen Jagdschein, wobei ihn der enge Kontakt zum ebenfalls jagdbegeisterten Uwe Dörnbrack von der Gummiformteile GmbH in Niedersachswerfen (siehe Band I) auch zu einer wechselseitig vorteilhaften Zusammenarbeit führte: So kommt es, dass die beiden nicht nur gemeinsam jagen, sondern auch auf der alljährlichen Nürnberger Jagdwaffenmesse mit einem gemeinsamen Stand vertreten sind: der eine als weltweit einziger Hersteller u.a. von Gewehrschaftkappen, der andere als weltweit einziger Vertrieb der DEUSA-Salzpaste. Beide profitieren bis heute wechselseitig voneinander. Zusammen reaktivierte das Duo auch wieder den Handel mit Jagdzubehör. Salzpaste und Jagdzubehör wurden zur Grundlage der 2006 von der Ilfelder Trachtenstube GmbH auf EUROHUNT GmbH umfirmierten Firma, die ihren Sitz zunächst auf dem Niedersachwerfer Gelände der Gummiformteile GmbH hatte.

Die Lagerkapazitäten reichten schließlich nicht mehr aus: Ab Jahre 2009 konnte Thomas Schneider Lagermöglichkeiten im Gewerbegebiet Ilfeld nutzen. Ein Jahr später ersteigerte er die 1992 errichteten Gebäude des ehemaligen Grußkartenvertriebs und zog mit EUROHUNT nach einer umfassenden Sanierung bereits einen Monat später ein. Eine große Lagerhalle genügt endlich den Ansprüchen des Unternehmers, hunderte unterschiedliche Produkte rund um die Jagd für seine Kunden in aller Welt in ausreichender Menge bereithalten zu können. 15 Mitarbeiter sind in Voll- und Teilzeit im Einsatz: „Wir müssen straff organisiert arbeiten, um alle uns gestellten Aufgaben zu erfüllen“, sagt der Großhändler.

In Thüringen fühlt sich Thomas Schneider nach eigenem Bekunden längst zu Hause, wozu seine Ehefrau Astrid gewiss entscheidend beigetragen hat. Das Paar ist stolz auf seinen großen Freundeskreis. Zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt der Vater des BWL-Studenten Christoph neben der Jagd und dem Motorradfahren seinen Hund, den Weimaraner Jack (12): Als besonders edler Vertreter seiner Rasse hatte er das seltene Glück, Vater von über 100 Nachkommen werden zu dürfen.

Die gelernte Gärtnerin Astrid Schneider indes verwirklicht ihre Träume im privaten Garten der Familie, den sie in eine individuelle, bunte und reich strukturierte Parklandschaft verwandelt hat.

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Autor: nnz

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