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Fr, 12:36 Uhr
06.02.2004

Gedanken zum 100. Geburtstag

Nordhausen (nnz). Im Krematorium der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora steht eine Metallplastik des Bildhauers Theo Balden. Der wurde heute vor 100 Jahren geboren. Theo Balden gehört zu den großen Bildhauern, auch, wenn es momentan ziemlich ruhig um ihn geworden ist. Mehr über den Künstler mit einem Klick auf MEHR.


Theo Balden Im 5. Jahrbuch des Landkreises Nordhausen, im Verlag Neukirchner in der Landgrabenstraße in Nordhausen erhältlich, steht eine Würdigung Theo Baldens, verfasst von der Künstlerin Karin Kisker, die den Titel trägt: „Vom Maß der Dinge, Gedanken zum Relief ‚Dora’ – Ein Werk des Berliner Künstlers Theo Balden“. Der Auftrag zur Doraplastik wird dem Künstler 1974 erteilt. Parallel zur Arbeit schreibt Balden bis 1978 Notate, in denen er festhält, welche Gedanken ihm bei der Arbeit durch den Sinn gehen. Es entsteht eine beeindruckende Schrift über das Werden der Plastik. Sie gibt keine Interpretation des Werkes, sondern wir erfahren etwas über den Menschen Theo Balden, der sich im Ergebnis dieses inneren Monologs Erkenntnisse formuliert, die ihm für diese Arbeit wichtig sind. Ein Auszug daraus soll diese Vorgehensweise deutlich machen:

„... Ich sehe die Totenkapelle, das Krematorium oben über den stillen Dächern der Stadt – Symbol und letzte Spur. Sich ihr nähern bedeutet nicht nur ein Hinabsteigen in die Finsternis des Historischen; es bedeutet, der steinernen Pein und letzten Stille, die nicht aufhört zu schreien, nachzusteigen; bedeutet schließlich, die Schande der Vergangenheit unter die Füße der Gegenwart zu bekommen. Auch das wird mein ‚Maß’ sein.

Was für ein Auftrag! Neben vielen anderen wird die Arbeit an diesem Relief strenge Beichte sein, Schuld und Scham und vor allem Bekenntnis. Der Traum von einer Wiedergutmachung wird sich durch Kunst kaum verwirklichen lassen. Andererseits dürfte diese Arbeit unter keinerlei Umständen Gegenstand kunstvoller Ablasskrämerei werden. Was ich nicht wünsche: seelische Absolution durch ‚Erschütterung’. Was ich wünsche: den Menschen, aufrecht und wachsam, ausgestattet mit der Macht der Güte. Ach, wie viel Unsägliches beinahe Unmögliches hieße das! Und dennoch: Es wird mein ‚Maß’ sein.“

Der künstlerische Auftrag für das ehemalige KZ Mittelbau-Dora erfuhr auch durch Baldens Lebensweg eine menschliche Dimension, die eigene Erfahrungen einschloss. 1904 geboren, war er nicht nur schlechthin Zeitzeuge der Ereignisse, sondern erfuhr 1943 durch seine Verhaftung am eigenen Leibe, was es bedeutete, der Willkür der Gestapo hilflos ausgeliefert zu sein. Es folgten schwere Jahre des Exils. Von Prag über London bis nach Kanada führte ihn schließlich sein Weg 1947 zurück nach Berlin. Bei Karin Kisker heißt es: „Mit einer solchen Biographie im Rücken, hätte er aus sicherer Position an die Schuld anderer gemahnen können. Doch er tut es nicht, sagt vielmehr, allein die Natur sei frei von Schuld.

Fotos: K. Kisker Überhaupt scheint Balden in der Natur sein rechtes Maß zu suchen. Aus ihr schöpft er sowohl seine formbildende Phantasie, als auch alle damit verbundene Weisheit. Dennoch zweifelt er, bleibt Suchender ... Gedankliches beseelt Theo Balden mit großer künstlerischer Präzision in der Naturform. In seiner Kunst ist die Natur aufgehoben. Immer assoziiert er den Menschen, seine Wahrheiten schließen jene der Natur nicht aus, sind immer auch Aufforderungen zum Dialog ...“

Was zeigt Balden in seiner Plastik, die sich den Verbrennungsöfen gegenüber befindet? Sein Werk ist ungewöhnlich, suggeriert Pflanzliches. Zunächst beginnt die Pflanze am Boden breit zu wuchern, bis sie dann auf einmal in der Mitte dem Himmel zustrebt. Zu Wurzeln und Geäst verwobene und zerschundene Körperteile weisen auf das Ergebnis des unsagbaren Grauens hin, aus dessen Mitte die Lebensader der Hoffnung erwächst. Sie mündet in eine Knospe, deren Kelch zum Sinnbild der Hoffnung, des Lebens, der Liebe erblüht.

Die Plastik „Dora“ des Theo Baldens ist es wert, genau betrachtet zu werden. Es erschließt sich darin in einmaliger Weise das humanistische Weltbild des Künstlers.
Autor: nnz

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