Di, 12:40 Uhr
03.04.2012
nnz-doku: Mahnen, erinnern und gedenken
Wir hatten heute bereits kurz über das Gedenken an die Opfer der Bombardierung von Nordhausen berichtet. Innerhalb unserer doku-Reihe veröffentlichen wir die heutige Rede von Oberbürgermeisterin Barbara Rinke...
Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, werden die Boten der rächenden Nemesis unaufhaltsam näher und näher rücken, dann wird auch das letzte Opfer sinnlos in den Rachen des unersättlichen Dämons geworfen sein.
Daher muß jeder einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewußt … sich wehren, soviel er kann, arbeiten wider die Geißel der Menschheit, wider den Faschismus und jedes ihm ähnliche System des absoluten Staates. Leistet passiven Widerstand - Widerstand -, wo immer Ihr auch seid … ehe es zu spät ist ….
Mit diesen Worten aus dem 1. Flugblatt der jungen Menschen der Widerstandsbewegung Weiße Rose aus dem Sommer 1942 begrüße ich Sie zum diesjährigen Gedenken an die Zerstörung unserer Stadt am 3. Und 4. April 1945. Vor nunmehr 67 Jahren verloren an diesen 2 Tagen Tausende Menschen ihr Leben im Bombenhagel. Nicht erst seit gestern wissen wir, dass die genaue Zahl der Opfer bisher nicht festzustellen war. Aber unser Gedenken gilt nicht historischen Statistiken, sondern es ist den Vielen gewidmet, die ihr Leben verloren. Unser ehrliches Gedenken wird der genauen Zahl, seien es nun 8.800 oder 8.790, keinen Abbruch tun. In diesem Jahr wollen wir mit der weißen Rose symbolisch auch jene ehren, die damals aufrecht und mutig und ihr Leben lassen mussten, weil sie sich gegen die Unmenschlichkeit der Hitler-Diktatur auflehnten.
Die Weiße Rose war der Name einer christlich motivierten Widerstandsgruppe in München während der Zeit des Nationalsozialismus. Im Juni 1942 wurde die Gruppe gegründet und bestand bis zum Februar 1943. Die Mitglieder der Weißen Rose verfassten, druckten und verteilten unter Lebensgefahr insgesamt sechs Flugblätter, in denen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen wurde. Mitglieder der Weißen Rose waren die beiden Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie deren Kommilitonen Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell und ihrem Professor Kurt Huber.
Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt …: Und nun meine sehr geehrten Damen und Herren, schlag ich den Bogen in die Gegenwart. Viele Menschen in Deutschland, die Polizei, die Behörden, sie haben zu lange gewartet. Am Ende waren 9 Menschen tot, die Stadt Köln wurde mit einem Nagelbombenattentat terrorisiert. Die Täter des Nationalsozialistischen Untergrunds waren bekennende Rechtsradikale. Zeichen auf ihr Treiben gab es im Vorfeld viele, Mahnungen auch – doch niemand wollte sie wahrhaben. Im Gegenteil: Stets wurde abgewiegelt, nein, ein politischer Hintergrund könne ausgeschlossen werden. Am Ende wurden Menschen zu Grabe getragen und täglich erreichen uns neue, unfassbare Details des Treibens dieser neuen Nationalsozialisten.
Auch die Gruppe um die Scholls hatte damals öffentlich gewarnt - aus Liebe zu Deutschland, als wahre deutsche Patrioten und als Humanisten. Sie hatten ihre Stimme erhoben und zur Feder gegriffen. Letztlich fielen sie dem Verrat zum Opfer - der Hörsaaldiener der Münchner Universität, Jakob Schmidt, denunzierte und lieferte sie damit den Henkern aus. Der Judas-Lohn: 3000 Reichsmark und die Beförderung vom Arbeiter zum Angestellten.
Die Aufrechten, es gab sie auch hier, in Nordhausen, in jenen finsteren Tagen des Nationalsozialismus: Sie hießen z. B. Dr. Kurt Isemann oder Emil Reichardt, es waren Curt Joedicke, Berta Gerlach und Ida Kelle – Namen, die leider kaum noch jemand kennt. Sie waren Nervenarzt, Hausmeister oder Hebammen – einfache Menschen, die allerdings Großes vollbrachten: Sie halfen mit, Menschen vor dem Tod zu retten, in dem sie ihrem eigenen moralischen Urteil vertrauten und damit erkannten, wo Unrecht geschah – und in der Endkonsequenz mutig handelten. Und es gab in Nordhausen auch jene, die ihre Menschlichkeit mit dem Leben zahlen mussten, weil sie sich für Bedrohte einsetzten.
Die ganze Familie Schierholz unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu ihren Nachbarn, den jüdischen Familien Schwabe und Heilbrun, die nur einen Steinwurf entfernt eine große Pferdehandlung besaßen. In den Jahren des etablierten Nationalsozialismus wurden alle Juden drangsaliert und genötigt, ihren Besitz zu veräußern und Deutschland nach Möglichkeit zu verlassen, wobei ihnen ihr Vermögen fast vollständig abgenommen wurde. Louis Schierholz war ein Mann von liberaler, weltoffener Einstellung, der stets für Recht und Freiheit plädierte. Er stand zu seinen jüdischen Freunden auch in der kritischen Zeit ihrer Bedrängnis. Er half ihnen, das Gepäck zum Auswandererschiff zu transportieren, begleitete sie zur Abreise.
Die Quittung für eine solche demonstrative Hilfe für Juden folgte sofort nach seiner Rückkehr. Louis wurde kurz nach dem Pogrom vom November 1938, das er zweifellos mit Gästen des Lokals missbilligend besprochen hat, am 01.12.1938 verhaftet. Die Gestapo suchte seine Angehörigen auf und bedrohte auch diese mit Festnahme. Eine "Leserzuschrift" an die SS-Zeitschrift "Das schwarze Korps" hatte L o u i s denunziert. Er wurde als Nummer 462 im Block 43 des Konzentrationslagers Buchenwald, eingestuft als "ASR", gefangengehalten. Unter den unmenschlichen Lagerbedingungen blieb er bis zum 07.03.1940 dort. Die Nazis stuften ihn als so widerständig und unverbesserlich ein, dass sie ihn in das damals als besonders bösartig verschrieene KZ Mauthausen verlegten. Dort sollte er unter den Lagerbedingungen der Stufe III (das heißt: "Rückkehr unerwünscht") zerbrechen. Ein Naziführer aus Nordhausen soll sich für eine "Sonderbehandlung" des Häftlings Schierholz in Mauthausen eingesetzt haben!
Am 15.08.1940 wurde L o u i s als Häftling Nr. 14730 in einem schlechten körperlichen Zustand in das KZ der Kategorie II, Dachau, überstellt. Sein Zustand besserte sich dort nicht, er war schon lange nicht mehr arbeitsfähig und psychisch äußerst angegriffen. In diesem Zustand wurde er am 10.07.1941 seinen Angehörigen am Lagertor übergeben. Er ist nie wieder gesund geworden und starb an den Folgen der Lagerhaft am 10.07.1943 in Nordhausen. An dieser Stelle sei stellvertretend den Herren Gündel und Dr. Schröter gedankt, die das Schicksal der Opfer und das jener Mutiger für die Nachwelt zu Papier und damit vor dem Vergessen bewahrt haben.
Mit nunmehr 18 Stolpersteinen gehört Nordhausen zu jenen Städten in Deutschland, die auf diese Art und Weise Erinnerungsarbeit leistet. Diese Zahl soll über eines nicht hinwegtäuschen: Weil die Zeitzeugen – sofern sie das Grauen überhaupt überlebten – sterben, wird die Form des Erinnerns eine andere und schwierigere werden. Solche Rituale wie das Verlegen der Stolpersteine, aber auch die Jahrestage im ehemaligen Konzentrationslager Dora werden an Bedeutung gewinnen; gewinnen müssen, weil die Zeitzeugen nicht mehr leben. Ob das auch für das jährliche Gedenken an den Untergang unserer Stadt am 3. und 4. April 1945 gilt, wurde gestern Abend in einem Forum in der Fachhochschule diskutiert. Vielleicht ist es an uns, neue Formen des Gedenkens zu finden, die auch die jungen Generation, die Facebook-Generation, anspricht. Ich habe darauf noch keine Antwort gefunden.
Doch in einem bin ich mir ganz sicher, im Mittelpunkt des Gedenkens müssen stets die Opfer stehen. Wir sind es jenen schuldig, die wie Louis Schierholz die Gabe der Mitmenschlichkeit mit ihrem Leben bezahlen mussten, wir sind es jenen 8800 Menschen schuldig, egal ob wir deren Namen kannten, oder den vielen, deren Namen wir noch nicht wissen. Lassen Sie uns nun der Toten Gedenken und mit jeder niedergelegten Rose Zeugnis ablegen für Menschlichkeit, Mitgefühl, aber auch für Courage und Mut, allem und allen entgegenzutreten, die die Würde der Toten durch ihre Anwesenheit beschmutzen.
Autor: nnzWenn jeder wartet, bis der andere anfängt, werden die Boten der rächenden Nemesis unaufhaltsam näher und näher rücken, dann wird auch das letzte Opfer sinnlos in den Rachen des unersättlichen Dämons geworfen sein.
Daher muß jeder einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewußt … sich wehren, soviel er kann, arbeiten wider die Geißel der Menschheit, wider den Faschismus und jedes ihm ähnliche System des absoluten Staates. Leistet passiven Widerstand - Widerstand -, wo immer Ihr auch seid … ehe es zu spät ist ….
Mit diesen Worten aus dem 1. Flugblatt der jungen Menschen der Widerstandsbewegung Weiße Rose aus dem Sommer 1942 begrüße ich Sie zum diesjährigen Gedenken an die Zerstörung unserer Stadt am 3. Und 4. April 1945. Vor nunmehr 67 Jahren verloren an diesen 2 Tagen Tausende Menschen ihr Leben im Bombenhagel. Nicht erst seit gestern wissen wir, dass die genaue Zahl der Opfer bisher nicht festzustellen war. Aber unser Gedenken gilt nicht historischen Statistiken, sondern es ist den Vielen gewidmet, die ihr Leben verloren. Unser ehrliches Gedenken wird der genauen Zahl, seien es nun 8.800 oder 8.790, keinen Abbruch tun. In diesem Jahr wollen wir mit der weißen Rose symbolisch auch jene ehren, die damals aufrecht und mutig und ihr Leben lassen mussten, weil sie sich gegen die Unmenschlichkeit der Hitler-Diktatur auflehnten.
Die Weiße Rose war der Name einer christlich motivierten Widerstandsgruppe in München während der Zeit des Nationalsozialismus. Im Juni 1942 wurde die Gruppe gegründet und bestand bis zum Februar 1943. Die Mitglieder der Weißen Rose verfassten, druckten und verteilten unter Lebensgefahr insgesamt sechs Flugblätter, in denen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen wurde. Mitglieder der Weißen Rose waren die beiden Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie deren Kommilitonen Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell und ihrem Professor Kurt Huber.
Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt …: Und nun meine sehr geehrten Damen und Herren, schlag ich den Bogen in die Gegenwart. Viele Menschen in Deutschland, die Polizei, die Behörden, sie haben zu lange gewartet. Am Ende waren 9 Menschen tot, die Stadt Köln wurde mit einem Nagelbombenattentat terrorisiert. Die Täter des Nationalsozialistischen Untergrunds waren bekennende Rechtsradikale. Zeichen auf ihr Treiben gab es im Vorfeld viele, Mahnungen auch – doch niemand wollte sie wahrhaben. Im Gegenteil: Stets wurde abgewiegelt, nein, ein politischer Hintergrund könne ausgeschlossen werden. Am Ende wurden Menschen zu Grabe getragen und täglich erreichen uns neue, unfassbare Details des Treibens dieser neuen Nationalsozialisten.
Auch die Gruppe um die Scholls hatte damals öffentlich gewarnt - aus Liebe zu Deutschland, als wahre deutsche Patrioten und als Humanisten. Sie hatten ihre Stimme erhoben und zur Feder gegriffen. Letztlich fielen sie dem Verrat zum Opfer - der Hörsaaldiener der Münchner Universität, Jakob Schmidt, denunzierte und lieferte sie damit den Henkern aus. Der Judas-Lohn: 3000 Reichsmark und die Beförderung vom Arbeiter zum Angestellten.
Die Aufrechten, es gab sie auch hier, in Nordhausen, in jenen finsteren Tagen des Nationalsozialismus: Sie hießen z. B. Dr. Kurt Isemann oder Emil Reichardt, es waren Curt Joedicke, Berta Gerlach und Ida Kelle – Namen, die leider kaum noch jemand kennt. Sie waren Nervenarzt, Hausmeister oder Hebammen – einfache Menschen, die allerdings Großes vollbrachten: Sie halfen mit, Menschen vor dem Tod zu retten, in dem sie ihrem eigenen moralischen Urteil vertrauten und damit erkannten, wo Unrecht geschah – und in der Endkonsequenz mutig handelten. Und es gab in Nordhausen auch jene, die ihre Menschlichkeit mit dem Leben zahlen mussten, weil sie sich für Bedrohte einsetzten.
Die ganze Familie Schierholz unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu ihren Nachbarn, den jüdischen Familien Schwabe und Heilbrun, die nur einen Steinwurf entfernt eine große Pferdehandlung besaßen. In den Jahren des etablierten Nationalsozialismus wurden alle Juden drangsaliert und genötigt, ihren Besitz zu veräußern und Deutschland nach Möglichkeit zu verlassen, wobei ihnen ihr Vermögen fast vollständig abgenommen wurde. Louis Schierholz war ein Mann von liberaler, weltoffener Einstellung, der stets für Recht und Freiheit plädierte. Er stand zu seinen jüdischen Freunden auch in der kritischen Zeit ihrer Bedrängnis. Er half ihnen, das Gepäck zum Auswandererschiff zu transportieren, begleitete sie zur Abreise.
Die Quittung für eine solche demonstrative Hilfe für Juden folgte sofort nach seiner Rückkehr. Louis wurde kurz nach dem Pogrom vom November 1938, das er zweifellos mit Gästen des Lokals missbilligend besprochen hat, am 01.12.1938 verhaftet. Die Gestapo suchte seine Angehörigen auf und bedrohte auch diese mit Festnahme. Eine "Leserzuschrift" an die SS-Zeitschrift "Das schwarze Korps" hatte L o u i s denunziert. Er wurde als Nummer 462 im Block 43 des Konzentrationslagers Buchenwald, eingestuft als "ASR", gefangengehalten. Unter den unmenschlichen Lagerbedingungen blieb er bis zum 07.03.1940 dort. Die Nazis stuften ihn als so widerständig und unverbesserlich ein, dass sie ihn in das damals als besonders bösartig verschrieene KZ Mauthausen verlegten. Dort sollte er unter den Lagerbedingungen der Stufe III (das heißt: "Rückkehr unerwünscht") zerbrechen. Ein Naziführer aus Nordhausen soll sich für eine "Sonderbehandlung" des Häftlings Schierholz in Mauthausen eingesetzt haben!
Am 15.08.1940 wurde L o u i s als Häftling Nr. 14730 in einem schlechten körperlichen Zustand in das KZ der Kategorie II, Dachau, überstellt. Sein Zustand besserte sich dort nicht, er war schon lange nicht mehr arbeitsfähig und psychisch äußerst angegriffen. In diesem Zustand wurde er am 10.07.1941 seinen Angehörigen am Lagertor übergeben. Er ist nie wieder gesund geworden und starb an den Folgen der Lagerhaft am 10.07.1943 in Nordhausen. An dieser Stelle sei stellvertretend den Herren Gündel und Dr. Schröter gedankt, die das Schicksal der Opfer und das jener Mutiger für die Nachwelt zu Papier und damit vor dem Vergessen bewahrt haben.
Mit nunmehr 18 Stolpersteinen gehört Nordhausen zu jenen Städten in Deutschland, die auf diese Art und Weise Erinnerungsarbeit leistet. Diese Zahl soll über eines nicht hinwegtäuschen: Weil die Zeitzeugen – sofern sie das Grauen überhaupt überlebten – sterben, wird die Form des Erinnerns eine andere und schwierigere werden. Solche Rituale wie das Verlegen der Stolpersteine, aber auch die Jahrestage im ehemaligen Konzentrationslager Dora werden an Bedeutung gewinnen; gewinnen müssen, weil die Zeitzeugen nicht mehr leben. Ob das auch für das jährliche Gedenken an den Untergang unserer Stadt am 3. und 4. April 1945 gilt, wurde gestern Abend in einem Forum in der Fachhochschule diskutiert. Vielleicht ist es an uns, neue Formen des Gedenkens zu finden, die auch die jungen Generation, die Facebook-Generation, anspricht. Ich habe darauf noch keine Antwort gefunden.
Doch in einem bin ich mir ganz sicher, im Mittelpunkt des Gedenkens müssen stets die Opfer stehen. Wir sind es jenen schuldig, die wie Louis Schierholz die Gabe der Mitmenschlichkeit mit ihrem Leben bezahlen mussten, wir sind es jenen 8800 Menschen schuldig, egal ob wir deren Namen kannten, oder den vielen, deren Namen wir noch nicht wissen. Lassen Sie uns nun der Toten Gedenken und mit jeder niedergelegten Rose Zeugnis ablegen für Menschlichkeit, Mitgefühl, aber auch für Courage und Mut, allem und allen entgegenzutreten, die die Würde der Toten durch ihre Anwesenheit beschmutzen.

