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Sa, 15:24 Uhr
23.04.2011

nnz-Forum: Massenphänomen

In der nnz gibt es einen Beitrag für Fitnessgeräte unter der Überschrift "Good vibrations". Sie regte einen Leser der nnz zu einigen neuerlichen Gedanken an...


Es ist eigenartig: Einerseits haben wir heute ausgefeilte, elektronisch gesteuerte High-Tech-Trainingsgeräte, in Fitnesssudios sowie für den Hausgebrauch, und das noch in einer unüberschaubaren Modellpallette, und andererseits nehmen die durch Bewegungsmangel und Überernährung generierten "Zivilisationskrankheiten" stetig zu.

Die Ursache hierfür begegnet mir immer wieder in meinen Interviews: Jeder Zweite erzählt mir von seiner Jugend auf dem elterlichen Bauernhof. Und waren die Eltern oder Großeltern nicht selbst hauptberuflich Landwirte, dann mussten die Familien Landwirtschaft wenigstens im Nebenerwerb betreiben, um sich ausreichend zu versorgen. Das bedeutete Melken, Heu-, Mist- und Strohfahren, Ställe reinigen, Pferde anspannen, Pflügen, Kartoffeln ernten von Hand. Krummer Rücken von früh bis spät, aber komischerweise kaum Rückenprobleme, kaum Krebs, kaum Herzinfarkte und Allergien,kaum Schlaganfälle und noch viel weniger Fettleibigkeit und Diabetes, als heute. In fast jedem Garten auf dem Lande gab es hochstämmige Obstbäume, die beschnitten und beerntet werden wollten. Bei Wind und Wetter musste man hinaus in den Stall oder auf die Weide zu den Tieren. Meist war dabei die eigene Körperkraft unabdingbar.

Nur eine Elite konnte statt der Pferde, schon einen Lanz Bulldog "anspannen", um sich die schwere Feldarbeit zu erleichtern. Und selbst dann, wenn die Tiere versorgt, das Feld bestellt, und die Obstbäume beerntet waren, das Obst eingekocht im Keller stand und auch genügend Wurst gemacht worden war, selbst dann konnte man sich nicht zurücklehnen. Denn auch für den warmen Ofen im Winter und das warme Wasser für den allwöchentlichen Höhepunkt, das Baden in der Waschkaue, musste vielfach jede Familie selbst sorgen.

Also hieß es Sonntagfrüh um fünf erneut anspannen. Stundenlang fuhr man mit ein oder zwei PS bis zu seinem Wald, um Holz zu holen. Dieses musste später noch kleingemacht werden.

Und auch dann, wenn das erledigt war, gab es noch drei oder vier Kinder zu Hause, die versorgt werden wollten und oftmals die schwere körperliche Arbeit als Sattler, Schmied oder Zimmerer, die zum eigentlichen Geldverdienen gedacht war.

Schaut man sich Bilder aus den 20-er oder 30-er Jahren an, dann erscheinen uns die Menschen fast ausschließlich schlank, ja ausgemergelt. Damals starb man statt am Schlaganfall an TBC, Wundbrand, Diphtherie oder gar bei der Geburt, Todesarten, die heute nahezu keine Rolle mehr spielen.

Dafür können wir all das, wofür unsere Vorfahren noch den Rücken krumm machen mussten, an jeder Straßenecke kaufen. Jeder zweite meiner Interviewpartner erzählt miir von Rückenproblemen. Nicht selten haben sie in jungen Jahren schon schwere Operationen an den Bandscheiben hinter sich. Eine Unternehmerin muss ihr Geschäft gar mit Anfang 50 aufgeben, weil sie von Bandscheibenvorfällen an drei Wirbeln übereinander ventuell für immer außer Gefecht gesetzt wurde. Ärzte sind geschockt über die körperlichen Fähigkeiten der Schulkinder. Kaum jemand von ihnen kann noch auf einem Bein stehen oder über einen Balken balancieren. Manche haben mit 15 schon erhöhte Blutfettwerte, 20 % der Kinder sind übergewichtig und bis zu 60% ihrer Eltern.

Vor 60 Jahren noch mussten die Kinder früh morgens, vor der Schule nicht selten mit beim Melken der Kühe helfen. Nachmittags spielten sie dann Fußball auf der Dorfstraße, heute morden sie am PC.

Vor kurzem habe ich einen Handwerker interviewt, der noch Schweine hält, Kartoffelln legt, selbst einkocht, schlachtet und Wurst macht. Seine drei Mädchen wissen noch, wie Erde duftet und wie sie sich anfühlt. Sie haben schon gesehen, wie ein Ferkel geboren wird und freuen sich, wenn sie ihrem Papa bei der Ernte mit helfen können: "Ich möchte, dass meine Kinder noch wissen, wo das herkommt, was wir essen, dass sie den Kreislauf der Natur verstehen und wissen, dass in allem, was wir essen viel Arbeit steckt." In der Schule stehen sie mit solchen Erfahrungen allein und finden mit "ihrer Nische" wenig Verständnis bei ihren Mitschülern.

Die Folgen von alledem stöhnen uns allenthalben die Krankenkassen vor: Milliarden Kosten mit Steigerungen ohne Ende: Hauptgrund für das Fehlen im Betrieb sind Beschwerden am Bewegungsapparat. Hinzu kommen immer mehr Arbeitsausfälle durch Depressionen, im "Coul-Deutsch" beschönigend oft "Burn-Out" genannt.

Und was das Schlimme ist: Ich habe mit all diesen Angaben keinesfalls übertrieben. Es gibt unzählige Studien zu den genannten Themen.

"Good Vibrations" lautet eine Werbung einige NNZ-Artikel zuvor. Dabei würde es schon reichen, sich ein ganz klein wenig an das Leben unserer Vorfahren zu erinnern, die keine "Good Vibrations" brauchten. Natürlich soll sich heute niemand mehr unbedingt Kühe und Schweine auf den englischen Rasen stellen. Aber mit ein paar wenigen Übungen, einigen, vor allem regelmäßigen größeren Spaziergängen und ein wenigg mehr Überwachung des eigenen Kalorienhaushalts, ließe sich so manchem Menschen und dessen Angehörigen viel Leid ersparen.

Neben so vielen sinnlosen Informationen, bietet die Boulevardpresse, das Internet und der Buchmarkt unzählige Vorschläge für ganz einfache Bewegungsübungen, die nichts kosten, aber das Leben lebenswerter und gesünder gestalten können.

Nur es gibt da ein Problem: Die Menschen vor 60 Jahren haben nicht aus Gesundheitsbewusstsein, sondern aus purer existentieller Notwendigkeit körperlich gearbeitet und damit ihrer die Knochen und Gelenke stützenden Muskulatur etwas Gutes getan. Heute müssen sich die Menschen ganz "freiwillig" dazu "zwingen". Bewegung ist eher eine lästige Notwendigkeit in der Freizeit geworden, und nur für wenige ein Bedürfnis. Außer den Sport-Profis und den Fitnesstrainern, sowie der "Gesundheitsindustrie" verdient niemand mehr mit oder durch Bewegung sein Geld - ganz anders bei den hauptberuflichen oder nebenberuflichen Landwirten früherer Zeiten.

Ich will mit diesem Beitrag keinesfalls früheren Zeiten eine allzugroße Träne nachweisen, sondern zum Nachdenken anregen.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
Chefkoch
23.04.2011, 18:32 Uhr
Sozialromantiker
Keine allzugroße Träne nachgeweint bedeutet trotzdem geheult. Was soll diese Schönmalerei der guten alten Zeit, die vielleicht alt war, aber bestimmt nicht gut? Vor 60 Jahren gab es in der DDR noch Lebensmittelkarten, Herr Schwarzberg, und die Bauern - mir haben auch Leute aus der Zeit berichtet - haben schwarz geschlachtet, nicht immer hygienisch.

Von der Sozialromantik zur Gutmenschendiktatur ist es gewöhnlich nur ein kleiner Schritt und auch intelligente Menschen sind nicht vor dem totalen Anspruch, alles richtig zu machen, gefeit. Mit dem Lanz Bulldog sind jedenfalls die 7 Milliarden Menschen genausowenig satt zu bekommen wie mit einer graswurzelökologischen Landwirtschaft.

Wer, wie Herr Schwarzberg, nach Lösungen für unsere Probleme suchen will - Hunger und Fettsucht sind zwei Seiten einer Medaillie dieser kranken Welt - der sollte sich vor reaktionären Verkläungen hüten. Wie schon der olle Marx schrieb: "Nichts ist langweilig trockner, als der phantasierende locus communis."
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