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Sa, 15:02 Uhr
23.04.2011

Erbsensuppe für Glockenstuhl

Die St. Philippuskirche in Kleinwerther gehört wohl zu den unbekannteren Sehenswürdigkeiten des Landkreises. Dabei ist sie eines der bedeutendsten Baudenkmäler im Südharz. Für den Erhalt und weitere Sanierungsarbeiten fand heute ein Spendenessen statt. Tobias Wendehost war für Sie dabei...

Manfred Handke an der Erbsen"küche" (Foto: T. Wendehost) Manfred Handke an der Erbsen"küche" (Foto: T. Wendehost)

Es gibt Geschichten, die erscheinen auf den ersten Blick nicht weiter Interessant. Man liest oder hört sie und hat sie im nächsten Moment schon wieder vergessen. Nimmt man sich aber die Zeit und blickt hinter die Kulissen, dann eröffnen sich einem oftmals die spannendsten Facetten.

Kirche in Kleinwerther (Foto: T. Wendehost) Kirche in Kleinwerther (Foto: T. Wendehost) Diese Geschichte beginnt so: An einem sonnigen Samstag zogen ein paar Bürger durch ihren Ort und verkauften Suppe. Mit großem Lärm gingen sie von Tür zu Tür und trafen dabei auf willige Abnehmer. Der Außenstehende ist für den ersten Moment überrascht. Keine ungeduldigen Menschen, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlen?

Beim zweiten Blick wird allerdings deutlich, warum sie so aufgeschlossen sind. Inmitten von Kleinwerther steht die 1575 errichtete St. Philippuskirche, die der ganze Stolz des Ortes ist. Initiator des vorösterlichen Treibens ist der Wirt Manfred Handke. Dessen Gasthaus „Zum Dorfkrug“ liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Baudenkmal.

„Die Sanierung ist mittlerweile weit vorangeschritten. Allerdings muss der Glockenstuhl restauriert werden und dafür brauchen wir laut Schätzungen 40.000 Euro“, berichten die Helfer während sie die warme Erbsensuppe verkaufen. Zu den Helfern gehören an diesem Samstag neben Familie Handke, der Landwirt Tobias Becker, der Fahrer Henry Spannaus und „die gute Seele des Ortes“, Roswitha Knopf.

Die „Werthern“, Namensgeber der Gemeinde, waren ein altes Adelsgeschlecht, das im 13.Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde. Laut Zedlers Universallexicon aus dem Jahr 1748, wird ihr Stammbaum aber bereits „von einem Thüringischen Held, Nahmens Adobald, oder Odobald, hergeleitet.“ Adobald erhielt wohl 801 oder 802 von Karl dem Großen die Herrschaft über das Gebiet um Werther verliehen.

In den folgenden Jahrhunderten wuchs die Bedeutung des Geschlechts stetig an. Hermann von Werthern wurde 1086 zum „Reichs-Erbkammertürhüter“ ernannt, deren Funktion der ordnungsgemäße Ablauf der geheimen Kaiserwahl bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 war. Neben deren Bedeutung für das Reich, stellten sie auch Bürgermeister und Ratsherren in Nordhausen.

Blick in den Kircheninnenraum (Foto: T. Wendehost) Blick in den Kircheninnenraum (Foto: T. Wendehost)

Die St. Philippuskirche ist ein Erbe dieser reichen Geschichte. Kirche und Ort bilden hierbei ein enges Band, da die erste urkundliche Erwähnung von Kleinwerther, als „Horewertere“, im 11. Jahrhundert auf einen romanischen Vorgängerbau der Kirche schließen lässt. Bau und Ausstattung wurden dann in den letzten 500 Jahren mehrfach verändert.

Im 18. Jahrhundert wurde der Turm mit einer sogenannten „Welschen Haube“ gebaut. Die barocke Innenausstattung entstammt dem 17. Jahrhundert. Hierzu zählen der Altar aus Sandstein mit Relief und vollplastischen Statuetten, sowie die Kanzel. Ein besonderes Prunkstück ist das Epitaph des kursächsischen Rats Phillipp von Werthern und seiner Frau Anna (um 1580 entstanden).

Doch wie bei so vielen Gebäuden, zogen Zweiter Weltkrieg und realexistierender Sozialismus nicht schadlos an der Kirche vorbei. In den 80-iger Jahren musste sie wegen Einsturzgefahr sogar geschlossen werden. Mit der Wende entdeckten die Bürger von Kleinwerther ihren Schatz neu.

Die Sicherung des Daches erfolgte als erster Schritt 1992. Acht Jahre später wurden die umfangreichen Stablisierungs- und Sicherungsarbeiten am Turm abgeschlossen, wozu auch ein neu gedecktes Dach gehörte. Mit der finanziellen Unterstützung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die 140.000 Euro stiftete, konnten die notwendigen Sanierungen durchgeführt werden.

Derzeit kommt es vor allem auf die Renovierung des Glockenstuhls und der Restaurierung der zwischenzeitlich ausgelagerten Ausstattung an. Das hierfür erhebliche finanzielle Mittel benötigt werden, liegt auf der Hand.

Die Portion Erbsensuppe kostet daher heute drei Euro, der Gewinn wird in die Restaurierung des Glockenstuhls investiert. Bereits vor zwei Jahren konnten mit dieser Idee 500 Euro gesammelt werden, insgesamt sind schon 14.000 Euro zusammengekommen. Damit die Kosten nicht weiter steigen, stecken die Freiwillige in ihrer Freizeit auch viel Eigenarbeit in das Projekt. So streichen sie derzeit das Podest vor dem Altar.

Es eine kleine Erfolgsgeschichte, auf die die Einwohner von Kleinwerther sichtlich stolz sind. Und da die Sanierung schon weit gediehen ist, beweisen sie mit ihrer Initiative und ihrem Engagement, welchen Stellenwert die St. Philippuskirche für ihre Gemeinde hat. Ein positiver Nebeneffekt lässt sich abschließend auch beobachten. Die Restaurierung des Gebäudes hat das Gemeinschaftsgefühl des Ortes belebt.
Tobias Wendehost
Autor: nnz

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Kommentare
Wolfi65
24.04.2011, 00:26 Uhr
Suppe
Man hätte auch rechtzeitig in den lokalen Medien berichten können, dass eine solche Aktion stattfindet. So manch Einer wäre gerne dem Wächter zu Hilfe ereint.
Iffland
24.04.2011, 22:46 Uhr
Aktive Bürgerbeteiligung
Das ist doch mal eine lobenswerte aktive Bürgerbeteiligung, wo die Leute nicht nur knetschen und meckern, sondern ranklotzen. Die Kirche von Kleinwerther ist schon eine Sehenswürdigkeit. Vielleicht könnte man diese mal am Tag des Denkmals mit in die offenen Gebäude aufnehmen, so dass vielleicht noch einige Euros an Spenden zusammen kommen.

Vor Jahren hatte ich mir diese Kirche mal genauer angesehen und fotografiert, da eine ähnliche Kirche (Zwillingsschwester) vermutlich in Salza stand. Diese in Salza 1545 errichtet wurde jedoch 1837 niedergelegt und durch eine nach Schinkel entwurfene einfache Dorfkirche ohne Turm ersetzt, die auch unter Denkmalschutz steht.

Ich wünsche den Aktiven in Kleinwerther weiterhin viel Erfolg.
Alberdt
25.04.2011, 00:31 Uhr
Prima Sache !
Ein gemeinsames Ziel in einem Ort kann für die Gemeinschaft der Menschen sehr viel bedeuten. Gut ist es, wenn sich Bürger um die Erfahrung der Geschichte ihres Ortes und damit in Verbindung stehende kulturhistorische Güter – hier ihre Kirche bemühen.

Berichte wie dieser gut gelungene in der nnz werden sicher auch das Interesse anderer Bürger in anderen Gemeinden an ihren Wurzeln und ihrer Tradition wachrütteln. So etwas macht Freude und vor allem, es bildet und verbindet ... Menschen mit ihrem Ort, mit ihrer Kultur und auch untereinander.
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